Bundespreis "Zu gut für die Tonne"

Die kreativsten Ideen gegen Lebensmittelverschwendung

Ob Happy Hour in der Mensa oder ein Verleih von Saftpressen: Mit dem Bundespreis "Zu gut für die Tonne" hat Bundesernährungsministerin Julia Klöckner innovative Projekte gegen Lebensmittelverschwendung ausgezeichnet. Wir haben uns vier der Nominierten genauer angeschaut.

Die Collage aus vier Bildern der nominierten Initiativen beinhaltet in der Mitte das möhrenförmige Logo von "Zu gut für die Tonne".

Den Bundespreis "Zu gut für die Tonne" wird in sechs Kategorien verliehen.

Foto: Johannes van de Loo, Studierendenwerk Ulm, Daniel Anthes, Katharina Kühnel, BMEL, Bundesregierung

Ob ehrenamtliches Engagement oder hauptamtliche Tätigkeit, ob regional oder bundesweit aktiv - die Nominierten für den Bundespreis "Zu gut für die Tonne" eint ihr Einsatz gegen Lebensmittelverschwendung. 18 Projekte aus ganz Deutschland waren für den Preis nominiert - wir stellen vier von ihnen vor.


Happy Hour in der Uni-Mensa

Drei Frauen stehen gut gelaunt hinter dem Ausgabetresen einer Mensa, auf der anderen Seite der gut gefüllten Auslage steht eine vierte Mitarbeiterin mit Mütze und Handschuhen. Außerdem zu sehen ist ein Schild, auf dem "Happy Hour" steht.

In der "Happy Hour" kosten Nudeln, Gemüse und Fleisch nur 45 Cent pro 100 Gramm.

Foto: Studierendenwerk Ulm

Weit über elf Tonnen Lebensmittel hat die Mensa des Studierendenwerks Ulm in den letzten zwei Jahren vor dem Müll bewahrt. Was früher aus lebensmittelhygienischen Gründen nach Ende der Mittagspause weggeworfen werden musste, können die Studierenden jetzt in den letzten 15 Minuten vor Schließung stark vergünstigt kaufen. Am "Happy Hour Schalter" kosten Gemüse, Nudeln und Fleisch nur noch 45 Cent pro 100 Gramm, statt wie vorher zwischen 0,89 und 1,39 Euro pro 100 Gramm.

Das etwas andere akademische Viertelstündchen zieht auch Schnäppchenjäger an: "Oft schauen Gäste schon eine halbe Stunde vorher, was wohl übrig bleiben wird. Manchmal bilden sich Schlangen bis vor die Mensa, aber immer gilt: Es gibt nur Reste und nichts wird nachproduziert", erklärt Günter Mayr vom Studierendenwerk Ulm, verheiratetet und Vater von vier Kindern. Der gelernte Küchenmeister und Betriebswirt hat in Luxushotels wie dem Bayerischen Hof in München, im Hamburger Intercontinental und im Al Khozama Hotel in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad gearbeitet und war Wirtschaftsleiter im Krankenhaus München Neuperlach.

Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen mit dem großen Andrang am Ende der Schicht auch keine Überstunden schieben, versichert er: "Wir haben die internen Arbeitsabläufe so angepasst, dass wir ohne zusätzliche Arbeitszeit ausgekommen sind. Für die Ausgabe am Happy Hour Schalter und für eine bargeldlose Kasse reicht je eine Mitarbeiterin, die Putz-und Aufräumarbeiten verschieben sich etwas, dafür wird in dieser Zeit an anderer Stelle aufgeräumt und geputzt. Unsere Mitarbeiter sind motiviert und stehen hinter dieser guten Aktion."


In die Saftpresse mit dem Fallobst!

Eine Gruppe Kinder stehen um ein Mädchen herum, dass kräftig auf die Saftpresse drückt. Davor steht eine mit Äpfeln gefüllte Schubkarre.

Neben Landwirten leihen auch Familien und Kindergärten die Obstpressen aus.

Foto: Johannes van de Loo

Früher vergammelten die Äpfel im nordrhein-westfälischen Keppeln auf den Obstwiesen. Heute wird aus ihnen Saft – dem Apfelpressen-Verleih des Heimatvereins sei Dank. Schon vor 25 Jahren hat ihn sich die dortige Landjugend ausgedacht. Das war der Startschuss für ihre Aktion "Fallobst ist kein Abfall – wir machen was draus". Inzwischen gibt's im Verleih neben den Saftpressen auch Zubehör wie Abfüllhilfen, Muser, Geräte zum Erhitzen und Thermometer.

Hubert Lemken ist selbst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Heute ist der gelernte Bankkaufmann neben seiner Tätigkeit als Spezialberater für Landwirtschaft und Erneuerbare Energien bei der regionalen Volksbank unter anderem Vorstand im Heimatverein Keppeln. Er erklärt: "Die Nutzer der Apfelpressen sind bunt gemischt: Neben Landwirten nutzen viele Freundeskreise, Familien, Nachbarschaften, Rentner, Kindergärten und viele andere Gruppen und Einzelpersonen die Obstpressen." Er freut sich besonders, dass die Schar der begeisterten Selbermacher quer durch alle Berufsgruppen, Bildungsschichten, Nationalitäten und Altersstrukturen geht.

In Zukunft will er die Nutzungsquote des Obstes in der Region nochmal steigern. Die Nominierung für "Zu gut für die Tonne" ist für ihn eine zusätzliche Motivation, aber nicht nur das: "Die große Bühne einer solchen Nominierung schafft Öffentlichkeit für 'unseren kleinen Saftladen' und hilft uns, auch für die Zukunft immer wieder Nutzer und Helfer zu finden."


Knärzje - Bier aus Brotresten

Auf einem Tisch im Grünen steht eine Flasche mit Bügelverschluss, auf derem Etikett "Frankfurter Knärzje" steht. Hinter ihr liegen zwei Brotlaibe.

Zum Brauen des "Knärzje"-Bieres wird auch altes Brot aus einer Bio-Bäckerei benutzt.

Foto: Daniel Anthes

Knust, Knäuschen, Kanten - das runde Endstück vom Brot kennt in Deutschland viele Namen. In Hessen heißt es "Knärzje" und ist zugleich Namensgeber für ein ganz besonderes Bier: Ein Drittel des Malzes, mit dem das "Frankfurter Knärzje" gebraut wird, ist übrig gebliebenes Brot vom Biobäcker "Zeit für Brot", das sonst in der Tonne gelandet wäre.

Was im Mittelalter noch "flüssiges Brot" hieß, nimmt der Verein ShoutOutLoud wortwörtlich - und wirft Brot in den Braukessel: Nach mehreren Experimenten mit unterschiedlichen Brotsorten und Rezepturen sprudelt in Frankfurt nun das erste Bier aus altem Brot. Der Verein stellt es her in Kooperation mit den Brauereien Brewids und BrauStil. Auch um ein Zeichen zu setzen: Denn in Deutschland landen jährlich rund zwei Millionen Tonnen Backwaren im Müll.

Rund 30 ehrenamtliche Mitglieder hat ShoutOutLoud, mit einem harten Kern aus etwa zwölf Personen. "Dabei sind die Hintergründe der Engagierten komplett unterschiedlich", erklärt Vorstandsvorsitzender Daniel Anthes. "Von der Kindergärtnerin über die Event-Managerin, über den Mathematiker bis hin zur Doktorandin der Biochemie ist alles dabei. Was uns vereint, ist das Interesse an und die Leidenschaft für gute Lebensmittel und nachhaltige Lebensstile." Als nächstes will er für das Projekt ein Unternehmen gründen. So soll das "Knärzje" auch über den Frankfurter Markt hinaus bekannt werden.


Gemüsebeet statt Klassenzimmer

Zwei kleine blonde Kinder sitzen mitten in einem Acker, umgeben von Palmkohl und anderen Gemüsesorten.

Die GemüseAckerdemie gibt es schon an 450 Standorten im deutschsprachigen Raum.

Foto: Katharina Kühnel

Ein Tag auf dem Bauernhof reicht nicht aus, um Kindern nachhaltig beizubringen, wie Landwirtschaft funktioniert. Das stellte Dr. Christoph Schmitz fest, nachdem eine Schulklasse den Hof seiner Eltern besucht hatte. Er forschte zum Thema "Entfremdung der Gesellschaft von der Nahrungsmittelproduktion", entwickelte ein Bildungsprogramm GemüseAckerdemie und gründete mit seiner Schwester den gemeinnützigen Verein Ackerdemia. Inzwischen erreichen sie über 17.000 Kinder und Jugendliche an 450 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

"Grundsätzlich ist es sehr leicht, Kinder und Jugendliche vom Gärtnern und der Natur zu begeistern – die meisten bekommen nur leider nie die Gelegenheit dazu. Es kommt auch gar nicht auf ihr Vorwissen an oder darauf, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen. Wenn man ihnen die Möglichkeit bietet, sind sie mit Begeisterung dabei", erklärt Dr. Schmitz. In den nächsten drei Jahren will er die GemüseAckerdemie an über 1.000 Lernorten dauerhaft etablieren und jährlich über 30.000 Kinder erreichen: "Alle Kinder und Jugendlichen sollen unabhängig von sozialer Herkunft die Möglichkeit haben, einmal im Leben selbst Gemüse anzubauen."

Dabei verfolge Ackerdemia dasselbe Ziel wie der Preis "Zu gut für die Tonne", erklärt er: "Im Kern geht es uns darum, Lebensmittel wertzuschätzen – und genau das zeichnet der Preis aus. Unser Ziel ist es, eine Generation junger Konsumenten auszubilden, die sich durch ein grundlegendes Verständnis der Lebensmittelproduktion und ein reflektiertes und nachhaltiges Konsumverhalten auszeichnet – eine Generation, die weiß, was sie isst."



Vier Werbeplakate der Kampagne "Zu gut für die Tonne" sind zusammengefügt. Zu sehen ist jeweils ein trauriges Brötchen, ein trauriger Apfel, ein trauriges Stück Käse und eine traurige Kartoffel.

Viel zu viele Lebensmittel werfen wir weg - einige davon originalverpackt und ungenutzt.

Foto: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Bundesregierung

Am 3. April hat Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, den Bundespreis "Zu gut für die Tonne" in den Kategorien Handel, Gastronomie, Landwirtschaft und Produktion, Gesellschaft und Bildung, Digitalisierung und Förderpreis verliehen. Einen Überblick über alle nominierten Projekte finden Sie hier. Und wer letzten Endes gewonnen hat, erfahren Sie hier.