27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages - Ansprache der Bundestagspräsidentin

Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Rita Süssmuth, hielt in
der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages in Bonn am 27. Januar 1997 folgende
Ansprache:

Herr Bundespräsident,
Herr Bundeskanzler,
Herr Präsident des Bundesrates,
Frau Bundesverfassungsrichterin,
meine Damen und Herren Mitglieder der Bundesregierung,
meine Damen und Herren Ministerpräsidenten,
Exzellenzen,
sehr geehrter Herr von Dohnanyi,
liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste,
liebe Schüler und Schülerinnen und Vertreter der Jugend,

zum zweiten Mal gedenken wir im Deutschen Bundestag der Opfer des
Nationalsozialismus, erinnern wir an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar
1945. Dieser Ort ist Ausdruck für millionenfachen Mord an Menschen vieler
Nationen, für Völkermord an Juden, an Sinti und Roma. Er steht für die
Vernichtung von Zivilisation und Menschlichkeit, für Verfolgung und Ermordung
der zu Feinden der NS-Diktatur erklärten Menschen und Gruppen.

Wir sind heute beisammen, um inmitten unserer politischen Arbeit, aber doch
bewußt herausgehoben und in aller Öffentlichkeit mit den Bürgerinnen und
Bürgern unseres Landes zu erinnern an das, was um unserer Gegenwart und
Zukunft willen nicht dem Vergessen anheimfallen darf. Das schulden wir den
Opfern und uns selbst.

Sie, Herr Bundespräsident, haben im vergangenen Jahr diesen Tag auf Vorschlag
des Parlaments und der Regierung zum Gedenktag erhoben. Sie lassen uns durch
Ihre Anwesenheit wissen, daß dieses verpflichtende Gedenken und die Lehren,
die wir daraus für unseren Alltag ziehen, Ihnen wichtig sind. Dafür sagen wir
Ihnen Dank.

Danken möchte ich auch dem früheren Bundesminister und Ersten Bürgermeister
der Freien und Hansestadt Hamburg, Klaus von Dohnanyi, der heute zu uns über
das Erinnern und Gedenken sprechen wird, darüber, was es beinhaltet,
beabsichtigt und was es nachhaltig bewirken kann. Innehalten, nachdenkend sich
erinnern und Konsequenzen bedenken sind heute im Parlament Teil gemeinsamen
Nachdenkens überall in Deutschland, in den Bundesländern, in Gemeinden,
Schulen, Verbänden und Vereinen, in kirchlichen, politischen und
gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen.

Es gibt auch Unbehagen und Kritik am Umgang mit diesem Gedenktag. Erinnern an
die Verbrechen der NS-Diktatur sei eine ständige Aufgabe, lasse sich nicht auf
einen Tag reduzieren. Außerdem bestehe die Gefahr, daß diese Art des Gedenkens
in ritualisierten Formen erstarre.

Diese Bedenken sind ernst zu nehmen. Aber wir sind uns einig, daß dieses
Gedenken möglichst von allen in der Gesellschaft getragen und lebendig
gestaltet werden muß, und nicht nur an diesem Tag. Die umfänglich geleistete
Arbeit in Schulen und Hochschulen, die Arbeit in den Gedenkstätten, die
Veranstaltungen an vielen Orten sehe ich als Ausdruck eines anhaltenden,
verantwortlichen Umgangs mit unserer Geschichte.

Außerdem gebe ich zu bedenken: Wenn das Parlament nicht selbst Zeichen setzt
und dem Erinnern Ausdruck verleiht, warum sollten andere das für wichtig
erachten? Wir sind nicht nur beteiligt, sondern haben Zeichen zu setzen und
voranzugehen. Wir haben deutlich zu machen, daß von der Befreiung von
Auschwitz, von den Opfern des Nationalsozialismus Verzweiflung und
Sinnlosigkeit, aber auch Hoffnung und Verpflichtung ausgegangen sind.

Vor wenigen Tagen sprach ein Überlebender des Konzentrationslagers
Sachsenhausen, ein von der Zeit tiefster menschlicher Erniedrigung
Gezeichneter, anläßlich einer Ausstellung im Foyer des Bundestages zwei ihn
bewegende Gedanken aus:

Das Leben verstehen kann man nur rückwärts, aber leben müssen wir immer
vorwärts.

Er fügte hinzu:

Nie hätte ich damals zu hoffen gewagt, je wieder einen Rechtsstaat, Freiheit
und Demokratie, Rückkehr zu Menschenrechten und Toleranz in diesem Land
erleben zu können.

Sind wir uns im klaren darüber, was wir in diesem Jahrhundert nach Diktatur
und zwei Weltkriegen, nach Teilung unseres Landes und Teilung Europas
zurückgewonnen haben? Wissen wir, welch hohes Gut wir zu schützen und zu
verteidigen haben? Und doch sind die alten Gefahren, Gewalt und Brutalität,
neuer Nationalismus, Feindschaft und Krieg zwischen ethnischen Gruppen und
Staaten, nicht aufgehoben. Grauenhafte Erfahrungen im früheren Jugoslawien, in
anderen Kontinenten sind keineswegs gebannt. Auch Antisemitismus und Rassismus
sind es nicht.

Von der Suche nach Wahrheit geht jedoch auch Kraft und Befreiendes aus.
Erinnern schafft die Voraussetzungen zur Vermeidung neuen Unrechts, schärft
die Wahrnehmung für schleichende und offenkundige Verletzungen der
Menschenwürde, Verunglimpfungen, Herabsetzungen und Ausgrenzungen. Es macht
wachsamer gegenüber neuen nationalistischen Überheblichkeiten.

Die Bereitschaft, uns zu erinnern und aufzuarbeiten, war und ist heilsam,
brachte die Chance, Vertrauen zum demokratischen Deutschland zurückzugewinnen.
Gewiß gehören zu dieser Arbeit Tabus und Kontroversen. Aber diese Kontroversen
– sei es der Historikerstreit oder die sich 1994 anschließende Diskussion um
die Widerstandsgeschichte – haben uns zu Klärungen, zu neuem Konsens geführt.
Diese Aufarbeitung hält an, auch mit kontroversen Diskussionen.

Wir Deutsche sind nicht geschichtsvergessen. In der schwierigen Diskussion
über teils begründete, teils unhaltbare Thesen Daniel Goldhagens in seinem
Buch "Hitlers willige Vollstrecker" hat sich gezeigt, daß wir zur
differenzierten Auseinandersetzung fähig sind.

Aber noch wichtiger ist die Tatsache, daß Tausende und Zehntausende von
Menschen in öffentlichen Veranstaltungen Antwort auf die Frage suchten, wie es
möglich war, daß die NS-Diktatur funktionierte, wie es um Mitläufer, Mitwisser
und Mittäter stand. Das macht deutlich, daß die Sensibilität gegenüber den
Verbrechen dieser Diktatur auch nach 52 Jahren ausgeprägt und lebendig ist.

Nach 1989 erleben wir neue Herausforderungen in der Aufarbeitung gemeinsamer
und getrennter Geschichte. Das betrifft auch die Aufarbeitung der
Vergangenheit in den Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn. Dabei stehen
wir mitten in einem neuen, zum Teil schwierigen, aber auch ermutigenden
Lernprozeß in Europa. Es gilt, keine Opfergruppe auszublenden oder
geringzuachten, keine Tätergruppe zu tabuisieren. Es gilt, die
Leidenserfahrungen aller einzubeziehen. Wir brauchen eine Annäherung, einen
Dialog zwischen den unterschiedlich Betroffenen.

Ohne Annäherung, ohne Bereitschaft zu Dialog und Verständigung kann es auch
kein Miteinander in einem geeinten Europa geben. Dabei darf nichts
relativiert, gegeneinander aufgerechnet werden. Ursachen und Folgen sind zu
unterscheiden und zu vermitteln.

Erinnerungsarbeit, sich Rechenschaft ablegen und zueinander finden ist unsere
je nationale und gemeinsame europäische Aufgabe. Begangenes Unrecht läßt sich
nicht wiedergutmachen. Erlittenes Unrecht darf nicht vergessen werden. Über
gemeinsame Aufgaben aber kann uns gemeinsame Zukunft gelingen.

Vergangenheitsbearbeitung und Zukunftsgestaltung sind gerade mit der Jugend
zu leisten. Mit vielen Jugendlichen, die seit gestern an dieser Veranstaltung
im Parlament teilnehmen, wollen wir mit Zeitzeugen erörtern, was uns die
Vergangenheit angeht und wie wir auf sie antworten. Es geht um Wissen und
Wachsamkeit, um Mitempfinden und Engagement, um Urteilskraft und Zivilcourage.

Ihr Vater, sehr verehrter Herr von Dohnanyi, hat zu denjenigen gehört, die
beides in der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus gezeigt haben und
damit für uns vorbildlich geworden sind. Hans von Dohnanyi hat sich der
verbrecherischen NS-Diktatur widersetzt und wurde im Konzentrationslager
Sachsenhausen am 9. April 1945 ermordet. Der Deutsche Bundestag wird ihm und
dem deutschen Widerstand ein ehrendes Angedenken bewahren.

Sehr geehrter Herr von Dohnanyi, ich darf Sie herzlich bitten, jetzt zu uns
zu sprechen.