27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2016 – Ansprache der US-amerikanischen Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ruth Klüger:

27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2016 – Ansprache der US-amerikanischen Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ruth Klüger:

  • Bulletin 10-2
  • 27. Januar 2016

Herr Lammert!
Meine verehrten Herren und Damen!

Der Winter von 1944/45 war der kälteste Winter meines Lebens und blieb sicher auch unvergesslich für alle, die ihn damals im kriegserschütterten Europa erlebten. Ich bin jetzt 84 Jahre alt und hatte zwar noch nicht viele Winter hinter mir, ich war gerade erst 13 Jahre alt geworden, aber auch die vielen anderen, die noch folgen sollten, waren für mich nie wieder so kalt wie dieser letzte Kriegswinter. Kälte, der man hilflos ausgesetzt ist, bleibt für mich auf immer verbunden mit Zwangsarbeit im Frauenlager Christianstadt, ein Außenlager des KZs Groß-Rosen in Niederschlesien, wie es damals hieß. Heute liegt der Ort in Polen.

Bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen. Aber ich war keineswegs bemitleidenswert, im Gegenteil, ich hatte großes Glück gehabt und war stolz darauf. Denn es war mir gelungen, mich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 - das war eine Saison, in der die Gaskammern und Kamine im Lager auf Hochbetrieb liefen - in eine Selektion einzuschmuggeln, die arbeitsfähige Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren zum Kriegsdienst auswählte. Da hatte ich mich in eine Warteschlange gestellt und auf die Frage des amtierenden SS-Manns mein Alter, damals noch zwölf Jahre, als fünfzehn angegeben, eine sehr unwahrscheinliche Lüge, denn ich war nach fast zwei Jahren Theresienstadt unterernährt und unentwickelt. Die Lüge war mir von einer freundlichen Schreiberin, ein Häftling wie ich, fünf Minuten früher eingeflüstert worden, und ich hatte sie tapfer wiederholt. Der SS-Mann betrachtete mich und meinte, ich sei aber sehr klein. Die Schreiberin behauptete kühn, ich hätte starke Beine: „Sehen Sie doch nur, die kann arbeiten“; er zuckte die Achseln und ließ es gelten. Einem Zufall von wenigen Minuten und einer gütigen jungen Frau, die ich nur einmal im Leben gesehen habe, verdankte und verdanke ich mein Weiterleben, denn der Rest des Transports von Theresienstadt, mit dem ich angekommen war, wurde in den nächsten Tagen vergast. Wir Ausgewählten wurden in Waggons verfrachtet und ins Arbeitslager verschickt.

Die ersten Tage in Christianstadt waren für mich der Inbegriff von Erleichterung, um nicht zu sagen Glück. Es war warm, es gab Gras und Bäume im Wald, die Luft war klar, das war eine Wohltat nach dem kadaverartigen Dunst, der in Auschwitz, von den Kaminen ausgehend, über dem Lager hing. Vor allem war die erdrückende Todesangst vorbei. Die positiven Gefühle dauerten nicht lange. Es wurde nass, dann sehr kalt. Wir wurden morgens durch eine Sirene oder Pfeife geweckt und standen im Dunkel Appell. Stehen, einfach stehen ist mir noch heute so widerlich, dass ich manchmal aus einer Schlange ausscheide und weggehe, wenn ich schon fast an der Reihe bin, einfach weil ich keinen Augenblick länger in irgendeiner Reihe bleiben möchte.

Wir bekamen eine schwarze, kaffeeartige Brühe zu trinken, eine Portion Brot zum Mitnehmen und marschierten in Dreierreihen zur Arbeit. Neben uns lief eine Aufseherin, die uns mit ihrer Pfeife im Gleichschritt halten wollte. Alles Pfeifen nützte nichts, den Gleichschritt haben wir trotz des Ärgers der Aufseherinnen nie gelernt. Es freute mich in meinem kindlichen vorfeministischen Widerstandstrotz, dass man jüdische Hausfrauen nicht veranlassen konnte, im Schritt zu gehen. Wir waren nicht aufs Marschieren gedrillt worden. Männer konnte man leichter dazu trainieren.

Die Arbeit war Männerarbeit, wir haben den Wald gerodet, die Stümpfe schon gefällter Bäume ausgegraben und weggebracht; auch Holz gehackt und Schienen getragen. Da sollte wohl etwas gebaut werden, was es war, wurde uns natürlich nicht gesagt und hat mich auch nicht interessiert. Es liegt im Wesen der Zwangsarbeit, dass die Arbeiter den Sinn ihrer Arbeit entweder nicht kennen oder ihn verabscheuen. Karl Marx hätte seine Freude, und hoffentlich auch sein Entsetzen, an dieser Probe aufs Exempel gehabt. Wenn eine körperliche Arbeit etwas Auferlegtes, Nichtgewähltes ist, so stellt sich die Lethargie als Defensivmechanismus ein. Ich habe damals so viel Sabotage wie möglich getrieben, indem ich mir auswendig gelernte Gedichte aufsagte, aus Schwäche, aus Langweile, aber auch aus Überzeugung. Was immer in Christianstadt entstehen sollte, es kam nicht rechtzeitig zustande.

Manchmal hat man einige von uns an die Zivilbevölkerung ausgeliehen, dann saßen wir auf Dachböden und haben zum Beispiel Zwiebeln zum Aufhängen auf Schnüre gereiht. Das war besser, als im Freien arbeiten, nicht so anstrengend und vor allem weniger kalt. Die Dorfbewohner haben uns angestarrt, als seien wir Wilde. Wenn ihnen damals ein Licht aufging, was es mit den zerlumpten Häftlingen im benachbarten Arbeitslager auf sich hatte, so haben sie’s nach Kriegsende verdrängt, denn da wollte niemand gewusst haben, was in den Lagern vor sich ging, noch weniger, dass man im Dorf gelegentlich davon profitiert hatte.

Manchmal mussten ich und meine Freundin Susi, eine Sechzehnjährige, in den Steinbruch, den ältesten Arbeitsplatz in Groß-Rosen, um dessentwillen dieses KZ dort überhaupt errichtet worden war. Im Steinbruch war es zum Verrecken kalt. Wir klammerten uns aneinander, aber das nützte nicht viel. Man konnte sich so gar nicht gegen die Kälte schützen, unsere Kleidung war viel zu dünn, an den Füßen hatten wir Zeitungspapier, das half, aber nicht genug, und wir hatten vereiterte Wunden an den Beinen, denn es heilte alles so schlecht. Wir sehnten uns nach der nächsten Pause, Mittagspause, dann Feierabend. Zweifel, der an Verzweiflung grenzt: Wie lange halten wir das noch aus? Hoffnung: morgen zum Lagerdienst im Lager bleiben zu dürfen, um dort sauber zu machen. Aber das war ein seltenes Privileg.

Etwa zwölf Jahre später schaue ich Susi, die meine lebenslange Wahlschwester wurde, in Kalifornien zu, wie sie mit ihren zwei kleinen Kindern im warmen Sand spielt. Die beschwichtigende, überlegene, wohlerinnerte Stimme: „Mach dies oder jenes.“ Plötzlich sehe ich uns wie damals, wir hocken beieinander im Steinbruch in der Kälte. Susi legt einen Arm um mich, ich wende mich weg, denn der Sand erstarrt zu schlesischem Granit, und das Kinderspiel ist düster geworden. - Vom Steinbruch träum ich noch manchmal. Es ist ganz öde, ich möchte mich irgendwo wärmen, aber wo denn?

Über diese traumhafte und gestaltlose Öde habe ich später ein Gedicht verfasst, ein Landschaftsgedicht, wie ich es nannte. Es sind zusammenhanglose Traumbilder, Eindrücke eines Zustands, der Inbegriff des Arbeitslagers, wie ich es erlebte. Ich lese es vor:

„Auf dunklem Abhang steht ein lichtes Haus.
Im Steinbruch frieren Kinder. Eines hascht
nach einer Eidechse, die ihm entwischt. 

Ein Gesichtsloser
sucht sich zum Graben hinunterzuwälzen. 

Das Mädchen,
die tuchbedeckte Schüssel krampfhaft haltend,
läuft schluchzend ins lichte Haus. 

Im Steinbruch frieren Kinder in der rostigen Luft. 

Unter eisernen Bäumen bücken sich wortlose Paare
und sammeln metallene Frucht.“

Die Mehrzahl der Frauen, darunter auch meine Mutter, arbeitete in einer Munitionsfabrik, zusammen mit verschleppten Franzosen, Männern, die besser ernährt wurden als wir, weil sie für diese Arbeit besser ausgebildet und daher wertvoller waren. Dafür konnten sie auch besser Sabotage treiben. Wenn sie grinsend zu den Frauen geschlendert kamen mit den Worten: „Plus de travail, les filles“, so konnte man sich darauf verlassen, dass sie eine Maschine stillgelegt hatten, indem sie die richtigen Schrauben gelockert oder sonst was Unauffälliges angestellt hatten, das die Deutschen erst finden und richten mussten. Sklaven- oder Zwangsarbeit hat ihre Tücken, und für die Nazis ist wohl oft weniger dabei herausgesprungen, als sie ursprünglich am Reißbrett errechneten. Leider immer noch zu viel.

Genau gesehen ist Zwangsarbeit insofern schlimmer als Sklavenarbeit, weil der leibeigene Sklave einen Geldwert für seinen Besitzer hat, den dieser verliert, wenn er den Sklaven verhungern oder erfrieren lässt. Die Zwangsarbeiter der Nazis waren wertlos, die Ausbeuter konnten sich immer noch neue verschaffen. Sie hatten ja so viel „Menschenmaterial“, wie sie es gerne nannten, so viel, dass sie es wortwörtlich verbrennen konnten.

Und erst die Frauen! Die konnten ja nicht einmal so gut arbeiten wie die Männer. Manche Männer, wie die eben erwähnten Franzosen, waren ausgebildet in Berufen, die für den Kriegseinsatz brauchbar waren. Doch die Frauen? Man konnte sie ruhig bis zum Verhungern ausnützen. Fast niemand im Lager menstruierte, denn dazu braucht’s ein gesünderes Leben und mehr zum Essen. Sie waren vor allem Hausfrauen gewesen. Es war die Generation, die nur selten Berufe außerhalb des Haushalts ausübte. Sie waren Menschen der Mittelklasse, die Generation meiner Mutter, um die Jahrhundertwende geboren, die erzogen wurden und damit gerechnet hatten, dass die Männer in der Familie sie zeit ihres Lebens ernähren und beschützen würden. Sie hatten fast nichts zu bieten als ihre beschränkte Geschicklichkeit und die verminderte Körperkraft der Hungernden.

Ich sage „fast“, denn etwas können Frauen doch ausüben, was man als einen weiblichen Beruf bezeichnet hat, nämlich die Prostitution. In manchen Konzentrationslagern für Männer, darunter das KZ Mauthausen, das mit seinen 200 Außenlagern wie ein Emmentaler mit seinen Löchern mein Geburtsland Österreich überzog – es gab nur ein Konzentrationslager in Österreich, aber, wie gesagt, viele Außenlager –, gab es sogenannte „Sonderbaracken“, wo Frauen, die hauptsächlich im Frauenlager Ravensbrück rekrutiert worden waren, gewissen bevorzugten Häftlingen zur Verfügung standen. Dort, in der Sprache von Heinrich Himmlers unnachahmlich herablassender Menschenverachtung – Zitat Himmler –, „sollen den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden“. Der Kulturwissenschaftler Robert Sommer nennt diese Situation ganz korrekt „sexuelle Zwangsarbeit“, wobei der Nachdruck auf den „Zwang“ fallen muss. Nach dem Krieg gab’s sofort, und vielleicht gibt’s sie heute noch immer, zahlreiche pornografische Bücher und Bändchen, die, oft bilderreich, vorgaben, die Prostitution im KZ darzustellen. Sie waren natürlich erfunden. Auf dieser Ebene, nämlich der einer zweifelhaften Unterhaltungsliteratur, war’s ein Geschäft und fand Leser und Abnehmer.

Die Wirklichkeit war Lagerwirklichkeit und nicht erotisch aufreizend. Die Frauen waren in ständiger Gefahr, geschlechtskrank oder schwanger zu werden, durch einen serienmäßigen Geschlechtsverkehr, der je höchstens 20 Minuten dauern durfte, während draußen vor der Baracke schon eine Schlange wartender Männer stand. Das ist nicht eine „Arbeit“, die man sich freiwillig aussucht, wie den missbrauchten Frauen nach Kriegsende manchmal zynisch vorgeworfen wurde. Die Prostituierten wurden später auch nicht als Zwangsarbeiter eingestuft, und sie hatten keinen Anspruch auf Restitution - die sogenannte Wiedergutmachung - oder erhoben keinen solchen. Noch weniger ihre Familien, die sich ihrer schämten. Der Respekt, den man den Überlebenden der Lager, wenn nicht immer, so doch oft, entgegenbrachte, galt für sie nicht. Erst in letzter Zeit ist ihr Schicksal genauer erforscht worden. Eine solche Diskriminierung und Vertuschung gehen natürlich auf uralte Vorurteile zurück, laut denen der Geschlechtsverkehr die Frau erniedrigt, den Mann aber stärkt. Und doch haben gerade diese gefangenen Frauen weniger für den Nazikrieg geleistet als alle anderen Zwangsarbeiter. Sie haben nur sich selbst geschadet, körperlich und seelisch. Wenn wir heute hier der Zwangsarbeiterinnen von damals gedenken, so müssen wir sie mit einschließen. Übrigens waren weder diese „fleißig arbeitenden Privilegierten“ noch die „Weiber“ jüdischer Herkunft, denn das wäre ja Rassenschande gewesen.

Zurück zu meiner eigenen Geschichte. Beim Roden und Schienenlegen hatten wir öfters Kontakt mit deutschen Zivilisten, die auch unsere Vorarbeiter waren. Einmal saß ich in einer Pause auf einem Baumstamm neben einem dicken, vierschrötigen Mann, der mich angesprochen haben muss, denn aus eigenem Antrieb hätte ich mich nicht neben ihn gesetzt. Er war neugierig, es war klar, dass ich nicht in die Vorstellungen passte, die man sich von Zwangsarbeitern machte. Ein schwarzhaariges, verhungertes Sträflingskind, das aber einwandfreies Deutsch sprach, noch dazu ein Mädchen, ungeeignet für diese Arbeit, eine, die in die Schule gehörte. Wie alt ich denn sei, fragte er. Ich überlegte, ob hier die Wahrheit am Platz sei. Vorsicht war geboten, denn, wie ich schon gesagt habe, die drei Jahre Altersunterschied, die ich mir angedichtet hatte, waren erst kürzlich meine Überlebensstrategie gewesen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm antwortete, doch ich weiß, dass ich nur eine Absicht hatte: Ich hätte ihn gern dazu gebracht, mir sein Schmalzbrot zu schenken. Das war nicht nur eine Frage des Hungers, sondern, abgeleitet vom Hunger, wäre es auch eine Leistung gewesen, wenn ich eine solche Köstlichkeit, die es im Lager selbstverständlich nicht gab, mit meiner Mutter und mit Susi hätte teilen können.

Ich beantwortete seine Fragen also mit äußerster Zurückhaltung, denn ich wollte mich nicht mit einem fremden Deutschen aufs Glatteis begeben. Er hingegen erzählte mir, auch die deutschen Kinder gingen jetzt nicht mehr zur Schule, die würden jetzt alle eingezogen. Das Schmalzbrot habe ich nicht gekriegt. Er schnitt mir zwar einen Bissen davon ab, aber den konnte ich ja nur hungrig und sofort aufessen. Er fraß mit Genuss, während er mir vom hungernden Deutschland berichtete.

In seiner Erinnerung, stelle ich mir vor, war ich eine kleine Jüdin, der es gar nicht so schlecht ging, denn sie hat keine Schauermärchen erzählt, obwohl er ihr in seiner aufmunternden Art Gelegenheit dazu gab, ja sie geradezu aufforderte, über ihr Leben zu plaudern. Und Angst hatte sie in seiner Vorstellung auch keine, sonst hätte sie nicht so frisch von der Leber weg geredet. Und vielleicht benutzt er unsere Begegnung als einen Beweis, dass es den Juden im Krieg nicht schlechter ging als anderen Leuten auch.

Das nächste Mal, als ich versuchte, etwas Essbares zu ergattern, war ich noch erfolgloser. Das war kurz vor Auflösung des Lagers, als wir schon die Geschütze der Sowjetarmee hörten und die Arbeit eingestellt worden war. Letzteres war eine Erleichterung: keine Arbeit mehr. Doch es gab jetzt so wenig zu essen, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte als an Nahrung. Wenn ich meine Tagesration bekam, schlug ich die Zähne ins Brot, als müsste ich das ganze Stück auf einmal in den Mund stopfen. Ganz selten sah ich mich wie von außen und schämte mich.

Eines Abends hörte ich von Susi, dass an der Hintertür der Küchenbaracke irgendwelche Abfälle verschenkt würden, die die Köchinnen gerne den Kindern geben wollten. Ich lief hin, es kamen noch ein paar andere Frauen, ich wurde ungeduldig, stieg die paar Stufen zum Barackeneingang hinauf, die anderen hinter mir her, und lief den beleuchteten Gang entlang, der zur Hintertür der Küche führte. Da öffnete sich eine Seitentür, ein langer SS-Mann kam heraus, der ruft mich, ich steh vor ihm, Essgeschirr in der Hand. Er fragt, was ich will, ich sag’s ihm: „Es soll hier noch Reste zum Verteilen geben.“ Er sagt so was wie: „Jetzt geben Sie man acht!“ - mit unvergesslich preußischer Aussprache für mein Wiener Ohr. Ich denke noch immer, er lässt mich passieren, denn er wird doch nicht wollen, dass man etwaige Reste wegwirft, doch nicht bei dieser Hungersnot, und da schlägt er mir schon mit voller Wucht ins Gesicht. Ich taumle nach hinten, den ganzen Gang entlang, schlage mit dem Kopf auf, die Holzpantinen fallen mir von den Füßen, das Essgeschirr aus den Händen. Susi hilft mir auf, wir gehen zurück zu unserer Baracke, auf dem Weg schimpfe ich wie ein Rohrspatz: „Es wird ihn schon noch erwischen, den Kerl, der mich geschlagen hat, früher oder später erwischt’s ihn.“

Jahrzehnte später in Göttingen höre ich einem Mann im Rentneralter zu, wie er in Schmidt’s Drogeriemarkt sich gegenüber einer Verkäuferin den Mund über die schmarotzenden Ausländer aus Polen zerreißt. „Die Ausländer, die sollt’ man vergasen und die Politiker gleich dazu“, meinte er. Der Satz trifft mich wie jener Schlag ins Gesicht in Christianstadt. Ich schau hin zu ihm, schätze sein Alter, ja, der ist alt genug, der könnt’s gewesen sein. Und erwischt hat’s ihn und seinesgleichen offenbar nicht. „Solche Sprüche“, sage ich beklommen zu ihm, wir sehen uns in die Augen, Freunderl, wir kennen uns. Da sagt er mit festem höhnischem Blick: „Ja, ja, Sie haben schon richtig gehört.“

Das Lager Christianstadt wurde Anfang 1945 aufgelöst und die Häftlinge in ein weiteres, nämlich nach Bergen-Belsen, überführt. In den ersten paar Tagen ging der Transport zu Fuß, dann wurde er in einen Zug verladen, wie ich erst nach dem Krieg erfuhr, denn da waren wir nicht mehr dabei. Meine Mutter, Susi und ich sind am zweiten Abend, als wir noch im Freien waren und es dunkel wurde, geflohen - und haben überlebt. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Wenn die deutsche Zivilbevölkerung später beteuerte, sie hätte nichts über den Massenmord gewusst, so kann man sich darüber streiten, ob das stimmt, doch die massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit war sehr wohl bekannt. Viele Jahre später, als ich oft in Deutschland war und auch wieder viele Freunde hier hatte - und noch habe -, stieß ich gelegentlich auf Menschen, deren Familien Zwangsarbeiter während der Nazizeit im Hause hatten. Meine Freunde erinnerten sich an diese verschleppten Menschen mit Behagen, oft auch mit Zuneigung. Die hatten’s gut bei uns. Die haben mit uns Kindern gespielt und gelacht und gesungen. Die wohlmeinenden Erzähler wussten nichts oder wollten nichts wissen, von der wachen Zurückhaltung, dem Misstrauen, der Verachtung oder dem Neid, der Über- oder Unterschätzung des Feindes, die in diesen unbezahlten Haushaltshilfen gesteckt haben müssen. Und wenn es einigen von denen doch manchmal im Feindesland gemütlich wurde und sie mit den Feinden sympathisierten, so hatte der Feind sie ja untergekriegt, und sie hatten ein Stück ihrer Identität aufgegeben.

Wenn die damaligen deutschen Kinder, inzwischen Erwachsene, die für mich diese Erinnerungen auskramten, diesen Konflikt nicht wahrhatten, so kommt das daher, dass keiner sich so ohne weiteres als Feind sieht. Der Feind ist immer der andere, wie könnte man selber ein Feind sein, besonders wenn man lieb zu Fremden und der Augapfel der Eltern ist. Man vermied das Wort „Zwangsarbeiter“, wenn man von ihnen sprach, und man zuckte zusammen, wenn ich mich nicht scheute, auch das Wort „Sklavenarbeit“ in den Mund zu nehmen.

Zum Beispiel in Oldenburg, da hielt ich einen Vortrag an der Universität über ein literarisches Thema – ich glaube, es war über Kleist und den Sklavenaufstand im heutigen Haiti, in San Domingo, eine seiner großen Novellen. Nachher beim Wein erzählte eine pensionierte Studienrätin, Gastarbeiter hätten während des Kriegs auf dem Bauernhof, wo sie aufwuchs, gearbeitet. „Die waren nicht zu Gast“, sage ich stur, „die waren Zwangsarbeiter.“ „Ja, ja“, erwidert sie, in Erinnerung versunken, „Kriegsgefangene waren das, Polen.“ Ich lass nicht so leicht locker. „Auch keine Kriegsgefangenen“, sage ich, „der Krieg mit Polen war längst zu Ende, der hat nicht lange gedauert, Zivilisten waren das, Verschleppte, auch Frauen, die zu Hause ihre eigenen Familien hatten.“ Sie sieht mich ernst an, und ich denke noch, die ist ein gutmütigerer Mensch, als ich es bin, denn sie ist nicht so aggressiv verbissen wie ich. „Ja, ja, Zwangsarbeiter“, sagt sie, „wie traurig, ein Pole und eine Polin.“ Aber der Mann, der Pole, der sei gar nicht hasserfüllt gewesen, sondern hätte ihnen ein Pferd, das polnische Banden gestohlen hatten, wieder besorgt. Versöhnlich sei er gewesen. – Immerhin, ich hab sie dazu gebracht, zuzugeben, dass es da etwas zum Versöhnen gab.

Verehrtes Publikum, ich habe jetzt eine ganze Weile über moderne Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess zitiert, wie er im Nachkriegsdeutschland stattfand. Aber eine neue Generation, nein, zwei oder sogar drei Generationen sind seither hier aufgewachsen, und dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind. Das war der Hauptgrund, warum ich mit Freude Ihre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Ihrer Hauptstadt, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und trotz Hindernissen, Ärgernissen, Rückschlägen und Zweifeln noch weiter entsteht, mit dem schlichten und dabei heroischen Slogan: Wir schaffen das.

Ich danke Ihnen für diese Einladung.

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