Workshop 2

Nachhaltigkeit "Made in Germany" (nachhaltiges Wirtschaften)

Nachhaltigkeitsdialog Bonn 19.01.2016, Fotoreihe

Andreas W. Korth

Foto: Tobias Tanzyna

Die Teilnehmenden des Workshop 2 beschäftigten sich mit Fragen zum nachhaltigen Wirtschaften. Was ist eine nachhaltige Volkswirtschaft? Was muss passieren, um Nachhaltigkeit im Wirtschaftssystem stärker zu verankern? Auch, wenn jede Teilnehmerrunde dabei ihre eigenen Schwerpunkte hatte kristallisierten sich doch einige Gemeinsamkeiten quer durch die Bundesrepublik bei diesen Themen heraus.

Die Form zu Leben und zu Wirtschaften in den entwickelten Industriestaaten wurde einerseits als eine Ursache für Probleme bei uns und in der Welt benannt, andererseits aber auch gewürdigt als Wachstumsmotor und Garant einer leistungsfähigen Volkswirtschaft, die menschenwürdige Arbeit, Umweltschutz, sozialen Ausgleich ermöglicht (und auch neue Herausforderungen finanzieren kann). Die Stärkung der positiven Effekte der sozialen Marktwirtschaft und die Verringerung nachteiliger Auswirkungen standen im Mittelpunkt der Diskussionen.

Aufklärung über Nachhaltigkeit

So nannten die Teilnehmenden immer wieder als Ziel die Aufklärung aller Beteiligten, Verbraucher und Produzenten, über die Zusammenhänge von Nachhaltigkeit. Sie forderten, Bildung für nachhaltige Entwicklung für alle zu gewährleisten. Um Verbrauchern eine informierte Kaufentscheidung zu ermöglichen, sollten Unternehmen ihre Produktions- und Lieferketten offen legen.

Das zweite Preisschild

Häufig benannten die Teilnehmenden die Notwendigkeit für ein "zweites Preisschild", das die externen Kosten, also Umweltschäden und den Ressourcenverbrauch, offenlegt. Auch hier mit dem Ziel, den Verbrauchern eine nachhaltige Kaufentscheidung zu erleichtern. Im Idealfall seien diese Kosten sogar einzupreisen. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch oft, dass sie vom Staat in Sachen Nachhaltigkeit eine Vorbildfunktion erwarten. Das Stichwort nachhaltige Beschaffung wurde hier immer wieder genannt.

Nachhaltigkeit durch staatliche Anreize und Sanktionen fördern

Viele Teilnehmende fanden ein Wirtschaftssystem wichtig, das Anreize für nachhaltiges Handeln setzt und ggf. auch weniger nachhaltiges Verhalten sanktioniert. Sie plädierten für eine stärkere Rolle des Staates bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, u. a. durch eine weitergehende Internalisierung externer Kosten (siehe auch zweites Preisschild), die Einhaltung des Verursacher- und Vorsorgeprinzips, auch bei Langfristrisiken, sowie Standards, die angemessen sind, zu Innovationen anregen und die für die jeweiligen Marktteilnehmer gleichermaßen gelten ("level playing field").

Konkrete Fragen nach Instrumenten (CO2- oder Stickstoffsteuer, Obergrenzen für den Verbrauch bestimmter Ressourcen oder andere Regelungsmechanismen) wurden uneinheitlich beantwortet. Hingewiesen wurde darauf, dass verbindliche Vorgaben häufig kein Nachteil sind, sondern Stärke, weil gesicherte Rahmenbedingungen Investitionen und Innovationsfähigkeit befördern.

Innovationen nutzen

Teilweise wurde auch das Wirtschaftssystem insgesamt hinterfragt, weil es aus sich heraus keinen Anreiz zum nachhaltigen Verhalten setze. Ein anderes Wirtschaftssystem wurde mehrheitlich nicht als Lösung angesehen. Notwendig sei aber die Ergänzung des bestehenden Wirtschaftssystems um Elemente, die nachhaltiges Wirtschaften belohnen und so Anreize dafür setzen (siehe oben). Eine große Hoffnung für mehr Nachhaltigkeit verband sich in vielen Gruppen auch mit dem Thema Innovation.

Vorschläge und Empfehlungen an die Bundesregierung

  • Rahmenbedingungen (Leitplanken) definieren und ausgestalten: Anreize (monetär), Standards (zum Beispiel Grenzwerte) und Pflichten (zum Beispiel Berichtspflicht)
  • Subventionen auf Nachhaltigkeit hin überprüfen
  • Staat muss nachhaltige Rahmenbedingungen vorgeben, auch weil: Nachhaltigkeit denkt immer langfristig und Nachhaltigkeit ist nicht situativ
  • Öffentliche Beschaffung an Nachhaltigkeit ausrichten
  • Neue Steuern für Stickstoff, Pflanzenschutzmittel, zweckgebundene Energiesteuer
  • Caps für Ressourcennutzung
  • Bundes-Haushaltsplan für Energie und CO2-Ausstoß: Land (Kreis und Gemeinde)
  • Energiebedarf mit Erneuerbaren Energien abdecken: Ziel: 100 Prozent
  • Kohlenstoffabgabe für fossile Energieträger zum Ausbau erneuerbarer Energien
  • Verbot fossiler Heizkessel wie in Dänemark
  • Bildung, auch für Flüchtlinge
  • Bürgerbeteiligung wichtig
  • Augenmerk auf Zielkonflikte, wie beispielsweise Arbeitsplätze und Ökologie

Schwerpunkte der Diskussion

Rahmenbedingung für nachhaltiges Handeln, etwa durch staatliche Anreize/ Regulierung

  • Aufwand und Nutzen abwägen: unternehmerische Freiheit ist wichtig, weil durch sie Freude am unternehmerischen Handeln, Wettbewerb und Stimulationskraft entstehen, bei Steuerung; dies und die globalen Auswirkungen müssen berücksichtigt werden.
  • Rahmenbedingungen und Regulierung allgemein und in diesem Rahmen in Richtung "mehr" Nachhaltigkeit weiterentwickeln (bspw. Landwirtschaft). Regulierung erzeuge Druck in Richtung Innovation und mehr Kreativität.
  • Verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Planungssicherheit als Eigenwert
  • Wettbewerbsgleichheit
  • Kontrolle und Sanktionen globale Regelungen – weitere Regulierung
  • Niedrige Treibstoffpreise nicht hilfreich
  • Umgang mit Zielkonflikten lernen
  • Wahrnehmung der Verantwortung deutscher Unternehmen im Ausland sicherstellen

Kleine und mittlere Unternehmen, Familienunternehmen, Handwerk

  • KMU und Handwerk wurden häufig als Vorreiter für nachhaltiges Wirtschaften gesehen.

  • Erforderlich sei es aber, Rahmenbedingungen für KMU und Familienunternehmen zu verbessern, damit diese nachhaltig wirtschaften können. Für KMU sei Wettbewerbsdruck oft zu hoch, um nachhaltig wirtschaften zu können.

  • Die Langlebigkeit der von KMU und Familienunternehmen produzierten Waren bildet trotz höheren Anschaffungspreis langfristig einen Kostenvorteil. Daher: Mit Langlebigkeit der Produkte und nachhaltiger Produktion werben, auch international (Vorteile der sozialen Marktwirtschaft international einbringen). Mehr regional wirtschaften.

Information / Bildung / Ausbildung über Nachhaltigkeit fördern

  • Sensibilisierung der Wirtschaft für Nachhaltigkeit vorantreiben.
  • Sensibilisierung der Verbraucher vorantreiben. Nicht nur auf den Preis schauen.
  • Nachhaltigkeit in der Ausbildung breit verankern: nicht nur "Sustainability-Studiengänge", sondern in sämtliche Lehrpläne und Ausbildungsprogramme – auch innerbetrieblich – aufnehmen. Dazu: möglichst schon Kinder für das Thema sensibilisieren, Bildungsangebote verpflichtend
  • Nachhaltigkeitswissen bündeln, teilen, vernetzen lokal und (über)regional

Mehr Transparenz / Information zu Produkten/Lieferketten/Konsumentenverhalten

  • Mehr Transparenz in Liefer-/Wertschöpfungsketten – internationaler Ansatz
  • Lobbyismus für nachhaltige Wirtschaft
  • Konsumentenmacht
  • Werbung positiv einsetzen
  • Konsum und Verantwortung als besonders wichtiges Handlungsfeld
  • Speziell hier: Nachhaltiges Verhalten belohnen, Anreize setzen, als Beispiel: alternative Fahrzeugantriebe

Kreislaufwirtschaft/ Effizienz fördern

  • Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaftsgedanken konsequent umsetzen, etwa auch im Bereich der Haushaltsgeräte. Obsoleszenz entgegenwirken.
  • Bedeutung der Ressourceneffizienz
  • Entkoppelung Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch

Innovationen nutzen

  • Industrie 4.0 und Innovationen für Nachhaltigkeit nutzen.
  • Förderung von Innovation, auch durch bessere Rahmenbedingungen
  • Innovationen generieren, die sozial, ökonomisch und ökologisch wirken

Selbstverpflichtung der Unternehmen

  • Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil verstehen: geringere Kosten, Export von Nachhaltigkeit
  • Nachhaltige Aktivitäten im Unternehmen definieren und konsequent verfolgen:

    • wenn Nachhaltigkeit mit dem Geschäftsmodell (Kernprozess) verknüpft ist (bzw. im Geschäftsmodell abgebildet wird)
    • wenn das Unternehmen die ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen seiner Tätigkeiten kennt und verantwortlich damit umgeht
  • Transparenz und Partizipation sind Kernelemente eines nachhaltigen Unternehmens. Compliance allein reicht nicht aus. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist nicht hinreichend.
  • Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal definieren und wahrnehmbar gestalten.

Zweites Preisschild/ externe Kosten einpreisen

  • Internalisierung externer Kosten
  • Reale, ökologisch notwendige Preise (mehrfach erwähnt)

Green Shipping/ nachhaltige Häfen (Schwerpunktthema in Hamburg)

  • Regulierung ist eine Option, wenn Rahmenbedingungen und Standards sach- und fachgerecht sind.
  • Gute Beispiele: In Bereichen, die global reguliert sind (ECA- und SECA-Zonen), ist die Umweltverschmutzung zurückgegangen.
  • Regulierung auf globaler Ebene wünschenswert für ein level playing field - dann sind auch ambitionierte Standards möglich, die in der Breite wirken
  • LNG-Terminals für Treibstoffversorgung auf See und im Hafen
  • Rolle von CSR in der Containerschifffahrt, Ansätze durch Global Reporting Initiative
  • Beratungspflicht der Banken gegenüber Kunden in Bezug auf nachhaltige Anlagemöglichkeiten
  • Ohne wirtschaftliche Belohnung von Nachhaltigkeitsengagement wird Nachhaltigkeit nicht in die Breite getragen

Weitere Themen

  • Work-Life-Balance als Nachhaltigkeitsthema
  • Neue Mobilitätskonzepte Flottenverbrauch der Neuwagen senken
  • Mehr Kompetenz gegenüber verwaltungsrechtlichen Dingen
  • Stärkere Einbeziehung von Jugendlichen
  • Wie werden wir nachhaltiger, wie schafft man eine Überzeugung zu nachhaltigem Handeln?
  • Wie lösen wir den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf (Beispiel: Fortführung nachhaltigkeitsschädlicher Subventionen)
  • Gute Arbeitsplätze bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum erhalten und schaffen
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