Indikator 2: Treibhausgase reduzieren

Reihe "Nachhaltigkeitsindikatoren" Indikator 2: Treibhausgase reduzieren

Der Klimawandel ist wesentlich auf den wachsenden Ausstoß von Treibhausgasen zurückzuführen. Deswegen gehört die Senkung der Emissionen zu den Zielen der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Indikator 2 zeigt die Entwicklung seit 1990 auf.

Portrait von Helmut Mayer, Destatis

Helmut Meyer, Destatis

Foto: Destatis

Helmut Mayer, Experte für Energierechnungen im Statistischen Bundesamt, erklärt, was bei der Ermittlung der konkreten Werte alles zu beachten ist.

Herr Mayer, wie zuverlässig lassen sich die Treibhausgase (THG) in einer hochgradig ausdifferenzierten Volkswirtschaft wie Deutschland überhaupt erfassen?

Die sehr umfangreichen Berechnungen der Treibhausgasemissionen werden in Deutschland von der Nationalen Koordinierungsstelle beim Umweltbundesamt (UBA) koordiniert. Sie müssen auf Grund internationaler Vereinbarungen ausführlich dokumentiert, die Unsicherheiten bestimmt und beschrieben werden. Beim UBA und bei Datenzulieferern sind derzeit etwa 50 Mitarbeiter in die Qualitätskontrolle und -sicherung eingebunden.

Die Empfehlungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zu den bewährten Praktiken der Emissionsberichterstattung (Good Practice Guidance) charakterisieren die Bestimmung von Unsicherheiten als ein wesentliches Element eines vollständigen Emissionsinventars. Diese Dokumentation in Form des nationalen Inventarberichts, die Erstellung von Plänen zur Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung und die Erstellung von umfangreichen Checklisten dienen der Zielsetzung einer kontinuierlichen Verbesserung des Inventars.

Das UBA hat im Inventarbericht 2014 die Gesamtunsicherheit für das Jahr 2012 mit 6,1 % beziffert. Dabei wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Unsicherheiten bei den Emissionsfaktoren höher sind, als bei der Messung der Aktivitäten, die die Emissionen verursachen. Beispielsweise werden die Unsicherheiten der Emissionsparameter bei den Quellgruppen der Abfallbehandlung und Abwasserbehandlung – angesichts der Vielfalt der verschiedenen Abfallarten – als vergleichsweise hoch eingeschätzt.

Zu beachten ist zusätzlich, dass nach der Veröffentlichung der Inventare in jedem Jahr eine internationale Überprüfung der gemachten Angaben und der verwendeten Berechnungsmethoden erfolgt. Die daran beteiligten Experten werden durch das UN-Klimasekretariat eingesetzt. Die in den veröffentlichten Prüfberichten gemachten Empfehlungen sind von den Staaten umzusetzen.

Wie werden die THG der privaten Haushalte berechnet?

Die von den privaten Haushalten verursachten THG entstehen ganz überwiegend durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe – vor allem von Erdgas und Heizöl – für Heizzwecke und Warmwassergewinnung. Bei der Verbrennung dieser kohlenstoffhaltigen Energieträger wird das Treibhausgas Kohlendioxid freigesetzt. Dieses Gas macht rund 99 % der gesamten THG der privaten Haushalte aus.

Bei den Berechnungen werden die Angaben zum Energieverbrauch der Privathaushalte aus der nationalen Energiebilanz nach einzelnen Energieträgern zu Grunde gelegt und dieser mit spezifischen Emissionsfaktoren multipliziert. Die bei der Verbrennung von Biomasse (Brennholz und ähnliches) entstehenden THG bleiben bei den Insgesamt-Werten in der Abgrenzung des Kyoto-Protokolls unberücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass Biomasse beim natürlichen Aufwuchs so viel Kohlendioxid bindet, wie bei dessen Verbrennung freigesetzt wird. In den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen werden den Haushalten – im Unterschied zu der Klassifizierung in der Inventarberichterstattung – auch die Emissionen aus dem Betrieb von eigenen Kraftfahrzeugen zugerechnet.

In dieser Abgrenzung entstehen rund 55 % der gesamten Emissionen der privaten Haushalte (2013) im Bereich "Wohnen", 45 % entfallen auf den Straßenverkehr. Viele Aktivitäten im Haushaltsbereich gehen auf die Nutzung elektrischer Energie zurück. Die mit dieser Stromerzeugung verbundenen Emissionen werden jedoch per Definition nicht dem Haushaltsbereich sondern den Emissionen der Energiewirtschaft zugeordnet.

Ein Verursacher ist auch der Verkehr. Inwiefern wird er erfasst?

Der Verkehr wird nach einzelnen Transportarten – Straßenverkehr, Binnenschiffsverkehr, Schienenverkehr – erfasst. In Bezug auf den Straßenverkehr und die Binnenschifffahrt basieren die Berechnungen auf Angaben zum Verkauf von Kraftstoffen nach einzelnen Kraftstoffarten (Benzin, Diesel) im Inland. In der sehr detaillierten Berechnung werden dann Verkehrsanteile (innerorts, außerorts, Autobahnen), Fahrzeugklassen, Motorkonzepte, Motorgrößen, Minderungstechniken berücksichtigt. Hinsichtlich der Luftfahrt erfolgen modellmäßige Abschätzungen zum Kerosinverbrauch und zu den Emissionen im Inlandsverkehr. Der Umfang dieser Inlandstransporte wird der Luftverkehrsstatistik des Statistischen Bundesamtes entnommen.

Die CO2-Emissionen, die bei der Verbrennung von Biokraftstoffen im Verkehrssektor entstehen, gelten als "klimaneutral" und bleiben den Berechnungen der Emissionen unberücksichtigt. Emissionen, die bei der Erzeugung von Fahrstrom für den Schienenverkehr entstehen, werden nicht dem Schienenverkehr, sondern dem Bereich der Energiegewinnung zugerechnet.

Der Indikator gibt die sechs Kyoto-Gase in CO2-Äquivalenten wieder. Wie hat sich der Ausstoß der einzelnen Gase entwickelt? Gibt es dort über die Jahre beziehungsweise Jahrzehnte besondere Veränderungen?

Der Ausstoß der THG wurde im Mittel der Jahre 2008 bis 2012 um 23,6 % gegenüber dem Basisjahr (1990/1995) gesenkt (Datenstand 15. April 2014). Damit wurde die Reduktionsverpflichtung aus dem Kyoto-Protokoll von 21 % übertroffen. Bis zum Jahr 2014 wurden die THG nach ersten Schätzungen gegenüber 1990 um 27 % gemindert. Überdurchschnittliche Emissionsminderungen wurden bei den Methan- und Lachgasemissionen und bei den fluorierten Kohlenwasserstoffen (den sogenannten F-Gasen) erreicht.

Kap_2-2015.jpg

Indikator 2 der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie: Treibhausgasemissionen senken

Foto: Umweltbundesamt

So sind die Methanemissionen um 51 % und der Ausstoß von Lachgas um 42 % gegenüber 1990 reduziert worden. Bei den Methanemissionen ist diese Entwicklung durch Rückgänge im Bereich der Abfallentsorgung dominiert (2014/1990: - 72 %), bei den Lachgasemissionen sind die Minderungen im Bereich der chemischen Industrie trendbestimmend (2014/1995: - 96 %). Hochwirksam in Bezug auf den Klimawandel sind die Fluorierten Gase, die aber insgesamt nur 1,6 % der deutschen Treibhausgase ausmachen. Hier konnte der Ausstoß der perfluorierten Kohlenwasserstoffe (FKW/PFC, 2014/1995: - 87 %) und von Schwefelhexafluorid (SF6, - 42 %) stark abgesenkt werden, während sich der Ausstoß der teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffe (H-FKW, HFC, + 29 %) erhöhte. Diese Gase, die insbesondere als Treibgase in Sprays und als Kältegase eingesetzt werden, tragen weltweit mit rund 10 % in erheblichem Maße zur Erderwärmung bei. Die neu zu berichtenden, absolut sehr geringen Emissionen von Stickstofftrifluorid (NF3, + 215 %) erhöhten sich ebenfalls.

Durch die vergleichsweise geringere Absenkung der Kohlendioxidemissionen um fast 24 % erhöhte sich deren Anteil an den Gesamtemissionen – gemessen an CO2-Äquivalenten – von 84,1 % (1990) auf 87,7 % (2014). Der Anteil von Methan sank im gleichen Zeitraum von 9,6 % auf 6,5 %, der von Lachgas von 5,3 % auf 4,2 %.