Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier 

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Morgen in einer Woche, Sie alle wissen es, jährt sich die Verkündung des Grundgesetzes genau zum 75. Mal. Wir feiern dann hier in Berlin – und meine Hoffnung ist: an möglichst vielen anderen Orten des Landes auch – die Geburtsstunde der Bundesrepublik, unserer Republik, die dank der Friedlichen Revolution vor 35 Jahren zur gesamtdeutschen Demokratie werden konnte.

Wenn wir aus diesem Anlass in diesen Tagen auf die Geschichte unserer Republik zurückblicken, dann wird uns etwas Weiteres bewusst: So wie der Mensch nicht vom Brot allein lebt, so lebt eben auch die liberale Demokratie nicht von Verfassung und Gesetzen allein. Sie braucht aktive Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für sich selbst, für andere und möglichst auch für das Gemeinwesen übernehmen.

Über die Frage, wie in einer vielfältigen Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen so etwas wie Verbundenheit oder Solidarität entstehen kann, darüber dachte in den 1950er Jahren auch jener evangelische Pfarrer und Theologe nach, dessen Namen wir vermutlich heute noch etwas häufiger hören werden. In einer, wie ich finde, immer noch lesenswerten kleinen Schrift entfaltete Hermann Dietzfelbinger damals aus christlicher Sicht den Gedanken, dass unser Menschsein sich gerade in den Beziehungen zwischen den Menschen entfaltet.

Dietzfelbinger war überzeugt: Erst wenn wir aus der Anonymität heraustreten, den offenen Dialog mit anderen suchen, erst dann werden wir zu ich und du und erkennen in unserem Gegenüber einen Menschen mit Würde, dem wir uns verbunden fühlen. Auf diese Weise, schrieb er, kann ein freies Wir entstehen, eine Gemeinschaft in Freiheit, in der jeder Einzelne als einzigartiges Ich unter den andern sein darf, in der es aber zugleich selbstverständlich ist, für den anderen da zu sein.

Damit das gelingt, das sah Dietzfelbinger schon damals sehr klar, braucht es Orte, an denen ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen, dort zusammen arbeiten, sich zusammen engagieren. Er selbst schuf 1954 einen solchen Ort des Miteinanders und Füreinanders, als er junge Frauen dazu aufrief, sich ein Jahr lang freiwillig um die Kranken und Pflegebedürftigen in der Diakonie Neuendettelsau zu kümmern. Sein Aufruf wurde gehört, und seine Idee, das wissen wir heute, löste eine größere Bewegung aus.

Schon bald wurde das Diakonische Jahr in allen evangelischen Kirchen Westdeutschlands und auch in der DDR angeboten; die katholische Kirche rief zum „Jahr für den Nächsten“ auf; Gertrud Rückert führte im Augustinum den Philadelphischen Dienst ein; auch Wohlfahrtsverbände schufen erste Einsatzstellen für Freiwillige. Das „Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres“, das 1964 in Kraft trat, bereitete schließlich den Boden, auf dem die Freiwilligendienste in der Bundesrepublik wachsen und gedeihen konnten bis heute. Der Gesetzgebungsprozess wurde begleitet von einer Debatte um freiwilliges Engagement oder Pflicht, in der analog zum Wehrdienst ein Pflichtjahr für junge Frauen diskutiert wurde. Neben den Kirchen warben damals auch zivilgesellschaftliche Initiativen wie beispielsweise die Aktion Gemeinsinn für ehrenamtliches Engagement allgemein. Durchgesetzt hat sich damals das Modell der Freiwilligkeit.

Wenn wir heute 70 Jahre Diakonisches Jahr und 60 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr feiern, dann feiern wir auch die Anfänge unserer Bürgergesellschaft, die die Demokratie des Grundgesetzes bis heute nicht nur trägt, sondern – das haben wir eben in dem Film gesehen – vor allen Dingen lebendig hält. Die Freiwilligendienste haben in den vergangenen Jahrzehnten mitgeholfen, den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und das bürgerschaftliche Engagement zu stärken, und sie tun es bis heute.

Zu dieser Erfolgsgeschichte hat ganz besonders die Diakonie beigetragen, als Wegbereiterin der Freiwilligendienste, als prägende Kraft bei deren Entwicklung, als einer der größten freien Träger. Ich bin heute Abend sehr gern zu Ihnen gekommen, ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einladung!

Es ist wirklich großartig, was in den vergangenen Jahrzehnten aus der Idee des Diakonischen Jahres geworden ist. Heute bieten die verschiedensten freien Träger, aber auch Bund, Länder und Gemeinden Freiwilligendienste an. Jedes Jahr entscheiden sich mehr als 100.000 überwiegend jüngere, aber auch ältere Menschen für einen solchen Dienst.

Sie engagieren sich in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen; in der Obdachlosen- und Flüchtlingshilfe und in der internationalen Zusammenarbeit; in Sportvereinen, Gedenkstätten, Theatern und Museen; im Umwelt- und Naturschutz; im Sanitätsdienst, Katastrophenschutz oder bei der Bundeswehr. Und noch viel mehr kommt in Betracht. Und ich finde, dieses Engagement, das Engagement der jungen Leute, das lohnt sich dabei gleich dreifach: für sie selbst, für die Menschen in den Einsatzstellen und für die ganze Gesellschaft.

Die Freiwilligen können sich in ihrer Einsatzstelle ausprobieren, beruflich orientieren, persönlich weiterentwickeln, nicht zuletzt dank der pädagogischen Begleitung und der Bildungstage. Zugleich machen sie Erfahrungen, die sie oft für das ganze Leben prägen: Sie lernen den Umgang mit Verschiedenheit, setzen sich mit Themen wie Krankheit oder Tod auseinander; sie erleben, dass wir als Menschen aufeinander angewiesen sind.

Die Einsatzstellen wiederum gewinnen Kräfte, die das Fachpersonal unterstützen und von zusätzlichen Aufgaben entlasten; die Kindern, Alten oder Hilfsbedürftigen Zeit und Aufmerksamkeit schenken; die den Alltag oft beleben und bereichern, weil sie, die Jungen, einen anderen Stil, einen frischen Ton und, ich bin ganz sicher, auch viele gute Ideen mitbringen. Und auch auf längere Sicht hilft der Freiwilligendienst den Einsatzstellen dabei, motivierte Mitarbeiter zu gewinnen: Viele Freiwillige entscheiden sich nach ihrem Dienst für einen Beruf in dem Arbeitsfeld, das sie kennengelernt haben – oder sie engagieren sich weiterhin ehrenamtlich, sei es in ihrer alten Einrichtung oder möglicherweise anderswo.

Unsere Gesellschaft schließlich gewinnt durch die Freiwilligendienste unzählige Orte, an denen Menschen aus verschiedenen Generationen, Bevölkerungsgruppen und Lebensumständen zusammenkommen, Menschen, die einander sonst vermutlich nie begegnet wären. Menschen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten, ganz wichtig: verschiedenen Bildungsabschlüssen, kulturellen Prägungen, religiösen oder politischen Überzeugungen sind hier füreinander da, arbeiten miteinander, lernen voneinander. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, und die jungen Menschen werden es uns bestätigen: Freiwilligendienste fördern Respekt und Toleranz, Verständnis und Verständigung; sie sind Quellen des Bürgersinns, Quellen von engagierter Mitmenschlichkeit, die wir in diesen nicht ganz einfachen Zeiten umso dringender brauchen.

Mein Dank gilt heute all jenen, die sich um die Freiwilligendienste kümmern und für das hervorragende Angebot sorgen. Mein Dank gilt den pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die den Freiwilligen auf einem wichtigen Stück ihres Lebensweges zur Seite stehen. Und mein besonderer Dank gilt natürlich den Freiwilligen selbst! Sie alle stärken unsere Bürgergesellschaft und unsere Demokratie. Ihnen allen, hier im Saal und überall in unserem Land, meinen ganz, ganz herzlichen Dank für Ihren Einsatz!

Was Sie tun, ist unglaublich wertvoll, und es ist heute, davon bin ich überzeugt, wichtiger denn je. Denn wir erleben ja, dass Kirchen, Vereine, Parteien Mitglieder verlieren; dass Orte der Begegnung verwaisen oder in ländlichen Gegenden sogar ganz verschwinden; dass Zugehörigkeiten und Bindungen, die Sinn stiften und Halt geben, brüchig werden. Und wir erleben auch, dass viele Menschen, übrigens Jüngere wie Ältere, sich einsam, entwurzelt und – oder insbesondere deshalb – auch ohnmächtig fühlen.

Ich sehe mit Sorge, dass in vielen Bereichen das Ehrenamt auf immer weniger Schultern ruht. Dass es schwerfällt, Ehrenämter neu zu besetzen, wenn die bisherigen Amtsinhaber aus Altersgründen ausscheiden. Ich sehe gleichzeitig mit Sorge, dass Menschen sich in ihre eigene Lebenswelt oder ihre digitale Blase zurückziehen, dass gesellschaftliche Gruppen sich voneinander entfernen und entfremden. Und ich sehe mit Sorge, dass gesellschaftliche Konflikte schärfer und unversöhnlicher werden, dass Hass, ja oft auch Menschenfeindlichkeit zunehmen und dass gleichzeitig die Fähigkeit zum respektvollen Streit, der Wille zum Kompromiss schwindet.

Ich bin sehr überzeugt, dass unsere liberale Demokratie beides braucht: individuelle Freiheit, aber auch gesellschaftliche Bindungen. Gerade in dieser Zeit, in der Freiheit und Vielfalt im Innern und von außen angegriffen werden, brauchen wir mehr Orte, an denen Vertrauen, Gemeinsinn, Verantwortungsbewusstsein entstehen können und dort wachsen können. Gerade jetzt brauchen wir mehr engagierte Mitmenschlichkeit, mehr engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich für ein gutes Miteinander und auch für die Demokratie einsetzen.

Dass wir etwas tun müssen, um Gräben in unserer Gesellschaft zu überbrücken und mehr Menschen für das bürgerschaftliche Engagement zu gewinnen, darüber sind sich fast alle einig. Wenn es darum geht, wie das am besten gelingen kann, dann gehen Meinungen auseinander. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt in unserem Land eine wirklich große und, ich finde, auch anspruchsvolle Debatte über Bürgerdienste führen. Eine Debatte, in der wir die unterschiedlichen Vorschläge zu Freiwilligendiensten, zur sozialen Pflichtzeit, auch aktuell zum Wehrdienst diskutieren, auch überlegen, welche kombinierten Modelle möglich, aus meiner Sicht: notwendig sind.

Ich bekomme jedenfalls, das darf ich Ihnen verraten, seit mehr als einem Jahr viel Zuspruch für die Idee einer sozialen Pflichtzeit. Und ich weiß dennoch, dass es auch in der Diakonie einige Skepsis gegenüber meinem Vorschlag gibt – und gewichtige Gründe, das meine ich mit großem Ernst, die ich jedenfalls nicht einfach vom Tisch wische. Und auch wenn wir in dieser Frage – noch – unterschiedlicher Auffassung sind: Lassen Sie uns unser gemeinsames Ziel nicht aus den Augen verlieren! Es geht darum, dass möglichst viele Menschen, unabhängig von Herkunft, Bildungsabschluss oder Einkommen, einmal im Leben die Erfahrung machen, für andere da zu sein, vielleicht auch für das Gemeinwesen insgesamt.

Die konkrete Ausgestaltung von Bürgerdiensten, von sozialem Engagement, seien sie freiwillig oder verpflichtend, ist nicht Sache des Bundespräsidenten. Und sie wird in der Demokratie auch nicht einfach mal so „von oben“ verordnet, sondern das ist eine Angelegenheit der demokratischen Gesellschaft, die sich jetzt über Grundsätze und Details eines Bürgerdienstes verständigen muss. Das geht nicht ohne Diskussion, vielleicht auch nicht ohne Streit. Aber die Gesellschaft muss sich verständigen – in Parlamenten und Redaktionen ebenso wie in Klassenzimmern, Werkskantinen oder bei Familienfeiern. Ich wünsche mir jedenfalls, dass sich noch mehr Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an dieser Debatte öffentlich, engagiert und mit Anspruch beteiligen. Und ich wünsche mir, dass gerade Sie, die Diakonie, die Träger der Freiwilligendienste, sich weiter einbringen, weil ich Ihnen versichere: Nicht nur ich, sondern auch Gesellschaft und Politik können gerade jetzt, in einer solchen Debatte Ihre Erfahrungen, Ihr Know-how und Ihre Gestaltungskraft gut gebrauchen.

Ich bin überzeugt: Gerade weil die Einsicht wächst, und das spüre ich, dass Lebenswelten einander zunehmend fremd werden, dass wir mehr verbindende Orte brauchen, dass wir alles stärken müssen, was uns verbindet, gerade deshalb haben wir jetzt die Chance, gemeinsam einen vielfältigen Bürgerdienst zu gestalten, einen Bürgerdienst, der den Zusammenhalt und das bürgerschaftliche Engagement weiter stärkt – und damit, so hoffe ich, jene Erfolgsgeschichte fortschreibt, die Hermann Dietzfelbinger vor 70 Jahren angestoßen hat.

Das Menschliche unter uns, schrieb Dietzfelbinger in der vorhin schon zitierten Schrift, darf nicht zu kurz kommen über allem, was sonst unsere Tage füllt. Ich finde, nichts kann schöner auf den Punkt bringen, was das Diakonische Jahr und das Freiwillige Soziale Jahr bis heute auszeichnet. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem doppelten Jubiläum – und nochmals ganz herzlichen Dank für die Einladung hierher.