Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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„Die Zukunft beginnt mit Erinnern.“

Sie alle wissen um die Bedeutung dieses Satzes. Er stammt von Aleida Assmann, und ich finde, er ist ein gutes Leitmotiv für unsere heutige Veranstaltung. Die Zukunft beginnt mit Erinnern: Sie haben sich von dieser Maxime leiten lassen, sie prägt Ihr Engagement, sie prägt Ihr Leben!

Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, Sie heute für dieses Engagement auszuzeichnen. Seien Sie uns alle ganz herzlich willkommen im Schloss Bellevue. Menschen wie Sie mit einem Orden zu ehren, Menschen, die so Herausragendes leisten für unser Land, das gehört wirklich zu den schönsten Aufgaben eines Bundespräsidenten.

Wenn wir heute an den 8. Mai 1945 erinnern, fragen wir nach den Lehren, die uns dieser Tag aufgibt – dieser Tag vor 76 Jahren, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wir erinnern an das Leid und den Schrecken, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft über Europa gebracht hat, an die vielen Millionen Toten in ganz Europa, an die Opfer von Gewalt, Rassenhass und Vernichtungskrieg. Wir erinnern an den Zivilisationsbruch der Schoah.

Wir wissen: Ohne die Erinnerung an die Verbrechen, die von Deutschland ausgingen, an die Verbrechen, die Deutsche verübt haben, ist die deutsche Geschichte nicht zu begreifen. Die Erinnerung daran darf kein Ende haben, denn ohne sie haben wir keine Zukunft. Das ist es, was uns Aleida Assmann sagt.

Heute bekennen wir Deutsche uns zu diesem 8. Mai 1945 als einem Tag der Befreiung. Die Alliierten aus dem Westen und aus dem Osten haben uns, haben den gesamten Kontinent von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten befreit. Und dafür sind wir ihnen zutiefst dankbar.

Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland von außen befreit. Bis dieser Befreiung von außen auch eine innere Befreiung folgte, vergingen noch viele Jahre des Verdrängens und des Beschweigens. Es war ein mühsamer, schmerzhafter Prozess der Aufklärung und der Aufarbeitung von Mittäterschaft, Mitwisserschaft, Mitläufertum. Das demokratische Selbstbewusstsein unseres Landes aber ist ohne diesen Prozess nicht denkbar.

Das ist unsere historische Erfahrung: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Erinnerung an Unrecht und Schuld, schwächt unsere Demokratie nicht. Im Gegenteil, sie stärkt ihre Widerstandskraft und ihre Widerstandsfähigkeit.

Ganz gleich, von welcher Seite und unter welchen Vorwänden daher heute nach dem Schlussstrich gerufen wird: Ein Zurück zum Verdrängen wäre ein fataler Irrweg!

Denn nicht durch Verschweigen gewinnen wir Kraft und Selbstbewusstsein, sondern nur dadurch, dass wir kritisch und ehrlich bleiben – mit uns selbst und mit der Geschichte unseres Landes.

Die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen Schoah, an die Verheerungen durch Nationalismus und Rassismus, ist Teil unserer deutschen Identität geworden – und das muss sie auch in Zukunft bleiben. Noch immer erfahren wir bisher nicht bekannte Geschichten von erlittenem Unrecht. Es muss uns auch bewusst sein, dass jede Generation sich Geschichte neu aneignet und dass in jeder Generation aufs Neue Erinnerung eine Aufgabe bleibt.

Wir Deutsche sind heute dankbar, dass wir als geeintes, demokratisches Land in der Mitte eines geeinten, demokratischen Kontinents leben. Dankbar für die Versöhnung, die uns unsere heutigen Partner und Freunde, die uns Menschen überall in Europa gewährt haben. Sie haben uns die Hand gereicht, obwohl das Leid, obwohl der Schmerz in vielen Familien überall in Europa und auf der Welt fortlebt bis heute.

Der Schmerz, er lebt auch in einigen Ihrer Familien fort – Familien, die zu den Opfern des nationalsozialistischen Rassenwahns gehörten. Sie verstehen ihn als Auftrag zur Versöhnung. Sie leben Versöhnung.

Liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, die wichtigste Lehre des Zweiten Weltkrieges ist die: Europa bleibt nur dann ein Kontinent des Friedens und der Freiheit, wenn es sich nie wieder auseinandertreiben lässt, wenn es nicht noch einmal der Verführung des Nationalismus erliegt. Für uns Deutsche ist unsere Geschichte eine besondere Verantwortung und Verpflichtung – auch mit Blick auf unsere Nachbarn. Nie wieder, das bedeutet, europäisch zu denken und zu handeln. Das bedeutet, alles dafür zu tun, damit Europa geeint und vereint bleibt und die Friedensordnung geschützt wird, die sich dieser Kontinent nach der Katastrophe zweier Weltkriege gegeben hat.

Sie alle, liebe Gäste, wissen um die Bedeutung der Vergangenheit für die Zukunft unseres Landes, für die Zukunft Europas. Sie engagieren sich für die Erinnerungskultur, für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, für Frieden in Europa.

Sie alle wissen, dass unsere Zukunft mit dem Erinnern beginnt.

Es ist mir eine Ehre, heute zwei Menschen aus Berlin auszuzeichnen, die mit einem im besten Sinne liberalen Journalismus dazu beigetragen haben, Deutschland, Israel und jüdische Gemeinden in aller Welt in Kontakt miteinander zu bringen und ein Forum zu sein: für Verständigung und Versöhnung über die Kontinente hinweg. Dafür danke ich ihnen!

Ich darf heute auch einen Mann aus Koblenz ehren, der sich tagtäglich für Sinti und Roma in Deutschland engagiert, der gegen die immer noch bestehenden Vorurteile ihnen gegenüber kämpft – gegen ihre Ausgrenzung und Diskriminierung, für ihre Rechte. Trotz des Unrechts, das seiner Familie im Dritten Reich widerfahren ist, sieht er Deutschland als seine Heimat. Für sein Engagement danke ich ihm heute ganz herzlich!

Danken möchte ich auch denjenigen unter Ihnen, denen es ein großes Anliegen ist, dass die Erinnerung an unsere Geschichte an junge Menschen weitergetragen wird.

Ich darf heute eine Frau auszeichnen, die sich in Berlin für die nicht immer einfachen deutsch-ungarischen Beziehungen einsetzt – auch bei ihr spielt die Familiengeschichte eine Rolle. Dass junge Leute aus beiden Ländern sich freundschaftlich begegnen, trotz aller bestehenden politischen Spannungen, das ist auch ihr Verdienst.

Auszeichnen darf ich auch einen jungen Mann aus Erfurt, der sich beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiert und internationale Jugendcamps organisiert. Dass junge Menschen sich über Grenzen hinweg für den Frieden in Europa einsetzen, für Versöhnung und Freundschaft, das ist Menschen wie ihm zu verdanken.

Die Erinnerung wachhalten, das will auch eine Frau aus Wuppertal. In einem Verein sammelt sie die Geschichten von Überlebenden der Schoah, um sie weiterzutragen an „Zweitzeugen“. Dahinter steht ein Gedanke, der sicher auch Modell sein kann, denn wir brauchen neue Ideen für die Erinnerungskultur. Auch ihr danke ich sehr für dieses Engagement.

Mich beeindruckt es, wenn junge Menschen die Erinnerung wachhalten. Sie, die hier vor mir sitzen, gehören zu den jungen Leuten in unserem Land, die nicht sagen: Die Vergangenheit ist vergangen, was geht mich das an? Sondern die vielmehr sagen: Was geschehen ist, ist nicht unsere Schuld, aber es gibt uns eine Verantwortung auf, die wir annehmen. Wir begreifen die Vergangenheit als Mahnung, dass das, was geschehen ist, wieder geschehen kann. In unserer Verantwortung liegt, dass es nicht wieder geschehen wird. Ich bin sicher: Sie sind damit Vorbild und Inspiration für viele andere junge Menschen in unserem Land!

Vorbild und Inspiration, das sind Sie alle, und Ihr Engagement in unserer Gesellschaft ist umso wichtiger, als sich Antisemitismus, Rassismus, Menschenfeindlichkeit heute wieder offen zeigen. Die Anschläge in Halle und Hanau, der Mord an Walter Lübcke, alles das hat uns entsetzt. Antisemitismus, Rassismus, Menschenfeindlichkeit – alles das zeigt sich aber auch im Alltag, auf der Straße, auf Schulhöfen, im Netz.

Sie, liebe Ordensträgerinnen und Ordensträger, Sie alle wissen um die Gefahr, die darin liegt: Es ist eine Gefahr für unsere Demokratie. Sie alle setzen sich ein für Werte, auf denen unser Grundgesetz, auf denen Europa gründet, Sie setzen sich ein für Toleranz, für die Würde jedes Einzelnen, für ein friedliches Zusammenleben!

Für all das danke ich Ihnen! Unser Land, unsere Demokratie braucht Menschen wie Sie!

Ihnen allen schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch!