Es geht um die Arbeit an einer gedeihlichen Gegenwart für eine gute Zukunft - Ansprache des Bundespräsidenten in Berlin

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Bundespräsident Roman Herzog hielt zur Eröffnung der Dauerausstellung der
Werke der Sammlung Berggruen im Schloß Charlottenburg in Berlin am 6.
September 1996

folgende Ansprache:

Meine Damen und Herren, vor allem aber:
verehrter Herr Berggruen, verehrte Frau Berggruen,

in Ihnen grüße ich einen jüdischen Deutschen, einen Europäer im allerbesten
Sinn und einen Weltbürger von Format. Ich begrüße Sie wieder in Berlin und mit
Ihnen Ihre verehrte Frau Gemahlin. Seien Sie beide von Herzen willkommen.

Selbst wenn der Anlaß unseres Zusammenseins heute die Ausstellung Ihrer
ungewöhnlichen und großartigen privaten Sammlung ist, so müssen Sie beide doch
wissen, daß Sie uns hier keineswegs nur oder auch nicht nur hauptsächlich
wegen Ihrer Kunstschätze interessieren. Es geht uns um Sie als ganz
außergewöhnliche, unglaubliche Menschen und um Ihre Rückkehr zu Ihren Wurzeln,
an den Ort Ihrer Geburt und Jugend, der freilich nicht mehr Wilmersdorf heißt,
wie in der Geburtsurkunde, sondern Berlin. Es kann ja sein, daß Sie sich
selbst damit eine Freude machen – uns machen Sie reich, in einem doppelten
Sinn.

Sie sind, so sagen Sie, ein unpolitischer Mensch. Was Sie aber tun, ist von
eminenter politischer Bedeutung. Sie tragen einen massiven Stein bei zu dem
Bauwerk, das die unendlichen Klüfte zu überbrücken versucht, die dieses
Jahrhundert geschlagen hat. Und natürlich wissen wir, werden es niemals
vergessen, daß es nicht ein Jahrhundert war, sondern daß es Menschen waren,
die in diesem Jahrhundert gelebt haben, die Verantwortung für Verbrechen und
Leid tragen.

Ein Kreis rundet sich. Sie beide, Heinz und Bettina Berggruen, zeigen uns, wie
man von Wilmersdorf und dem Olivaer Platz aus, auf dem Weg über beinahe die
ganze Welt, endlich ein paar Kilometer weiter, in Charlottenburg, anlangt.

Was Sie uns, neben Ihrer hochwillkommenen Anwesenheit, schenken, ist der
langfristige Verbleib einer phänomenalen und Maßstäbe sprengenden Sammlung mit
einem ganzen Block bedeutsamster Arbeiten von Picasso, mit Werken von Paul
Klee, von Cézanne, van Gogh, Braque und Giacometti, und es ist noch einiges
andere dabei, was ich jetzt nicht aufzählen möchte. Ich danke Ihnen dafür,
ohne daß die Worte

das Maß des Dankes auch nur einigermaßen ausdrücken könnten.

Ein Sammler sammelt, um die Objekte seiner Begierde in seiner Nähe zu haben,
um relativ frei nach seinen Wünschen über sie verfügen zu können. Das ist der
innere Gegensatz zwischen dem Händler und dem Sammler. Der Händler bringt in
den Verkehr, der Sammler entzieht etwas dem Verkehr. Sie sind beides. Niemand
hätte Ihnen auch nur den Ansatz eines Vorwurfs machen können, wenn Sie sich
entschlossen hätten, Ihre Werke bei sich zu behalten oder die innere
Zweckbestimmung aufzuheben, also ein Geschäft damit zu machen und sie wieder
in Verkehr zu bringen. Statt dessen haben Sie die Kollektion nach Berlin
gegeben – gerade hierher nach Berlin –, obwohl alle bedeutenden Museen der
Welt Ihnen gern und mit Handkuß zur Verfügung gestanden hätten. Ich weiß die
Tat und auch die tiefe, sprechende Symbolik, die in ihr liegt, zu verstehen
und zu würdigen. Es geht um die Arbeit an einer gedeihlichen Gegenwart für
eine gute Zukunft. Deutschland dankt Ihnen, Heinz Berggruen. Das war jetzt
eigentlich der Kern und ist die Substanz dessen, was ich hier zu sagen habe
und weshalb ich hier bin.

Die prachtvolle Sammlung, die wir anschließend besichtigen werden, kommt
gerade aus London, wo sie fünf Jahre lang unter lebhaftestem Publikumszuspruch
in der National Gallery zu sehen war. Dort hätte man sie ganz gewiß mit
Freuden behalten.

In London gibt es eine Sentenz, die besagt, daß durch Grußworte mehr Zeit
vertan wird als durch sämtliche Streiks. Daran könnte ja etwas Wahres sein,
und das muß man dann auch ernst nehmen. Deshalb in der gebotenen Kürze ein
paar Bemerkungen zu dem, was einfach nicht unterschlagen werden darf.

So muß man der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und vor allem ihrem
Generaldirektor Wolf-Dieter Dube dafür dankbar sein, daß sie etwas erst
eingefädelt und dann realisiert haben, was eigentlich gar nicht ging. Daß es
dann doch ging, das feiern wir heute auch. Und es bestärkt mich in meinem
festen Glauben, daß – wenn man nur das Ungewöhnliche prinzipiell für möglich
hält, wie Heinz Berggruen es lebenslang getan hat – plötzlich das für
unmöglich Gehaltene sich materialisiert. In den großen Dank am Gelingen sind
auch Heinz Berggruens Freunde, Thomas Gaehtgens und Bernd Schultz,
eingeschlossen, die daran heftig mitgewirkt haben.

Berlin erhält mit dem dafür wunderbar hergerichteten Bau von Stüler ein neues
und zusätzliches Museumsjuwel. Ein Museumsjuwel: Jedes andere Wort wäre
unangemessen. Was das in Zeiten bedeutet, in denen die Mittel knapper als
knapp sind, mag jeder selbst ermessen. Es ist ein Beweis dafür, daß selbst in
schwierigen Phasen Großes geleistet werden kann, wenn staatliche Stellen sich
beweglich zeigen.

Nun führt nichts an der Einsicht vorbei, daß der Nukleus von alledem im
Verhalten des Privatmanns Heinz Berggruen liegt. Erst das vollendete
Zusammenspiel privaten Handelns und öffentlicher Initiative hat das schöne
Endergebnis erbracht. Das hat Vorbild- und Modellcharakter. Und so fühle ich
mich bestätigt, wenn ich wiederhole, was ich sinngemäß vor
einigen Monaten schon einmal gesagt habe, daß nach meiner Meinung gerade auf
kulturellem Gebiet die Zukunft der
Bündelung privater und öffentlicher Kräfte gehört. Wenn das, so wie hier, auf
eine Art geschieht, bei der keiner dominiert und keiner sich aufgeben muß,
dann haben am Ende alle gewonnen.

Die Sammlung Berggruen schließt mit ihren Meisterwerken der klassischen
Moderne auf ideale Weise eine Lücke, die den Berliner Museen seinerzeit durch
die barbarische Aktion gegen eine als „entartet“ bezeichnete Kunst geschlagen
worden ist. Die Lücke schließt gerade einer, der selbst von dem gleichen
Ungeist ins Exil vertrieben worden ist. Wir haben also das Zeichen einer
einzigartig gelebten Toleranz vor uns, würdig der Ideale der Humanität, wie
sie sich in der Kunst finden, der sich Heinz Berggruen verpflichtet hat.

Das Berlin von heute, Herr Berggruen, ist anders und neu, auch wenn Sie bei
Ihren Wanderungen durch Wilmersdorf noch jede Straße und vielleicht sogar
viele Häuser wiedererkennen. Auf den aus Kinderzeiten in Erinnerung
gebliebenen Rheinlachs im Hotel Kempinski werden Sie noch einige Zeit
verzichten müssen. Das liegt allerdings nicht an Berlin, sondern am Rhein.

Es gibt ein schönes Aquarell des von Ihnen so geliebten Paul Klee mit dem
Titel „Perspektive mit offener Tür“. Alles ist aufs allerbeste bestellt, doch
die Tür bleibt offen für den Fall, daß sich Entscheidendes ändern sollte. Wir
alle werden uns nach Kräften darum bemühen, daß sich nichts mehr ändert, daß
der Notausgang nicht benötigt werden muß. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau von
Herzen, daß es Ihnen hier gefällt. Ich wünsche Ihrer Sammlung, daß sie sich in
Berlin immer gut aufgehoben fühlt und zu Hause ist.