Zum Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges vor 50 Jahren - Erklärung des Bundeskanzlers zum 8. Mai

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl gab zum Gedenken an das
Ende des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren am 6. Mai 1995
folgende Erklärung ab:

In diesen Tagen gedenken wir des Endes des Zweiten
Weltkrieges vor 50 Jahren. Es leben in unserem Land, in
Europa und in anderen Erdteilen noch Millionen von Menschen,
die diese Zeit selbst erlebt haben und davon berichten können.
Vielfältige Erinnerungen werden wach, und bei manchen aus
der älteren Generation beginnen Wunden wieder zu
schmerzen, die schon ganz verheilt schienen.

Für all diese Erinnerungen und Gefühle gibt es keinen gemeinsamen
Nenner. Wir sollten sie daher als existentielle Erfahrung des
jeweils anderen respektieren und sie nicht zerreden. Wir
sollten versuchen, dem jeweils anderen mit offenem Ohr und
offenem Herzen zuzuhören. Dazu bedarf es einer Atmosphäre
von Besinnung und Nachdenklichkeit. Gerade in der Achtung
vor jedem einzelnen Schicksal drückt sich die Überzeugung
von der allen Menschen gemeinsamen unantastbaren Würde
aus.

Wer die Hölle der Konzentrationslager nicht durchlitten
hat, der wird niemals nachempfinden können, was die
Überlebenden dieses Grauens noch heute im Innersten bewegt.
Wer das Leiden und Sterben auf den Schlachtfeldern des
Krieges nicht miterleben mußte, der kann sich nur eine vage
Vorstellung von den Alpträumen machen, die die Heimkehrer
von damals noch heute heimsuchen. Wer das Glück hatte,
seine Heimat nicht zu verlieren, der vermag die noch heute
gegenwärtige Trauer von Vertriebenen und Flüchtlingen um
das Land ihrer Kindheit und ihrer Vorfahren nicht wirklich zu
verstehen.

Zwei Drittel der heute lebenden Deutschen sind
nach dem Krieg geboren. Ihnen müssen Bilder und Filme,
Augenzeugenberichte, Tagebücher und vor allem die in den
Familien wiedergegebenen persönlichen Erinnerungen der
älteren Generation die entsetzlichen Folgen des von Hitler
entfesselten Krieges und der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft vor Augen führen: Deutschland lag in Schutt
und Asche, Millionen von Soldaten aus vielen Nationen hatten
auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges ihr Leben
gelassen. Millionen waren in Kriegsgefangenschaft geraten,
viele als Kriegsversehrte zurückgekehrt.

Für viele Menschen, vor allem für die Häftlinge in den Konzentrationslagern,
Todeszellen und Zuchthäusern, bedeutete das Ende des
Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die
ersehnte Befreiung. Wir gedenken der Millionen Juden, der
Sinti und Roma und der vielen anderen, die verfolgt, gequält
und ermordet worden sind. Wir erinnern uns an das Leiden
und Sterben unschuldiger Frauen, Männer und Kinder aus
anderen Völkern wie auch aus unserem eigenen Volk. Wir
gedenken der vielen Menschen, die bei Flucht und Vertreibung
Schlimmes erlitten haben. Millionen mußten ihre Heimat
verlassen. Viele kamen dabei um.

Unter uns leben noch Frauen,
die von bösen Erinnerungen gequält werden. Mütter haben
vergeblich auf ihre Söhne, Ehefrauen und Bräute vergeblich
auf ihre Männer und Verlobten gewartet. Viele Kinder haben im
Zweiten Weltkrieg Vater, Mutter oder beide Eltern verloren.

Es kann keinen Zweifel daran geben, daß die Befreiung von der
Hitler-Barbarei notwendig war, um in Deutschland einen
freiheitlichen Rechtsstaat und in Europa Frieden und
Versöhnung zwischen den Völkern zu ermöglichen. Das Ende
des Krieges bedeutete für die meisten zunächst das Ende von
Angst um Leib und Leben. Es brachte neue Hoffnung.

Aus dieser Hoffnung schöpften die Menschen an dem tiefsten Punkt
unserer Geschichte die Kraft für einen Neubeginn. Sie konnten
dabei auf dem moralischen Fundament derjenigen Deutschen
aufbauen, die den Widerstand gegen Hitler gewagt hatten.

In den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands nahm
-nicht zuletzt dank weitsichtiger amerikanischer Hilfe, vor
allem durch den Marshall-Plan -eine neue Ordnung des Rechts
und der Freiheit schon bald Gestalt an. Wahr ist aber auch,
daß in Teilen Deutschlands und Europas die Hoffnung auf
neues Recht und neue Freiheit sehr schnell bitter enttäuscht
wurden. Unser Vaterland und unser Kontinent wurden geteilt.
Freiheit und Demokratie konnten jenseits des früheren
Eisernen Vorhangs erst vor wenigen Jahren, nämlich nach dem
Ende der kommunistischen Diktatur verwirklicht werden.

Am 8. Mai 1945 hätte niemand in Deutschland zu träumen gewagt,
daß wir am Anfang der längsten Friedensperiode in der
jüngeren deutschen Geschichte stehen würden und daß unser
Land am Ende dieses Jahrhunderts weltweit Ansehen und
Sympathie genießen würde.

Heute ist Deutschland in freier Selbstbestimmung und mit der Zustimmung all seiner Nachbarn
wiedervereint. Gerade im Rückblick auf die Erfahrungen der
Vergangenheit haben wir allen Grund, dafür dankbar zu sein.
Viele haben zu dem Vertrauen beigetragen, das Deutschland
heute entgegengebracht wird. Dazu gehören vor allem die
Angehörigen jener Generation, die unser Land aus physischen
und geistigen Trümmern wiederaufgebaut hat.

Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir uns in diesen Tagen auch daran, daß
ehemalige Kriegsgegner uns die Hand zu Versöhnung und
Freundschaft gereicht haben.

Der 8. Mai führt uns besonders eindringlich vor Augen, daß ein Leben in Frieden und Freiheit
keine Selbstverständlichkeit ist. Er mahnt uns, auf eine
Friedensordnung in Europa hinzuwirken, die sich auf die
uneingeschränkte Achtung der persönlichen Menschenrechte
und auf das Völkerrecht gründet. Dies ist die entscheidende
Lektion aus den Erfahrungen des in wenigen Jahren zu Ende
gehenden 20. Jahrhunderts, das so viel Leid und Elend
gesehen hat - und in Teilen der Welt, ja unseres eigenen
Kontinents, immer noch oder schon wieder sieht.

Wir Deutschen wollen diese Lektion beherzigen im Blick nach vorn,
im Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Dann - und
nur dann - haben wir Grund zur Zuversicht, daß sich die
Schrecken der Vergangenheit niemals wiederholen werden.