Trauerstaatsakt zu Ehren von Bundestagspräsident a.D. Dr. Rainer Barzel - Ansprache von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

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Liebe Frau Barzel!
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Herr Präsident des Bundesrates!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichtes!
Hochverehrte Trauerversammlung!

Wir sind heute zusammengekommen, um Abschied von Rainer Barzel zu nehmen. Das Leben Rainer Barzels verkörpert den ganzen Wandel, die Visionen und die Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts auf einzigartige Weise. Aus der bitteren Erfahrung von Totalitarismus und Krieg schöpfte Rainer Barzel nach dem Zweiten Weltkrieg die Kraft zum Neubeginn. Aus dem Verlust seiner Heimat Braunsberg in Ostpreußen heraus wirkte er an der Aussöhnung insbesondere mit Frankreich und Polen mit. Aus dem Kalten Krieg heraus bereitete er der Einheit Deutschlands in freier Selbstbestimmung den Weg.

Rainer Barzel gehörte einer Generation an, deren Lebenswirklichkeit sich in einem Dreivierteljahrhundert in beispielloser Form verändert hat. Das Deutschland, in dem er am 20. Juni 1924 geboren wurde, gibt es lange nicht mehr. Auch der Staat, den er mit aufgebaut hat, ist heute ein anderer.

Rainer Barzel ist im Laufe seines Lebens immer wieder Umbrüchen begegnet. Er hat die Kraft aufgebracht, sich Mut und Zuversicht zu bewahren. Den ersten großen Umbruch im Leben von Rainer Barzel bilden die schmerzhaften Erfahrungen von Krieg und NS-Diktatur. Aus den einschneidenden Erfahrungen jener Zeit erwuchs sein geradezu existenzielles politisches Anliegen: die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit in einem geeinten Europa. Daran hat er immer festgehalten, auch als andere es längst aufgegeben hatten. Dass wir heute hier im Berliner Reichstagsgebäude Abschied nehmen, ist ein Teil von Rainer Barzels Lebenswerk.

Er hat sich immer für die Menschen in der früheren DDR interessiert. Als junger Minister für gesamtdeutsche Fragen ist es ihm als Erstem gelungen, Menschen aus den Gefängnissen des real existierenden Sozialismus freizukaufen. Für Barzel stand immer der Mensch, das Individuum im Mittelpunkt. Er half, wo er helfen konnte. Er ließ auch die Möglichkeit des Freikaufs nicht aus, selbst wenn man dadurch dem diktatorischen Regime Geld gab, das dringend gebraucht wurde. Andere haben seine Freikaufpolitik später fortgesetzt.

In der Ostpolitik ging es ihm stets darum, bei allen Kontakten die deutsche Frage offen zu halten. Er hat das einmal so formuliert – ich zitiere:

"Mit beiden Füßen fest im Westen stehen und nach Osten die Hand reichen – nicht das Standbein verändern."

"Die Tür blieb offen" – so hieß auch sein Buch über die Ostverträge. Die Tür war offen geblieben. Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen – ein für Rainer Barzel zentraler Begriff – konnte 1989 endlich ausgeübt werden.

Wir alle wissen: Zu den tragischen Seiten des Lebens von Rainer Barzel gehört das Scheitern des konstruktiven Misstrauensvotums im Deutschen Bundestag 1972. Rainer Barzel stand damals kurz vor der Kanzlerschaft. Heute wissen wir, dass die Staatssicherheit der DDR beim Scheitern Barzels ihre Finger im Spiel hatte. Dieses Ereignis gehört sicher zu den dunkleren Kapiteln des Deutschen Bundestages. Wir alle können kaum ermessen, welch tiefe Wunden es auch bei ihm persönlich hinterlassen hat. Umso großartiger finde ich, dass er über diese Erfahrung nicht bitter geworden ist. Dass ihm immer auch der intensive Gedankenaustausch über Parteigrenzen hinweg wichtig war, ja dass er über Parteigrenzen hinweg persönliche Freundschaften pflegte, machte das Wesen dieses Mannes aus.

Deshalb, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt, ist es eine große Freude, dass Sie heute zu uns gesprochen und Zeugnis darüber abgelegt haben, wie politische Zusammenarbeit möglich ist. Rainer Barzel und Sie, Sie beide, haben vorgelebt, was es heißt, politisch durchaus unterschiedlicher Meinung zu sein – Sie haben eben so schön gesagt. Er war ein formidabler Gegner –, mit aller intellektuellen und rhetorischen Kraft für die eigene Position zu streiten, aber darüber eines niemals zu vergessen: Der demokratische Gegner ist Gegner, aber nicht Feind. Bei aller politischen Gegnerschaft – auch das haben Sie gezeigt – kann man befreundet sein, und zwar gerade, wenn der Umgang miteinander offen ist.

Rainer Barzel und Helmut Schmidt haben einander in der Zeit der ersten großen Koalition der Bundesrepublik Deutschland gut kennen und schätzen gelernt. Ich glaube, wir Jüngeren können gerade angesichts der heute gegebenen politischen Konstellationen viel von ihnen lernen. Sie beide haben maßgeblich die Arbeit der großen Koalition mitgeprägt und verantwortet. Sie haben dies im Geist von Vertrauen und Verlässlichkeit getan. Sie haben darüber Freundschaft geschlossen. Ihre Freundschaft hat auch die Jahre danach überdauert, in denen Rainer Barzel Führer einer für die Regierungsparteien gewiss nicht bequemen Opposition war. Deshalb glaube ich: Sie beide können uns allen als Vorbilder dafür dienen, wie um Positionen würdig gerungen wird, wie im Interesse des Ganzen der Konsens gesucht werden muss, aber auch, wie mit Dissens verantwortungsvoll umgegangen wird.

Rainer Barzel stand für eine Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Aber er wollte das nicht permanent wie eine Monstranz vor sich hertragen. Er wollte vor allem durch praktische Politik auf die Kraft des christlichen Menschenbildes hinweisen. Kurz: Er wollte sich als Christ in der Politik bewähren. In einem Gesprächsbuch von 1993 hat er das deutlich gemacht, indem er seine Zusammenfassung der Geschichte des barmherzigen Samariters anführte. Ich zitiere:

"In der Bibel gibt es die Geschichte von dem Mann, der nach Jericho geht. Er fällt unter die Räuber und alle gehen vorbei. Aber dann kommt einer und hilft. Er kniet sich nicht nieder und betet, sondern was macht er? Er wäscht den Mann, ölt ihn, packt ihn auf seinen Esel, bringt ihn in ein Gasthaus und zahlt. Das ist ein christliches Motiv für Politik: Dem Mann wird geholfen, indem man ihn konkret aus seiner Lage befreit und etwas tut, damit es ihm besser geht. Dann verspricht er auch noch: Ich komme auf der Rückreise wieder, um zu sehen, ob der Wirt auch alles richtig gemacht hat."

Hier kommt, wie ich finde, sehr schön zum Ausdruck, wie sich nach dem Verständnis von Rainer Barzel Christen in der Politik bewähren können. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies auch für uns noch heute über alle Parteigrenzen hinweg gelten sollte.

Rainer Barzel hat seinen christlichen Glauben als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens auch dadurch vorgelebt, dass er trotz schwerer Schicksalsschläge in seiner Familie nie seinen Lebensmut und seine Zuversicht verloren hat. Er fand immer Halt im Glauben. Uns tröstet der Gedanke, dass ihm dies auch in der Zeit seiner Krankheit und in seinen letzten Stunden geholfen haben möge.

Wir christlichen Demokraten verlieren mit Rainer Barzel einen ehemaligen Vorsitzenden, der viel für die CDU getan hat. Von 1964 bis 1973 war er Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, von 1971 bis 1973 auch Parteivorsitzender der CDU. Wir vermissen einen klugen Denker und Intellektuellen in unseren Reihen. Wir vermissen einen Christen, der das christliche Menschenbild immer mit Leben erfüllt hat.

Ich selber vermisse einen Menschen, dem ich viele gute Ratschläge und auch Post zu verdanken habe. Ich vermisse einen Menschen, der Humor hatte. So sagte er einmal einer Gruppe von neu im Bundestag vertretenen Grünen – von ihnen war schon die Rede –, die auch nach der Eröffnung der Sitzung stehen blieben. Ich zitiere:

"... üblicherweise arbeiten wir hier im Sitzen."

Mit dem Hinweis auf den ersten Redner räumte er dann ein: "Wenn Sie allerdings dem Abgeordneten Dr. Helmut Kohl damit Ihre Reverenz erweisen wollen, dann habe ich nichts dagegen."

Der Deutsche Bundestag hat einen durch und durch passionierten Parlamentarier und ehemaligen Präsidenten verloren. Die Würde und Autorität seines Auftretens kennzeichnen den Stil seiner Amtsführung. Er war beispielgebend. Rainer Barzel hat sich in besonderer Weise um unser Land verdient gemacht.

"Was war, wirkt nach" – so lautet der Titel des letzten Buches von Rainer Barzel. Rainer Barzel war ein aufrechter Demokrat. Seine moralische Größe wirkt in uns nach. Rainer Barzel war ein Patriot. Sein Beitrag zum Gelingen der Demokratie in Deutschland wirkt in uns nach. Rainer Barzel war ein Christ in der Politik. Sein Eintreten für grundlegende Werte wirkt in uns nach. Und was nachwirkt, lebt. Ja, Rainer Barzel ist gestorben. Aber seine Überzeugungen leben in uns weiter.