Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Kirgisistan und in der Ukraine vom 1. bis 6. Februar 1998 - Staatsbesuch in der Ukraine - Ansprache im ukrainischen Fernsehen

Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Kirgisistan und in der Ukraine vom 1. bis 6. Februar 1998 - Staatsbesuch in der Ukraine - Ansprache im ukrainischen Fernsehen

  • Bulletin 13-98
  • 18. Februar 1998

Bundespräsident Roman Herzog stattete der Kirgisischen Republik vom 1. bis 3.
Februar 1998 und der Ukraine vom 3. bis 6. Februar 1998 einen Staatsbesuch ab.

Bundespräsident Roman Herzog hielt im ukrainischen Fernsehen am 4. Februar
1998 folgende Ansprache:

Verehrte Bürgerinnen und Bürger der Ukraine,
liebe Freunde,

es ist eine Ehre und Freude für mich, heute zu Ihnen zu sprechen. Eine Ehre
ist es, als Präsident des wiedervereinigten Deutschlands der unabhängigen
Ukraine einen Staatsbesuch abzustatten, den ersten Staatsbesuch in der langen
Geschichte unserer beiden Länder. Eine besondere Freude ist es, als Freund
Ihres Landes zu kommen und im Geiste dieser Freundschaft allen Ukrainern die
Grüße meiner Landsleute zu überbringen.

Wir Deutschen fühlen uns mit Ihrem Land auf vielfältige Weise verbunden: Wir
haben Ihren Kampf um Unabhängigkeit mit großer Anteilnahme verfolgt und
bewundert. Dabei war uns stets bewußt, daß die Einheit Deutschlands und die
Unabhängigkeit der Ukraine die gleichen historischen Wurzeln haben: Den Sieg
der Idee von Demokratie und Freiheit. Auf dem Fundament dieses Sieges können
wir gemeinsam die Zukunft bauen.

Seit über tausend Jahren haben unsere Länder und Völker sich gegenseitig
durch fruchtbare Kontakte bereichert. Schon im 11. Jahrhundert riefen Mönche
aus meiner bayerischen Heimat den Kiewer Fürsten um Hilfe für den Bau einer
Kirche an, die noch heute die Stadt Regensburg schmückt. Mit ukrainischem
Großmut entsprach der Fürst dieser Bitte. Er schickte wertvolle Pelze, deren
Erlös zum Bau der Kirche beitrug. Nicht nur diese Geschichte aus der
Vergangenheit ist heute Ansporn für uns, mit gleichem Großmut der Ukraine zu
helfen, in einem Moment, in dem sie unserer Hilfe bedarf.

Gewiß, neben verbindenden Gemeinsamkeiten gibt es auch unendlich viel
Schmerzliches zwischen uns. Das düsterste Kapitel liegt jetzt fast ein
Menschenalter zurück. Die deutsche Okkupation der Ukraine während des Zweiten
Weltkriegs hat schlimme Spuren hinterlassen. Barbarische Verbrechen sind in
Ihrem Lande von Deutschen begangen worden. Wir ehren das Andenken der Opfer in
dem traurigen Bewußtsein, daß sie einer sinnlosen und verbrecherischen Politik
zum Opfer gefallen sind. Ich leide mit den Opfern und ihren Angehörigen, und
ich bin empört und beschämt über das, was ihnen angetan wurde. Lassen Sie uns
die Erinnerung an die Opfer aber zur Aufgabe für die Zukunft machen: Nie
wieder sollen Krieg und Zerstörung, nie wieder Haß und Unterdrückung Leid über
die Menschen bringen und diesen Kontinent zerreißen.

Die Menschen in Deutschland wissen um die Probleme, die der Alltag in den
schwierigen Zeiten des Übergangs für viele von Ihnen mit sich bringt, und sie
nehmen großen Anteil daran. Wir Deutschen wissen ja aus eigener Erfahrung, wie
schwer die Modernisierung eines Landes ist. Im Osten Deutschlands müssen wir
den gleichen Umbruch bewältigen wie die Ukrainer im ganzen Land.

Wenn Sie die begonnenen Reformen aber zielstrebig vorantreiben, werden Ihre
Anstrengungen und Opfer nicht vergeblich sein. Und ich füge hinzu: Der
eingeschlagene Weg ist der richtige, auch wenn er schwierig ist; nur es gibt
zu ihm - trotz aller Härten - keine Alternative.

In dieser Lage sollen Sie wissen: Beim Aufbau einer neuen Zukunft sind Sie
nicht allein. Deutschland steht an Ihrer Seite. Ich möchte jedem von Ihnen
zurufen: Geben Sie Ihren Kampf um ein besseres Leben nicht auf! Wir arbeiten
mit Ihnen zusammen. Wir helfen mit eigenen Erfahrungen in der Wirtschaft und
bei der Reform des Rechtswesens. Wir helfen im Rahmen des uns Möglichen mit
Kapital. Rund 180 deutsche Firmenbüros und fast 600 Unternehmenskooperationen
im ganzen Lande arbeiten dafür, Ihnen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und den
Aufschwung zu erleichtern.

Sie werden es schaffen. Ich habe Vertrauen in die Zukunft Ihres Landes. Nicht
nur, weil ich den Glauben Ihres Nationaldichters Schewtschenko an die Zukunft
und die Kraft des menschlichen Verstandes teile. Sondern weil ich weiß: Ihre
Ingenieure und Wissenschaftler gehören zu den besten der Welt. Ihr Land hat
fleißige Menschen, die bereit sind, hart zu arbeiten. Ich vertraue auf Ihre
Tatkraft, auf Ihren Willen, in schweren Zeiten die Fundamente für eine bessere
Zukunft zu legen. Sie sind jetzt in der Mitte des Stroms, es geht nur noch
nach vorn und nicht mehr zurück.

Die Ukraine ist reich an Regionen, die ihre eigene Geschichte und ihr
besonderes Gesicht haben. Das ist in Deutschland nicht anders. Und wir haben
erfahren, daß auch eine solche Vielfalt eine Kraftquelle sein kann. Ich bin
sicher, daß auch die Ukraine diese Erfahrung machen wird.

Die Ukraine gehört zu Europa. Ihre Geschichte, ihre Kultur sind europäisch.
Wir Deutschen empfinden die Hinwendung Ihres Landes zu den gemeinsamen
europäischen Werten als Bereicherung und Stärkung unseres Kontinents. Die
Werte, die die Ukraine mit Westeuropa teilt, waren über den größten Teil
dieses Jahrhunderts verschüttet. Jetzt kann wieder lebendig werden, was durch
die ideologischen Verirrungen der Vergangenheit gelähmt war. Wir werden
zusammenarbeiten: kulturell, wirtschaftlich, politisch. Wir werden unsere
Jugend auf ein neues Zeitalter der Partnerschaft und Freundschaft vorbereiten.
Große Möglichkeiten und Chancen liegen vor uns.

Am Ende dieses schrecklichen Jahrhunderts bietet uns die Geschichte die
großartige Chance, daß Deutsche und Ukrainer - gemeinsam mit allen anderen
Europäern - ein Europa der Freiheit, der Demokratie, des Wohlstands und der
Menschenrechte bauen. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert wollen wir die
Grundlagen eines solchen Europas schaffen - für unsere Kinder und Enkel, das
wertvollste, was wir haben. Lassen Sie uns dafür gemeinsam arbeiten. Es ist
ein Ziel, das alle Mühen wert ist.

In Ihrem Land gibt es eine Legende, die, wie ich höre, von den alten Leuten
erzählt wird: Als Gott die Erde schuf und alles fertig war, hatte er sie am
sechsten Tag unter den Völkern aufgeteilt. Sie waren alle gekommen und
erhielten ihren Teil. Nachdem Gott jedem sein Land gegeben hatte, stellte sich
zuletzt der Ukrainer ein. Gott fragte: "Wo warst Du?". Er antwortete: "Ich war
in der Kirche und habe für Dich gebetet." Und Gott schenkte ihm das schönste
Stückchen Erde. Daß diese Legende im 21. Jahrhundert wieder zur Realität für
die Menschen in der Ukraine wird, wünsche und hoffe ich von Herzen.

Boshe Ukrajinu Bereshi (Gott bewahre die Ukraine)

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