offizieller besuch des bundeskanzlers in kanada vom 15. bis 18. juni 1988

  • Bulletin 86-88
  • 23. Juni 1988

empfang im kongresszentrum

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt am 16. juni 1988
bei einem abendessen, gegeben vom premierminister
von kanada, brian mulroney, im kongresszentrum
in ottawa nachstehende ansprache:

herr premierminister, sehr verehrte gnaedige frau,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!

ich darf ihnen, herr premierminister, und ihrer verehrten
gattin sehr herzlich danken, auch im namen meiner frau
und meiner delegation, fuer diesen freundschaftlichen
empfang, den wir hier bei ihnen in kanada erfahren haben.
vom ersten augenblick an spuerten wir die waerme ihrer
gastfreundschaft, die freundschaftlichen gefuehle und,
wie sie eben sagten, den empfang unter freunden.
der letzte besuch eines deutschen bundeskanzlers liegt
schon sieben jahre zurueck. wir haben uns aus gutem
grund vorgenommen, uns in zukunft haeufiger zu treffen.
es ist gut, dass wir diesen vorsatz so schnell realisieren
koennen. ihr besuch in bonn im letzten monat und mein
heutiger bei ihnen unterstreichen den gemeinsamen willen
zum dialog, zur verbindung, zur verstaerkung der politischen
beziehung.
unsere beiden laender und ihre menschen eint eine in
jahrhunderten gewachsene geschichtliche verbundenheit.
dies ist eine natuerliche grundlage fuer partnerschaft und
freundschaft.
kanada hat schon immer auf die deutschen eine grosse
anziehungskraft ausgeuebt. so waren zum beispiel aus
meiner engeren heimat, der pfalz, dem land zwischen rhein
und franzoesischer grenze, viele zur besiedlung kanadas
gekommen.
prinz rupprecht von der pfalz gruendete 1670 die
hudsonbay-company. die mehrzahl der 1600 einwanderer, die
1753 die stadt lunenburg in neuschottland gruendeten,
kamen aus meiner engeren heimat. pfaelzer siedler, die
waehrend des amerikanischen unabhaengigkeitskrieges der
britischen krone treu blieben, gruendeten nach dem kriege
einen neuen wohnsitz in sued-ontario.

seit bestehen der kanadischen konfoederation 1867 bis
heute betraegt der anteil der kanadier, die aus deutschland
gekommen sind, etwa 10 prozent. unter den einwanderern
aus unserem land waren viele handwerker und facharbeiter.
auf grund ihrer fertigkeiten und ihres fleisses ist es
ihnen meistens schnell gelungen, in dieser neuen heimat
fuss zu fassen.
viele von ihnen haben angesehene stellungen in politik,
wirtschaft und gesellschaft kanadas erworben und waren
und sind auch heute mit grossem einsatz fuer die vertiefung
der deutsch-kanadischen beziehungen taetig, wofuer ich
besonders danke.
ich freue mich, viele von ihnen heute abend hier begruessen
zu koennenue ihnen gilt mein besonderer dank, dass sie als
loyale und engagierte buerger kanadas auch dazu beitragen,
dem deutschen namen ansehen und ehre zu verschaffen.
stellvertretend fuer sie alle nenne ich herrn staatsminister
frank oberle, der nicht weit von meiner eigenen
heimatstadt in der bundesrepublik deutschland geboren wurde.
meine damen und herren, es gab zeiten, in denen es
schwer war, auf die deutsche herkunft stolz zu sein:
zweimal - ich sprach heute davon im parlament - haben unsere
voelker gegeneinander krieg gefuehrt.
die verbrechen der hitlerzeit haben einen weiten und tiefen
schatten auf das ansehen der deutschen geworfen. mit
hilfe und verstaendnis unserer freunde, zu denen kanada
von anfang an gehoerte, konnten wir diese duestere epoche
ueberwinden und sind teil der gemeinschaft der
freiheitlichen demokratien geworden: wir sind entschlossen,
auf diesem fundament unserer gemeinsamen
wertvorstellungen auch die zukunft zu bauen.
einen wichtigen beitrag dazu erbringt die zusammenarbeit
in der nato. ich darf die gelegenheit nutzen, ihnen, herr
premierminister, ihrer regierung und allen ihren
landsleuten dafuer zu danken, dass soldaten, soehne ihres
landes, taeglich aufs neue einen beitrag zur gemeinsamen
verteidigung leisten.
es ist ein gluecklicher umstand, dass unsere beziehung auch
damit eine besondere menschliche dimension hat: eine
grosse anzahl von kanadischen soldaten und ihren familien
hat in den letzten 40 jahren in der bundesrepublik
deutschland gelebt, und, wie ich immer wieder erfahren habe,
haben sie sich offensichtlich bei uns wohlgefuehlt.
sie waren gute botschafter kanadas. nach ihrer rueckkehr
in die heimat sind viele von ihnen unserem land verbunden
geblieben. all denen, die ihre pflicht und ihren dienst in
diesem sinne leisten, gilt mein ganz persoenlicher dank.
umgekehrt lernten mehr als 75000 angehoerige der
bundeswehr, die in den letzten 12 jahren in kanada lebten,
ihr land kennen und schaetzen. die bundesregierung weiss
dankbar zu wuerdigen, dass ihnen in shilo range und goose
bay ausbildungsmoeglichkeiten geboten werden, die sie bei
uns in deutschland nicht finden koennen. hier zeigt sich in
einer beispielhaften weise lastenteilung, im buendnis. die
nato ist mehr als ein militaerbuendnis. die mitglieder der
nato verbinden gemeinsame wertvorstellungen.
gemeinsam treten wir ein fuer frieden, freiheit, soziale
gerechtigkeit und menschenrechte.

wir in der bundesrepublik wissen zu schaetzen, mit welchem
engagement und welcher sachkunde kanada seinen
beitrag im rahmen der nato geleistet hat und leistet. ich
denke, ich darf in diesen tagen daran erinnern, dass
generalsekretaer gorbatschow nicht zufaellig hier in kanada
wichtige erfahrungen und eindruecke von einem freien land
gewonnen hat.
auch wir in der bundesrepublik deutschland leisten unseren
beitrag zur gemeinsamen verteidigung. wir bemuehen uns
zugleich um konstruktive west-ost-beziehungen, denn in
deutschland als geteiltem land und nicht zuletzt in unserer
alten hauptstadt, im geteilten berlin, kann man die
notwendigkeit der ueberwindung des ost-west-konfliktes jeden
tag erfahren.
wir muessen dazu gemeinsam mit unseren freunden die
ziele und interessen bestimmen und sie gemeinsam
durchsetzen. nur so koennen wir die chancen nutzen, die
sich aus einer moeglichen neuorientierung der sowjetischen
aussenpolitik ergeben.
nur wenn wir das rechte augenmass bewahren, festigkeit in
der sache mit geschmeidigkeit in der form verbinden, dann
koennen wir auf gute ergebnisse hoffen.
beharrliche, nuechterne und im besten sinne offene
verhandlungsfuehrung haben mit dem inf-vertrag einen
historischen durchbruch in der abruestung erbracht. wir
wollen, dass diesem ersten schritt weitere folgen.
kernproblem der militaerischen sicherheit in europa ist das
konventionelle uebergewicht und die faehigkeit des
warschauer paktes zu ueberraschenden angriffen. diese quelle
der instabilitaet zu beseitigen, wird vorrangiges ziel der
konferenz ueber konventionelle stabilitaet in europa sein,
ueber deren mandat zur zeit in wien verhandelt wird.
bereits beim treffen der nato-aussenminister in halifax
1986 hatte unser buendnis die initiative ergriffen, durch
verhandlungen konventionelle stabilitaet auf einem
niedrigeren niveau mit gleichen obergrenzen herzustellen.
dieses treffen in halifax hat kanadas hervorragende rolle
im ruestungskontrollprozess unterstrichen.
auch gegenueber den laendern der dritten welt verfolgt ihr
land eine politik, die die westliche solidaritaet wahrt,
gleichzeitig ihrem land ansehen und sympathie verschafft.
die zugehoerigkeit zu commonwealth und frankophonie
- gewachsen aus der grossen geschichte ihres landes -
begruendet eine mittlerfunktion, die kanada gegenueber
vielen jungen afrikanischen und auch asiatischen laendern
einnimmt.
kanadas stimme hat gewicht im nord-sued-dialog. seine
eigenstaendige rolle und sein internationales engagement
bei friedenserhaltenden massnahmen wird in den vereinten
nationen hoch geschaetzt.
herr premierminister, unsere gespraeche haben erneut
bestaetigt, wie sehr unsere prinzipien und vorstellungen
uebereinstimmen. die beziehungen unserer laender sind
harmonisch und spannungsfrei.
ich habe das gute verhaeltnis unserer beiden laender und die
persoenlichen bindungen ihrer buerger erwaehnt. die wahre
dimension unserer beziehungen wird aber besonders
erkennbar, wenn man die hervorragenden
wirtschaftsbeziehungen einbezieht.
die bundesrepublik deutschland und die europaeische
gemeinschaft insgesamt sind zur zeit der am staerksten
expandierende exportmarkt kanadas. etwa 200 kanadische
tochtergesellschaften deutscher firmen produzieren in
ihrem land und geben weit mehr als 20000 kanadiern
arbeit.
kanada ist attraktiv geworden fuer direktinvestitionen.
den regen handels- und wirtschaftsbeziehungen entspricht
auch der enge austausch in den internationalen
wirtschaftsforen. er wird sich, wie schon in den letzten jahren
immer wieder, auch auf dem wirtschaftsgipfel in toronto erneut
und eindrucksvoll bestaetigen.
herr premierminister, sie haben sich bereits im vorfeld
dieses toronto-gipfels in einer ueberzeugenden weise
persoenlich engagiert.
bei unseren vorbereitenden gespraechen in bonn waren wir
uns einig, dass es keinerlei alternative zur strategie der
internationalen zusammenarbeit bei der loesung der
weltwirtschaftsprobleme gibt. mein land, die bundesrepublik
deutschland, mit einer exportquote von 35 prozent, ist
besonders in fragen des unbehinderten warenaustausches
engagiert.
ich verfolge deshalb das freihandelsabkommen zwischen
kanada und den vereinigten staaten von amerika mit
ebenso grosser sympathie wie verstaendnis, und ich vertraue
auf das traditionelle engagement kanadas fuer den freien
welthandel.
dem freien welthandel verpflichtet bleibt auch die
europaeische gemeinschaft. sie ist seit langem zu einer
eigenstaendigen kraft in der weltwirtschaft und damit in der
weltpolitik herangewachsen.
mit einer neuen vitalitaet und dynamik gehen wir in der eg
den weg zur europaeischen union. mit neuem schwung
stellen wir uns der herausforderung, bis zum jahre 1992
den europaeischen binnenmarkt zu vollenden. bereits
wenige tage nach meiner rueckkehr in die bundesrepublik
deutschland werden wir in hannover auf dem naechsten
eggipfel einen weiteren wichtigen schritt in richtung einheit
europas gehen.
es erfuellt mich deshalb mit grosser genugtuung, dass
regelmaessige kontakte ihres landes mit der eg im rahmen der
europaeischen politischen zusammenarbeit vereinbart sind.
ich bin ueberzeugt, dass dadurch ein gutes und sicheres
fundament fuer einen umfassenden dialog geschaffen wurde.
wir wissen, dass kanada am prozess der europaeischen
einigung grossen anteil nimmt. nicht nur geschichte und kultur
verbinden ihr land mit dem alten europaeischen kontinent,
sondern auch viele gemeinsame interessen.
ein politisch und wirtschaftlich starkes und geeintes
westeuropa leistet einen wesentlichen beitrag zum buendnis der
freiheit mit unseren freunden in den nordamerikanischen
demokratien.
dies zu verdeutlichen, ist absicht meines besuchs in ihrem
lande, den ich auch in meiner eigenschaft als gegenwaertiger
praesident der europaeischen gemeinschaft abstatte.

herr premierminister, ich danke ihnen sehr herzlich fuer
diese gastfreundschaft. es war ein besuch bei freunden.
wir haben uns in diesen jahren immer wieder getroffen. wir
haben bei vielen wichtigen internationalen konferenzen
zusammengewirkt, und es ist weit ueber das amtliche hinaus
eine persoenliche freundschaft erwachsen.
nun bin ich ein realist, und ich weiss, dass persoenliche
beziehungen die grossen fragen der politik nicht loesen
koennen. aber ich will heute abend doch bekennen, dass es gut
ist, dass auch im politischen alltag, in der verbindung von
fuehrenden repraesentanten der staaten, persoenliche
beziehungen vieles erleichtern koennen.
es ist fuer mich eine ehre und eine freude, dass diese
freundschaft unter uns gewachsen ist, freundschaft zu
einem mann, der mit grosser leidenschaft und
ernsthaftigkeit die interessen seines landes vertritt, der
aber immer auch fuer die probleme des anderen offen war,
auch fuer die unseren. dafuer vielen herzlichen dank!
meine damen und herren, ich darf mir erlauben, das glas
zu heben und sie zu bitten, auf das wohl meines freundes
brian mulroney, ihres premierministers, zu trinken, auf das
wohl seiner gattin und auf die freundschaft zwischen
unseren beiden laendern! und ich sage es in der sprache
meiner heimat: prost!


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