offizieller besuch des bundeskanzlers in kanada vom 15. bis 18. juni 1988

  • Bulletin 86-88
  • 23. Juni 1988

besuch in kitchener

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem empfang
fuer deutsch-kanadier im concordia club in kitchener am
17. juni 1988 die nachstehende ansprache:

meine herren minister,
meine sehr verehrten damen und herren,
und ich denke, ich darf sagen: liebe freunde!

das erste, was ich sagen will, ist ein herzliches wort des
dankes fuer dieses freundliche willkommen und vor allem fuer
den gesang. wir waren sofort zu hause, obwohl ich auch zu
hause wegen meiner geringen sangeskunst nie in den chor
aufgenommen wurde. aber ich kann mich troesten, mein
grossvater, der lehrer in meiner heimatstadt ludwigshafen
war, hat ein leben lang, wie das in seiner generation ueblich
war, die orgel in der pfarrkirche gespielt, den caecilien-
chor dirigiert und - wie er auch dort hiess - den concordia-
chor.
es ist fuer mich und meine frau und die mitglieder meiner
delegation eine ausgesprochene freude, dass ich heute
abend aus anlass meines staatsbesuches in kanada und am
vorabend des weltwirtschaftsgipfels in toronto hier zu
ihnen nach kitchener-waterloo zu besuch kommen kann,
einem platz in kanada, an dem wie in einem brennspiegel
die schicksale unserer landsleute, die den weg aus der
alten heimat in die neue heimat gefunden haben, in
jahrzehnten, ja in weit ueber hundert jahren, widergespiegelt
werden.
ich weiss aus briefen und aus der schilderung einzelner
schicksale, nicht zuletzt aus meiner engeren heimat, aus
der pfalz, wieviel kraft aus unserem alten vaterland nach
beiden kriegen, zur zeit der nazis, nach der
wiedergewinnung der souveraenitaet der bundesrepublik
ueber den ozen hierher gewandert ist.
ich weiss um manche tragoedie, die sich ereignet hat, und um
manche hoffnung, die sich nicht erfuellt hat. aber ich weiss
natuerlich auch, wieviel kraft, wieviel dynamik hier in kanada
einen neuen grund und neue wurzeln gefunden hat.
deswegen ist das erste, was ich ihnen von herzen zurufen
moechte, ein herzliches wort des grusses aus der alten
heimatue und wenn ich alte heimat sage, dann meine ich die
ganze alte heimat, ich meine unsere bundesrepublik
deutschland und insbesondere auch die ddr, in der ich vor
drei wochen mit meiner familie zum ersten mal zu einem
privaten besuch war, zu einem besuch ohne jeden
offiziellen kontakt. ich nahm die chance wahr, wie
hunderttausende unserer mitbuerger einfach hinueberzufahren.
wir waren in gotha, wir waren in weimar, in erfurt im dom,
und wir haben das wiedererstandene dresden gesehen, mit
einem wort: wir waren zweieinhalb tage mitten in
deutschland!
aus den begegnungen mit hunderten, an manchen plaetzen
waren es schnell weit ueber tausend, die dort zusammenliefen,
habe ich einmal mehr gespuert, dass wir in deutschland
trotz trennung zusammengehoeren. und ich sage ihnen dies
gerade heute, an diesem tag, am 17. juni. denn heute vor
35 jahren zogen die arbeiter die stalin-allee in ost-berlin
entlang, riefen zunaechst nach einer verbesserung der
normen und in stunden danach riefen sie in berlin und
ueberall in der ddr nach mehr freiheit.
sie wissen, wie es weiterging, wie nach diesem 17. juni
1953 das, was sich als ein aufbegehren nach mehr freiheit
kundtat, niedergeschlagen wurde. aber der wille der
deutschen, wo immer sie leben, nach einem freien leben,
nach gerechtigkeit, nach frieden ist vor 35 jahren nicht
niedergeschlagen worden.
es zeigt sich gerade jetzt in diesen letzten jahren und bis
in die letzten monate hinein, wo so viel zwischen west und
ost in bewegung geraten ist, mit dem abschluss des ersten
abruestungsvertrages in der geschichte zwischen den
vereinigten staaten von amerika und der sowjetunion, dass
sich die tueren einen spalt breit oeffnen.
wir in deutschland sind vor allem auch nutzniesser dieser
entwicklung, denn nachdem die beziehungen jahrelang
nahezu abgeschnitten waren, sind im letzten jahr weit ueber
3 millionen unserer landsleute aus der ddr zu uns in die
bundesrepublik zu besuch gekommen. und es werden
in diesem jahr - so wie die dinge sich entwickeln - noch
mehr sein. ich hoffe, wir werden die zahl von 4 millionen
ueberschreiten. viele von ihnen, fast drei viertel von
ihnen, sind zum ersten mal in ihrem leben in einem freien
land.
meine damen und herren, nicht wenige von ihnen haben ja
den weg hierher nach kanada genommen, um freiheit zu
finden. deswegen verstehen sie, mit welchen gefuehlen
unsere landsleute aus der ddr, aus dresden, aus leipzig,
weimar oder potsdam zu uns kommen, nach bonn,
nach frankfurt, nach muenchen, nach hamburg, und diese
welt, die fuer sie eine neue und eine freie welt ist,
beobachten.
ich spreche an diesem tag, am 17. juni, der ja unser
feiertag ist, auch vor ihnen davon, weil sie etwas wissen
und wissen sollen von den gefuehlen, die uns in unseren
herzen an einem solchen tag bewegen. grossartige maenner
und frauen haben in der stunde null unserer geschichte
nach dem krieg die bundesrepublik deutschland als
das angebot eines freien staates gegruendet. diese maenner
und frauen haben uns die wohl bisher freiheitlichste und,
wie ich glaube, beste verfassung in unserer geschichte
geschenkt.
in der praeambel dieser verfassung bekennen wir deutsche
uns zur einheit der nation, zum menschenrecht, selbst zu
bestimmen, welchen weg in die geschichte wir nehmen
wollen.
und ich bin heute als kanzler der bundesrepublik
deutschland, hier, um auch ihnen und unseren landsleuten, die
hier in kanada eine neue heimat gefunden haben, zu sagen: wir
halten an diesem prinzip der einheit unserer nation fest,
der freiheit fuer alle deutschen!
ich will noch eine weitere nachricht hinzufuegen, die ich
als eine besonders gute nachricht empfinde. im rahmen der
politischen entwicklungen ist es uns jetzt gelungen, dass
mehr unserer landsleute, die durch die geschichte hindurch
bis in die juengste zeit mit ihren familien in laender in
mittel-, suedost- und osteuropa verschlagen waren, ihren
wunsch auf ausreise erfuellt bekommen.
jahr fuer jahr kommen zu uns 12000 bis 15000 von den
150000 rumaeniendeutschen, die heraus wollen, heraus
muessen, weil die dortigen verhaeltnisse unertraeglich
geworden sind. zehntausende kommen aus polen. nach unseren
verhandlungen mit der sowjetischen regierung ist auch die
zahl derer, die aus der sowjetunion in die alte heimat
zurueckkommen, deutlich gestiegen.
ich weiss nicht, wie die zahl bis ende des jahres aussehen
wird, aber ich glaube, sie wird nicht weit von hunderttausend
entfernt sein, bei immerhin ueber zwei millionen
deutschstaemmigen, die heute in der sowjetunion leben.
ich moechte ihnen diese botschaften ueberbringen, damit sie
sehen, dass wir im sinne der praeambel unseres
grundgesetzes niemanden von unseren landsleuten vergessen.
und ein letztes, was ich sagen will, ist ein gruss aus der
heimat: gehen sie davon aus,
- dass diese bundesrepublik deutschland als der freie teil
unseres vaterlandes bei allen sorgen, die wir noch
haben, eine gute entwicklung nimmt,
- dass dort eine junge generation heranwaechst, auf die wir
stolz sein koennen, junge leute, die zum ersten mal in
ihrem leben die chance haben werden, zeit ihres lebens
in frieden und freiheit zu leben,
- dass wir in vier jahren gemeinsam mit unseren freunden
in westeuropa, allen voran mit unseren franzoesischen
freunden, den grossen europaeischen binnenmarkt bauen,
einen markt, eine europaeische einheit von 330 millionen
menschen.

ich hoffe sehr - das war auch der sinn meiner gespraeche
mit brian mulroney und anderen in diesen tagen und
stunden -, dass wir, die europaeer, die wir uns in der eg
zusammenschliessen, mit den amerikanern in den vereinigten
staaten von amerika und den kanadiern in vielfaeltigen
bindungen zueinander stehen, nicht zuletzt zum
wirtschaftlichen vorteil beider seiten. ich glaube, dass das
eine fortsetzung von dem ist, was wir uns gegenseitig schulden.
in zwoelf jahren, liebe freunde, ist dieses jahrhundert zu
ende. es ist ein jahrhundert, das zwei weltkriege gesehen
hat, viel blut, viel not, viel elend, auch schlimmes, was in
deutschem namen geschehen ist. es ist eine neue
generation, die generation unserer kinder, herangewachsen,
die von all dem aus eigenem erleben nichts mehr weiss,
die nach vorne blickt, die einen weiten horizont vor
sich hat.
und ich hoffe, dass diese jungen, die bei uns aufwachsen,
und die jungen, die hier stehen, die buerger kanadas sind
und trotzdem eine grosse europaeische, eine deutsche
tradition und geschichte in sich tragen, wieder bruecken
zueinander schlagen, dass das, was die alte und die neue welt
sich auch gegenseitig geschenkt und gegeben haben, frucht
traegt.
dann hoffe ich vor allem, dass sich in noch moeglichst langen
zeiten auch die menschen hier in kitchener-waterloo, in der
concordia immer wieder versammeln, um gemeinsam die
alten lieder zu singen und den kontakt zur alten heimat zu
pflegen, und dass das ganze in einem sinne geschieht, dass
wir wissen, wir haben gemeinsam versucht, aus der
geschichte zu lernen - mehr frieden, mehr gerechtigkeit,
mehr freiheit fuer die menschen.
wenn wir das als deutsche und wenn wir das als kanadier
tun, dann tun wir einen akt der menschlichkeit.
fuer mich ist es eine ehre und eine ganz besondere freude,
sie heute abend zu begruessen. ich wuensche uns einen
interessanten abend, und ich wuensche uns vor allem eine
gute zeit!
ihnen allen gottes segen auf ihrem weg!


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