Offizieller Besuch des Bundeskanzlers in Indonesien, auf den Philippinen und in Japan vom 26. Oktober bis 2. November 1996 - Besuch in Japan - Abendessen in der Residenz des Ministerpräsidenten

  • Bulletin 95-96
  • 25. November 1996

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl stattete der Republik Indonesien vom 26. bis 29.
Oktober 1996, der Republik der Philippinen vom 29. bis 31. Oktober 1996 und
Japan vom 31. Oktober bis 2. November 1996 einen offiziellen Besuch ab.

Besuch in Japan

Abendessen in der Residenz des Ministerpräsidenten

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich des Abendessens, gegeben vom
Ministerpräsidenten von Japan, Ryutaro Hashimoto, in dessen Residenz in Tokio
am 1. November 1996 folgende Rede:

Herr Ministerpräsident,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst möchte ich hier meine früheren Kollegen begrüßen (Anmerkung:
Ministerpräsident a.D. Nakasone, Ministerpräsident a.D. Takeshita,
Ministerpräsident a.D. Hata). Ich empfinde es als eine große Ehre, daß Sie
heute abend hierher gekommen sind. Wir sind eine lange Wegstrecke zusammen
gegangen. Daher ist es mir eine große Freude, Sie heute abend hier zu sehen.

Herr Ministerpräsident, Sie hatten die Freundlichkeit, mich heute auf den
Jahrestag meiner Amtszeit anzusprechen. Für das Erreichen einer solch langen
Regierungszeit kann ich Ihnen keinen Rat geben, kein Geheimnis verraten. Ich
kann nur sagen, was helfen könnte: sich nicht von den Aufgeregtheiten
aktueller Debatten beeindrucken lassen und auf den Rat guter Freunde hören,
nicht die Lebensfreude verlieren und nicht den Mut sinken lassen, wenn andere
den nahen Sturz prophezeien.

Herr Ministerpräsident, ich gratuliere Ihnen zu Ihrem beeindruckenden
Wahlergebnis. Ich denke, daß Sie jetzt eine große Zeit vor sich haben. Ich
wünsche Ihnen und dem japanischen Volk viel Glück und Erfolg auf diesem Weg.
Ich möchte Ihnen, Herr Ministerpräsident, auch herzlich für die
Gastfreundschaft und den freundschaftlichen Empfang danken, den Sie mir und
meiner Delegation bereitet haben.

Japan genießt in Deutschland große Sympathie, viel Respekt und vor allem ein
ganz ungewöhnliches Interesse. Dies nicht zuletzt deswegen, weil Ihr Land eine
alte große Kultur verkörpert, die uns Deutsche immer wieder anzieht. Unsere
Länder verbindet eine altbewährte Freundschaft, die wir in den letzten
Jahrzehnten ausgebaut haben.

Herr Ministerpräsident, lieber Freund, ich möchte als Ergebnis unserer
heutigen Gespräche festhalten: Es ist jetzt an der Zeit, daß wir unseren
Beziehungen einen qualitativen Schub geben und daß wir in einer dramatischen
Veränderung in der Welt nicht nur auf die Gefahren starren, sondern auf die
Chancen achten.

Zu den deutsch-japanischen Beziehungen gibt es viel Gutes zu sagen. Sie sind
vielfältig, sie sind freundschaftlich, sie sind problemfrei. Bei meinem
letzten Besuch 1993 habe ich mich, Herr Ministerpräsident, mit Ihrem Vorgänger
auf die Gründung des Deutsch-Japanischen Kooperationsrates für Hochtechnologie
und Umwelttechnik verständigt. Dieses Gremium hat gute Arbeit geleistet. Es
wird ernsthaft über konkrete Technologieprojekte diskutiert.

Ferner haben wir heute vereinbart, daß wir uns jährlich treffen wollen. Wir
haben bereits einen Termin in Aussicht genommen. Wir werden uns im Juni 1997
aus Anlaß des G7-Gipfels in den USA treffen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir
uns einen Tag Zeit nehmen und etwas tun, was die Unternehmer hier besonders
freut: Wir wollen eine Erfolgskontrolle durchführen, das heißt bewerten, was
aus dem geworden ist, was wir heute verabredet haben.

In erster Linie geht es uns um möglichst viele Kontakte, insbesondere um
Kontakte zwischen der deutschen und der japanischen Wissenschaft, zwischen
deutschen und japanischen Firmen. Es geht uns darum, mehr junge Leute
zueinander zu bringen, den Studenten- und Jugendaustausch zu fördern, um die
Kultur und Denkweise des jeweils anderen Volkes besser kennenzulernen. Eines
ist sicher – und das ist auch eine der Erfahrungen unserer Zeit:
Wirtschaftliche Beziehungen, die nicht eng verbunden sind mit dem Austausch
kultureller Erfahrungen, werden auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Weder Japan noch Deutschland können beiseite stehen bei der Lösung der großen
internationalen Herausforderungen. Wenn es um den Frieden und die Aussöhnung
mit der Schöpfung geht, wenn es darum geht, Menschen in ärmeren Ländern zu
helfen, die sich selbst nicht helfen können, dann haben wir eine gemeinsame
Verantwortung.

Eine weitere neue Chance eröffnet sich: die Chance der Zusammenschlüsse der
Regionen, wichtiger Regionen in der Welt. In Ihrer Region sind das die
Zusammenschlüsse von APEC und ASEAN, sowie der Dialog zwischen den EU-Staaten
und Asien, zu dem wir uns vor ein paar Monaten in Bangkok getroffen haben. Bei
uns in Europa ist es der Bau des Hauses Europa; daneben gibt es neue
Entwicklungen in Lateinamerika und Nordamerika, wenn Sie an MERCOSUR und an
NAFTA denken.

Meine Botschaft heute abend ist auch: Sie sollen wissen, daß wir das Haus
Europa bauen. Die Wirtschafts- und Währungsunion wird vollendet. Wir werden im
Juni nächsten Jahres den Vertrag über die zweite Regierungskonferenz
abschließen. Was immer Sie lesen und hören: Der Euro wird kommen, auch wenn
professionelle Besserwisser jeden Tag Neues prophezeien. Jetzt werden die
Hausaufgaben gemacht, und im Frühjahr 1998 die Noten verteilt. Es ist wie in
der Schule: Mit dem Zwischenzeugnis wird man nicht immer versetzt. Es kommt
auf das Schlußzeugnis an. Wir müssen dafür auch in Deutschland noch viel tun,
aber gehen Sie davon aus, daß wir es tun werden.

Für Sie ist wichtig, daß Sie sich darauf verlassen können. Ich hatte heute die
ungewöhnliche Ehre, in Ihrer Börse zu sein. In einer der größten Projekte der
modernen deutschen Wirtschaftsgeschichte wird die Aktie der Telekom in wenigen
Tagen auch hier in Tokio an der Börse plaziert.

Am Beispiel der Plazierung der Telekom-Aktie hier in Japan, am Beispiel der
vielen Absprachen, die wir gemeinsam getroffen haben, zeigt sich, daß wir
wissen, daß in wenigen Jahren das 21. Jahrhundert beginnt. Wir müssen jetzt
gemeinsam die Zukunft gestalten. Wir wollen das gemeinsam mit unseren
japanischen Freunden tun. Gemeinsam heißt auch, daß wir für einen freien,
offenen Welthandel eintreten. Wir beide, Japan und Deutschland, leben vom
freien Welthandel als Exportnationen.

Daher ist es auch wichtig, daß wir in unseren Ländern gegenseitig für mehr
Verständnis werben. So danke ich Ihnen, daß Sie sich bei der „EXPO 2000“ in
Hannover voll engagieren. Sie bewerben sich für die Weltausstellung 2005. Wir
wollen Sie gerne dabei unterstützen.

Ehrlicherweise müssen wir auch feststellen, daß wir in vielen Feldern
Konkurrenten sind. Das ist kein Gegensatz zu unserer Freundschaft, die in
vielen langen Jahren gewachsen ist und sich auch in schwierigen Zeiten bewährt
hat. Ich denke voller Dankbarkeit an die Sympathie, die wir in Japan beim
Prozeß der deutschen Einheit erfahren haben. Das werden wir nie vergessen.

Herr Ministerpräsident, lassen Sie uns aufbrechen zu neuen gemeinsamen Taten!
Darauf möchte ich mit Ihnen anstoßen. Ich möchte anstoßen auf unseren
gemeinsamen Weg in der Geschichte und darauf, daß wir daraus die Kraft für
eine gemeinsame große Zukunft schöpfen. Ich erhebe mein Glas und darf die
Anwesenden bitten, das gleiche zu tun. Auf Ihr Wohl, Herr Ministerpräsident,
auf eine glückliche und friedvolle Zukunft des japanischen Volkes und auf die
gute Zukunft der deutsch-japanischen Beziehungen!

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