Offizieller Besuch des Bundeskanzlers in Indonesien, auf den Philippinen und in Japan vom 26. Oktober bis 2. November 1996 - Besuch in der Republik der Philippinen - Abendessen im Malacanang Palast

  • Bulletin 95-96
  • 25. November 1996

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl stattete der Republik Indonesien vom 26. bis 29.
Oktober 1996, der Republik der Philippinen vom 29. bis 31. Oktober 1996 und
Japan vom 31. Oktober bis 2. November 1996 einen offiziellen Besuch ab.

Besuch in der Republik der Philippinen

Abendessen im Malacanang Palast

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei dem Abendessen, gegeben vom
Staatspräsidenten der Republik der Philippinen, Fidel V. Ramos, im Malacanang
Palast in Manila am 30. Oktober 1996 folgende Rede:

Herr Präsident,
sehr verehrte Frau Ramos,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist für mich zunächst eine ganz große Freude und eine große Ehre, Ihnen,
Herr Präsident, für dieses freundschaftliche Willkommen zu danken. Ich bin
froh, heute bei Ihnen, in Ihrem Land zu sein, in der Gesellschaft von guten
Freunden und mit der Würdigung durch einen guten Freund. Dafür bedanke ich
mich. Ich möchte Ihnen ganz herzlich für die gastliche Aufnahme danken, die
unsere Delegation und auch ich selbst bei diesem Besuch gefunden haben.

Es ist wahr: Dies ist der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Ihrem
Land. Gründe, warum das so ist, gibt es sicherlich viele, aber ich meine, wir
sollten die Tatsachen so nehmen, wie sie sind. Ich bin heute bei Ihnen.

Wer Ihr Land besucht – Sie sprachen aus gutem Grund davon – findet viele
Gründe historischer Verbundenheit. Als ich heute mittag die Ehre hatte, das
Ehrendoktorat Ihrer berühmten Universität entgegenzunehmen, habe ich in der
Laudatio ebenso wie bei anderer Gelegenheit erfahren, wie viele kulturelle und
wissenschaftliche Beziehungen es gibt.

Ihr Nationalheld Dr. José Rizal, dessen Leben und Werk Sie in diesen Wochen
und Monaten aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Endes der spanischen
Kolonialherrschaft immer wieder ansprechen werden, war ein gerne gesehener
Gast in Deutschland. Daß er an meiner Heimatuniversität Heidelberg studiert
hat, daß er die alten, vertrauten Gassen durchschritten hat – den
Philosophenweg und viele andere Orte der Begegnung der deutschen und
europäischen Intellektuellen – freut mich. Daß dies in dieser Stunde so
lebendig geworden ist, freut mich ganz besonders.

Als junger Arzt mit seinen vielseitigen Begabungen, dazu bewandert in der
deutschen Sprache, fand er rasch Zugang zu unserem Land und seinen Menschen.
Die erste Auflage seines großen Werkes „Noli Me Tangere“ ist sein Vermächtnis
an sein Land. Es ist in Berlin gedruckt worden, in jenem Berlin, das jetzt –
nachdem Mauer und Stacheldraht gefallen sind – wieder die deutsche Hauptstadt
ist.

Rizal hat eine Brücke zwischen unseren beiden Ländern geschlagen. Wir sind uns
nahe in den politischen Beziehungen, in der menschlichen Begegnung unserer
beiden Völker und – was ganz wichtig ist – in unseren Wertvorstellungen von
Demokratie und Freiheit. Diese Wertvorstellungen sind uns um so mehr bewußt,
weil wir in unseren Völkern in diesem Jahrhundert erlebt haben, welche Werte
Demokratie und Freiheit dann bedeuten, wenn ein Volk sie entbehren muß.

Diese Pfeiler, meine Damen und Herren, haben ihren Wert insbesondere in
bewegten und für unsere philippinischen Freunde nicht einfachen Zeiten
bewiesen. So hat Deutschland mit seiner Ausstattungshilfe dazu beitragen
können, daß Radio Veritas in kritischen Wochen und Monaten als Stimme der
Wahrheit und als Stimme der Freiheit vom politischen Willen des
philippinischen Volkes kündete. Ich bin Ihnen dankbar, Herr Präsident, daß Sie
dies in Ihrer Ansprache zum Silberjubiläum des bedeutendsten kirchlichen
Rundfunksenders in Asien im vergangenen Jahr ausdrücklich gewürdigt haben.

Auch heute ist Deutschland als Freund und Partner dort präsent, wo wir mit
unseren Erfahrungen und unseren Möglichkeiten zum Ausbau des demokratischen
Systems beitragen können. Indem wir – auch am Beispiel unserer Entwicklung, am
Beispiel unserer Chancen, vielleicht auch am Beispiel unserer eigenen Fehler –
versuchen zu helfen, und indem auch wir einen Beitrag dazu leisten können,
Ihre Erfahrungen in die Praxis zu übertragen.

Im wirtschaftlichen Bereich gehen die deutsch-philippinischen Beziehungen bis
in das letzte Jahrhundert zurück. Die Hansestädte Hamburg und Bremen
errichteten damals ihre ersten Konsulate in Manila; wenige Jahre später folgte
das neugegründete Deutsche Reich.

Auch heute ist Deutschland in Ihrem Lande gut vertreten. Aber – und das ist
der Sinn und das Ergebnis unserer Gespräche, Herr Präsident – wir wollen diese
Präsenz zum beiderseitigen Nutzen noch ausbauen: mit Gütern und
Dienstleistungen von Weltruf, in der Kultur und vor allem auch in der
entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Ich will es deutlich sagen: Mir geht
es darum, die Beziehungen zwischen Deutschland und Asien umfassend auszubauen.
Für uns und für mich sind die Philippinen dabei ein wichtiger Schwerpunkt.

Dies gilt nach unserer Vorstellung in besonderer Weise – wenn ich das hier als
Deutscher sage – für die Beziehungen zwischen der Europäischen Gemeinschaft
und den asiatischen Ländern. Die Bedeutung Asiens für uns zeigt sich in dem
1993 von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft
verabschiedeten Asien-Konzept.

Wir haben in der Bundesregierung die Erarbeitung eines solchen Konzepts durch
die Europäische Union unterstützt und, wie ich es sagen darf, auch
entscheidend vorangebracht. Wir sind uns ganz und klar darüber einig, daß es
für Europa unverzichtbar ist, in wichtigen Bereichen eine gemeinsame
Asienpolitik zu formulieren. Die neue Asien-Strategie der Europäischen Union
wird dazu beitragen, die bereits existierende Zusammenarbeit in Politik,
Wirtschaft und Handel zu erweitern und zu verbessern.

Für uns Deutsche umfaßt eine aktive, ausgewogene deutsche Asienpolitik immer
das Thema „Friedenswahrung“, das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ und den
Einsatz für Demokratie, Menschenrechte und Entwicklung. Mit Freude sehen wir
in diesem Zusammenhang die jüngst erfolgte Verständigung über die politische
Zukunft Mindanaos. Wir hoffen mit Ihnen, daß Ihr Land und diese Region damit
zu dauerhaftem Frieden und Stabilität finden.

Ich bin auch hier, um Ihnen zu sagen, mit welchem Respekt wir Ihre auf
Stabilität und Wachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik verfolgen und – wo
möglich – auch gerne unterstützen. In unseren Wirtschaftsbeziehungen zeichnet
sich ein bedeutsamer Wandel ab: Neben dem klassischen Außenhandel gewinnen
gemeinsame Investitionsvorhaben und strategische Allianzen im besten Sinne des
Wortes zunehmend an Bedeutung. Auch im Bereich der Joint-ventures mit
philippinischen Unternehmen bieten sich noch weitere Entwicklungschancen.
Gerade das Gespräch, daß wir beide zusammen mit namhaften Repräsentanten der
deutschen Wirtschaft anläßlich unseres Besuches hier führen konnten, zeigt,
daß es noch viele Chancen gibt, daß die Öffnung und das Zupacken für
zukünftige Möglichkeiten gesehen werden.

Ich hoffe mit Ihnen gemeinsam sehr, daß von diesem Besuch in diesen Tagen bei
Ihnen auf den Philippinen in diesem Sinne eine neue Aktivität, ein neuer
Impuls, ein neuer Anstoß ausgehen wird. Ich will klar sagen: Soweit es die
Bundesregierung und mich selbst betrifft, werde ich all solchen Bestre- bungen
jede Unterstützung gewähren.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, die Bundesrepublik Deutschland hat die
regionale Zusammenarbeit in Südostasien von Anfang an unterstützt. ASEAN war
der erste regionale Partner der Europäischen Gemeinschaft überhaupt. Dabei
dienen ASEAN und andere Gremien eben nicht nur der wirtschaftlichen
Entwicklung, sondern sie sind auch eine gute Chance, in diesem Bereich ein
wichtiges Forum zur Lösung politischer Konflikte in der Region zu finden.

Das Europäisch-Asiatische Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in
Bangkok im vergangenen März war ein guter Anfang. Es wurden wichtige Signale
gesetzt. Wir müssen auf diesem Weg weiter vorangehen.

Beide Seiten – die ASEAN-Staaten und wir in der Europäischen Union – sind
bereit, gemeinsam größere politische und vor allem auch welthandelspolitische
Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen zu diesem Zweck unsere Zusammenarbeit
stärker institutionalisieren. Wir haben die feste Absicht, uns in vielen
Bereichen der internationalen Politik enger abzustimmen. Damit wird jetzt auch
die europäisch-asiatische Seite des weltpolitischen Dreiecks
Europa–Asien–Nordamerika eine aktivere Rolle übernehmen.

In wenigen Wochen wird Ihr Land Gastgeber des APEC-Gipfeltreffens sein. Die
Gemeinschaft der APEC-Staaten und auch die transatlantische Gemeinschaft
zwischen der Europäischen Union und Nordamerika werden – dessen bin ich sicher
– in den kommenden Jahren von großer Bedeutung für den Welthandel sein. Dabei
geht es nicht um eine irgendwie geartete Form der Blockbildung, sondern um
eine ganz wichtige Bestätigung der Prinzipien des freien Welthandels.

Wir schließen uns in diesen Monaten und Jahren dieses Jahrzehnts, dieses
Jahrhunderts, in dem jetzt in Verhandlung stehenden zweiten Vertrag der
Regierungskonferenz zur Europäischen Union noch weiter zusammen. Der Prozeß
der europäischen Einigung ist irreversibel; dies wird noch deutlicher werden.
Aber wir schaffen in Europa unsere inneren Grenzen nicht ab, um sie außen neu
zu errichten. Eine „Festung Europa“ wird es mit uns nicht geben. Wir sind
zutiefst davon überzeugt, daß freier Welthandel, vor allem auch für die
Exportnation Deutschland, von existentieller Bedeutung ist.

Wir sind auch davon überzeugt, daß uns – Philippinos und Deutsche, Asiaten und
Europäer – wichtige gemeinsame Interessen verbinden. Dabei sind die
Unterschiede zwischen unseren beiden Völkern, sei es in der Kultur, den
gesellschaftlichen Wertvorstellungen oder den ethischen Prinzipien, von denen
wir uns leiten lassen, in Wahrheit wesentlich geringer als allgemein
angenommen. Wir sind froh, in den Philippinen einen Partner und Freund in
Südostasien zu haben. Diese gewachsene Partnerschaft und Freundschaft wollen
wir in allen Bereichen unserer Zusammenarbeit weiter vertiefen.

In uns haben Sie einen Partner, auf den Sie sich verlassen können. In diesem
Sinne, Herr Präsident, möchte ich mein Glas erheben und die Damen und Herren
bitten, mit mir auf Ihr Wohl und auf das Wohl des philippinischen Volkes zu
trinken.

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