offizieller besuch des bundeskanzlers in indien, singapur, indonesien, japan und korea vom 18. februar bis 3. maerz 1993

  • Bulletin 20-93
  • 10. März 1993

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der republik
indien vom 18. bis 22. februar 1993, der republik
singapur vom 22. bis 24. februar 1993, der republik
indonesien vom 24. bis 26. februar 1993, japan vom
26. februar bis 1.maerz 1993 und der republik korea
vom 1. bis 3. maerz 1993 einen offiziellen besuch
ab.

besuch in der republik singapur

empfang in singapur

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem abendessen,
gegeben vom premierminister der republik singapur,
goh chok tong, am 23. februar 1993 in singapur folgende
rede:

herr premierminister,
meine sehr geehrten damen und herren,

fuer ihre einladung, singapur einen offiziellen besuch
abzustatten, fuer ihre gastfreundschaft und ihre
freundlichen worte der begruessung moechte ich mich
-auch namens meiner delegation - sehr herzlich bedanken.
ich freue mich, dass unser erster gedankenaustausch
von einem hohen mass an uebereinstimmung gekennzeichnet
war.

i.
wir deutsche wissen singapur als politischen partner
besonders zu schaetzen.
wir sehen mit grossem respekt die hier in einer generation
vollbrachten leistungen. singapur hat nach seiner
staatlichen unabhaengigkeit
- einen eindrucksvollen wohlstand fuer seine bevoelkerung
geschaffen,
- den inneren und sozialen frieden gewahrt,
- eine industrielle und technologische spitzenposition
erreicht,
- enge zusammenarbeit mit seinen nachbarn begruendet
- und nicht zuletzt zur politischen stabilitaet suedostasiens
massgeblich beigetragen.
in singapur haben sich vielfaeltige kulturen und
temperamente, fleiss, hohe intelligenz und erfindungsgeist
zu
einer erfolgreichen, gemeinsamen anstrengung zusammengefunden.
gefoerdert von einer klugen wirtschaftspolitik hat
sich singapur in zwanzig jahren vom warenumschlagplatz
zu einem der modernsten hochtechnologie- und
dienstleistungszentren sowie zu einem der wichtigsten
finanzzentren der welt entwickelt.

stabilitaet, weltoffenheit, bereitschaft, sich den
neuen herausforderungen zu stellen: das sind die
hauptelemente der vision, die sie, herr premierminister,
und viele fuehrende persoenlichkeiten ihres landes
in dem buch "die naechste etappe" niedergelegt haben.
darin liegt zugleich das erfolgsrezept dieses dynamischen
landes begruendet.

ii.
herr premierminister, meine damen und herren, ich
stelle mit befriedigung fest, dass die beziehungen
zwischen unseren beiden laendern schon seit langem
eng, vertrauensvoll und freundschaftlich sind.
wir wollen sie im geist der partnerschaft und des
gegenseitigen verstaendnisses weiter ausbauen. die
voraussetzungen fuer eine noch engere zusammenarbeit
in politik, wirtschaft, technologie und kultur sind
ausgezeichnet.
mit einem volumen von fast 7 milliarden dm im vergangenen
jahr hat sich unser handelsaustausch seit 1985 verdoppelt.
wir sind singapurs groesster europaeischer handelspartner.
nahezu 400 deutsche unternehmen sind vor ort vertreten,
1800 meiner landsleute leben und arbeiten hier.
das gesamte deutsche investitionsvolumen belaeuft
sich auf rund 1,8 milliarden dm.
diese zahlen sind beredter ausdruck des vertrauens
der deutschen wirtschaft in den standort singapur
als drehscheibe in suedostasien wie in der gesamten
asiatischen, region.
es ist ein wichtiges anliegen meiner politik, hier
in singapur -und darueber hinaus in suedostasien
ein verstaerktes deutsches wirtschaftliches engagement
zu foerdern.
deutsche unternehmer sind zuverlaessige partner.
ihre arbeit bei ihnen dient nicht nur deutschen
interessen, sondern auch den interessen unserer
freunde in asien.
herr premierminister, die umweltkonferenz in rio
hat gezeigt, dass die erhaltung der schoepfung eine
der grossen herausforderungen unserer generation
ist. wir koennen sie nur gemeinsam bestehen.
ich sehe in diesem bereich auch besondere chancen
fuer unsere zusammenarbeit. mit der deutsch-singapurischen
umwelttechnologie-agentur koennen wir den umwelt-technologie-transfer
in die asiatisch-pazifische region wesentlich verstaerken.
auch bei der beruflichen aus- und fortbildung sollten
wir unsere anstrengungen sinnvoll buendeln. ich denke
insbesondere an das deutsch-singapurische institut,
das seit einem jahrzehnt mustergueltige arbeit in
diesem bereich leistet.
besonders begruesse ich die 1991 von ihrer regierung
getroffene entscheidung, den unterricht der deutschen
sprache auf allen ebenen zu foerdern.
bei aller bedeutung, die wir der zusammenarbeit
in wirtschaft und technologie beimessen, duerfen wir
die kulturelle dimension nicht vernachlaessigen.
der zugang zueinander erschliesst sich vor allem
ueber die kultur und die sprache -und ich bin daher
sehr nachdruecklich der auffassung, dass wir dem ausbau
der kulturellen beziehungen zwischen unseren laendern
weiterhin besondere aufmerksamkeit schenken sollten.

iii.
herr premierminister, meine damen und herren, in
europa wie in asien stehen wir mitten in einem prozess
noch andauernder veraenderungen. die bedrohung des
friedens durch den ost-west-konflikt, der ueber vierzig
jahre das politische denken und handeln bestimmte,
ist gebannt.
wir deutsche haben im verlauf der friedlichen revolution
in europa unsere einheit in freiheit erlangt. aber
die langen jahre der gewaltsamen trennung und der
kommunistischen herrschaft haben tiefe spuren hinterlassen.
unsere vordringlichste aufgabe ist, deutschland
jetzt auch wirtschaftlich, sozial und kulturell
-und nicht zuletzt menschlich- wieder zusammenzufuehren.
dies erfordert enorme anstrengungen. fuer diese aufgabe
gibt es in der geschichte kein beispiel und kein
rezept.
seit der herstellung der deutschen einheit vor ueber
zwei jahren haben wir ermutigende fortschritte gemacht.
aber auch rueckschlaege und enttaeuschungen sind nicht
ausgeblieben. trotz allem ist die bilanz positiv.
wir blicken mit zuversicht in die zukunft!
auch die durchsetzung von demokratie und marktwirtschaft
in den nachfolgestaaten der sowjetunion sowie in
den reformstaaten mittel- und suedosteuropas sind
ein langer, schmerzhafter und nicht zuletzt kostspieliger
prozess.
sein erfolg liegt in unser aller interesse. deshalb
sind alle westlichen laender aufgerufen, diesen wandel
zu unterstuetzen. sonst laufen wir gefahr, dass der
aufbruch zu demokratie und freiheit im osten europas
in enttaeuschung der menschen und neuer instabilitaet
endet.
der andauernde konflikt im ehemaligen jugoslawien,
die auseinandersetzungen und unsicherheiten in einigen
der nachfolgestaaten der sowjetunion zeigen, wie
schwierig der weg in die freiheit ist.
um so wichtiger ist es, dass das westliche europa
seine kraefte buendelt. die europaeische gemeinschaft
ist auf gutem wege. der vertrag von maastricht oeffnet
uns die tuer zur europaeischen union. damit wird der
politische zusammenschluss europas unumkehrbar.
nur wer sich die leidvolle geschichte europas, vor
allem die beiden weltkriege in der ersten haelfte
dieses jahrhunderts, vor augen fuehrt, kann die ungeheure
tragweite der jetzigen entwicklung ermessen.
mit dem vertrag von maastricht begruenden wir zum
einen eine politische union mit gemeinsamer aussen-
und sicherheitspolitik. zum anderen wollen wir stufenweise
eine wirtschafts- und waehrungsunion mit einer einheitlichen
waehrung schaffen.

bis mitte der neunziger jahre wird die europaeische
gemeinschaft um oesterreich, schweden, finnland und
norwegen erweitert sein. damit wird in europa der
groesste wirtschaftsraum der welt entstehen.
immer wieder werden befuerchtungen geaeussert, diese
entwicklung laufe auf einen abgeschotteten europaeischen
handelsblock hinaus. nichts ist falscher als das!
lassen sie mich noch einmal in aller deutlichkeit
sagen: europa wird auch in zukunft ein weltoffener
grosser markt sein - mit erheblichen chancen auch
fuer sie. eine "festung europa" wird es mit uns deutschen
nicht geben! im gegenteil: europa bleibt ein eckpfeiler
des freien welthandels und des internationalen wettbewerbs.
deshalb setzen wir uns auch nachdruecklich fuer den
baldigen abschluss der uruguay-runde des gatt ein.
ich lade die unternehmer ihres landes ein, sich
noch mehr in deutschland zu engagieren und die vorteile
des anfang dieses jahres in kraft getretenen europaeischen
binnenmarktes mit 340 millionen verbrauchern voll
zu nutzen.
in unseren neuen deutschen bundeslaendern sind die
investitionsbedingungen besonders guenstig. dort
entsteht in den naechsten jahren die am schnellsten
wachsende, modernste industrieregion europas.

iv.
herr premierminister, meine damen und herren, nicht
nur in europa hat sich die politische und wirtschaftliche
landkarte veraendert. auch in asien wurden die frontstellungen
des kalten krieges ueberwunden.
wir unterstuetzen voll und ganz die bemuehungen der
vereinten nationen und unserer asiatischen partner
um dauerhaft stabile und vertrauensvolle beziehungen
unter allen staaten der region.
der friedensprozess in kambodscha, den die asean-staaten
zusammen mit uns beharrlich gefoerdert haben, sowie
die annaeherung von vietnam und laos an die regionale
zusammenarbeit sind ermutigende schritte.
wir hoffen, dass der wirtschaftlichen liberalisierung
in china auch politische reformen folgen werden.
dies waere zugleich ein beitrag zur langfristigen
stabilitaet in asien insgesamt.
der zusammenarbeit zwischen der europaeischen gemeinschaft
und asean kommt sowohl in wirtschaftlicher als auch
in politischer hinsicht wachsende bedeutung zu.
das kuerzliche treffen der eg- und asean-aussenminister
in manila hat dies noch einmal eindrucksvoll bestaetigt.
die bundesregierung wird dazu beitragen, dass das
neue kooperationsabkommen zwischen der europaeischen
gemeinschaft und asean bald unter dach und fach
kommt.

v.
herr premierminister, meine damen und herren, die
rolle, die unsere beiden laender in ihren internationalen
zusammenschluessen spielen, entspricht unserer gemeinsamen
verantwortung fuer die wuerde und rechte der menschen,
fuer die bewahrung unserer umwelt, fuer die bekaempfung
von hunger und armut sowie fuer den frieden in der
welt.
wir treten gemeinsam dafuer ein, dass die vereinten
nationen in die lage versetzt werden, ihre zunehmenden
friedensaufgaben in vollem umfang wahrzunehmen.
die
"eine welt" ist laengst keine vision mehr, sondern
realitaet.
der umbruch der letzten jahre hat uns die einmalige
chance eroeffnet, am ende dieses jahrhunderts, das
so viel leid und elend ueber die voelker gebracht
hat, der geschichte eine wende zum guten zu geben.
nutzen wir diese chance und nutzen wir sie gemeinsam.
herr premierminister, meine damen und herren, man
hat den deutschen tugenden wie fleiss, verlaesslichkeit
und zielstrebigkeit nachgesagt. ich moechte dieses
kompliment an die buerger und buergerinnen von singapur
weitergeben. lassen sie uns auf diese tugenden die
immer engere zusammenarbeit zwischen unseren laendern
und voelkern gruenden.
herr premierminister, ich darf sie bitten, mit mir
das glas zu erheben und zu trinken auf ihr wohlergehen,
auf das wohl aller ihrer mitbuerger und auf die weitere
vertiefung der freundschaft zwischen deutschland
und singapur.

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