offizieller besuch des bundeskanzlers in der volksrepublik polen vom 9. bis 14. november 1989

  • Bulletin 128-89
  • 16. November 1989

gemeinsamer gottesdienst in kreisau

bundeskanzler dr. helmut kohl und ministerpraesident
tadeusz mazowiecki nahmen am 12. november 1989 auf
dem ehemaligen gutshof des als widerstandskaempfer
am 20. juli 1944 hingerichteten helmuth james graf moltke
in kreisau in niederschlesien an einer heiligen messe
unter freiem himmel teil, die der bischof von oppeln,
alfons nossol, in deutscher und polnischer sprache
zelebrierte.

waehrend des gottesdienstes hielt der bischof von
oppeln, alfons nossol, nacheinander in polnischer und
deutscher sprache folgende predigt:

bevor wir hier heute als eucharistische versammlung gott
unserem herrn die dankeshymne singen, wollen wir uns
zuvor bemuehen, wenn auch nur in ganz groben zuegen, die
einmaligkeit und tiefe bedeutung dieser gnadenstunde zu
umreissen.
in einer jeden eucharistiefeier, dem geheimnis unseres
glaubens, wird kraft des heiligen geistes das
versoehnungsgeschehen gottes des vaters durch seinen sohn
jesus christus, unsern erloeser und herrn, sakramental
vergegenwaertigt. dabei geht es um die gnadenhafte versoehnung
des menschen mit gott, mit sich selbst, mit den anderen und
mit der schoepfung.
es sollte uns somit nicht verwundern, dass in die
wesensstruktur der begegnungsfeier christdemokratischer
regierungschefs, die es mit ihren religioesen ueberzeugungen
ernst meinen, von vornherein die teilnahme an einer
eucharistiefeier eingeplant worden ist.
fuer einen staatsbesuch, der die aussoehnung zwischen zwei
nationen festigen soll, koennte kaum ein besseres und
sinnvolleres anliegen als die sonntaegliche eucharistiefeier
bedacht sein. alle sind wir uns naemlich bewusst, wie
schwierig diese so lang ersehnte begegnung von zwei nachbarn
im herzen europas ist, wenn sie in voller wahrheit
geschehen soll.
sie soll doch zum meilenstein der zukuenftigen geschichte
unserer voelker werden, wobei aus der vergangenheit nichts
verdraengt sein darf. im gegenteil, wir wollen aus ihr lernen,
eine neue und bessere zukunft zu bauen. in dieser sicht
eines reifen und gelebten glaubens kann die heilige nacht
und macht und freude der eucharistiefeier so manches in
erinnerung von menschen laeutern. jedenfalls erstrahlt
durch sie ein licht, moegen sie noch so fest vom band der
geschichtlichen finsternis gefesselt sein. zumal man heute
ernst gewillt ist, jeden soldatenstiefel, der polternd
einherstampft, und jeden mantel, der mit blut befleckt ist,
zu verbrennen und ihn eine speise des feuers werden
lassen, wie es jesaia voraussagte. denn ein kind ist uns
geboren, ein sohn uns geschenkt, auf dessen schultern
die herrschaft ruht und dem man den namen friedensfuerst
gibt.
lumen gentium, das licht der voelker ist christus, verkuendet
gleich einleitend die dogmatische konstitution ueber die
kirche des zweiten vatikanischen konzils. also er allein als
weg, wahrheit und leben zugleich fuer alle, sowohl heute
als auch im laufe der geschichte. an ihn haben wir uns
christen zu klammern und ihm sollten wir auch breit unsere
herzen oeffnen, wozu johannes paul der ii. so eindringlich
gleich in seiner inaugurationsansprache seines pontifikals
alle ermahnte.
gewiss, waere hier sowohl eine historisierung der geschichte
als auch eine aufrechnung ihres schrecklichen kriegskapitels
fehl am platz. dennoch darf kein voelliges vergessen der
begangenen greueltaten an der menschheit von anderen
gefordert werden. dies ist naemlich ein vor allem
psychologisches anliegen, wozu uns jedoch unser christlicher
glaube angesichts der eucharistiefeier bewegen sollte, ist die
bereitschaft zur wahren vergebung, zum verzeihen, zum
gegenseitigen verzeihen, es sei, wir sollten es mit der
bitte des herrn gebets, und vergib uns unsere schuld,
wie auch wir vergeben unseren schuldigern, nicht ernst
nehmen.
diese bereitschaft und die vergebung selbst gehoeren eben
zum ernst unserer radikalen glaubensexistenz, mag sie uns
noch so schwerfallen. wer naemlich nicht gewillt waere zu
vergeben, der waere auch kaum faehig zu lieben. dabei stellt
jedoch die liebe den grundton des christentums dar. sie ist
naemlich die existenz und daseinsform des christen
ueberhaupt. der voelkerapostel mahnt darum im kolosserbrief, wir
sollten uns mit aufrichtigem erbarmen bekleiden, einander
vergeben, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat,
eben wie der herr uns vergeben hat, so muessen auch wir
vergeben.
in diesem glaubenskontext ist gewiss auch der austausch
der schon im laufe dieses besuchs erwaehnten hirtenbriefe
unserer beiden bischofskonferenzen vom 18. november
1965 eingebettet. die hirten beider katholischen kirchen,
wie es auch zuvor die hirten der evangelischen kirchen
getan haben, strecken zueinander ihre haende aus, und
indem sie in vollem ernst vergebung gewaehren, bitten sie
zugleich ihre mitbrueder im pastoralen amt um die gleiche
gabe. ohne die kraft der vergebungsgnade unseres
erloesers und versoehners waere diese geste nur eine pure
anmassung.
wir sollten uns heute gerade hier alle dessen bewusst
werden, dass ohne sie eine wahre versoehnung unserer beiden
voelker kaum zustande kommen wird. zu tief sind die
graeben, zu schmerzhaft die durch das ns-regime
geschlagenen wunden, so wie alle im nachher als folgen des
begonnenen krieges gegenseitig verursachten leiden.
hier kann wirklich nur die unendliche macht der am kreuz
von golgatha, dem altar der hoechsten liebe, vollzogenen
versoehnungstat unseres erloesers, das wunder unserer
echten und bestaendigen aussoehnung bewirken.
deswegen kommt auch dieser eucharistiefeier der
aussoehnung solch eine grosse bedeutung zu. wir sollten also
bewusst die himmel stuermen, dass sie sich zur erde neigen.
in uns allen muss naemlich das bewusstsein aufkommen,
irgendwie spuerbar wach werden, dass wir doch alle laengst
schon schwestern und brueder jesu christi, unseres herrn
und versoehners, sind, im wahrsten sinne dieses wortes
eben blutsverwandte seit golgatha, zu denen uns die
revolution der liebe christi gemacht hat. aus ihr gehen wir
einfach als solche hervor, sie hat dies fuer uns und die
ganze menschheit bewirkt.
und daraus gilt es jetzt, die konsequenzen zu ziehen. wie
anders wuerde doch europa und die welt von heute
aussehen, gerade jetzt, wenn ein neuer dramatischer aufbruch
zur freiheit in ihr laut wird. er sollte jedoch ideologisch oder
rein politisch nur als ein neuer sturm der bastille eingeengt
werden. eine nur so gesehene freiheit, gleichheit und
bruederlichkeit reicht lange nicht aus.
dazu bedarf es vielmehr eben einer zutiefst christlichen,
unueberwindbaren internationale, die inhaltlich wohl am
kompaktesten im galaterbrief umschrieben wird, wenn paulus
feststellt: "denn ihr alle, die ihr auf christus getauft seid,
habt christus als gewand angelegt, es gibt nicht mehr
juden und griechen, nicht sklaven und freie, nicht mann
und frau, denn ihr alle seid einer in christus jesus."
erwaehnenswert waere in diesem zusammenhang durchaus
noch, die versoehnende und heilbringende idee pauls des
vi., die johannes paul der ii. aufgegriffen hat, ausgebaut
und weit waehrend seiner pastoralreisen in die welt getragen
hat. sie kam auch eigens zur sprache bei der ersten
pastoralvisite des papstes in der bundesrepublik, als er 1980
kurz vor dem abflug noch einmal alle deutschen beschworen
hat: helft mir beim aufbau einer weltweiten zivilisation der
liebe!
hier sei nur bemerkt, dass es bei solch einer zivilisation um
die strenge wahrung eines mehrgliedrigen vorrangs, das
heisst, das primat der person vor der sache, der ethik vor
der technik, des mehr sein vor dem mehr haben, der
barmherzigkeit vor der gerechtigkeit, das gleichgewicht
des vertrauens vor dem gleichgewicht der kraefte und der
oekumene vor dem internationalismus ginge.
kurzum, wir sollten stets bemueht sein, allerorts und auf
allen gebieten der menschlichen existenz, die macht der liebe
zur macht kommen zu lassen, wie es ihr evangelischer
theologe heinz zahrnt so konkret ausdrueckte. andershin
meldet sich frueher oder spaeter die brutale zivilisation des
todes zu wort, die nichts von rechten gottes in der welt
haelt und somit selbstverstaendlich auch die menschenrechte
mit den fuessen treten und sie zutiefst missachten muss.
als versoehnte sollten wir im rahmen einer zivilisation der
liebe jetzt endlich den radikalen und zutiefst christlichen
schritt in die zukunft wagen, das heisst, polen und deutsche
muessen eben gemeinsam europa entgegengehen, in
dessen herzen sie doch beheimatet sind.
waehrend des feierlichen gottesdienstes in der warschauer
dreifaltigkeitskirche aus anlass des 50. jahrestages des
kriegsausbruches formulierte dieses anliegen deutlich
unser lutherischer landesbischof janosch nacsenski.
wir muessen von einem leben nebeneinander und
gegeneinander zum leben miteinander uebergehen. unsere
beiden voelker sollten jedoch durch diesen mutigen schritt
zugleich auch ausschlaggebend, zu einer reevangelisierung
dieses europas beitragen, auf dass es zu einem neuen
bethlehem fuer die ganze welt werden koennten und den
befriedenden friede in ihr begruende und ausstrahle, wie
dies der begnadete dichter reinhold schneider im sinne
hatte, wenn er fordert, dass geschehen muss, was noch nie
geschehen ist, wenn die welt gerettet werden soll.
die rettung der welt hatte gewiss auch der kreisauer kreis
im sinn, wobei er zuerst an ein besseres deutschland
dachte. seine grundsatzerklaerung hebt unter anderem
hervor, ich zitiere:

wir sehen im christentum wertvollste kraefte fuer die
religioes-sittliche erneuerung des volkes, fuer die
ueberwindung von hass und luege, fuer den neuaufbau des
abendlandes, fuer das friedliche zusammenarbeiten der voelker.
das geistige vermaechtnis des moltke-kreises war einem
teil der studierenden jugendlichen in polen, in unserem
lande, in gewisser hinsicht schon seit 1972 bekannt. als
naemlich die reinhold-schneider-stiftung hamburg, geleitet
von heinrich ludewig aus aumuehle, einige
studienwettbewerbe parallel zum deutschen sprachraum, vermittels
der katholischen universitaet lublin auch in polen durchfuehrte.
es ging dabei vorwiegend um die friedensfrage und das
wichtige ethische anliegen des deutschen widerstandes.
das bemuehen, die initiativen, die arbeiten der
reinhol-dschneider-stiftung koennten auch behilflich sein, wenn
diese visite, dieser staatsbesuch, die gegenseitige begegnung,
auch den jugendaustausch, die begegnung der jugend
beider voelker, vertiefen und vorantreiben will.
gott hat einfach seine wege, und so hat er auch fuer diese
versoehnungseucharistie eben das symboltraechtige und fuer
unseren gottesdienst so wichtige kreisau auserwaehlt.
gerade hier, in diesem teil von schlesien, dem ohnedies
eine brueckenfunktion bei der festigung der aussoehnung
zwischen unseren beiden voelkern zukommen muesste, hat
doch das ringen um eine menschlichere und friedvollere
welt, frei von hass und luege, begonnen.
von liebe erfuellt und davon ueberzeugt, dass ohne dem
hohen lied der liebe aus dem 1. korintherbrief kein mensch
mensch ist, sowie getragen von der gewissheit und
glaubensueberzeugung, dass sein auftrag erfuellt ist,
verabschiedete sich die seele des kreisauer kreises, graf
helmuth james von moltke, von seiner gemahlin freya, den kindern
und allen lieben, indem er ihnen vor der hinrichtung mutig
jene worte zurief, die zur eroeffnung dieser feier
ausgesprochen worden sind und die den anfang jeder
eucharistiefeier zu bilden haben.
sie sollen somit auch unser heutiges beten begleiten und
sowohl unser miteinander und fuereinander foerdern: die
gnade unseres herrn jesus christus und die liebe gottes
und die gemeinschaft des heiligen geistes sei mit uns
allen. amen.


Beitrag teilen