offizieller besuch des bundeskanzlers in der volksrepublik polen vom 9. bis 14. november 1989

  • Bulletin 128-89
  • 16. November 1989

verleihung der ehrendoktorwuerde
der katholischen universitaet lublin

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei der verleihung
der ehrendoktorwuerde der katholischen universitaet lublin
am 13. november 1989 die folgende rede:

magnifizenz,
hoher akademischer rat,
exzellenzen,
meine damen und herren und vor allem
liebe studentinnen und studenten der universitaet von lublin!

zunaechst will ich ihnen herzlich danken: dies ist fuer mich
eine wichtige und eindrucksvolle stunde. ich empfinde die
verleihung der ehrendoktorwuerde als eine besondere
auszeichnung - und dies um so mehr angesichts der
herausragenden persoenlichkeiten, die vor mir auf diese weise
geehrt wurden.
unter den traegern der ehrendoktorwuerde befindet sich nicht
zuletzt mein landsmann karl dedecius. er hat sich wie
kaum ein anderer um die verbreitung polnischer literatur in
deutschland verdient gemacht. ich freue mich besonders,
dass er heute hier anwesend ist.
und ebenso freue ich mich ueber die anwesenheit so vieler
junger studentinnen und studenten. denn bei allem, was
wir tun, geht es vor allem auch um die zukunft der jungen
generation - der jungen generation in polen, in
deutschland und in europa. ich hoffe, dass wir gemeinsam etwas
vollbringen, was wir an unsere jugend weitergeben koennen
und was von ihr weitergetragen wird.
die heutige ehrung erfuellt mich nicht zuletzt auch deshalb
mit besonderer freude, weil ihre universitaet in den laendern
mittel- und osteuropas eine herausragende und
aussergewoehnliche stellung einnimmt:
hier wurden mutige zeichen fuer die unabhaengigkeit von
lehre und forschung gesetzt. als einzige katholische
universitaet in europa oestlich der elbe war sie ueber viele
jahre hinweg eine zufluchtstaette, ein hort der glaubens- und
gedankenfreiheit.
das motto ihrer universitaet, "deo et patriae", hat lehrern
und studenten auch in zeiten der bedraengnis halt und
richtung gegeben. waehrend der nationalsozialistischen
besetzung polens wurde hier in bewundernswerter weise
fuer die unabhaengigkeit der wissenschaft gekaempft, mehr
noch: fuer die idee der menschenwuerde. die
nationalsozialisten schlossen diese universitaet bereits am 9.
november 1939. 50 jahre nach diesem datum erinnern wir uns mit
schmerzen an die opfer, die auch unter den lehrern und
studenten ihrer universitaet zu beklagen waren.
trotz aller gefahren wurde damals mit grossem mut der
unterricht im untergrund fortgesetzt, in warschau, in kielce,
aber auch im exil.
grosse lehrer haben den geist dieser universitaet gepraegt.
ich nenne den heutigen papst, johannes paul ii., ich nenne
kardinal wyszynski, ich nenne wladyslaw bartoszewski,
der, geehrt mit dem friedenspreis des deutschen
buchhandels, zur zeit in unserem lande lebt und unermuedlich
fuer den brueckenschlag zwischen polen und deutschen wirkt.
ich freue mich auch ueber die engen akademischen bande
zwischen ihrer universitaet und der katholischen universitaet
eichstaedt, der universitaet bamberg und der universitaet
mainz, der ich viele jahre lang als ministerpraesident von
rheinland-pfalz eng verbunden war. zahlreiche
wissenschaftler ihrer universitaet, nicht zuletzt sie selbst,
magnifizenz, haben als alexander-von-humboldt-stipendiaten bei
uns geforscht.
auch dies weist darauf hin, dass die geistigen und kulturellen
bindungen, die deutsche und polen zusammenfuehren, sehr
viel enger sind, als vielen bewusst ist. in die geschichte
dieser bindungen hat sich - in vielfaeltiger hinsicht - die
katholische universitaet lublin auf markante und
eindrucksvolle weise eingetragen.
doch nicht nur geistig-kulturell sind unsere voelker
miteinander verwoben. uns verbindet eine gemeinsame geschichte,
in der wir - als nachbarn im herzen europas -
jahrhundertelang in frieden zusammenlebten. von den vergangenen
hundert jahren mit ihren schrecklichen ereignissen wird -
zu recht - haeufig gesprochen, aber eben viel zu wenig von
den jahrhunderten davor. denn das deutsch-polnische
verhaeltnis war lange zeit durch enge beziehungen gepraegt,
nicht zuletzt auch durch dynastische verbindungen - ich
denke nur an richeza, die im koelner dom beigesetzt ist, an
prinzessin cimburg oder an die habsburgerin elisabeth, die
1454 koenig kasimir von polen und litauen heiratete. sie
stehen ebenso fuer das verbindende zwischen deutschen
und polen wie der intensive handel und die gegenseitige
kulturelle befruchtung.
die juengere vergangenheit aber war von krieg, von
blutvergiessen und schrecklichen verbrechen gekennzeichnet.
vor 50 jahren entfesselten die nationalsozialistischen
gewaltherrscher durch den angriff auf polen den zweiten
weltkrieg. in der folge wurde dem polnischen volk im deutschen
namen und von deutscher hand furchtbares angetan.
wahr ist auch, dass nach dem krieg ueber zwei millionen
deutsche auf flucht und vertreibung ihr leben verloren,
und viele schreckliches erleiden mussten. der verlust der
heimat hat bei vielen meiner landsleute tiefe wunden
geschlagen.
die last der vergangenheit darf uns, deutsche und polen,
nicht erdruecken. beherzigen wir, was kardinal wojtyla 1977
bei seiner ehrenpromotion in mainz gesagt hat: "wir wollen
nicht vergessen, was uns trennt, aber wir wollen vor allem
an das erinnern, was uns verbindet."
wir wollen verstaendigung und aussoehnung zwischen dem
deutschen und dem polnischen volk. dies ist unser
historischer auftrag, und es ist zugleich der wunsch, ja die
sehnsucht der menschen in unseren laendern. zum glueck gab es
in beiden voelkern maenner und frauen, die schon fruehzeitig
einsahen, dass der teufelskreis von unrecht, rache und
gewalt endlich durchbrochen werden musste. die kirchen
beider konfessionen leisteten pionierdienste, sie bauten
bruecken der verstaendigung und wiesen wege zur
versoehnung.
es waren die katholischen bischoefe polens, die im
november 1965 ein bewegendes versoehnungsschreiben an den
deutschen episkopat richteten:
"im allerchristlichen und zugleich sehr menschlichen geist",
so hiess es in diesem schreiben, "strecken wir unsere haende
zu ihnen hin . . . gewaehren vergebung und bitten um
vergebung."
und die deutschen katholischen bischoefe antworteten:
"eine aufrechnung von schuld und unrecht - darin sind wir
einer meinung - kann uns freilich nicht weiterhelfen . . . wir
bitten zu verzeihen."
auf diese weise wurde mutig der weg beschritten, der
beide voelker endlich zu ihrer wahren bestimmung fuehren
muss: zu guter nachbarschaft in freundschaft und in
gemeinsamer freiheit im herzen europas.
ich fuehle mich der aufgabe, zur aussoehnung unserer beiden
voelker beizutragen, sehr persoenlich verpflichtet. vor 40
jahren formte konrad adenauer die aussenpolitische grundlinie
der neugegruendeten bundesrepublik deutschland. dabei
betonte er insbesondere die versoehnung mit frankreich, mit
israel und mit polen als vorrangige ziele deutscher
aussenpolitik.
konrad adenauer fand seinerzeit in robert schuman, in
jean monnet und spaeter in charles de gaulle partner, die
als franzoesische patrioten und grosse europaeer die hand
zur versoehnung reichten. es gelang, jene vermeintliche
erbfeindschaft, die den generationen unserer vaeter und
grossvaeter - in deutschland wie in frankreich - eingeredet
worden war, ein fuer allemal zu ueberwinden.
junge franzosen und junge deutsche ueberqueren heute
ganz selbstverstaendlich den rhein, um freundschaften zu
schliessen. sie koennen nur noch schwer nachempfinden,
welch gewaltige historische leistung die aussoehnung
zwischen beiden voelkern darstellt, welch einen radikalen
bruch mit einer schlimmen vergangenheit.
ein aehnliches werk des friedens muessen nun auch endlich
deutsche und polen vollenden. das ist gewiss eine schwierige
aufgabe, aber das beispiel der deutsch-franzoesischen
verstaendigung ermutigt uns. warum soll das, was zwischen
jungen deutschen und jungen franzosen heute moeglich, ja
selbstverstaendlich ist, nicht bald auch zwischen jungen
polen und jungen deutschen moeglich sein?
ich moechte moeglichst viele junge polen einladen, zu uns in
die bundesrepublik deutschland zu kommen und unser
land kennenzulernen. dann werden viele der vorurteile, die
sich in jahrzehnten aufgebaut haben, sicherlich in kurzer
zeit verschwinden. auf sie, auf die junge generation, kommt
es jetzt vor allem an. es ist ihre zukunft, um die es geht.
und nur in gemeinsamer freiheit in einem vereinten europa
werden junge polen und junge deutsche zukunft gewinnen
koennen.
deshalb ist es so wichtig, dass sie einander begegnen
koennen. wir wollen jetzt - und das ist ein entscheidender
teil der vereinbarungen, die ihr ministerpraesident und ich
feierlich unterschreiben werden - den deutsch-polnischen
jugendaustausch foerdern, um diesem kennenlernen, um
der verstaendigung und der zusammenarbeit der jugend
unserer beiden voelker zu dienen. ich bin ueberzeugt: nur so
wird der wille zur aussoehnung auf dauer in den herzen
unserer jungen menschen wurzeln schlagen koennen.
mit dem guten geist aller gespraeche, die ich in warschau
fuehren konnte, mit neuem gegenseitigen vertrauen, mit den
unterschriften von ministerpraesident mazowiecki und mir
unter der gemeinsamen erklaerung, wird nunmehr auch
zwischen unseren beiden laendern und voelkern ein
weitreichender schritt gemacht.
und mit dem gemeinsamen gottesdienst, den wir gestern in
kreisau gefeiert haben - an jenem ort, der zu einem symbol
deutschen widerstands gegen die tyrannei wurde -, haben
wir ein zeichen unseres willens gesetzt, eine zukunft in
gemeinsamer freiheit zu gestalten.
uns liegt ein kursbuch der zusammenarbeit vor, das weit in
die zukunft reicht. bei mehreren anlaessen haben wir
gestern dazu beigetragen, beiden voelkern den weg der
aussoehnung zu weisen.
aussoehnung ist nur moeglich, wenn wir die ganze wahrheit
aussprechen. ich erinnere an das juedische wort: "das
geheimnis der erloesung heisst erinnerung."
wahrheit und restlose ehrlichkeit sind nicht nur im rueckblick
auf die geschichte gefordert. wahrheit muss gegenwart
gestalten und wege in die zukunft bahnen.
gebannt schaut europa, ja schaut die welt heute auf polen.
200 jahre nach der franzoesischen revolution ist die idee
der freiheit und der menschenrechte dabei, in ihrem land -
endgueltig, wie wir alle hoffen - das leben der menschen zu
bestimmen.
polen kehrt, wie es kuerzlich ihr ministerpraesident mazowiecki
formulierte, zurueck zu seinen christlichen und europaeischen
wurzeln. dies ist nicht nur ein polnisches, es ist ein
gesamteuropaeisches ereignis, das allen voelkern unseres
kontinents neue hoffnung spendet - und gleichzeitig allen
europaeern die richtung weist.
die wurzeln dieser dramatischen entwicklung liegen in
erster linie hier, in ihrem land selbst: in den bewegenden
ereignissen der jahre 1980 und 1981, deren freiheitliches
erbe trotz aller rueckschlaege mit geduld, zaehigkeit und
opferbereitschaft bewahrt wurde - und das dann in diesem
fruehjahr bei den verhandlungen am "runden tisch" eine
eindrucksvolle bestaetigung fand.
andere wurzeln liegen bei ihren nachbarn im osten. die
sowjetunion vollzieht eine tiefgreifende politische,
wirtschaftliche und gesellschaftliche umgestaltung, sie
oeffnet sich - hoffentlich noch weiter - im zeichen des "neuen
denkens" nach innen und aussen.
andere mitreissende kapitel der geschichte unserer tage
werden in ungarn geschrieben:

- wenn der ungarische und der oesterreichische
aussenminister gemeinsam den eisernen vorhang zerschneiden,

- wenn imre nagy ueber dreissig jahre nach seiner
ermordung endlich rehabilitiert wird und die ihm gebuehrende
anerkennung und ehre erfaehrt,

- wenn man am 33. jahrestag des aufstandes von 1956 die
"republik ungarn" ausruft,

dann zeigt dies alles: nur der versoehnende brueckenschlag
ueber die graeben der vergangenheit eroeffnet eine sichere
strasse in eine bessere zukunft.
heute erfasst der aufbruch auch die ddr, den anderen teil
deutschlands. wie haette es auch anders sein koennen - in
einer zeit, in der der wind der freiheit stuermisch durch
europa weht.
die bilder aus berlin in diesen tagen und stunden zeigen
es uns. wir nehmen bewegt und zutiefst dankbar zur
kenntnis, dass in wenigen tagen weit ueber drei millionen
unserer landsleute aus der ddr bei uns in der bundesrepublik
deutschland oder in westberlin zu besuch waren.
und wir danken dafuer, dass prominente polen jetzt zu den
ersten gehoeren, die ganz selbstverstaendlich auch fuer die
deutschen in der ddr freiheit und selbstbestimmung
fordern. ich moechte ihnen fuer ihr offenes, mutiges wort fuer
die freiheit danken!
in der tat: gerade das polnische volk, das ueber
jahrhunderte ueber alle spaltung und unterdrueckung hinweg
seine nationale, geistige und kulturelle einheit gewahrt hat,
versteht wie kein anderes,

- dass die geschichtlich gewachsene einheit einer nation
nicht kuenstlich zerschlagen werden darf und nicht
kuenstlich zerschlagen werden kann,

- dass eine politik, die auf teilung von nationen setzt,
unhistorisch, unglaubwuerdig und ungerecht ist - und
niemals zukunft haben kann.
unhistorisch und unglaubwuerdig waere aber auch die
behauptung, es gehe nur die deutschen an,

- ob und wie sie ueber ihr schicksal frei bestimmen,

- ob sie ihren weg mit oder gegen ihre nachbarn gehen.
wahr ist: als volk im herzen europas wissen wir heute, dass
diese frage - und unsere antwort darauf - keinen unserer
nachbarn in ost und west gleichgueltig laesst. die antwort der
deutschen in der bundesrepublik deutschland war von
anfang an europaeisch und wird europaeisch bleiben:
wir sagen

- ja zu unserer mitgliedschaft in der europaeischen
gemeinschaft und im atlantischen buendnis. beides ist
unverzichtbarer teil der staatsraison der bundesrepublik
deutschland. wir sind teil der wertegemeinschaft der freien
voelker.

wir sagen ebenfalls

- ja zu einer unaufloeslichen verbindung unseres nationalen
schicksals mit dem europas - und damit meine ich nicht
nur die eg, sondern ganz europa.

und wir fordern

- eine gerechte und dauerhafte europaeische
friedensordnung, in der auch das deutsche volk in freier
selbstbestimmung seine einheit wiedererlangt.

die bundesrepublik deutschland hat diese europaeische
antwort - naemlich das "vereinte europa" - in der praeambel
ihrer verfassung festgeschrieben - in dem vor 40 jahren
verkuendeten grundgesetz. damit haben wir im freien teil
meines vaterlandes die lehren aus der geschichte gezogen.
unsere verfassung bekennt sich gleich im ersten artikel zur
unveraeusserlichen wuerde jedes einzelnen menschen. sie
stellt die menschenrechte hoeher als jede staatliche gewalt.
dies ist ausdruck der grossen christlichen wie
humanistischen tradition europas.
unser grundgesetz ist das fundament eines
freiheitlichdemokratischen gemeinwesens, in dem alle gewalt
vom volk ausgeht, eines rechtsstaates, in dem alle staatliche
gewalt an recht und gesetz gebunden ist. 40 jahre
politische stabilitaet im inneren wie nach aussen verdanken wir
in der bundesrepublik deutschland vor allem anderen jenen
maennern und frauen, die vor 40 jahren in erinnerung an die
jahre der nationalsozialistischen tyrannei dieses
fundament geschaffen haben.
ich darf hier auch daran erinnern, dass die ersten
vorsitzenden der beiden grossen parteien cdu und spd - andreas
hermes und kurt schumacher - in den gefaengnissen und
konzentrationslagern des dritten reiches gelitten hatten,
und dass beispielsweise andreas hermes wegen seiner
beteiligung am attentat gegen adolf hitler am 20. juli 1944
zum tode verurteilt worden war.
unser grundgesetz beweist auch, dass wir das denken in
den klassischen kategorien des nationalstaates
ueberwunden haben. es ermaechtigt uns dazu, hoheitsrechte auf
supranationale gemeinschaften zu uebertragen. dies ist in
besonderer weise ein schluessel, mit dem wir seit bestehen
der bundesrepublik deutschland unsere europaeische
antwort in die praxis umgesetzt haben.
mir liegt persoenlich sehr viel daran, dass wir auf diesem weg
dynamisch voranschreiten.
unser naechstes grosses ziel ist es, den gemeinsamen
europaeischen binnenmarkt bis ende 1992 zu vollenden. aber
dabei darf es nicht bleiben. wir wollen die europaeische
union, die vereinigten staaten von europa.
die europaeische gemeinschaft war, ist und bleibt offen fuer
andere demokratische laender in europa. sie uebt taetige
solidaritaet mit den entwicklungslaendern. sie hat modelle der
zusammenarbeit mit anderen regionalen gruppierungen
entwickelt und wirksam genutzt - ich denke etwa an die
asean-staaten.
bei dieser dynamischen entwicklung haben wir stets im
auge gehabt, dass die europaeische gemeinschaft nicht das
ganze europa ist. zu europa gehoeren warschau, krakau
und lublin, moskau, prag, budapest und wien genauso wie
bruessel, london, paris oder rom - und natuerlich auch
dresden, leipzig und berlin.
gerade deshalb ist es unsere vision, ein europa zu bauen,
ein europa

- in dem grenzen nicht trennen, sondern ueberwunden
werden,

- in dem sich menschen und ideen frei bewegen und zum
gegenseitigen vorteil zueinanderfinden,

- in dem ein neues bewusstsein fuer die grossen geistigen,
geschichtlichen und kulturellen traditionen unseres
kontinents entsteht - ein bewusstsein fuer jene traditionen,
die europa ueber alle grenzen hinweg vereinen.

die 1988 unter deutscher praesidentschaft unterzeichnete
gemeinsame erklaerung der europaeischen gemeinschaft
und des rats fuer gegenseitige wirtschaftshilfe hat den
durchbruch fuer den ausbau der beziehungen zwischen der
gemeinschaft und den einzelnen staaten mittel- und
osteuropas gebracht. mit ihrem land ist bereits ein handels-
und kooperationsabkommen unterzeichnet, das polen
verstaerkten zugang zum grossen europaeischen markt sichert.
aehnliche abkommen sind mit fast allen rgw-staaten in
vorbereitung oder schon unterzeichnet.
aber wir sollten uns mit diesen anfangserfolgen nicht
begnuegen: jetzt kommt es darauf an, dass die europaeische
gemeinschaft mit einfallsreichtum, flexibilitaet und offenheit
auf jene staaten mittel- und osteuropas zugeht, die mit
einer tiefgreifenden umgestaltung in politik, wirtschaft und
gesellschaft begonnen haben:

- wir wollen diese reformen mit einem weitsichtigen
programm der zusammenarbeit auch von aussen abstuetzen.

- wir wollen die handels- und kooperationsabkommen
ausfuellen und, aufbauend auf dieser zusammenarbeit,
mittel- und langfristig zu einem noch engeren miteinander
kommen.

wir sind zu diesem dialog bereit. wir wollen ihn offen und
ohne vorbehalt fuehren. wir wollen helfen, wo es in unseren
kraeften steht - und wo diese hilfe sinnvoll und erwuenscht ist.
aus verstaendlichen gruenden ist - auch im zusammenhang
mit europa - viel von den wirtschaftlichen aspekten die
rede, und diese sind ja auch wichtig. aber das staerkste
band, das europa zusammenhaelt und auch in zukunft
zusammenschliessen wird, ist unsere gemeinsame
abendlaendische kultur. sie erreicht die herzen der menschen,
und wir sollten mit diesem schatz pfleglich umgehen.
gerade auch polen und deutsche haben im kulturellen
austausch, in wechselseitigen schoepferischen impulsen
ihrer grossen dichter, denker und kuenstler von jeher
bewiesen, wie stark das band ihrer gemeinsamen kultur ist.

- wenn frederic chopin die akademievorlesungen
alexander von humboldts besucht und dieser die
konzerte des polnischen meisters,
- wenn johann wolfgang von goethe den jungen adam
mickiewicz ohne umschweife zur ersten auffuehrung des
"faust" in weimar einlaedt,

dann zeugt dies von einem gesamteuropaeischen bewusstsein,
das frueheren generationen selbstverstaendlich war. es
muss auch heute wieder selbstverstaendlich werden.
adam mickiewicz hat uns schon 1849 in einer fast
prophetischen weise den grund dafuer genannt: "europas lage ist
dergestalt," so schrieb er damals, "dass es ab nun unmoeglich
wird, dass irgendein volk einzeln auf den weg des
fortschritts ginge." um wieviel mehr gilt das heute.
wir freuen uns auch deshalb ueber den erfolg einer
polnischen initiative, die wir von anfang an mitgetragen haben:
1991 wird im rahmen der ksze ein symposium ueber das
kulturelle erbe in krakau zusammentreten. in den einzigartigen
bauwerken dieser stadt, in ihrer grossen akademischen
tradition, in den beruehmten namen von kuenstlern und
gelehrten vieler voelker, die mit ihr eng verbunden sind, zeigt
sich, wie lebendig die geistige und kulturelle einheit unseres
kontinents ist.
zu unserem gesamteuropaeischen erbe gehoeren die grossen
traditionen des rechtsstaats und der menschenrechte. auf
sie haben wir uns gerade in diesem jahr erneut besonnen,
indem wir der feierlichen "erklaerung der menschen- und
buergerrechte" durch die junge franzoesische
nationalversammlung vor 200 jahren gedachten.
ein naechstes grosses datum in diesem zusammenhang wird
1991 sein: ich spreche vom 200. jahrestag der polnischen
verfassung von 1791. wenige jahre nach der konstitution
der vereinigten staaten von amerika - und noch vor der
verkuendung der franzoesischen verfassung von 1791 -
entstand in polen erstmals auf europaeischem boden ein
geschriebenes verfassungsdokument, das weit ueber seine
zeit hinauswies.
polen hat einen besonders eindrucksvollen weg gewaehlt,
um an den 200. jahrestag dieses herausragenden
dokuments zu erinnern - mit der ankuendigung einer neuen,
freiheitlichen verfassung. ich persoenlich kann mir kein
wuerdigeres und zugleich zukunftsweisenderes gedenken
vorstellen.
meine damen und herren, zu den ersten europaeischen
zusammenschluessen der nachkriegszeit gehoerte der
europarat. er ist zu einem symbol fuer die geistige einheit
europas geworden und hat sich verdienste vor allem um die
achtung der menschenrechte erworben.
ich begruesse es deshalb besonders, dass abgeordnete aus
polen, ungarn, der sowjetunion und jugoslawien seit mitte
dieses jahres als sondergaeste an der beratenden
versammlung des europarats teilnehmen. es waere gut fuer
europa, wenn daraus so bald wie moeglich eine volle
teilhabe wuerdeue die unterstuetzung der bundesrepublik
deutschland und aller ihrer europaeischen freunde ist ihnen
dabei sicher.
die europaeische antwort der deutschen, von der ich sprach,
verstehe ich nicht zuletzt als herzliche einladung an die
polen, das europa von morgen mitzugestalten. die tuer ist
weit geoeffnet. europa braucht die verstaendigung und
versoehnung unserer voelker.
europa ist unvollstaendig und unvorstellbar ohne polen.
europa braucht ein freies polen, ein freies deutschland -
und europa braucht die gemeinsame freiheit unserer
voelker.
lassen sie mich noch eine bemerkung hinzufuegen:
angesichts der bilder aus ostberlin und aus der ddr - aus
deutschland - gibt es hier manche fragen, auch im
zusammenhang mit meiner reise, ob vielleicht die ereignisse
dazu fuehren koennten, dass das interesse der bundesrepublik
deutschland an der entwicklung in polen nachlassen
koennte.
meine antwort ist ganz einfach. die reformen in polen, die
reformen in ungarn waren die voraussetzung fuer moegliche
reformen in der ddr. und auch bei einer - wie ich hoffe -
gluecklichen weiterentwicklung des reformprozesses gelten
die saetze:
europa braucht polen, und polen braucht europa!
deutschland braucht polen, und polen braucht deutschland!
meine damen und herren, meine lieben studentinnen und
studenten, zum 50. jahrestag der entfesselung des
zweiten weltkrieges haben deutsche und polnische katholiken
gemeinsam erklaert: "unser gemeinsames ziel ist ein
vereintes europa, das das gesamte europa einbezieht. wenn
beide voelker, deutsche und polen, sich im streben nach
diesem vereinten europa verbinden, wird dieses ziel zum
wohl der menschen leichter und schneller erreicht werden."
und sie sprachen weiter von einer "zukunft der
gerechtigkeit, des friedens und der freiheit in europa".
lassen sie uns in diesem geist das neue europa bauen -
als gemeinsame heimat fuer die junge generation unserer
voelker, fuer polen, deutsche und alle europaeer. gott segne
dieses werk.


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