offizieller besuch des bundeskanzlers in der republik ungarn vom 16. bis 18. dezember 1989 - empfang in budapest - rede von bundeskanzler kohl beim abendessen

  • Bulletin 149-89
  • 20. Dezember 1989

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei einem Abendessen, gegeben vom Ministerpräsidenten der Republik Ungarn, Miklös Nämeth, am 16. Dezember 1989 in Budapest die nachstehende Ansprache:

Herr Ministerpräsident,
sehr verehrte gnädige Frau,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich darf Ihnen, Herr Ministerpräsident, sehr herzlich danken - auch im Namen meiner Frau und meiner Delegation - für die freundliche, freundschaftliche Begrüßung und für die Gastfreundschaft, die wir in diesen Tagen bei Ihnen genießen dürfen.

Ich bin mit besonderer Freude Ihrer Einladung zu meinem zweiten offiziellen Besuch in der Republik Ungarn gefolgt. Denn zu Ihrem Land, Herr Ministerpräsident, empfinden wir Deutschen seit langem freundschaftliche Gefühle, und die Bundesrepublik Deutschland pflegt mit Ungarn seit langem Beziehungen, die ich gerade auch im West-Ost-Zusammenhang für beispielhaft halte.

Unsere enge Verbundenheit gründet sich auf eine lange Geschichte, die in vielen Jahrhunderten in aller Regel friedvoll war. Es gibt in Europa nicht viele Völker, die so - alles in allem - dauerhaft in Frieden und auch in Eintracht zusammenlebten wie die Deutschen und die Ungarn.

In diesem Jahrhundert gab es auch dunkle Kapitel, schlimme Kapitel. Wir dürfen und wollen sie nicht vergessen, auch nicht verdrängen - erst recht nicht wir, die Deutschen. Aber unsere gemeinsame Geschichte umfaßt mehr als diese Jahre - viel mehr, und das sollte uns stets bewußt bleiben. Unsere gutnachbarlichen Beziehungen gehen zurück auf König Stephan den Heiligen, den Vater des ungarischen Staates. Vor einem Jahr haben wir im Dom zu Aachen feierlich seines 950. Todestags gedacht.

König Stephan vermählte sich vor jetzt bald tausend Jahren mit Gisela, der Schwester des Bayernherzogs und späteren deutschen Kaisers Heinrich IV. Diese Heirat war dann Ausgangspunkt einer engen dynastischen Verbindung mit vielen guten politischen Beziehungen.

Unter König Stephan begann der fruchtbare Austausch zwischen Deutschen und Ungarn. Dieser erstreckte sich schon damals auf die Entwicklung der ungarischen Gesetzgebung, und ich freue mich, daß wir gemeinsam auch in unseren Tagen an diese Tradition anknüpfen.

Über viele Jahrhunderte hinweg waren die Menschen in unseren Ländern miteinander verbunden. So möchte ich daran erinnern, daß nach der Befreiung Ungarns von der osmanischen Herrschaft bäuerliche Siedler aus dem Moselgebiet, aus Hessen, aus Bayern, aus Württemberg und nicht zuletzt aus meiner engeren Heimat, der Pfalz, dem Ruf nach Ungarn gefolgt sind. Sie fanden hier - in Ihrem Land - eine neue Heimat. Sie haben hart gearbeitet und viel geleistet, und sie haben sich Achtung erworben.

Das heißt: Aus unserer langen Geschichte ist feste Freundschaft erwachsen, die sich gerade auch in unseren Tagen bewährt hat.

Herr Ministerpräsident, die bewegenden Tage des vergangenen Sommers sind uns allen in dauerhafter Erinnerung. Ihre Regierung hat unter schwierigen Umständen eine mutige Entscheidung getroffen. Sie bedeutete damals den Weg in die Freiheit für Zehntausende unserer Landsleute aus der DDR. Zugleich haben Sie in diesen Tagen unter Beweis gestellt, wie ernsthaft und unumkehrbar Ihr ungarischer Reformweg tatsächlich ist. Sie haben darüber hinaus Ihren Nachbarn in Mittel-, Ostund Südosteuropa entscheidende Impulse gegeben: Impulse der Freiheit!

Der 10. September 1989, der Tag der Öffnung der ungarischen Grenze auch für die Deutschen aus der DDR, wird ein Markstein in der Geschichte unserer beiden Staaten und Völker bleiben.

Lassen Sie mich auch hier noch einmal Ihnen, Herr Ministerpräsident, Ihrer Regierung und den vielen Bürgern Ihres Landes für diese großartige menschliche Solidarität danken - eine Solidarität, die meine Landsleute in schwierigen Zeiten erfahren haben. Das bleiben Augenblicke in unserer Geschichte, die wir nicht vergessen werden.

In diesen besonderen Dank schließe ich die ungarischen Hilfsorganisationen ein, die aufopferungsvoll all jenen geholfen haben, die auf dem Weg in die Freiheit praktisch alles verlassen mußten - ihre Freunde, ihre Heimat, ihre Habe, die vertraute Umgebung und oft auch ihre Familienangehörigen. Herr Ministerpräsident, zwischen Ungarn und der Bundesrepublik Deutschland gibt es glücklicherweise kaum Probleme. Die Kontakte zwischen unseren Staaten, zwischen den Bundesländern, zwischen Städten und Gemeinden gestalten sich vielfältig und eng.

Mit der Entwicklung der Parteien in Ihrem Lande bilden sich neue Formen des Meinungsaustausches - des Meinungsaustausches mit den politischen Kräften in der Bundesrepublik Deutschland. Wir selbst haben in den vergangenen 40 Jahren

eine stabile freiheitliche Verfassungsordnung und einen sozialen Rechtsstaat aufgebaut. Wir geben gerne unsere Erfahrungen weiter, wir geben gerne Rat, wo immer dieser Rat gewünscht wird.

Besonders erfreulich ist der Austausch der jungen Generation beider Länder. Jährlich reisen ungefähr 100 000 junge Deutsche und Ungarn in das jeweils andere Land. Sie lernen sich besser kennen und verstehen, und das neue Europa wird diese jungen Mittler brauchen.

Wenn Menschen einander treffen - gerade junge -‚ wächst

Vertrauen zueinander, wird Unkenntnis abgebaut und nimmt Verständnis füreinander zu. Was könnte dem Frieden in Freiheit mehr dienen als solche Kenntnis und ein darauf begründetes Verständnis?

Im neueröffneten deutschen Kulturinstitut hoffen wir, den Bürgern Ihres Landes ein breites Panorama der klassischen wie auch der zeitgenössischen deutschen Kultur anbieten zu können. Ich denke, auch dadurch wachsen Verständnis und Vertrauen.

Herr Ministerpräsident, die Politik Ihres Landes gegenüber den nationalen Minderheiten ist vorbildlich. Sie haben vor allem auch den Ungarndeutschen ermöglicht, ihre kulturelle und sprachliche Identität in der angestammten Heimat zu wahren und zu pflegen.

Diese Ungarndeutschen können heutzutage wieder - wie über so lange Zeit in der Vergangenheit - als Bindeglied zwischen unseren beiden Völkern wirken.

Die Bundesregierung unterstützt diese Politik Ihrer Regierung nachdrücklich. Ich erinnere nur an die kulturelle Begegnungsstätte des Lenau-Vereins in Fünfkirchen. Deutschsprachige Bildungszentren wollen wir in den kommenden Jahren noch verstärkt fördern.

Ebenso entsprechen wir Ihrem Wunsch, den gestiegenen Bedarf an Deutschunterricht und Deutschlehrern zu befriedigen. Diese Förderung kommt im Zeichen der europäischen Integration allen Ungarn zugute.

Herr Ministerpräsident, Ihr Land steht mit an der Spitze der Reformentwicklung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Entscheidende Weichen auf dem Weg zu einer freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsordnung sind bei Ihnen gestellt:

- Die Proklamation der Republik Ungarn war ein historischer Schritt zum modernen Verfassungsstaat.

- Zum ersten Mal werden die ungarischen Bürger bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 1990 in einer freien, geheimen und direkten Wahl ihren Kandidaten wahlen können.

- Mit ungebrochenem Sinn für menschlichen Anstand und für wahrhaft historische Gerechtigkeit überwindet Ihr Land tragische Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit.

Wir begrüßen diese Entwicklung und wünschen Ihnen und dem ungarischen Volk Mut und Kraft, auf dem eingeschlagenen Weg konsequent und unbeirrt voranzugehen.

Diese politische Öffnung ist durch die wirtschaftliche Umgestaltung vorbereitet worden. Wichtige Reformen in Richtung auf Marktwirtschaft und Privatinitiative, die beispielhaft sind für andere Länder der Region, sind eingeleitet, andere ganz wichtige stehen in diesen Tagen in Ihrem Parlament zur Entscheidung an.

Diese Reformen sind unverzichtbar. Erfolge - das wissen wir - werden sich erst nach einiger Zeit einstellen. Die Übergangsphase wird schwierige Anpassungen erfordern - auch des Bewußtseins der Bürger Ihres Landes. Zugleich aber bieten sich neue Chancen gerade auch für private Initiative.

Herr Ministerpräsident, Sie sollen wissen - und mit Ihnen alle Ihre Landsleute -: In dieser Zeit des Übergangs zählt feste Freundschaft. Ungarn kann sich auf die Deutschen verlassen. Das haben wir bewiesen, und das werden wir auch in Zukunft beweisen.

Ich darf kurz in Erinnerung rufen:

- Seit 1987 hat Ungarn zwei bedeutende Finanzhilfen aus der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Und innerhalb der Europäischen Gemeinschaft haben wir uns immer wieder - gerade in diesen Tagen auf dem EG-Gipfel in Straßburg - mit Erfolg dafür eingesetzt, daß die Zusammenarbeit mit Ihrem Lande ausgebaut wird.

- Nur mit einer namhaften Hilfe wird Ungarn seinen Reformweg rasch und erfolgreich weitergehen können; und in dem Maße, in dem dies geschieht, steigen die Möglichkeiten der gegenseitig vorteilhaften Zusammenarbeit auch mit uns.

Schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt pflegen deutsche Unternehmen mit keinem anderen Mitgliedsland des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe eine solch enge Zusammenarbeit wie mit Ungarn. Etwa 300 Vereinbarungen über Zusammenarbeit und etwa 200 Gemischte Unternehmen sind bereits begründet.

Diese enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit öffnet Ungarn auch für den Weltmarkt. Sie sichert Ihnen den Anschluß vor allem an die internationale technologische Entwicklung. Sie ist damit ein Motor für Strukturwandel und Modernisierung der ungarischen Volkswirtschaft. Diese enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit hilft Ihnen für die Zukunft.

Herr Ministerpräsident, ich will es einfach sagen: Ungarn ist in des Wortes eigentlicher Bedeutung ein ur-europäisches Land. Es hat zu den ersten gehört, die in der heutigen historischen Epoche die Völker Europas aufgerufen haben, sich auf ihre europäischen Wurzeln, auf ihre europäische Vision zu besinnen.

Ihr Land hat damit genauso gesamteuropälsche Verantwortung bewiesen wie mit seinem Reformprozeß. Dessen Erfolg, Ihr Erfolg in Ungarn, liegt im Interesse aller Europäer. Und ich sage dies nicht zuletzt im Blick auf die DDR: Ohne das Vorbild Ungarns wäre dort die Entwicklung sicherlich nicht so atemberaubend verlaufen, wie wir es gerade in den letzten Wochen erlebt haben.

Ich sprach von der gesamteuropälschen Rolle Ungarns, die nicht zuletzt durch die Mittellage Ihres Landes im Herzen Europas begründet ist.

Die Stephanskrone, die vielleicht bald wieder das Staatswappen der Republik Ungarn zieren wird, symbolisiert mit ihrem lateinischen und mit ihrem griechischen Teil die Verbindung zwischen Rom und Byzanz, zwischen Ost und West. Diese von der Geschichte gewiß nicht immer einfache, aber sehr lohnende Brückenfunktion wünschen wir in Europa und in Deutschland auch dem heutigen Ungarn.

Herr Ministerpräsident, ich dart mein Glas erheben auf das Wohl Ihres gastfreundlichen Landes, auf das Wohl Ihrer Bürger die sich in diesen Jahren und in diesen Tagen so hilfreich erwiesen haben, auf den Erfolg der Reformen in Ungarn und auf den Frieden und die gemeinsame Freiheit in Europa.

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