offizieller besuch des bundeskanzlers in chile und brasilien vom 19. bis 29. oktober 1991

  • Bulletin 125-91
  • 8. November 1991

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der republik
chile vom 19. bis 22. oktober 1991 und der foederativen
republik brasilien vom 22. bis 29. oktober 1991 einen
offiziellen besuch ab.

besuch in der republik chile

empfang im praesidentenpalast la moneda

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem
abendessen, gegeben vom praesidenten der republik
chile, patricio aylwin, am 21. oktober 1991 im
praesidentenpalast la moneda in santiago die folgende
ansprache:

herr praesident, lieber freund, verehrte gnaedige frau,
exzellenzen,
meine damen und herren!

fuer ihre so freundschaftlichen worte der begruessung und
den herzlichen empfang danke ich ihnen, herr praesident,
auch im namen meiner begleitung.
die erneute begegnung mit ihnen - sechs monate nach
ihrem so erfolgreichen besuch im vereinten deutschland -
ist mir eine besondere freude.
diese rasche folge von besuch und gegenbesuch ist nicht
nur ausdruck unserer politischen und persoenlichen
freundschaft. wir sehen darin vor allem auch ein zeichen der
traditionellen verbundenheit unserer beiden voelker.
zugleich unterstreichen wir damit den neuen, beispielhaften
charakter der beziehungen zwischen dem demokratischen
chile und dem vereinten deutschland.
die beziehungen unserer laender auf regierungsebene lagen
rund zwei jahrzehnte brach. es gab unueberbrueckbare
unterschiede in den politischen grundauffassungen.
mit chiles rueckkehr in den kreis der freiheitlichen
demokratien hat sich dies entscheidend geaendert: das
gemeinsame bekenntnis zu den grundwerten von demokratie und
pluralismus, von rechtsstaat und menschenrechten ist das
fundament, auf dem wir jetzt aufbauen.
wir alle wissen, herr praesident, welchen historischen anteil
sie selbst an dieser entwicklung hatten und haben. sie
haben chiles demokraten geeint. sie haben sie zum
wahlsieg gefuehrt.
sie haben mit weitsicht, mit geduld und mit ueberzeugungskraft
erreicht, dass sich die kraefte der vergangenheit
freiwillig zurueckzogen, dass der wandel ohne blutvergiessen
vollzogen werden konnte.
als das chilenische volk sie an die spitze des staates berief,
war ihnen eine verfassungsordnung vorgegeben, die zu
kompromissen zwang. sie haben die schranken dieser
verfassung respektiert und dennoch alle moeglichkeiten zu
politischer neugestaltung ausgeschoepft:

- in der absicht ein deutliches zeichen sozialer
gerechtigkeit zu setzen, haben sie die rechte der arbeitenden
bevoelkerung verbessert.
- mit einer regional- und gemeindereform haben sie jene
strukturen gestaerkt, die die grundlage jedes
demokratischen staatswesens bilden.
- mit einer justizreform planen sie die volle herstellung
einer rechtsstaatlichen ordnung, in deren mittelpunkt der
buerger steht und nicht der staat.
- nicht zuletzt haben sie die auseinandersetzung mit der
vergangenheit gesucht. gerade wir deutschen wissen,
wie schmerzhaft dies sein kann. ein solcher prozess ist
jedoch nach jahrzehnten der diktatur notwendig fuer die
innere aussoehnung eines volkes und fuer die
glaubwuerdigkeit seiner neuen demokratischen regierung.
die erfolge dieser weitsichtigen politik, herr praesident,
sind nicht ausgeblieben:
- die schnelle rueckkehr ihres landes zu seiner
einhundertachtzigjaehrigen demokratischen tradition hat
massstaebe gesetzt, in lateinamerika und weltweit.
- die zuegige verabschiedung der reformvorhaben zeugt
von der politischen reife der demokratischen parteien
ihres landes.
- die wirtschaft ihres landes beeindruckt die welt durch
ihre stetig wachsende leistungskraft.

wir demokraten - und ich fuege hinzu: insbesondere wir
christlichen demokraten - wissen: die einzige dauerhafte
quelle fuer wohlstand und stetige entwicklung eines landes
ist der freie, in seiner selbstverantwortung angesprochene
mensch, sei er unternehmer oder arbeiter. ohne seine
leistungsbereitschaft scheitert jede staatliche
wirtschaftspolitik.
chiles unternehmer haben frueh erkannt, dass nur die
marktwirtschaft die kraefte zu mobilisieren vermag, die
wirtschaftswachstum ermoeglichen. sie haben mit
eindrucksvollem erfolg marktwirtschaft praktiziert.
sie, herr praesident, haben die soziale dimension hinzugefuegt,
die das tor zu breitem wohlstand oeffnet. chiles soziale
marktwirtschaft ist heute schon modell fuer viele laender
lateinamerikas.
deutschland und chile, herr praesident, sind gleichermassen
dem freien welthandel verpflichtet. er bietet jedem land
bessere wachstums- und entwicklungschancen - und dies
ganz besonders exportabhaengigen laendern wie dem ihren
und dem meinen.
ihr anliegen, den zugang chilenischer produkte zum markt
der europaeischen gemeinschaft zu verbessern, ist daher
verstaendlich und legitim.
seien sie versichert: wir werden in der europaeischen
gemeinschaft mit aller entschlossenheit fuer den abbau der
noch bestehenden handelshemmnisse eintreten.
wir werden uns bei den gatt-verhandlungen fuer einen
fairen ausgleich zwischen den interessen der industrie- und
der entwicklungslaender einsetzen.
ziel meiner politik, herr praesident, ist, dass wir die
gatt-verhandlungen rechtzeitig und erfolgreich
abschliessen.
der wirtschaftsaustausch zwischen unseren beiden laendern,
herr praesident, entspricht dem guten stand unserer
politischen beziehungen. deutschland ist nach den usa und
japan chiles wichtigster aussenhandelspartner. unser
handel verzeichnet hohe zuwachsraten mit einem beachtlichen
exportueberschuss zugunsten ihres landes.
aehnlich guenstig ist die entwicklung der deutsch-chilenischen
wirtschaftskooperation. es ist unser gemeinsames
bestreben, der wirtschaft unserer beiden laender den weg zu noch
engerer zusammenarbeit, zu noch mehr direktinvestitionen
in chile und zu dem damit verbundenen technologietransfer
zu ebnen:

- heute wurde ein vertrag zur foerderung und zum
gegenseitigen schutz von kapitalanlagen unterzeichnet.
- in kuerze werden verhandlungen ueber den abschluss eines
deutsch-chilenischen doppelbesteuerungsabkommens
aufgenommen.
- im naechsten fruehjahr wird eine hochrangige deutsche
unternehmerdelegation chile besuchen.

chile, herr praesident, wird fuer deutsche investoren um
so interessanter, je mehr es ihm gelingt, produktionsstandort
fuer den gesamten lateinamerikanischen markt zu
werden.
initiativen zur schaffung groesserer wirtschaftsraeume in
lateinamerika, zu regionaler wirtschaftlicher
zusammenarbeit, verdienen schon aus diesem grunde ihre - und
unsere - unterstuetzung. dies sage ich auf grund unserer
eigenen erfahrungen mit dem gemeinsamen markt in
europa.
herr praesident, die kulturellen beziehungen haben im
deutsch-chilenischen verhaeltnis immer eine besonders
wichtige, eine voelkerverbindende rolle gespielt. die vielen
chilenen deutscher abstammung bilden dabei eine wichtige
kulturelle bruecke zwischen unseren beiden geographisch so
weit voneinander entfernten laendern.
die ueberwaeltigende erfahrung, die ich am vergangenen
sonntag beim besuch der deutschen schule hier gemacht
habe, ist ein weiterer beweis fuer das hohe mass an
kultureller gemeinsamkeit zwischen unseren voelkern.
bei ihrer rede am tag der deutschen einheit im
vergangenen jahr sprachen sie, herr praesident, die ueber 150
jahre waehrende kulturelle begegnung zwischen chilenen und
deutschen an. sie habe eine "beziehung der zuneigung, des
respekts, der bewunderung und des verstaendnisses"
begruendet.
in diesem zitat ist all das eingefangen, was auch meiner
ueberzeugung entspricht und was ich gar nicht besser sagen
kann.
fuer uns deutsche hat sich vor einem jahr ein traum erfuellt:
wir haben unsere staatliche einheit in frieden und freiheit
wiedergewonnen. jetzt stehen wir vor der grossen aufgabe,
auch die wirtschaftliche, soziale, kulturelle und geistige
einheit deutschlands zu vollenden. wir deutschen stellen uns
dieser aufgabe mit mut und zuversicht.
natuerlich gibt es noch probleme, deren loesung unsere ganze
kraft erfordert. doch der erfolg wird nicht ausbleiben:
die menschen in den neuen bundeslaendern wollen und
werden die chance ihrer freiheit nutzen.
auf dieser guten grundlage, herr praesident, wollen wir
weiter aufbauen.
ich bitte nun die hier anwesenden mit mir das glas zu
erheben und zu trinken auf das wohl des praesidenten der
republik chile, unserem freund, und von frau aylwin, auf
das wohl des chilenischen volkes, auf die feste freundschaft
zwischen chile und deutschland.


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