offizieller besuch des bundeskanzlers in chile und brasilien vom 19. bis 29. oktober 1991

  • Bulletin 125-91
  • 8. November 1991

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete der republik
chile vom 19. bis 22. oktober 1991 und der foederativen
republik brasilien vom 22. bis 29. oktober 1991 einen
offiziellen besuch ab.

besuch in der foederativen republik brasilien

empfang in blumenau

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einem
empfang fuer brasilianer deutscher abstammung am
23. oktober 1991 in blumenau folgende ansprache:

herr gouverneur,
herr oberbuergermeister,
liebe buergerinnen und buerger von blumenau,
meine sehr verehrten damen und herren!

ich danke ihnen sehr, sehr herzlich fuer diesen freundlichen
und ueberwaeltigenden empfang, den ich heute in ihrer
schoenen stadt erfahren habe.
das war fuer mich und fuer meine delegation ein
unvergessliches erlebnis. es war die begegnung mit der sprache
meiner mutter aus dem munde vieler, die sie von ihren
eltern, ihren grosseltern oder generationen zuvor hier in
diesem land gelernt haben.
es war ein bilderbogen der geschichte der deutschen, ein
bilderbogen von zwei jahrhunderten deutscher und
brasilianischer geschichte. ich bedanke mich ganz besonders
herzlich fuer die freude, die aus vielen gesichtern sprach, dem
bundeskanzler des wiedervereinigten deutschlands hier zu
begegnen. ich ueberbringe ihnen hier in dieser halle und
allen in diesem land die herzlichen gruesse aller deutschen
im wiedervereinigten deutschen vaterland.
ich freue mich, dass ich zu beginn meines besuches in
brasilien den sueden kennenlerne, denn die entwicklung
dieser regionen ist mehr als die anderer teile brasiliens
gepraegt von den einwanderern aus mitteleuropa und vor
allem aus deutschland.
es war hunger, armut, es waren die politischen verhaeltnisse,
die viele ihrer vorfahren damals dazu brachten, aus
deutschland auszuwandern.
diese deutschen fanden hier in brasilien eine neue heimat.
sie erhielten land und die ersehnte freiheit, und sie wurden
loyale buerger dieses landes. mit ihren faehigkeiten, ihren
erfahrungen und ihrem fleiss haben sie entscheidend zum
aufbau ihrer neuen heimat beigetragen.
deswegen war es fuer mich selbstverstaendlich, dass ich heute
beim kurzen besuch in seinem mausoleum den gruender
dieser stadt, dr. herrmann blumenau, der zu den ersten
siedlern gehoerte, ehrte und ihm ein ehrendes gedenken
bewahren werde.
auch in diesem jahrhundert, im zeitalter schrecklicher
verfolgungen durch den nationalsozialismus und den
stalinistischen kommunismus haben viele deutsche hier in brasilien
erneut heimat gefunden. ich nenne als beispiel fuer viele den
grossen schriftsteller deutscher sprache, stefan zweig.
brasilien hat sich unvergessliche verdienste erworben, indem es
diesen verfolgten eine neue heimat schenkte.
wenn man hier in ihre stadt kommt, gibt ja schon das bild
vieler gebaeude einen hinweis auf die herkunft ihrer
bewohner aus der alten heimat deutschland. das
oktoberfest mit vielen hunderttausenden von besuchern ist ein
beweis dafuer, dass sie auch, ohne muenchner zu sein, hier ein
grosses fest der bayern feiern koennen.
ich denke, es wird nicht missverstanden, wenn ich mit einem
gewissen stolz sage: die schwerpunkte deutscher
einwanderung: rio grande do sul, santa catarina, parana, haben
sich zu zentren des fortschritts in brasilien entwickelt.
gerade in diesen regionen hat sich der mittelstand
besonders entwickelt. ich habe es gerade vorhin mit ihrem
gouverneur besprochen: ich wuensche mir, dass moeglichst viele
weitere mittelstaendische betriebe hier aufgebaut werden,
weil dies ein hohes mass an politischer und vor allem auch
sozialer stabilitaet begruendet.
unsere erfahrung in deutschland nach zwei schweren
kriegen und vor allem nach den schrecklichen verwuestungen des
zweiten weltkriegs war, dass ein starker mittelstand die
grundvoraussetzung bildet fuer eine funktionierende soziale
marktwirtschaft.
ich wuensche mir, dass wir zwischen den zustaendigen stellen
der bundesrepublik deutschland und ihrer stadt und ihrem
staat auch auf diesem feld die beziehungen intensivieren
koennen.
ich freue mich, dass ich gerade jetzt waehrend meiner
anwesenheit hier bei ihnen davon erfahren habe, welch eine gute
beziehung es zwischen der handwerkskammer in muenchen
und der kammer von santa catarina zur foerderung von
klein- und kleinstunternehmen gibt. der praesident des
zentralverbandes des deutschen handwerks, herr spaeth, der in
meiner delegation ist, hat mir berichtet, welch gute wirkung
die trainings- und betriebsberatungen durch brasilianische
und deutsche experten hier zeigen. das ist fuer mich eine
praktisch gelebte zusammenarbeit, wie ich sie mir vorstelle.
das ist es auch, was ich mir fuer unsere zusammenarbeit
wuensche: dass wir den bogen schlagen von der
vergangenheit zum heute und zum morgen, dass wissenschaft,
schulen, vereine und kirchengemeinden nicht nur die tradition
von gestern bewahren, sondern hinueberfuehren in die welt
von morgen - in die welt jener kinder, die mich heute so
freundlich zu tausenden in den strassen ihrer stadt begruesst
haben. fuer sie wollen wir gemeinsam die zukunft bauen.
sie wissen es, aber ich will es dennoch noch einmal sagen:
in allen bereichen, beim handel, bei den investitionen, in
der kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlich-
technischen zusammenarbeit ist brasilien heute fuer deutschland
der bei weitem groesste partner in lateinamerika. dass dies so
ist, verdanken wir nicht zuletzt den brasilianern deutscher
herkunft. ohne sie waere dieses grosse ergebnis nicht zu
erreichen gewesen. wir duerfen als deutsche stolz auf ihre
leistung sein.
ich sage das und blicke dabei in die gesichter der aelteren
generation, denn es war ja nicht immer einfach - und das
sollte man in dieser stunde auch nicht verschweigen -, auch
in diesem land in diesem jahrhundert deutscher herkunft
zu sein.
um so mehr freue ich mich, dass auch hier in brasilien vor
einem jahr so viele ihre freude demonstriert haben, dass wir
in deutschland wieder ein geeintes vaterland haben. ich
kann mir vorstellen, und ich weiss aus den gespraechen von
heute, wie viele von ihnen die bilder sahen am 9. november
1989, als die mauer in berlin zerbrach - eine mauer, die
berlin, die deutschland, die europa und die letztlich die
welt teilte.
jetzt haben wir durch die hilfe vieler die deutsche einheit
erreicht - ohne krieg, ohne blutvergiessen und mit der
zustimmung aller unserer nachbarn, und dies ist einmalig in
der geschichte.
ich weiss, wie viele von ihnen, die aus jenen landschaften
und laendern stammen, die frueher zur ddr gehoerten und
die jetzt wieder teil des vereinten deutschland sind, diese
nacht der deutschen einheit am 3. oktober 1990 vor dem
reichstag in berlin in den bildern mitverfolgt haben.
natuerlich haben wir jetzt auch probleme. vierzig jahre
kommunistisch-sozialistischer diktatur in der damaligen
ddr haben tiefe spuren hinterlassen - in der wirtschaft, im
sozialsystem, in allen bereichen des staates und nicht zuletzt
in den koepfen und herzen der menschen. aber bei all den
problemen sage ich ihnen: ich bin gluecklich darueber, dass wir
jetzt diese probleme haben. denn wir haben die deutsche
einheit.
wir werden die oekologischen und sozialen probleme in drei,
vier, fuenf jahren ueberwinden - das wird schneller gehen -,
die menschlichen erfahrungen muessen wir miteinander
austauschen - das wird laenger dauern. aber wir werden es
schaffen. wir duerfen auch unsere freunde in der welt nicht
enttaeuschen.
aber - und auch das ist meine botschaft heute abend - wir
wuerden die historische herausforderung verfehlen, wenn wir
uns jetzt nur um unsere eigenen probleme kuemmerten. das
groessere deutschland hat auch eine groessere verantwortung -
auch fuer die probleme der welt, auch fuer die probleme in
lateinamerika, fuer die soziale dimension der dritten welt,
fuer globale herausforderungen der umwelt, fuer alles das,
was eine offene, friedliche und freiheitliche welt uns
abfordert.
vor allem - und es ist mir wichtig, dass ich ihnen diese
botschaft auch uebermitteln kann -: die deutsche einheit fuer
sich allein waere zu wenig, wenn wir jetzt nicht auch die
politische, soziale und wirtschaftliche einigung europas
schaffen wuerden. so wie sie jetzt die deutsche einheit 1990
erlebt haben, werden sie noch in diesem jahrzehnt, bis zum
ende der neunziger jahre, die wirtschaftliche, soziale und
politische einigung europas erleben.
wir wollen, dass nie wieder krieg in europa sein wird -
zwischen deutschen und franzosen oder zwischen
deutschen und polen, um nur die beiden zu nennen. wir wollen,
dass von europa frieden, freiheit und hilfe zur selbsthilfe
fuer die dritte welt ausgehen.
das, liebe freunde, ist die botschaft aus deutschland, dem
vaterland ihrer vaeter und muetter, ihrer grosseltern, ihrer
vorfahren. jenem land - und ich sage das mit
dankbarkeit -, dem so viele auch in dieser stadt, in dieser
region seit generationen mit sympathie gedenken.
ich denke, dies ist auch eine gute chance fuer brasilien als
ganzes und deutschland, denn die welt ist kleiner
geworden. die entfernung von vielen tausenden von kilometern
ist zwar die gleiche geblieben. aber moderne technik und
kommunikation ueberwinden diese distanzen leicht. ein
wirtschaftliches und kulturelles miteinander koennen wir
heute viel leichter ermoeglichen. dafuer wollen wir arbeiten,
als generation, die jetzt noch einmal die chance hat, in
diesem jahrhundert vieles zum guten zu wenden - fuer die
vielen kinder, die wir heute auf den strassen gesehen haben,
die genrationen unserer kinder oder enkel.
ich denke, es entspricht den sehnsuechten und hoffnungen
vieler, die in den letzten 150 jahren die alte heimat
verlassen haben und hierhergekommen sind und eine neue
heimat gefunden haben, dass sich ihre hoffnungen jetzt
erfuellen.
dafuer, liebe freunde, lohnt es sich zu arbeiten.
ich gruesse sie aus der alten heimat und wuensche ihnen
gottes segen fuer unsere zukunft.


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