Offizieller Besuch des Bundeskanzlers in Ägypten, Jordanien und Israel vom 2. bis 8. Juni 1995 - Besuch im Staat Israel - Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität

  • Bulletin 50-95
  • 20. Juni 1995

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl stattete vom 2. bis 4. Juni 1995
der Arabischen Republik Ägypten, am 4. und 5. Juni 1995 dem
Haschemitischen Königreich Jordanien und vom 5. bis 8. Juni
1995 dem Staat Israel einen offiziellen Besuch ab.

Besuch im Staat Israel

Verleihung der Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich der Verleihung
der Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität am 7. Juni
1995 in Sde Boker/Negev folgende Rede:

Herr Außenminister,
Herr Rektor der Universität,
Magnifizenzen,
meine Herren Professoren, Studenten, Schülerinnen und Schüler,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die große Ehrung, die mir heute
zuteil wird. Es ist für mich ein bewegender Augenblick, daß wir
uns hier gemeinsam am Grab David Ben Gurions versammeln
und ich hier die Ehrendoktorwürde entgegennehmen darf.
David Ben Gurion gehört zu den großen Staatsmännern, den
prägenden Gestalten dieses Jahrhunderts. Sein Name steht
weltweit für eine großartige Generation von Männern und
Frauen, die den Staat Israel aufgebaut haben. Für uns
Deutsche verbindet sich mit seinem Namen nicht zuletzt die
Erinnerung an die entscheidenden Schritte der Annäherung
zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik
Deutschland. Vor 50 Jahren ging der vom
nationalsozialistischen Regime in Deutschland entfesselte
Zweite Weltkrieg zu Ende. Zugleich endete die Shoah - ein
Verbrechen, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Nur noch
ganz wenige können sich heute wirklich vorstellen, welch
menschliche Größe, welcher Mut dazu gehörte, schon wenige
Jahre später von jüdischer Seite wieder auf Deutschland
zuzugehen. Ich weiß, daß in diesen Tagen - 50 Jahre danach -
bei vielen Menschen Wunden wieder zu schmerzen beginnen,
die längst verheilt schienen. Es gibt Wunden, die nie verheilen.
Deshalb gilt unsere besondere Achtung den Überlebenden der
Shoah. Ihr Zeugnis ist für uns alle und vor allem für uns
Deutsche eine bleibende Mahnung. Ich erinnere an die
historischen Begegnungen Nahum Goldmanns 1951 in London
und David Ben Gurions 1960 in New York mit Konrad
Adenauer. Nahum Goldmann und David Ben Gurion waren
bereit, nur zu verständliche Gefühle der Bitterkeit und
Ablehnung mit Menschlichkeit zu überwinden. Wie Konrad
Adenauer waren sie von dem Willen beseelt, über die Abgründe
der Vergangenheit Brücken zu bauen, um gemeinsame Wege in
die Zukunft zu finden. Ben Gurion hat dies vor 35 Jahren so
formuliert: "Ich gehöre einem Volk an, das die Vergangenheit
nicht vergessen kann. Wir denken an die Vergangenheit nicht,
um darüber zu brüten, sondern um sicher zu gehen, daß sie
sich nicht wiederholt." Dieser Grundsatz, meine Damen und
Herren, hat seither all jene Männer und Frauen geleitet, die sich
für den Ausbau der deutsch-israelischen Beziehungen
eingesetzt haben. Dieser Grundsatz bleibt weiterhin gültig. In
seiner Erklärung vom 27. September 1951 vor dem Deutschen
Bundestag bezeichnete es Konrad Adenauer in feierlicher Form
als "vornehmste Pflicht des deutschen Volkes", im Verhältnis
zum Staate Israel und zum jüdischen Volk den "Geist wahrer
Menschlichkeit wieder lebendig und fruchtbar" werden zu
lassen. Damit drückte er nicht nur seine persönliche Meinung
aus. Diese Überzeugung und dieser Grundsatz werden
vielmehr von allen demokratischen Kräften in der
Bundesrepublik Deutschland geteilt. In diesem Jahr des
Gedenkens können wir auch auf dreißig Jahre diplomatischer
Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik
Deutschland zurückschauen. In diesen drei Jahrzehnten hat
Israel nicht nur schwerste Bedrohungen seiner Existenz
überstanden, sondern auch in seinem inneren Aufbau eine
beispiellose Entwicklung genommen. Im Bereich der
Hochtechnologie oder bei Forschung und Entwicklung hat Ihr
Land einen großen Sprung nach vorn gemacht. Zugleich stand
Israel vor der Herausforderung, die Integration von
Hunderttausenden jüdischer Zuwanderer, vor allem aus der
ehemaligen Sowjetunion, zu meistern. Israels mutige
Friedenspolitik eröffnet heute neue Chancen für die
wirtschaftliche Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn und
macht es zu einem attraktiven Platz für ausländische und ich
hoffe auch für deutsche Investoren. Meine Damen und Herren,
als Konrad Adenauer 1966 - damals bereits im Ruhestand und
in biblischem Alter - David Ben Gurion hier am Rande der
Wüste erstmals besuchte, konnten beide von einer derartigen
Entwicklung nur träumen. Der eine war 90, der andere 79 Jahre
alt, aber sie dachten trotz - vielleicht gerade wegen - ihres
Alters über den Tag weit hinaus. Ich bin ganz sicher, beide
würden mit großer Genugtuung heute auf das Erreichte
blicken, könnten sie nur unter uns sein. Mit Stolz und Freude
könnten sie die späten Früchte ihrer Arbeit betrachten. Nach
den Vereinigten Staaten von Amerika ist Deutschland für Israel
heute der zweitwichtigste Wirtschaftspartner. David Ben
Gurion würde feststellen, daß seine Vision von einem starken,
von einem fruchtbaren Israel Wirklichkeit wurde. Konrad
Adenauer könnte mit Freude auf den heutigen Stand der
Beziehungen zwischen Israel und dem mittlerweile
wiedervereinigten Deutschland blicken. Die Visionäre von einst
- und das sage ich vor allem den jungen Menschen, die hier
sind - haben sich als Realisten von heute erwiesen.
Dankbarkeit, so hat es der deutsche Theologe Romano
Guardini einmal formuliert, ist die Erinnerung des Herzens. Wir
haben Grund, in diesem Sinne viel Dankbarkeit zu empfinden.
Dankbarkeit für das, was uns durch diese beiden Männer
geschenkt wurde und was so viele in unseren Völkern,
Bekannte und Unbekannte, daraus zum Guten haben wachsen
lassen. Meine Damen und Herren, in der Europäischen Union
sind wir stets mit besonderem Nachdruck für die vitalen
Interessen des Staates Israel eingetreten. Ich selbst halte es für
entscheidend, daß die Europäische Union die Assoziierung mit
Israel weiter vertieft. Ich denke dabei eben nicht nur an die
ökonomischen Fragen. Ich bin vielmehr davon überzeugt, daß
die politischen und vor allem auch die kulturellen Beziehungen
und Bindungen zwischen Europa und Israel eine immer
wichtigere Rolle spielen werden. Die europäische Kultur hat
geistige Wurzeln im Judentum, genauso wie der Staat Israel
historische Wurzeln in Europa hat. Dabei ist die Begegnung
zwischen den Menschen von entscheidender Bedeutung. So
wichtig gute offizielle Beziehungen sind, sie können auf keinen
Fall die persönlichen Begegnungen zwischen den Menschen,
vor allen Dingen zwischen jungen Leuten, ersetzen. Viele
Deutsche nehmen sehr engagiert Anteil am Schicksal Israels.
Sie tun dies mit der Bereitschaft, sich ehrlich mit den düsteren
Kapiteln in der Geschichte unseres Volkes
auseinanderzusetzen, aber auch voller Bewunderung für Ihr
Land, das soviel Dynamik und Vitalität ausstrahlt. Tausende
deutscher Pilger, Urlauber, freiwilliger Hilfskräfte und junge
Leute suchen Jahr für Jahr die Begegnung mit den hier
lebenden Menschen in Israel. So ist ein dichtes Netz von
persönlichen Beziehungen entstanden, das, da bin ich sicher,
der eigentliche Schatz des deutsch-israelischen Verhältnisses
ist und auch für die Zukunft sein wird. Meine Damen und
Herren, Sde Boker, dieser herrliche grüne Ort am Rande der
Wüste, ist nicht immer so fruchtbar gewesen. Das, was hier
entstanden ist, ist das Ergebnis von Kampf und harter Arbeit
und vor allem von einem Glauben an die Zukunft und
unbeirrbarem Optimismus. David Ben Gurion hatte den Traum,
"die Wüste zum Blühen zu bringen". Sein Traum - und wir alle
spüren es in dieser Stunde - ist hier in Erfüllung gegangen.
Wenn ich von Optimismus spreche, wende ich mich besonders
an Sie, liebe Studentinnen und Studenten. Sie wachsen jetzt
hinein in eine Welt voll neuer Chancen und neuer Horizonte.
Natürlich weiß ich, daß wir wachsam bleiben müssen, um
Rückfälle in vergangene Zeiten zu verhindern. Zugleich plädiere
ich mit Leidenschaft für einen realistischen Optimismus, für
eine Überzeugung, wie sie David Ben Gurion und Konrad
Adenauer geprägt hat. Sie gab ihnen die Kraft, scheinbar
Unmögliches Wirklichkeit werden zu lassen. Meine Damen und
Herren, lassen Sie uns gemeinsam, Deutsche wie Israelis,
unseren Garten bebauen und ergrünen lassen: zum Wohl
unserer Völker, für den Frieden, für die Freiheit, den
Wohlstand und eine glückliche Zukunft in der Welt. Dazu
wünsche ich uns allen Gottes Segen.

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