offizieller besuch des bundeskanzlers im koenigreich norwegen vom 16. bis 17. juli 1992

  • Bulletin 81-92
  • 22. Juli 1992

bundeskanzler dr. helmut kohl stattete dem koenigreich
norwegen vom 16. bis 17. juli 1992 einen offiziellen
besuch ab.

die ministerpraesidentin von norwegen, gro harlem
brundtland, hielt bei einem abendessen am 16.juli
1992 auf schloss akershus in oslo folgende ansprache:

sehr geehrter herr bundeskanzler,
sehr verehrte frau kohl,
meine damen und herren!

es ist eine grosse freude fuer mich und die norwegische
regierung, sie, herr bundeskanzler, und ihre frau
gemahlin in norwegen begruessen zu duerfen.
keines der jetzigen grossen eg-laender - abgesehen
von grossbritannien - stand im gleichen masse wie
deutschland im laufe der jahrhunderte in so enger
beziehung zu unserer kultur und geschichte.
denn wie sie schon wiederholt betont haben: europa
endet nicht in kopenhagen. kein anderer europaeischer
politiker hat die eigenart des nordens und der nordischen
laender und deren beitrag zur europaeischen vielfalt
so stark hervorgehoben wie sie, herr bundeskanzler.
ich denke dabei besonders an ihre rede vor dem nordischen
rat in helsinki am 5.maerz dieses jahres.
schon vor 200 jahren meinte goethe, dass "der patriotismus
der antike in den meisten modernen gesellschaften
zu einer karikatur wird". was in unserer zeit not
tut, sagt goethe, ist nicht eine trennung von anderen
nationen, sondern ein fruchtbares zusammenspiel
zwischen ihnen.
von dem militanten nationalismus, der jetzt in vielen
teilen der ehemaligen kommunistischen laender zu
krieg und auseinandersetzungen fuehrt, muessen wir
uns distanzieren, aber das bewusstsein um die nationale
eigenart, die toleranz und das wissen um unsere
besonderheiten wollen wir uns erhalten und weiterentwickeln.
das haben sie selbst in ihrer rede in helsinki
unterstrichen, "europa soll kein schmelztiegel sein, in dem
alles gleich wird", sagten sie. die deutschen sollen deutsche,
und die norweger sollen norweger bleiben. wir haben
nicht den wunsch, zu einer einheitlichen grauen
masse zu werden.
tausende und aber tausende ihrer landsleute besuchen
alljaehrlich unser land. was suchen sie hier? nicht
den massentourismus, billigen wein und faulenzerdasein
an kilometerlangen straenden. nein, die meisten suchen
etwas ganz anderes, unberuehrte natur, erholung vom
gedraenge der grossen ballungsgebiete.
die vielen deutschen, die den langen weg bis zum
nordkap zuruecklegen - und derer sind es gewiss nicht
wenige - gewinnen einen eindruck von den enormen
entfernungen in unserem noerdlichen landesteil, der
duennen besiedlung und der starken abhaengigkeit der
dortigen bevoelkerung von den ressourcen des meeres.
wir koennen die enormen entfernungen veranschaulichen,
indem wir die europakarte um die suedspitze norwegens,
lindesnes, drehen, dann wird das nordkap sich mit
neapel decken.
wenn in der kommenden zeit entschieden werden soll,
ob wir in verhandlungen ueber einen beitritt zur
eg eintreten, ist es fuer uns aeusserst wichtig, dass
die fuehrenden europaeischen politiker einsehen, dass
die fischereiwirtschaft in norwegen eine spezielle
nationale bedeutung hat, dass die landwirtschaft
in norwegen - die vielerorts die bezeichnung "arktische
landwirtschaft" verdient hat - mit der mitteleuropaeischen
agrarwirtschaft nicht zu vergleichen ist, und dass
die duenne besiedlung unseres landes und die kostenintensive
infrastruktur einen teil unserer nationalen besonderheit
ausmachen, auf die wir - und andere - so grossen wert legen.
norwegen hat drei grosse nachbarn: russland im norden,
grossbritannien im westen und deutschland im sueden.
aus nordnorwegischer sicht ist russland die naechstgelegene
grossmacht. wir haben eine gemeinsame grenze, die
sich fuer eine engere zusammenarbeit zunehmend auftut.
ueber die noerdlichen grenzen hinweg eine regionale
zusammenarbeit mit unseren nachbarn aufzubauen,
ist uns jetzt ein besonderes anliegen. waehrend des
kalten krieges war nordnorwegen von einer natuerlichen
zusammenarbeit mit den russischen nachbargebieten
abgeschnitten. das moechten wir jetzt aendern. und
wir haben nichts dagegen, wenn auch andere laender
- so selbstverstaendlich auch deutschland - hier
mitmachen.
als beispiel moechte ich hier die aufruestung russischer
kernkraftwerke nennen, die eine ernste gefahr fuer
die umwelt darstellen. hier kann deutsche technologie
wesentlich zur sicherheit beitragen.
waehrend des eg-gipfels in lissabon wurde die debatte ueber
die dezentralisierung der zustaendigkeiten wiederaufgenommen,
die darauf hinauslaeuft, die entscheidungen immer
auf der unterstmoeglichen ebene faellen zu lassen,
also nahe bei denen, die sie betreffen. fuer viele
norweger, die einer zunehmenden zentralisierung
in europa skeptisch gegenueberstehen, ist dies eine
gute nachricht.
das subsidiaritaetsprinzip ist ein wichtiger garant
dafuer, dass die europaeische vielfalt unsere zusammenarbeit
weiterhin bereichern kann. so schaffen wir die beste
grundlage fuer die entwicklung einer lebendigen demokratie
auf lokaler, nationaler und internationaler ebene.
herr bundeskanzler, ich habe die vielfalt meines
landes hervorheben wollen. seit ich vor drei jahren
in bonn ihr gast war, hat die vielfalt in ihrem
eigenen land zugenommen, und da denke ich nicht nur
daran, dass der traum von einer politischen wiedervereinigung
wahr geworden ist. ich denke auch an die immensen
wirtschaftlichen und umweltpolitischen aufgaben
in den neuen bundeslaendern, und auch daran, dass
die grundlage fuer eine einheitliche deutsche kulturnation
mit ihren reichen traditionen und dem zentralen
platz in der geschichte europas wiedererstanden
ist.
die neuen bundeslaender sind ja in wirklichkeit alte
landesteile, und viele von ihnen haben eine ganz
zentrale rolle gespielt bei der wechselseitigen
beeinflussung zwischen unseren voelkern und kulturen,
nicht zuletzt im bereich von kunst und wissenschaft.
die entwicklung der norwegischen kultur und wirtschaft
war in historischem sinne immer dann am staerksten,
wenn die beziehungen zu deutschland am besten waren.
damit habe ich auch die zielvorgabe fuer unsere kuenftigen
beziehungen formuliert.
als verantwortliche europaeische kulturnationen koennen
wir gemeinsam die verantwortung gestalten, die europa
auf sich nehmen muss, um die sicherheitsprobleme
der neuen generation zu loesen, um eine tragfaehige
entwicklung zu foerdern, die ihnen, wie ich weiss,
sehr am herzen liegt.
kein anderer teil der welt hat solche moeglichkeiten
wie europa, gerade in unserer zeit. das ist uns
allen eine verpflichtung.
lassen sie mich abschliessend mein glas erheben und
einen toast ausbringen auf sie, herr bundeskanzler,
auf frau kohl und auf die gute und freundschaftliche
beziehung zwischen unseren laendern und voelkern.

ansprache des bundeskanzlers

bundeskanzler dr. helmut kohl dankte mit der nachstehenden
ansprache:

frau ministerpraesidentin,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!

zunaechst darf ich ihnen, sehr verehrte frau ministerpraesidentin,
sehr herzlich danken fuer die freundschaftliche aufnahme,
die meine frau und ich sowie unsere delegation bei
ihnen gefunden haben. und natuerlich danke ich ihnen
vor allem fuer die ungemein freundliche geste, dass
sie uns und mich in meiner muttersprache begruesst
haben.
die grosszuegige gastfreundschaft, mit der sie uns
in oslo und hier auf schloss akershus empfangen,
ist ein zeichen der verbundenheit und der exzellenten
beziehungen zwischen unseren beiden laendern.
wir alle stehen mitten in einem tiefgreifenden umbruch
in europa, ja in der welt. das antlitz unseres kontinents
hat sich an der schwelle zum 21. jahrhundert grundlegend
geaendert.
der ost-west-gegensatz ist ueberwunden, und wir haben
grosse fortschritte erzielt - auch auf dem weg zu
einem vereinten europa. wir deutsche haben unsere
staatliche einheit in frieden und freiheit wiedererlangt.
fuer die zustimmung, fuer die sympathie, die wir auf
dem weg zur einheit, nicht zuletzt auch aus norwegen
erhalten haben, sind und bleiben wir dankbar.
dies war in erinnerung an das grosse leid, das der
nationalsozialismus auch ueber ihr land gebracht hat, nicht
selbstverstaendlich.
frau ministerpraesidentin, meine damen und herren,
in der deutschen verfassung, unserem grundgesetz,
ist uns aufgetragen, als gleichberechtigtes glied
in einem vereinten europa dem frieden der welt zu
dienen.
deutsche einheit und europaeische einigung stellen
fuer uns deutsche zwei seiten ein und derselben medaille
dar. so hat es konrad adenauer einmal formuliert.
und ich fuege hinzu: wir wuerden als deutsche vor
der geschichte versagen, wenn wir uns nicht gerade
auch in zukunft mit allem nachdruck fuer die vollendung
des europaeischen einigungswerks einsetzen wuerden.
der vertrag von maastricht ueber die europaeische
union und der vertrag ueber den europaeischen wirtschaftsraum
zwischen der eg und den efta-laendern sind marksteine
auf diesem weg.
in weniger als sechs monaten wird der europaeische
wirtschaftsraum rund 380 millionen menschen in einem
gemeinsamen markt zusammenfuehren. wer die geschichte
dieses jahrhunderts kennt - und es trennen uns nur noch
acht jahre von der jahrhundert- und der jahrtausendwende
- kann nachvollziehen, was dies bedeutet.
dieser groesste binnenmarkt der westlichen welt eroeffnet
uns voellig neue perspektiven. er stellt ein modell
fuer europa, ja ueber seine grenzen hinaus dar.
mit dem vertragswerk von maastricht sind die laender
der eg fuer die herausforderungen der zukunft besser
geruestet.
auf dem europaeischen rat in lissabon haben wir vor
wenigen wochen vereinbart, die beitrittsverhandlungen
mit oesterreich, mit schweden, mit finnland und der
schweiz unmittelbar zu beginn des jahres 1993 aufzunehmen
und sie so schnell wie moeglich abzuschliessen.
frau ministerpraesidentin, meine damen und herren, ich
spreche es aus, wie ich es empfinde und meine landsleute
es empfinden: auch ihr land, norwegen, ist in diesem
europaeischen entwicklungsprozess aufs herzlichste
willkommen. norwegen wuerde die gemeinschaft wirtschaftlich,
politisch und kulturell bereichern.
sie persoenlich sind mit vielen in ihrem land fruehzeitig
und konsequent fuer einen beitritt eingetreten. ich
weiss - und damit mische ich mich nicht in die inneren
angelegenheiten - das liegt mir voellig fern - ihres
landes ein -, dass diese diskussion intensiv ist
und dass nicht wenige einer mitgliedschaft in der
gemeinschaft noch zurueckhaltend gegenueberstehen.
im vordergrund steht vielfach die sorge, vielleicht
auch angst, dass die nationale identitaet und regionale
eigenheiten, dass geschichte und tradition in einem
buerokratischen, ja zentralistischen europa untergehen
koennten.
ich sage ihnen klar fuer uns als deutsche, dies werden
wir nicht akzeptieren. ein solches europa ist nicht
das europa, das wir wuenschen. es ist auch nicht
das europa, dessen grundlagen im vertrag von maastricht
festgelegt wurden, denn die einheit europas ist
nur denkbar als eine einheit in vielfalt.
das europa der zukunft kann und wird kein schmelztiegel
sein. es muss ein europa sein, das die nationalen
identitaeten, die kulturen, die eigenarten und lebensweisen
eines jeden volkes, eines jeden landes bewahrt,
ja foerdert.
fuer uns war es deshalb von besonderer bedeutung:
im vertrag von maastricht das prinzip der subsidiaritaet
zu verankern. auf der ebene des geeinten europas
wird danach nur das geregelt, was nur dort und dort
allein geregelt werden muss - nicht mehr, aber auch
nicht weniger.
auf nationaler ebene, auf regionaler ebene, auf
kommunaler ebene wird alles das geregelt werden,
was man nur auf dieser ebene am besten regeln kann. wir
wollen keinen moloch europa, wir wollen ein europa, das eine
klare und unmissverstaendliche absage an jede form von
zentralismus bedeutet.
aber ich will auch hinzufuegen: vergessen wir nicht,
dass in ueber 35 jahren die europaeische gemeinschaft zur
inneren stabilitaet ihrer mitglieder entscheidend beigetragen
und unseren buergern steigenden wohlstand gebracht
hat.
ich glaube, nichts unterstreicht die anziehungskraft
der eg besser als der wunsch so zahlreicher laender,
gerade auch der reformstaaten mittel-, ost- und
suedosteuropas, nach einer mitgliedschaft. zudem
gilt die gemeinschaft heute zu recht weltweit als
das modell einer besonders erfolgreichen internationalen
und regionalen zusammenarbeit.
ein zersplittertes europa liefe gefahr, wieder zurueckzufallen
in nationalistisches denken und egoistische rivalitaeten.
in diesen tagen erleben wir die grausamen bilder
vom krieg im ehemaligen jugoslawien. diese bilder
zeigen uns, wie notwendig es ist, dass ueber die wirtschaftliche
zusammenarbeit hinaus europa mit einer stimme sprechen
und gemeinsam handeln kann.
nur so kann europa in der welt die rolle wahrnehmen,
die dem politischen gewicht, ja unserer politischen
verantwortung fuer die kommenden generationen entspricht.
in maastricht ist es gelungen, die grundlagen fuer
eine gemeinsame aussen- und sicherheitspolitik zu
schaffen.
dabei bleibt die atlantische allianz der anker fuer
unsere sicherheit. die sicherheits- und verteidigungspolitik
der europaeischen union wird deshalb immer aufs engste
mit der unserer partner jenseits des atlantiks verknuepft
sein. und wir wollen unserem nato-partner norwegen
anbieten, assoziiertes mitglied der westeuropaeischen
union, dem zukuenftigen verteidigungsarm der europaeischen
gemeinschaft, zu werden.
frau ministerpraesidentin, meine damen und herren,
vor wenigen tagen trafen wir uns in helsinki, und
dort haben wir in der ksze neue moeglichkeiten der
konfliktverhuetung des krisenmanagements geschaffen.
es kommt jetzt entscheidend darauf an, dass wir diese
neuen instrumente um des friedens willen nutzen.
wir duerfen und, ich denke, wir koennen nicht laenger
tatenlos zusehen, wie konflikte vor unserer haustuer
mit militaerischen mitteln barbarisch ausgefochten
werden. die gemeinschaft der ksze-staaten muss unter
beweis stellen, dass sie zu verantwortungsvollem
handeln bereit ist.
meine damen und herren, ich freue mich ueber den
hervorragenden stand der deutsch-norwegischen beziehungen.
zwischen unseren beiden laendern besteht ein enges
geflecht politischer, kultureller, wissenschaftlicher
und wirtschaftlicher beziehungen.
norwegen ist heute unser wichtigster europaeischer
energielieferant. eine reihe norwegischer firmen
haben sich schon erfolgreich in den neuen bundeslaendern
engagiert. ich will hier insbesondere die werftindustrie
hervorheben.
die neuen bundeslaender - und das sage ich ungeachtet
der aktuellen schwierigkeiten in diesem und in den
allernaechsten jahren - werden schon sehr bald europaeische
industriestandorte von groesster bedeutung sein. und sie sind
nicht zuletzt eine bruecke zu den maerkten in osteuropa.
unsere beiden laender koennen bei all diesem auch
heute an die wirtschaftlichen, aber auch geistigen
und kulturellen beziehungen
und bande anknuepfen, die ja bis in die zeit
der hanse zurueckreichen. sie bestehen auch zwischen
skandinavien und den oestlichen anrainern der ostsee.
selbst in den zeiten des kalten krieges sind sie
gluecklicherweise nie voellig abgerissen.
norwegen, das immer zugleich tor zum atlantik wie
zur ostsee war, ist gemeinsam mit den anderen laendern
skandinaviens dazu berufen, diese historischen bande
zu nutzen, um die partnerschaft im ostseeraum neu
zu beleben.
frau ministerpraesidentin, meine damen und herren,
europa hat heute die einmalige chance zu einem kontinent
des friedens, zu einem kontinent der freiheit,
zu einem kontinent der zusammenarbeit zu werden.
fuer dieses ziel sollten wir, norweger und deutsche,
unsere kraefte vereinen.
in diesem sinne bitte ich sie, ihr glas zu erheben und
anzustossen auf die gesundheit ihrer majestaeten koenig
harald und koenigin sonja, auf ihr wohl, frau ministerpraesidentin,
und auf das wohl ihres gatten, auf eine friedliche
und gemeinsame zukunft und auf die freundschaft
zwischen unseren voelkern, vor allem auch der juengeren
generation.

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