Neue Messe München - Treffpunkt der Welt - Rede des Bundespräsidenten in München

Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Eröffnung der Messe München
am 12. Februar 1998 folgende Rede:

Seit heute hat München einen weiteren guten Grund für Selbstbewußtsein. Die
Münchner waren ja schon seit je der Meinung, sie seien die heimliche
Hauptstadt, wenn nicht gar der Nabel der Welt. Und die Messeanlage, die wir
heute eröffnen, ist, wenn schon nicht Nabel der Welt, so doch jedenfalls
Treffpunkt der Welt.

München hat heute mehr denn je eine große Anziehungskraft. Für die Gäste aus
aller Welt hat es ja auch viel zu bieten: von seiner Gastronomie bis zur
Kultur, von der Geschichte bis zur Kunst, von der Gemütlichkeit bis zu
High-Tech! Und mit der Eröffnung dieses imposanten Messegeländes ist München
nun auch in den Olymp der Messe-Hauptstädte aufgerückt.

Deutschland ist als Messestandort in der Welt ohnehin führend. Es hat eine
ganze Reihe von Messeplätzen, die Spitzenstellungen im globalen Maßstab
einnehmen und deren Bedeutung weit über die Grenzen Deutschlands hinaus
reicht. Daß München - nicht erst seit heute, aber von nun an mit noch mehr
Deutlichkeit - zu diesen Spitzenplätzen zählt, bezeugen allein schon die
vielen Grußworte aus aller Welt, die uns hier auf so anschauliche Weise
präsentiert werden.

Ganz besonders freut es mich, daß Ministerpräsident Prodi und der
österreichische Wirtschaftsminister Farnleitner angereist sind, um an der
heutigen Messeeröffnung teilzunehmen. Die Unternehmen aus Ihren beiden Ländern
haben schon in der Vergangenheit die Münchener Messe als bevorzugtes
Schaufenster für ihre Produkte angesehen. Sicherlich wird auch in Zukunft für
die Messe München der Süden Europas einer der regionalen Schwerpunkte bleiben,
wofür allein schon die geographische Lage spricht. Und das ist gut so.

Ich würde es darüber hinaus sehr begrüßen, wenn sich das Messeengagement in
Richtung Mittel-, Ost- und Südosteuropa in Zukunft noch weiter verstärken
würde. Schon heute kommt aus diesen Ländern nach der Europäischen Union das
größte Besucherkontingent. Und es gilt die alte Regel: Die Besucher von heute
sind die Aussteller von morgen.

Die verstärkte Ausrichtung nach Mittel-, Ost- und Südosteuropa ist in
zweierlei Hinsicht von Bedeutung: Zum einen bietet die Messe die Möglichkeit -
gerade auch den deutschen Anbietern -, die sich rasch und dynamisch
entwickelnden Märkte in jenen Ländern zu erschließen. Zum anderen brauchen die
Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas selbst ein Forum, wo sie ihre Ideen und
Produkte einem großen internationalen Publikum präsentieren können. Darin
liegt auch ein substantieller Beitrag zur Integration Europas.

Die Europäische Union steht am Vorabend einer dramatischen Erweiterung. Im
Dezember haben die Regierungs- und Staatschefs dem Verhandlungsprozeß konkrete
Gestalt gegeben, die insgesamt zehn mittel-, ost- und südosteuropäische Länder
und Zypern umfaßt. Im Mai dieses Jahres sollen die Verhandlungen mit Estland,
Polen, Slowenien, Tschechien, Ungarn sowie Zypern beginnen. Gewiß werden noch
einige Jahre bis zu den ersten Beitritten vergehen; das kann angesichts der
Komplexität der Verhandlungsmaterie aber niemanden verwundern.

Dieser Integrationsprozeß ist für alle von Vorteil. Ökonomisch und politisch.
Es ist eine altbekannte Weisheit, daß der Außenhandel kein Nullsummenspiel
ist. Durch den Wegfall von Schranken, die den grenzüberschreitenden Waren- und
Dienstleistungsverkehr behindern, wird eine verbesserte internationale
Arbeitsteilung möglich, und die führt zu Einkommens- und Wohlfahrtsgewinnen,
von denen alle profitieren können: die jetzigen EU-Mitgliedstaaten und die
zukünftigen Beitrittsländer.

Die Erweiterung der Union hat aber nicht nur wirtschaftliche Aspekte. Von
noch größerer Bedeutung ist es, daß die konkrete Perspektive zum EU-Beitritt
und natürlich später der Beitritt selbst die Beitrittsländer auch politisch
stabilisieren wird. Die Länder, mit denen der Verhandlungsprozeß eröffnet
wird, sind noch relativ junge parlamentarische Demokratien; gleichzeitig ist
dort die Wirtschaft einem tiefgreifenden Transformationsprozeß unterworfen.
Gesellschaftliche Spannungen, wirtschaftliche Reibungsverluste und politische
Rückschläge sind dabei fast unvermeidlich. Gerade das Ziel der Mitgliedschaft
trägt dazu bei, den einmal eingeschlagenen Reformkurs in diesen Ländern
unumkehrbar zu machen. Diese historische Chance muß genutzt werden.

Da Deutschland schon zahlreiche - international renommierte - Messestandorte
besitzt, könnte man natürlich fragen, ob es deren nicht inzwischen zu viele
gibt. Aber hier gilt eben nicht das Sprichwort, daß viele Köche den Brei
verderben. Im Gegenteil: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und dieser Wettbewerb
zwischen attraktiven Standorten in Deutschland kann uns im europaweiten und
globalen Leistungsvergleich nur gut tun. Mir ist es lieber, wenn drei deutsche
Standorte um eine große Messe konkurrieren, als wenn wir diese Ausstellung
mangels Alternativen an einen ausländischen Messeplatz verlieren. Die
deutschen Messestädte können sich hinsichtlich der Themenauswahl, der Art der
Ausstellung und der geographischen Ausrichtung gut ergänzen. Zumindest im
Messebereich können wir manches Gerede über die "Service-Wüste Deutschland"
widerlegen. Ich würde mir wünschen, das wäre auch in anderen
Dienstleistungsbereichen so.

Wir leben heute in einer Welt, in der sich unser Wissen rasend schnell
vermehrt. Eine enorme Fülle neuer Techniken und Produkte entsteht. Im
Zeitalter der Globalisierung machen sich Innovationen, wirtschaftliche und
technische Entwicklungen am einen Ende der Welt sofort an allen anderen Enden
bemerkbar. Das macht uns mitunter Schwierigkeiten, aber es sollte doch auch
als Chance verstanden werden, schon deshalb, weil für die bei uns anstehenden
Probleme anderswo möglicherweise bereits Lösungen gefunden sind. Und hier
kommt den Messen eine bedeutende Rolle zu.

Denn diese Ideen und die ihnen entsprechenden neuen Produkte müssen auch
präsentiert werden. Was nützt die beste Idee, wenn keiner sie wahrnimmt. Das
läßt mich ganz optimistisch sagen: Unsere gegenwärtige technologische
Revolution mit ihrer ungeheuren Innovationsgeschwindigkeit führt ganz
zweifellos auch zu einem Messe-Boom. Messen sind und bleiben die
entscheidenden Marktplätze für Innovationen und Neuheiten in Wissenschaft und
Wirtschaft. Daß sie durch Medieninteresse und neueste multimediale Technik
manchmal zugleich zu einem großen Entertainment werden, unterstreicht ihre
Bedeutung zusätzlich. Sie verlassen den Kreis des Fachpublikums und sprechen
die Bürger direkt an. Sie erfüllen damit eine eminent wichtige Funktion der
Marktwirtschaft, die im Zeitalter der Globalisierung und
Informationsgesellschaft notwendiger denn je ist.

Messen befriedigen übrigens nicht nur das Bedürfnis nach Information über
neue Ideen und Produkte. Sie sind gleichzeitig Reflex und Spiegelbild der
Innovationsaktivitäten überhaupt. Eine Messepräsentation vermittelt das
Gefühl, daß etwas vorangeht, daß etwas in Gang gesetzt wird, daß Lösungen für
Probleme gefunden werden. Dieser bewußtseinsbildende Effekt ist die beste
Medizin gegen unseren Hang zum Lamentieren. Gegen nachlassende wirtschaftliche
Dynamik hilft kein verbissenes Festhalten am Vergangenen, sondern nur der
offene Blick auf die Chancen des Neuen. Nicht "Angst" sollte als deutsches
Wort im Wortschatz anderer Sprachen Aufnahme finden, sondern "Mut" und
"Zuversicht"! Erfindergeist, Selbständigkeit, die Gewißheit, mit bei Gott
nicht kleinen Problemen fertig zu werden - all das ist bei unseren jungen
Menschen ja durchaus vorhanden. Es muß bestärkt und unterstützt werden.

Gerade hier in Bayern finden wir viele Belege dafür, daß Technikbegeisterung
und Tradition, Innovationsfreude und Bodenständigkeit keine unüberbrückbaren
Gegensätze sind. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat man hier den Sprung vom
ökonomischen Schlußlicht ganz nach vorn geschafft. Wäre ich nicht selbst
Bayer, würde ich sagen: Hier sind Lederhose und Laptop eine Symbiose
eingegangen. So unterdrücke ich diese Bemerkung.

In ganz Deutschland ist mittlerweile vieles in Bewegung gekommen. Ja, auch
ich ärgere mich, wenn manches nicht schnell genug geschieht. Und es ist nötig,
immer wieder Dampf zu machen. Aber wir müssen auch bereit sein, positive
Veränderungen wahrzunehmen. In der Biotechnologie, der Gentechnologie, der
Softwareentwicklung - überall gibt es heute hoffnungsfrohe Signale.

Gerade an der High-Tech-Front tut sich viel, auf das es sich lohnt,
aufmerksam zu machen. Auf dem Weltmarkt für technologieintensive Güter hat die
Bundesrepublik mit einem Anteil von 17 Prozent die führenden Nationen fast
eingeholt. Relativ gesehen ist kein anderes Land erfindungsreicher als die
Bundesrepublik: Auf eine Million Arbeitnehmer kommen in Deutschland mehr
Weltmarktpatente als in Japan und den Vereinigten Staaten. Wir werden sehen,
was das konkret bedeutet, gerade auch in den Produktpaletten unserer
Industrie. Aber machen wir uns auch nicht schlechter, als wir sind. Und
erkennen wir auch, daß es nicht nur Produktionsverlagerungen ins Ausland gibt,
sondern auch wieder viele Beispiele einer Gegenbewegung.

Ich bin sicher, daß Messen wie diese hier in München auch als Medien und
Multiplikatoren für solchen voranschreitenden Wandel wirken. Auch deshalb
wünsche ich der neuen Messe München viel Erfolg.