erklaerung der bundesregierung zum 50. jahrestag des ausbruchs des zweiten weltkrieges, abgegeben von bundeskanzler dr. helmut Kohl vor dem deutschen bundestag

bundeskanzler dr. helmut kohl gab in der 154. sitzung
des deutschen bundestages am 1. september 1989 aus
anlass des 50. jahrestages des ausbruchs des zweiten
weltkrieges am 1. september 1939 folgende erklaerung
der bundesregierung ab:

erinnerung - trauer - mahnung - verantwortung

i.

frau praesidentin,
meine sehr verehrten damen und herren!

wir gedenken heute in deutschland, in europa und weltweit
des beginns des zweiten weltkrieges vor 50 jahren. als frei
gewaehlte vertreter des deutschen volkes sind wir hier
besonders in der pflicht. wir stellen uns diesem auftrag -
mit jenem ernst, den dieser tag von uns verlangt.
trauer bewegt uns an diesem tag - und das bewusstsein fuer
die verantwortung, die wir in erinnerung an den zweiten
weltkrieg empfinden.

besondere verantwortung erwaechst uns aus der tatsache,
dass der zweite weltkrieg durch jenes verbrecherische
regime entfesselt wurde, das damals die staats- und
regierungsgewalt in deutschland innehatte.

trauer empfinden wir ueber das leid, das menschen und
voelkern im deutschen namen und von deutscher hand
zugefuegt wurde. wir trauern um die vielen unschuldigen
opfer aus der mitte unseres eigenen volkes.

dieser krieg war nach dem willen seiner urheber ein
gnadenloser rassen- und vernichtungskrieg. er erreichte
eine dimension des grauens, die es nie zuvor gegeben
hatte - und die es nie wieder geben darf.
er war letzte konsequenz einer totalitaeren ideologie, die
in ihrer wahnvorstellung eine rasse zum goetzen erhoben
hatte.

die erinnerung daran wachzuhalten, schulden wir den
unschuldigen opfern, allen voran jenen der shoah, des
beispiellosen voelkermords an den europaeischen juden, den
polen, denen hitler den totalen versklavungs- und
ausrottungskrieg erklaert hatte, den sinti und roma, den
vielen anderen opfern der nationalsozialistischen
gewaltherrschaft.

wir trauern um die opfer von entrechtung und unterdrueckung,
die hitlers diktatur zunaechst ueber deutschland
und dann ueber die welt gebracht hat, um die unschuldigen
opfer an den fronten des krieges und der heimat, um die
opfer der vertreibungen.

wir schliessen in unser gedenken auch die millionen von
soldaten aus so vielen nationen ein, die in
kriegsgefangenschaft ums leben kamen oder als kriegsversehrte
in die heimat zurueckkehrten.

wer koennte die frauen vergessen, die vergeblich auf ihre
maenner, und die muetter, die vergeblich auf ihre soehne
gewartet haben! wie viele kinder haben vater oder mutter
verloren!

sich der unschuldigen opfer zu erinnern, heisst: das grauen
im gedaechtnis zu bewahren, es sich - im urspruenglichen
wortsinne - zu vergegenwaertigen. es muss uns immer
mahnung sein und darf nicht durch falsche vergleiche
verharmlost werden. hueten wir uns davor, gedankenlos oder
gar in polemischer absicht worte wie "faschismus" oder
"widerstand" ohne weiteres auf aktuelle sachverhalte
anzuwenden!

es gibt nicht nur die versuchung, vergangenes zu
verharmlosen. gedanken- und gefuehllos sind auch jene, die vor
dem leid in unserer zeit die augen verschliessen. wir sollten
in diesem augenblick auch an jene menschen und voelker
denken, denen noch immer ein leben in wuerde und freiheit
versagt ist.

nach diesem weltkrieg und der vernichtungswut der jahre
1939 bis 1945, nach auschwitz und babi jar, nach oradour
und lidice konnte unsere welt nie wieder so sein wie davor.
deshalb muessen sich traditionen und scheinbare
selbstverstaendlichkeiten immer wieder einer kritischen
pruefung unterziehen lassen.

kontinuitaet, meine damen und herren, ist nur verantwortbar
als bewusstes anknuepfen an das gute, das sich eben nicht
zerstoeren laesst. dazu gehoeren die freiheitlichen traditionen
in der geschichte unseres volkes. sie sind die sittliche
substanz, aus der wir, vor allem die gruendungsvaeter und
-muetter unserer demokratie, die bundesrepublik
deutschland formten - das freiheitlichste gemeinwesen, das es
je auf deutschem boden gab.

gewiss: auch nach 1945 meldeten sich noch manche
unbelehrbaren und unverbesserlichen zu wort. doch wurden
sie - und dafuer sind wir dankbar - von den allermeisten
ueberlebenden entschieden verurteilt und ein fuer allemal
zurueckgewiesen. denn diese hatten die wirkung der alten
unheilslehren am eigenen leibe erfahren. sie wussten nur
zu genau um deren verheerende wirkung.

das boese in der geschichte hat auf dauer keinen bestand.
das gibt uns hoffnung. mit seiner wahnvorstellung vom
rassenstaat widersetzte sich hitler jeder historischen
erfahrung. die geschichte ging ueber ihn hinweg. nach zwoelf
jahren versank das von ihm so genannte "tausendjaehrige
reich" in schutt und asche.

es ist wahr: allzuviele menschen in deutschland - auch
manche im ausland - hatten sich vom tyrannen blenden
und irreleiten lassen. das urteil ueber die ns-diktatur
haengt indes allein von ihren untaten ab, ihrem
vernichtungsfeldzug und dem voelkermord.

die wunden, die der zweite weltkrieg geschlagen hat, sind,
wie wir wissen, bis heute noch nicht verheilt. sie haben sich
ins gedaechtnis der voelker eingebrannt, und sie haben die
menschen auch persoenlich gezeichnet, jeden einzelnen, der
diese zeit des schreckens erlebt hat, und sei es als kind.
mich selbst lassen bis heute die bilder nicht los, die sich
mir 1939 - ich war damals neun jahre alt - und in den
kriegsjahren danach eingepraegt haben. ich erinnere mich
noch heute an die schrecken der bombennaechte in meiner
heimatstadt, an die vielen toten auf den strassen und in
zerstoerten haeusern.

andere haben noch heute vor augen

- die viehwaggons der todeszuege, vollgepresst mit
menschen auf dem weg in die vernichtungslager,

- die schlachtfelder des krieges, wo millionen von soldaten
angst, not und tod erlitten,

- die endlos scheinenden kolonnen ausgemergelter
kinder, frauen, und alter menschen auf der flucht und
bei der vertreibung,

- die fluechtlingszuege, in denen sich muetter an ihre
erfrorenen kinder klammerten.

jene, die damals unschuldig ihr leben verloren, und jene,
die die schrecken ueberlebten - sie alle mahnen, nicht zu
vergessen, dass die unveraeusserliche wuerde des menschen
immer und ueberall massstab unseres handelns bleiben muss.
pruefstein ist dabei immer die wuerde des schwaechsten.
gerade bei uns in deutschland darf die erinnerung an das
vergangene nicht verlorengehen. sie ist uns deutschen
eine schwere last. aber sie hat uns auch geholfen, unser
gemeinwesen, unsere republik verantwortungsbewusst zu
gestalten. sie bleibt voraussetzung dafuer, dass uns das
auch in zukunft gelingt.

anders als nach dem ersten weltkrieg gab es nach 1945
keine diskussion ueber die kriegsschuld. hitler hat den krieg
gewollt, geplant und entfesselt. daran gibt es nicht zu
deuteln. wir muessen entschieden allen versuchen
entgegentreten, dieses urteil abzuschwaechen. das ist ein gebot
der wahrhaftigkeit und des politisch-moralischen anstands.
es ist auch gebot eines recht verstandenen patriotismus,
meine damen und herren. denn hitlers vernichtungswille
hatte sich zuletzt auch gegen unser eigenes volk gerichtet:
im angesicht der totalen niederlage wollte er es mit sich in
den abgrund reissen.

er hatte von "volksgemeinschaft" gesprochen. doch in
wahrheit wollte er viele gruppen unseres volkes ausgrenzen,
nicht integrieren. er war von der wahnidee der rasse
beherrscht. ihr ordnete er alles unter, auch die idee der
nation.

er hatte von "goettlicher vorsehung" gesprochen. doch in
wahrheit ging es ihm um die zerstoerung religioeser
bindungen, um die zerstoerung christlich gepraegter moralitaet.
die sittliche kultur unseres landes, die sittliche kultur
europas bedeutete ihm nichts, die eigene willkuer alles.
wir duerfen am heutigen tag dankbar feststellen, dass sich
unsere bundesrepublik deutschland, unser freiheitliches
gemeinwesen, fundamental von allem unterscheidet, was
die nationalsozialistischen gewaltherrscher anstrebten.
wir haben in ueber 40 jahren durch gemeinsame
anstrengung eine republik aufgebaut, die der freiheit und
dem frieden verpflichtet ist und hohe achtung in der welt
geniesst. unsere bundesrepublik deutschland ist fest
gegruendet auf genau jene werte, die hitler zutiefst
verhasst waren und die er fanatisch bekaempfte.

ii.

meine damen und herren, die maenner und frauen, die im
parlamentarischen rat ueber das grundgesetz berieten,
waren sich dieses gegensatzes voll bewusst. sie handelten
aus persoenlicher erfahrung heraus.

sie hatten den aufstieg des nationalsozialismus erlebt.
doch die wenigsten von ihnen hatten sich damals vorstellen
koennen, wohin die hitler-diktatur einmal fuehren wuerde.
"wehret den anfaengenue" - das war deshalb ihr leitgedanke.
denn das unheil nahm nicht erst 1939, sondern schon
jahre davor, schon vor 1933, seinen lauf: was zu beginn
noch aufhaltsam gewesen waere, liess sich im lauf der zeit
immer schwerer anhalten oder gar rueckgaengig machen.
die vorgeschichte des zweiten weltkrieges lehrt zudem,
dass macht, zu welchem zweck auch immer verliehen, nur
durch gegenmacht zu kontrollieren ist.

die schuld der nationalsozialistischen machthaber wird um
kein jota verkleinert, wenn wir heute feststellen:

- im innern versagten teile der gesellschaftlichen und
politischen eliten. der demokratie von weimar hatten zu
viele die loyalitaet verweigert. und spaeter gaben sich nicht
wenige - teilweise bis zum schluss - der illusion hin, der
fanatismus der nationalsozialistischen machthaber
lasse sich durch kompromisse und zusammenarbeit
zaehmen.

- es stimmt auch, dass europaeische maechte ungewollt eine
entwicklung foerderten, die hitlers plaene objektiv
beguenstigte. sie hatten ihn auch falsch eingeschaetzt.

- die verbreitete sehnsucht nach "frieden in unserer zeit"
- wie neville chamberlain es 1938 nach muenchen
ausdrueckte - war gewiss verstaendlich. aber sie war ein
schlechter ratgeber. damals kam es darauf an, die plaene
des diktators mit wachem blick zu durchschauen.

nur eine umfassende balance der kraefte vermag einen
dauerhaften frieden verlaesslich zu garantieren. wahrer
friede setzt jedoch mehr voraus. deshalb bekennen wir uns
in unserem grundgesetz ohne jeden vorbehalt "zu
unverletzlichen und unveraeusserlichen menschenrechten als
grundlage jeder menschlichen gemeinschaft, des friedens
und der gerechtigkeit in der welt".

aus den erfahrungen der zwischenkriegszeit, meine damen
und herren, ist der schluss zu ziehen, dass ein fairer
ausgleich nicht gelingen kann, wenn guter wille nur auf einer
seite besteht.

die vorgeschichte des zweiten weltkrieges hat die gemeinschaft
freier voelker gelehrt, wie wichtig es ist, wachsam zu
sein. diese lehre gilt nach wie vor - moegen wir jetzt auch
im verhaeltnis zu unseren nachbarn im osten und suedosten
europas zeugen eines grundlegenden wandels sein. wir
alle wuenschen uns, dass die ermutigenden entwicklungen
unserer zeit bestand haben, ja, dass sie sich fortsetzen
moegen. was in unserer kraft steht, wollen wir dazu
beitragen. denn gerade wir deutschen sind dazu besonders
verpflichtet.

das folgt nicht zuletzt aus dem hitler-stalin-pakt von 1939.
wir deutsche begreifen die besondere verantwortung, die
uns daraus erwaechst, dass hitler nach abschluss dieses von
vielen so genannten teufelspaktes polen mit krieg ueberzog.
damit wurde dieses land das erste opfer des
nationalsozialistischen rassen- und vernichtungskrieges.
die damaligen vereinbarungen bedeuteten eine
schaendliche missachtung der unabhaengigkeit und territorialen
integritaet polens, der baltischen staaten, finnlands und
rumaeniens. dieser anschlag auf das voelkerrecht, nicht
zuletzt auf das selbstbestimmungsrecht, war durch nichts,
aber auch gar nichts zu rechtfertigen.

wir verurteilen ihn und die nachfolgenden gewalttaten ohne
jede einschraenkung.

die bundesregierung hat mehrfach zum ausdruck gebracht,
dass die vereinbarungen von 1939 fuer die bundesrepublik
deutschland nicht rechtsgueltig sind. das bedeutet auch, dass
wir aus dem pakt selbst und aus seinen zusatzvereinbarungen
keinerlei rechtfertigung fuer nachfolgende
voelkerrechtsverstoesse des deutschen reiches und der
sowjetunion herleiten.

der hitler-stalin-pakt war das produkt eines zynischen
zusammenspiels zweier diktaturen. die eine der beiden ist
in dem von ihr selbst entfachten inferno ein fuer allemal
untergegangen. die sowjetunion steht - 36 jahre nach
stalins tod - mitten in einem schmerzhaften prozess der
kritischen selbstpruefung im zeichen "neuen denkens".
im zweiten weltkrieg nahm eine entwicklung ihren anfang,
die sich nach dessen ende gewaltsam vollzog. unser
vaterland wurde geteilt. fuer die deutschen in der ddr und
fuer viele voelker in mittel-, ost- und suedosteuropa wurde
das kriegsende zum ausgangspunkt fuer die abloesung der einen
diktatur durch eine andere. die spaltung deutschlands und
europas laesst sich durch den zweiten weltkrieg zum teil
erklaeren, jedoch in keiner weise rechtfertigen.
deshalb sind aeusserungen wie jene von generalsekretaer
gorbatschow hier in bonn im juni dieses jahres, wonach
die nachkriegsperiode zu ende gehe, ein signal der
hoffnung fuer alle menschen und voelker, die unter der
teilung europas und deutschlands ganz unmittelbar zu leiden
haben und die sich wuenschen, dass der gegenwaertige
zustand endlich friedlich ueberwunden wird.

iii.

frau praesidentin, meine damen und herren, ueber viele
generationen hinweg hat das einst geteilte polen unverzagt
an der idee seiner nationalen zusammengehoerigkeit
festgehalten. gerade die erinnerung an das schicksal polens
kann uns deutschen helfen, die last der teilung zu tragen,
solange wir nicht "in freier selbstbestimmung die einheit
und freiheit deutschlands" vollendet haben.
im gemeinsamen wunsch nach nationaler
selbstbestimmung fuehlen wir uns in besonderer weise mit dem
polnischen volk verbunden. der friedenspreistraeger des
deutschen buchhandels wladyslaw bartoszewski, der unter der
nationalsozialistischen gewaltherrschaft schreckliches am
eigenen leib erdulden musste, hat hierzu vor einiger zeit
erklaert: "die ueberwindung der deutschen teilung liegt auch
im interesse polens. wir wollen westwaerts von uns eine
demokratie."

professor bartoszewski hat als freund der deutschen die
gemeinsame erklaerung polnischer und deutscher katholiken
zum 1. september 1989 unter dem titel "fuer freiheit,
gerechtigkeit und frieden in europa" unterzeichnet. auch
der neue polnische ministerpraesident tadeusz mazowiecki
gehoert zu den unterzeichnern.

ich will gerne hier und heute die gelegenheit nutzen, dem
polnischen ministerpraesidenten von herzen unsere guten
wuensche fuer sein schwieriges amt zu uebermitteln. wir
wollen, dass er erfolg hat. wir wollen ihn nach kraeften dabei
unterstuetzen, das will ich hier auch fuer mich persoenlich
bekennen.

frau praesidentin, meine damen und herren, es gibt keinen
zweifel: der gegenwaertige politische und gesellschaftliche
wandel in den staaten des warschauer pakts eroeffnet die
historische chance zur verwirklichung der menschenrechte
fuer all jene europaeer, denen sie in den vergangenen
jahrzehnten verweigert wurden - und damit auch fuer alle
deutschen.

die bundesregierung ist fest entschlossen, diese chance zu
nutzen. unser ziel bleibt - so hat es konrad adenauer beim
deutschlandtreffen der schlesier am 11. juni 1961
ausgedrueckt -, "dass europa einmal ein grosses, gemeinsames
haus fuer alle europaeer wird, ein haus der freiheit".
im europa der zukunft muss es vor allem um selbstbestimmung
und menschenrechte gehen, um volkssouveraenitaet
und nicht so sehr um grenzen oder um hoheitsgebiete.
denn nicht souveraene staaten, sondern souveraene voelker
werden den bau europa dereinst vollenden.

nie wieder darf europa den verhaengnisvollen weg von der
humanitaet ueber die nationalitaet zur bestialitaet gehen,
wie ihn grillparzer im vergangenen jahrhundert vorausgesagt
hatte.

im deutschen namen und von deutscher hand ist dem
polnischen volk furchtbares angetan worden. wer weiss
hierzulande eigentlich noch, dass die konzentrationslager
auf polnischem boden auch dazu bestimmt waren, die eliten
dieses volkes auszuloeschen?

aussoehnung ist nur moeglich, wenn wir die ganze wahrheit
aussprechen.

wahrheit ist auch, dass ueber zwei millionen deutsche
- unschuldige menschen - auf flucht und vertreibung
ihr leben verloren. der verlust der heimat hat bei vielen
millionen unserer landsleute tiefe wunden geschlagen.
diese bitteren erfahrungen duerfen nicht verdraengt werden.
aber wir wollen daraus lernen. denn welchen sinn soll es
haben, wenn deutsche und polen gegeneinander
aufrechnen, wie dies einige hueben und drueben leider immer
noch tun? spaetere generationen werden uns danach beurteilen,
was wir heute dafuer tun, dass sie in frieden und in
gemeinsamer freiheit leben koennen.

das beispiel der deutsch-franzoesischen aussoehnung und
freundschaft beweist, dass graeben, die jahrzehnte- oder gar
jahrhundertelang bestanden haben, sich ueberwinden
lassen. und das beispiel unseres verhaeltnisses zum staate
israel und zu juden in aller welt zeigt, dass bei gutem willen
auf allen seiten selbst ueber tiefe abgruende bruecken
geschlagen werden koennen.

wir wollen verstaendigung zwischen dem deutschen und
dem polnischen volk. das ist unsere pflicht, und es
entspricht auch der sehnsucht beider voelker. diesem
von uns allen empfundenen wunsch hat auch der herr
bundespraesident zu beginn dieser woche in seiner
botschaft an den polnischen staatspraesidenten ausdruck
verliehen.

fuenfzig jahre nach beginn des zweiten weltkriegs ist die
zeit gekommen fuer eine dauerhafte aussoehnung.
wir wissen um die bitterkeit, die im krieg gegen
deutschland entstand - in polen, in frankreich und spaeter in
der sowjetunion, die ueber 20 millionen kriegsopfer zu beklagen
hatte. die allermeisten voelker europas erfuhren schweres
leid von deutscher hand. viele davon sind heute unsere
partner, ja freunde.

dankbar sind wir all jenen, die uns nach dem ende von
krieg und gewaltherrschaft die hand zur versoehnung
reichten, allen voran dem amerikanischen volk, das schon sehr
frueh mit grosszuegiger nahrungsmittel- und aufbauhilfe ein
unvergessenes zeichen taetiger naechstenliebe und auch
politischer weitsicht setzte. weise staatsmaenner wie
praesident harry s. truman und george marshall und viele,
viele privatpersonen hatten anteil an solchen werken des
friedens.

aus frankreich nenne ich joseph rovan, der schon wenige
monate nach seiner befreiung aus dem konzentrationslager
dachau den satz niederschrieb: "je mehr unsere feinde
die zuege des menschlichen gesichts ausgeloescht haben,
um so mehr muessen wir diese in ihnen selbst respektieren,
ja sogar verschoenern."

bei der verstaendigung mit polen hat es in den letzten
jahrzehnten schon wegweisende schritte gegeben. ich will
hier besonders die vielfaeltigen initiativen aus dem bereich
der kirchen erwaehnen.

mit dem warschauer vertrag von 1970, den damals der
kollege brandt unterzeichnete, gelang ein weiterer schritt in
diese richtung. an buchstaben und geist dieses vertrages
werden wir uns weiterhin halten. wir sollten darueber nicht
weiter diskytieren.

in der praeambel bekunden polen und die bundesrepublik
deutschland ihren willen, der inzwischen herangewachsenen
neuen, der jungen generation eine friedliche zukunft zu
sichern und - ich zitiere - "dauerhafte grundlagen fuer ein
friedliches zusammenleben und die entwicklung normaler
und guter beziehungen" zu schaffen.

anfang der achtziger jahre, meine damen und herren, als
polen eine schwere zeit durchmachte, brachte die
bevoelkerung der bundesrepublik deutschland in einer welle
grosser hilfsbereitschaft ihre solidaritaet mit dem polnischen
volk zum ausdruck.

ich bin ueberzeugt, dass sich die gesellschaftliche oeffnung
in polen guenstig auf unsere bemuehungen auswirken wird. die
moeglichkeiten fuer eine verstaendigung zwischen unseren
voelkern werden um so besser, je weiter die entwicklung zu
mehr persoenlicher freiheit in polen voranschreitet. denn
wahre versoehnung ist nicht nur eine frage menschlichen
wollens, sondern natuerlich auch der politischen
gegebenheiten.

vorurteile und misstrauen haben auf dauer keine chancen
mehr, wo grenzen ueberschritten werden duerfen, wo
informationen und meinungen frei ausgetauscht werden und
menschen - vor allem auch junge leute - einander in
freiheit begegnen koennen.

so konnte die deutsch-franzoesische aussoehnung nicht
zuletzt deshalb so gut gelingen, weil sie auf dem
gemeinsamen fundament von demokratie und rechtsstaatlichkeit
aufbaute und weil in immer haeufiger werdenden begegnungen
und gespraechen zwischen franzosen und deutschen
ein neues verstaendnis fuereinander wuchs.

iv.

frau praesidentin, meine sehr verehrten damen und herren,
wo die freiheit verlorengeht, ist bald der friede verspielt -
zunaechst im innern und dann nicht selten auch nach aussen.
die hitler-diktatur und der zweite weltkrieg warnen uns
immer wieder vor der verfuehrungskraft des extremismus
oder gar des totalitarismus. die gefahr des extremismus ist
stets gegenwaertig - auch in einer freiheitlichen, offenen
gesellschaft.

es ist fuer eine freiheitliche demokratie daher unerlaesslich,
solchen versuchungen so frueh wie moeglich
entgegenzuwirken. vor dem hintergrund der geschichte der
nationalsozialistischen diktatur heisst das, menschen durch
den rechtsstaat davor zu bewahren, eines tages den
verstrickungen des totalitarismus ausgesetzt zu sein.
meine damen und herren, die freiheitliche demokratie ist
kein abstraktes prinzip. sie betrifft jeden einzelnen ganz
unmittelbar. es geht um seine freiheit. es geht um sein
persoenliches glueck. tragen wir gemeinsam dazu bei, dass
dies allen bewusst bleibt.

die menschen sind vor jener zweideutigkeit in einer
totalitaeren diktatur zu schuetzen, die sich aus verfuehrung
und gewalt, aus recht und unrecht, aus anpassung und zwang
zusammensetzt. das nationalsozialistische regime
verstrickte menschen guten willens in ein verwirrendes, in
ein diabolisches netz, dem zu entkommen immer schwieriger
wurde.

die grenzen zwischen gut und boese verschwammen mehr
und mehr. die redlichkeit des einzelnen war immer weniger
gewaehr fuer richtiges verhalten. mit dem schwarz und weiss
eines holzschnitts laesst sich daher ein gerechtes bild der
generationen unserer eltern und grosseltern nicht zeichnen.
bis heute empfinden wir deutschen in besonders
schmerzlicher weise den zwiespaeltigen charakter menschlicher
existenz in dem von hitler entfesselten krieg. es gehoert zur
tragoedie jener zeit, dass die loyalitaet und die
vaterlandsliebe von millionen menschen - an der front wie in
der heimat - fuer verbrecherische zwecke missbraucht wurden.
es gehoert zur perfidie und perversitaet totalitaerer systeme,
dass sie menschen gezielt in situationen verstricken, in
denen es zwischen schuld und selbstgefaehrdung kaum
mehr eine alternative gibt:

- auf der einen seite stehen die soldaten, die an den
fronten des zweiten weltkriegs kaempften und litten. die
meisten von ihnen waren ehrlich und aufrichtig
ueberzeugt, ihrem land treu zu dienen. es gab zahlreiche
beispiele von tapferkeit und menschlicher groesse, denen
hochachtung gebuehrt.

solche einstellungen verdienen es nicht, herabgesetzt
oder gar verhoehnt zu werden. denn mit ihnen verbindet
sich die erfahrung von tod, schmerz und angst - und bei
vielen von quaelenden zweifeln des gewissens.

- auf der anderen seite stehen die verbrechen der
nationalsozialisten. sie lassen sich nicht aus dem
kriegsgeschehen ausblenden. an diesem widerspruch mussten
damals viele leiden.

wenn wir von den truemmern sprechen, die der
nationalsozialismus hinterlassen hat, dann sollten wir uns
stets auch der verheerungen bewusst bleiben, die in den
herzen und in den koepfen der menschen angerichtet wurden.
sie lasten als seelische hypothek nicht nur auf jenen, die
in verstrickung gerieten. sie belasten enkel und kinder,
die sich selbst um ein gerechtes urteil ueber die
generationen ihrer eltern und grosseltern bemuehen muessen -
vielleicht mehr bemuehen muessen, als man gelegentlich
den eindruck hat.

wir muessen uns hueten, aus heutiger zeit vorschnelle urteile
zu faellen. wer von uns, meine damen und herren, koennte
guten gewissens von sich behaupten, dass er im angesicht
des boesen die kraft zum martyrium aufbraechte? und wer
von uns kann eigentlich ermessen, was es damals
bedeutete, im bewusstsein der gefahr fuer die eigene person
auch das wohl der eigenen familie aufs spiel zu setzen?
die menschen heute sind nicht besser und nicht schlechter
als die menschen damals. aber sie stehen gluecklicherweise
nicht unter dem zwang, sich unter den bedingungen einer
totalitaeren diktatur entscheiden zu muessen.

wir erinnern uns in dankbarkeit daran, dass selbst in der
dunkelsten periode unserer geschichte, im zeichen von
krieg und diktatur, der geist der humanitaet nicht zerstoert
werden konnte. es gab viele bewegende beispiele von
hilfsbereitschaft, von grossherzigkeit und von
menschlichkeit - auch ueber die fronten hinweg.
es gab maenner und frauen, die widerstand leisteten. unter
ihnen waren nicht wenige, die zunaechst dem diktator
gedient hatten, bis sie merkten, dass sie - wie wohl auch die
mehrheit der deutschen - verfuehrt, verraten und ausgenutzt
wurden. sie hatten die kraft umzukehren, viele haben dafuer
mit ihrem leben bezahlt.

allein die demokratie verlangt den menschen nicht ab,
was in der regel ueber ihre kraefte geht. sie bietet ihnen
schutz vor der furchtbaren entscheidung, die die national-
sozialistische diktatur ihnen zumutete: naemlich allzu
leicht komplize zu werden oder heldenmut beweisen zu
muessen.

gerade in erinnerung an die hitler-diktatur ist es daher
wichtig, bewegungen zu widerstehen, die eine umfassende
erloesung von allen uebeln dieser welt als programm
verkuenden. wer - unter welchen vorzeichen auch immer - das
vollkommene heil verheisst, der begibt sich mit sicherheit
auf den weg zu neuem unheil. er hat nichts dazugelernt.
frau praesidentin, meine damen und herren, die abgruende
unserer juengsten geschichte lehren, dass es zwischen
demokratie und diktatur keinen mittelweg, keine
gemeinsamkeit der werte und keinen moralischen kompromiss
geben kann. freiheit und unfreiheit verhalten sich nun
einmal so unvertraeglich zueinander wie feuer und wasser.
die diktatur mag menschen taeuschen und blenden koennen,
allein die demokratie gewaehrt ihnen selbstbestimmung, sie
ueberzeugt durch sinn fuer das menschliche mass, durch
soliditaet und berechenbarkeit. in dieser nuechternheit liegt
ihre groesse - und zugleich ein grund dafuer, dass sie manchem
so wenig glanzvoll erscheint.

die demokratie ist eben nicht geschaffen fuer den zustand
des nicht endenwollenden rausches, sondern fuer die
normalitaet des alltags. sie setzt nicht auf das heroische und
auf das aussergewoehnliche, sondern auf das humane und - im
besten sinne des wortes - auf das normale.

ausdruck einer lebendigen demokratie sind parteien und
das recht auf opposition. eben deshalb wurden die
parteien von hitler so erbittert und gnadenlos bekaempft.
denn er wusste sehr wohl: waren die parteien erst einmal
beseitigt, dann war auch die demokratie tot.
wir sollten uns haeufiger daran erinnern, dass fuehrende
politiker der nachkriegszeit wie der spd-vorsitzende kurt
schumacher und der erste cdu-vorsitzende andreas
hermes die gefaengnisse und konzentrationslager, ja die
todeszellen der ns-diktatur erlebt hatten.

unsere schlussfolgerung aus den erfahrungen der zeit bis
1933 muss lauten: extremismus auf der politischen rechten
oder linken kann nur dann erfolg haben und zur macht
gelangen, wenn sich die buerger von den demokratischen
parteien abwenden oder abseits stehen.

das verhaengnis ist kaum noch aufzuhalten, wenn zudem
gesellschaftliche und politische eliten die hand reichen -
womoeglich in der illusion, sie wuerden mit den extremisten
schon fertig werden.

wenn wir den anfaengen gemeinsam wehren, hat der
extremismus keine chance. wenn wir ihn dagegen als etwas
normales verharmlosen, kann er auch unsere demokratie
gefaehrden. dagegen anzukaempfen, meine damen und
herren, dafuer ist es nie zu frueh!

ueberfordern wir nicht unsere demokratie - sie ist ein
kostbares und auch durchaus zerbrechliches gut! lassen wir
davon ab, sie als ein allheilmittel fuer alle noete und
probleme dieser welt misszuverstehen! verteidigen wir immer und
ueberall unsere freiheitliche, rechtsstaatliche ordnung, denn
sie allein garantiert den buergern freiheit und recht. sie
allein schuetzt den einzelnen vor den gefahren des
totalitaerenue jeder von uns ist dazu aufgerufen, sie zu
seiner persoenlichen angelegenheit zu machen.

v.

frau praesidentin, meine damen und herren!

gerechtigkeit, achtung des rechts und rechtssicherheit sind fuer die
existenz einer demokratie so wichtig wie die luft zum
atmen. dies ist das wichtigste vermaechtnis des deutschen
widerstandes.

wer heute konsequent den rechtsstaat verteidigt, wird
morgen nicht in die lage kommen, widerstand leisten zu
muessen.

gerechtigkeit, achtung des rechts und rechtssicherheit
wiederherzustellen, war das zentrale ziel des widerstandes.
das trifft zumindest auf die grosse mehrheit aller zu, die
sich tapfer gegen das nationalsozialistische regime erhoben.
wuerdigen wir daher heute gleichermassen

- den tischlergesellen johann georg elser,

- den obersten claus graf schenck von stauffenberg,

- den kreisauer kreis um helmuth graf james von moltke,

- die "weisse rose" um die geschwister scholl,

- standhafte persoenlichkeiten wie julius leber und carl
goerdeler und

- die vielen, vielen anderen, die sich aus
gewissensgruenden der gewaltherrschaft mutig entgegenstellten.

es bedeutet nicht nur eine herabsetzung des deutschen
widerstandes, sondern es ist historisch falsch und
gefaehrlich, den untrennbar auf die diktatur bezogenen
widerstandsbegriff beliebig auf aktuelle sachverhalte zu
uebertragen.

mit seinem monopolanspruch bekaempfte der nationalsozialismus
alle anderen weltanschauungen radikal. als feinde
galten ihm gleichermassen christen und sozialisten, liberale
und gewerkschafter, konservative und kommunisten. ohne
das zusammenwirken von menschen ganz unterschiedlicher
politischer ueberzeugungen waere uns deutschen der
neuanfang nach 1945 so nicht gelungen.

nicht erfolg oder misserfolg entscheiden ueber die sittliche
groesse des widerstandes. das attentat auf hitler musste
gewagt werden - um jeden preis.
besonders eindrucksvolle worte hat oberst henning von
tresckow gefunden, der stauffenbergs handeln und
denken seit 1943 wesentlich beeinflusste. wenige stunden,
bevor er in den tod ging, fasste er noch einmal zusammen,
was der tiefste beweggrund seines handelns war:

ich halte hitler nicht nur fuer den erzfeind deutschlands,
sondern auch fuer den erzfeind der welt. wenn ich in
wenigen stunden vor den richterstuhl gottes treten
werde, um rechenschaft abzulegen ueber mein tun und
mein unterlassen, so glaube ich mit gutem gewissen das
vertreten zu koennen, was ich im kampf gegen hitler getan
habe. wenn einst gott abraham verheissen hat, er werde
sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn gerechte
darin seien, so hoffe ich, dass gott auch deutschland um
unsertwillen nicht vernichten wird.

wir schulden den maennern und frauen des deutschen
widerstandes tiefen dank. hohen respekt zollen wir auch
jenen, die sich durch emigration dem unrechtsregime
verweigerten oder vor ihm fliehen mussten. darunter war auch
mancher, der dann aus liebe zu seinem vaterland die
hitler-diktatur von aussen bekaempfte. denken wir an die
beispiele der schriftsteller, die den versuch unternahmen,
mit der macht ihres wortes die welt aufzuruetteln und
aufmerksam zu machen auf das, was in deutschland geschah.

die allermeisten emigranten haben nicht leichten herzens
ihr vaterland verlassen, und manchem von ihnen ist es
spaeter auch schwergefallen, zurueckzukehren. um so
dankbarer sind wir jenen, die mithalfen, unsere bundesrepublik
deutschland aufzubauen. denn bis heute foerdert gerade
diese mitwirkung ganz wesentlich die versoehnungs- und
friedensarbeit unserer zeit.

meine damen und herren, ich moechte hier auch an einen
mann erinnern, der fuer mich zu den grossen helden des
20. jahrhunderts zaehlt: an raoul wallenberg. er setzte
1944, im alter von 32 jahren, sein leben ein, um in
budapest hunderttausend von ermordung bedrohten juden
das leben zu retten. 1945 wurde er in die sowjetunion
verschleppt. er ist seitdem verschollen.

in meinen gespraechen habe ich generalsekretaer
gorbatschow auf das ungeklaerte schicksal dieses grossen,
mutigen mannes hingewiesen. ich hoffe sehr, dass in dieser
epoche des wandels, in der in staaten des warschauer
paktes frei auch ueber das bedrueckende erbe des
stalinismus gesprochen wird, das schicksal raoul wallenbergs
wirklich ueberzeugend geklaert werden kann. ich begruesse es
sehr, dass die sowjetischen behoerden kuerzlich angehoerige
von raoul wallenberg nach moskau eingeladen haben.

vi.

frau praesidentin, meine sehr verehrten damen und herren,
an diesem 1. september wende ich mich besonders an die
jungen menschen in deutschland. sie tragen keinerlei
schuld fuer diktatur und weltkrieg - nicht kollektiv, weil es
das prinzipiell nicht gibt, aber auch nicht individuell, weil
ihr lebensalter sie davor bewahrt.

dennoch tragen auch sie verantwortung, weil die vergangenheit
gegenwaertig bleibt. keiner von uns, kein deutscher
kann ihr entrinnen. begreifen wir jedoch die last der
geschichte auch als chance: wer die geschichte dieses
jahrhunderts kennt, dessen blick ist geschaerft fuer die
gefahren und verfuehrungen unserer zeit.

widerstehen wir auch der versuchung, die waehrend der
nszeit in verruf gebrachten werte der heimatliebe und des
patriotismus heute zu verachten, weil sie damals
missbraucht wurden. patriotismus geringzuschaetzen, waere
unbewusst im sinne hitlers. generaloberst ludwig beck, einer
der maenner des 20. juli 1944, hatte dies erkannt und schrieb
einmal tief erschrocken nieder - ich zitiere -: "dieser
mensch hat ja gar kein vaterland."

liebe zum vaterland und liebe zur freiheit, patriotismus
und europaeische gesinnung duerfen allerdings nie wieder
getrennte wege gehen. das ist die konsequenz, die wir
gemeinsam ziehen muessen.

ebenso kommt es darauf an, tugenden wie tapferkeit,
loyalitaet und opferbereitschaft untrennbar an fundamentale
sittliche normen zu knuepfen. so leisten die soldaten unserer
bundeswehr keinen treue-eid auf eine bestimmte person,
sondern sie geloben, jene werte zu verteidigen, die in
unserer freiheitlichen verfassung, dem vor 40 jahren
verkuendeten grundgesetz, verankert sind.

vii.

frau praesidentin, meine damen und herren, die generation
der gruender unserer bundesrepublik deutschland
gestaltete die zweite deutsche demokratie aus den erfahrungen
der geschichte heraus. sie fuehrte unser land auf den weg
jener freiheitlichen traditionen zurueck, die weder krieg noch
gewaltherrschaft hatten zerstoeren koennen.
wir duerfen stolz sein auf unsere freiheitliche verfassung,
das grundgesetz. wir bekennen uns

- zum absoluten vorrang der wuerde des einzelnen
menschen in allen bereichen seines lebens,

- zur absage an krieg und gewalt als mittel der politik und
an jeden revanchismus - eine entscheidung, die gerade
auch von den deutschen heimatvertriebenen in der
stuttgarter charta von 1950 mitgetragen wurde -,

- zu dem ziel eines freien und geeinten deutschland in
einem freien und geeinten europa.

es ist ein zeugnis tiefer menschlichkeit, dass die vaeter
und muetter unseres grundgesetzes politisch, religioes und
rassisch verfolgten einen anspruch auf asyl gewaehrten. denn
die humanitaet eines gemeinwesens erweist sich nicht nur in
der achtung von freiheit und menschenwuerde der eigenen
buerger, sondern auch in der aufgeschlossenheit fuer die
opfer von unterdrueckung und gewalt in anderen laendern.
all diese entscheidungen haben die grundlage dafuer gelegt,
dass unser gemeinwesen als friedliebender, dem recht und
der freiheit verpflichteter partner in der welt ein mass an
anerkennung erlangte, das sich 1945, nach dem ende von
krieg und gewaltherrschaft, wohl niemand zu ertraeumen
wagte. dies 40 jahre nach gruendung der bundesrepublik
deutschland feststellen zu koennen, erfuellt uns mit
genugtuung.

heute, meine damen und herren, sind wir zeugen beim
aufbruch europas in eine neue epoche. wir muessen bereit
sein, diesen aufbruch massgeblich mitzugestalten. ganz
europa steht ein umfassender wandel bevor, eine
tiefgreifende veraenderung in wirtschaft und gesellschaft.
zum erstenmal seit dem ende des zweiten weltkrieges zeichnet
sich die chance ab, dass es uns gelingt, aus dem schatten
des ost-west-konflikts herauszutreten.

was sich auf unserem alten kontinent entwickelt, schlaegt
menschen weltweit in den bann. welches volk koennte an
diesem vordringen der freiheit staerkeres interesse haben
als das unsere? das zerbroeckeln jahrzehntelanger
verkrustungen in europa schafft neue hoffnung auch fuer die
einheit unseres vaterlandes.

die zeit arbeitet fuer, nicht gegen die sache der freiheit.
so richten wir an diesem tag der erinnerung unseren blick
auch nach vorn. bei aller trauer, die wir in erinnerung an
den 1. september 1939 empfinden, sind wir uns der
verantwortung fuer die nachwachsenden generationen bewusst.
diese generationen werden uns einmal danach beurteilen,
ob wir aus der erfahrung von krieg und diktatur die richtigen
lehren gezogen haben - ob wir der aufgabe gewachsen
waren, auf dauer eine bessere, eine friedlichere welt zu
schaffen.

wir haben die vision einer zukunft, in der die voelker der
welt in gemeinsamer freiheit friedlich vereint sind - und wir
werden und duerfen nicht nachlassen, dafuer zu arbeiten.
im gedenken an den 1. september 1939 wissen wir: dies ist
das wichtigste, das wertvollste erbe, das wir den
kommenden generationen hinterlassen koennen.