Deutschland und Japan - Verantwortung in einer Welt im Wandel - Rede von Bundesminister Dr. Kinkel in Tokio

Rede des Bundesministers des Auswärtigen,
DR. KLAUS KINKEL, vor der Yomiuri International Economic Society
am 1. November 1995 in Tokio

Herr Präsident,
sehr geehrter Herr Sumita,
meine Damen und Herren!

Ich danke Ihrer Gesellschaft für die freundliche Einladung.
"Yomiuri Shimbun" - das hat weltweit einen guten Klang.
Es ist mir eine Ehre, vor einem so sachverständigen Publikum zu sprechen.

Japan ist Deutschlands wichtigster Partner in Asien - wirtschaftlich wie politisch.
Ich bin gekommen, um diese gute und vertrauensvolle Partnerschaft zwischen uns
weiter zu intensivieren und gemeinsam über unsere Rolle in einer veränderten
Welt nachzudenken.

In diesem Jahr hat die Welt 50 Jahre zurückgeschaut - auf das Ende des 2. Weltkriegs.
Auch Deutsche und Japaner haben sich erinnert - zum Teil gemeinsam wie beim
kürzlichen Japan-Besuch unseres früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.
Das große japanische Echo hierauf hat uns gefreut.

Vor 50 Jahren lag Deutschland wie Japan zerstört am Boden.
Die Namen Hiroshima und Nagasaki stehen für immer für das nukleare Inferno.
50 Jahre später sind Japan und Deutschland stabile und weltweit respektierte Demokratien.
Zusammen mit den USA sind sie die drei führenden Industrienationen der Welt.
Wer hätte sich das damals träumen lassen?

Hinter diesem "Wunder" stehen der Fleiß und die Tatkraft unserer Bürger. -
Ein politischer Neuanfang, der dem Militarismus abschwor und auf Freiheit,
Menschenwürde und internationale Zusammenarbeit setzte. Unsere
Bürger können stolz sein auf das, was sie seit Kriegsende geleistet haben!
Das verbindet uns! Ich freue mich sehr, - für Sie, die Japaner wie für
uns Deutsche, - daß ich das als deutscher Außenminister heute hier sagen kann.

Bei all meinen gestrigen und heutigen Gesprächen ist mir wieder deutlich geworden:
Unsere Völker fühlen sich seit Generationen zueinander hingezogen.
Und das obwohl wir geographisch weit auseinander leben und auch
kulturell ganz verschiedene Wurzeln haben.

In unseren Gefühlen und Sorgen, in unserer Grundeinstellung sind wir uns
näher als viele andere. Uns wächst nichts in den Mund.
Wir müssen säen, wenn wir ernten wollen. Und haushalten, um den
Winter zu überleben. Vor allem wissen wir, daß Bildung, Wissenschaft und
Forschung die Grundlagen unseres Wohlstands sind.

Meine Damen und Herren, zwei große Männer der Nachkriegsgeschichte unserer Länder,
Konrad ADENAUER und Shigeru YOSHIDA, teilten die Auffassung: "Die beste
Außenpolitik ist die Wahrnehmung der eigenen Interessen." Das wichtigste deutsche
Interesse war und ist unsere Verankerung in einem vereinten Europa - an der Seite
Frankreichs und in enger Freundschaft mit den USA. Nie wieder Krieg, nie wieder
Isolation, nie wieder nationalistische Selbstüberschätzung - das war der einfache
Nenner unseres Neuanfangs.

Unsere Politik der Vertrauensbildung nach Westen wie nach Osten hat sich ausgezahlt -
mit dem Fall von Mauer und Stacheldraht, mit dem Jahrhundertgeschenk der Wiedervereinigung.

Japan ist einen ganz ähnlichen Weg gegangen: Es begründete eine feste Sicherheitspartnerschaft
mit den USA und verband sich eng und freundschaftlich mit der freien Völkerfamilie.

Japan hat der Welt gezeigt, wie man durch Fleiß, Genügsamkeit, Disziplin und Zusammenarbeit
in der Gruppe innovative Höchstleistungen produziert.

Der deutsche Volksmund nennt die Japaner "die Preußen des Ostens".

Dis geschieht aus Respekt. Heute bemühen wir uns, von den "Preußen des Ostens"
einige preußische Qualitäten wiederzuerlernen. Ich bin zuversichtlich, daß wir das schaffen.
Dann nennt uns der japanische Volksmund in einigen Jahren vielleicht respektvoll die
"Japaner des Westens".

Meine Damen und Herren, an der Schwelle des 21. Jahrhunderts erlebt die Welt erneut eine
tiefe historische Zäsur. Das Ende des Kalten Krieges hat keineswegs das "Ende der Geschichte"
gebracht. Im Gegenteil - die Geschichte hat sich in Bosnien, in Ruanda, in Tschetschenien
zurückgemeldet - mit blutigen Konflikten, wie wir sie jedenfalls in Europa für nicht mehr möglich
gehalten haben.

Auch wirtschaftlich, technologisch verändert sich die Welt wie im Zeitraffer. Der wirtschaftliche
Aufbruch im asiatisch-pazifischen Becken ist vergleichbar mit dem Prozeß, den Europa am Ende
des 19. Jahrhunderts durchlief.

Die neue Dynamik hat aber auch eine Kehrseite: Der Weltenergiekongreß hier in Tokio hat
die Dimension der auf die Menschheit zukommenden Herausforderungen aufgezeigt:
Das Asien von morgen wird mehr als 5 Milliarden Menschen beherbergen, fast soviel wie heute die ganze Welt.
Im nächsten Jahrtausend werden 10 bis 15 Milliarden Menschen ernährt und mit Energie versorgt werden müssen.
Dabei sind weder die Anbauflächen noch die Wasserreserven wesentlich vermehrbar.

Es gibt daraus nur eine Schlußfolgerung:
Die Menschheit hat heute nur noch die Wahl, gemeinsam zu gewinnen oder gemeinsam zu verlieren.
Noch nie zuvor in der Geschichte ist das Schicksal eines Landes so auf Gedeih und Verderb mit
dem der anderen verbunden gewesen. Für die Definition unserer Interessen als führende Industrienationen
ergibt sich daraus klar und eindeutig: Wir stehen in der Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten Erde.
Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, daß die Erde auch für unsere Kinder und Enkel bewohnbar bleibt.
Das ist der Kern meiner politischen Botschaft an Sie heute: Lassen Sie uns als Deutsche und Japaner
unsere Kräfte für diese Menschheitsaufgabe zusammenführen! Auf uns zählt man!

Japan ist mit seinem technologischen know-how, seinen enormen wirtschaftlichen und finanziellen
Ressourcen zum größten Geldgeber der Welt, zu einem herausragenden Akteur auf der Weltbühne geworden.
Im vergangenen Jahr kamen drei Fünftel der Nettokapitalexporte der Welt aus Japan.

Wir sind das bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste Mitglied der Europäischen Union.
Wir erbringen die mit Abstand größten Leistungen zur Stabilisierung der Länder Mittel-und
Osteuropas und sind nach den USA und Japan der drittgrößte Beitragszahler der UNO.

Die herausragende Rolle unserer beiden Länder kommt auch in unseren Beziehungen zu
unserem gemeinsamen Verbündeten, den USA, zum Ausdruck:

Eine solche Rolle geht weit über wirtschaftliches Engagement hinaus. Das verlangt, daß sich Japan und
Deutschland mit ihrem ganzen Potential umfassend bei der Lösung der drängenden Probleme unserer Zeit
engagieren - von der Friedenssicherung und dem Wiederaufbau in Bosnien, der Stabilisierung der Reformen
im ganzen ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion, der Einbindung Chinas in die weltpolitische
Zusammenarbeit bis zur nuklearen Nichtverbreitung, der Rettung der Tropenwälder oder dem Schutz der Erdatmosphäre.
All das ist ohne eine volle Mitwirkung unserer beiden Länder nicht zu schaffen. Und deshalb muß das zu einer
"deutsch-japanischen gemeinsamen Agenda" werden.

Für Deutschland und Japan gibt es nur einen Weg nach vorne - das ist volle Integration in die Staatengemeinschaft
mit allen Rechten und Pflichten. Wer sollte das Völkerrecht und die Rechte von Menschen oder Minderheiten
denn schützen, wenn nicht die großen, stabilen Demokratien?

Und - wenn ich die interne Diskussion in Japan richtig verstehe - dann ist man sich auch in Ihrem Land darüber
im Klaren, daß eine solche Übernahme voller politischer Mitverantwortung im wohlverstandenen eigenen Interesse
einer großen Wirtschaftsmacht wie Japan liegt.

Dieses Eigeninteresse deckt sich mit dem Interesse der Weltgemeinschaft. Deshalb spricht sich auch eine
große Mehrheit der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen für einen ständigen Sitz Deutschlands und Japans im Weltsicherheitsrat aus.
Beide Länder haben ihre demokratische Visitenkarte abgegeben.
Sie haben für immer auf Massenvernichtungswaffen verzichtet. Beide üben in militärischer Hinsicht Zurückhaltung aus und
setzen sich auch mit großen finanziellen Leistungen für eine gleichberechtigte Partnerschaft von Nord und Süd ein.

Seit einigen Jahren bereits engagieren sich Japan und Deutschland aktiv an VN-Friedensoperationen.
In den Parlamenten und in der Öffentlichkeit unserer beiden Ländern gab es hierüber leidenschaftliche Diskussionen.
In beiden Ländern haben wir es uns mit der Fortentwicklung unserer bisherigen sehr restriktiven Haltung zu Militäreinsätzen nicht leicht gemacht.
Vor dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrungen war dies jedoch kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeugnis politischer und demokratischer Reife.
In Deutschland hat uns das Urteil unseres Verfassungsgerichts einen größeren politischen Spielraum verschafft.
Der Beitrag unserer Bundeswehr zur internationalen Bosnien-Friedenstruppe zeigt, daß wir uns unserer Mitverantwortung in Europa voll stellen.
Ein solches Engagement im ehemaligen Jugoslawien war für uns keine einfache Entscheidung.
Wir haben uns jedoch - wie ich glaube mit guten Gründen - für die Solidarität mit unseren Partnern entschieden.
Unser Einsatz ist aber vernünftig begrenzt.
Eine Militarisierung deutscher Außenpolitik wird es nicht geben.

Meine Damen und Herren,
die USA, die Europäische Union und Japan sind das Kraftdreieck der Weltpolitik.
Die Verbindungsstränge von Europa und Japan zu den USA sind stärker als die Verbindungen zwischen Japan und Europa.
Die beiden Stränge zu den USA hin müssen stark bleiben, vor allem durch Amerikas Präsenz in Europa wie in Asien.
Der Strang zwischen Japan und Europa muß jedoch verstärkt werden.
Unser Ziel muß ein ausgewogenes, gleichseitiges Dreieck sein!
Und das verlangt, daß wir zwischen Japan und Deutschland beziehungsweise der Europäischen Union eine wirkliche "Partnerschaft der Verantwortung"bauen, die dem Vergleich mit den Beziehungen zu den USA standhält.

Der europäisch-japanische Gipfel im Juni hat im Grunde den Weg gewiesen: Dialog und gemeinsame Aktion müssen über die Handelspolitik hinausgehen.
Enge politische Abstimmung und Zusammenarbeit in allen Bereichen - darum geht es.
Wir Deutsche sind hierzu bereit und möchten unsere traditionelle Freundschaft mit Japan hierbei miteinbringen.
Nur so werden wir auch das so unentbehrliche amerikanische Engagement für den Weltfrieden erhalten können.

Meine Damen und Herren,
eine solche "Partnerschaft der Verantwortung" sollte sich drei großen Aufgaben stellen:

1. Gemeinsame Stabilisierung und Einbindung der heutigen Reformstaaten, in erster Linie Rußlands und Chinas.

2. Weltweite Abrüstung, Rüstungskontrolle und Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.

3. Sicherung des freien Welthandels und einer ökologisch orientierten stabilen weltwirtschaftlichen Entwicklung.

Japan wendet sich gegenwärtig stark seiner eigenen Region, Asien, zu.
Fast 45 % der japanischen Exporte gehen inzwischen nach Asien.
Japan betreibt schon heute mehr Handel mit Korea, Taiwan und Hongkong als mit der gesamten Europäischen Union.

Auch die USA, Deutschland und die Europäische Union gehen in Asien auf Brautschau - kein Wunder:
Schon jetzt wird in Asien-Pazifik ein Viertel des Welthandels abgewickelt.

Bis zum Jahre 2010 werden rund 700 Millionen Menschen in Ostasien in etwa das Durchschnittseinkommen der Europäischen Union haben.
Das entspricht etwa der Bevölkerung der USA, der Europäischen Union und Japans zusammen.
Diese Region ist zum Motor der Weltwirtschaft geworden.

Japan bleibt für Deutschland in Asien die Nummer Eins.
Unser großes wirtschaftliches Interesse an Ihrem Land sehen Sie am Umfang der mich begleitenden Wirtschaftsdelegation.
Als gemeinsames Motto haben wir uns das Logo der 31. Tokioter Automobilmesse genommen: "Dream the dream".
Unser Traum ist, daß unsere Wirtschaft in Japan eine so starke Position bekommt wie die japanischen Unternehmen bei uns.
Die Chancen dafür sind gut.
Unser Export nach Japan wächst.
Besonders unter den Automobilproduzenten herrscht Optimismus.
Wie ich höre, sollen jetzt aber auch "original Nürnberger Rostbratwürste made in Japan" ganz Japan erobern.

Unser Interesse an einer Partnerschaft mit Japan geht jedoch weit über das Wirtschaftliche hinaus.
Unser Ziel ist ein kontinuierlicher und enger politischer Dialog in allen Fragen von globaler Bedeutung.
Hierzu gehört auch die Entwicklung in Asien, speziell in Asien/Pazifik.
Vor diesem Hintergrund schätze ich die Beteiligung der Europäischen Union am ASEAN-Regionalforum und Japans Sonderstatus in der OSZE hoch ein.

Das asiatisch-pazifische Becken wird seine wirtschaftliche Dynamik mit einer kooperativen Sicherheitsstruktur ergänzen müssen, wenn die Entwicklung weiter in Richtung Wohlstand gehen soll.
Genau dies war das wichtigste Thema des "ASEAN Regional Forum" in Bangkok, an dem ich im Sommer 1994 mit großem Interesse teilgenommen habe.
Ich kann Japan bei seinem politischen Engagement in diesem Wachstumsraum nur ermutigen.

Japan kann bei der Schaffung einer regionalen Sicherheitsarchitektur, bei der Konfliktvorbeugung und Konfliktlösung stabilisierenden Einfluß ausüben.
Es gilt hier, in Fragen der regionalen Sicherheit gemeinsame Antworten zu erarbeiten, die den Bedürfnissen und den historischen Erfahrungen der Staaten dieser Region entsprechen.
Wir Europäer stehen gern mit unseren Erfahrungen zur Seite.
Trennen lassen sich Sicherheit und Stabilität in Asien und Europa nicht mehr.
Das zeigt insbesondere der Blick auf die beiden Großmächte China und Rußland.

Japan und Deutschland sind sich einig: Wir müssen China mit einem Fünftel der Weltbevölkerung und als Ständiges Mitglied im Sicherheitsrat dauerhaft in die multilaterale Zusammenarbeit einbinden.
Peking muß sich seiner Verantwortung für Stabilität in Asien und weltweit bewußt sein.

Dasselbe gilt auch für Rußland.
Auch hier haben Deutschland und Japan identische Interessen.
Rußland ist als eurasische Macht Ihr und unser Nachbar.
Ein Fehlschlag der Reformen hätte ernste Folgen für uns alle.
Deshalb hat Deutschland außerordentliche Anstrengungen unternommen, um Rußlands Wirtschaft auf die Beine zu helfen.

Ich weiß, welche Bedingungen Japan erfüllt sehen will, bevor es sich in Rußland stärker engagiert.
Es ist nicht meine Sache, dem japanischen Volk und seiner Regierung hier Ratschläge zu erteilen.

Die Bundesregierung hat immer gesagt, für das territoriale Problem zwischen Japan und Rußland muß eine Lösung auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit gefunden werden.

Zugleich möchte ich kein Geheimnis aus einer unserer Erfahrungen aus der Zeit des Ost-West-Konflikts machen: Manchmal muß man Umwege machen, wenn der direkte Weg versperrt ist.
Handel und direkte Begegnung der Menschen waren schon immer große politische Türöffner.

Sowohl die OECD wie der IWF sehen jetzt ernsthafte Anzeichen für eine positive Trendwende in der russischen Volkswirtschaft.
Ab kommendem Jahr wird eine nachhaltige wirtschaftliche Expansion für möglich gehalten.
Auch gegenüber Rußland geht politische Vernunft Hand in Hand mit großen wirtschaftlichen Chancen.
Das darf man nicht übersehen.

Meine Damen und Herren,
die zweite gemeinsame europäisch-japanische Aufgabe sehe ich auf dem Gebiet der Abrüstung.
Das Gedenken an Hiroshima und Nagasaki vor 50 Jahren bleibt eine Mahnung an die Menschheit, die Erde von Massenvernichtungswaffen zu befreien.
Das Ende des Ost-West-Konflikts hat uns die Angst vor dem großen Weltbrand genommen und uns von der Last des Rüstungswettlaufs befreit.
Das muß aber gesichert werden!
Die historischen Abrüstungsvereinbarungen müssen umgesetzt und weitergeführt, neuen Gefahren muß entschieden ein Riegel vorgeschoben werden.
Nur so können wir einem Rückfall in altes Mißtrauen vorbeugen.
Und nur so wird die Menschheit auch die Kraft für die eigentlichen Friedensaufgaben des 21. Jahrhunderts finden und unseren Kindern und Enkeln einen bewohnbaren Planeten Erde zurücklassen können.

Die unbefristete und unkonditionierte Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages war ein wichtiger Schritt nach vorne - auch für die Sicherheit zukünftiger Generationen.
Aber damit sind nicht alle Probleme gelöst.
Stichwort Nordkorea.
Die Europäische Union unterstützt alle Bemühungen zur Einstellung seines gefährlichen Nuklearprogramms.
Pjöngjang muß seine völkerrechtlichen Verpflichtungen aus dem Nichtverbreitungsvertrag und dem Sicherungsabkommen mit der IAEO erfüllen.

Auch bei der Sicherheit der friedlichen Nutzung der Kernkraft sind wir wegen unseres hohen technologischen Standards gemeinsam gefordert.
Die nukleare Hinterlassenschaft der ehemaligen Sowjetunion ist bedrohlich.
Japan und Deutschland werden ihren Beitrag zur Bewältigung dieser Gefahr in Zukunft noch verstärken müssen.
Das ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zukunftssicherung.

Dies ist auch ein Teil der globalen Umweltpolitik, um die wir uns gemeinsam bemühen müssen.
Mit dem geschärften Bewußtsein ihrer Bürger, ihrer Umwelttechnologie und Umweltgesetzgebung sind Japan und Deutschland hier besonders befähigt und gefordert.
Von uns werden Ideen, intelligente Lösungen für die komplizierten Friedensaufgaben des 21. Jahrhundert erwartet.

Wir Deutschen verstehen die große Enttäuschung der Japaner über die Wiederaufnahme von Nukleartests.
Unsere Bevölkerung empfand ganz ähnlich.
Wir haben unseren französischen Freunden in Paris auch deutlich gesagt, was wir von diesen Tests halten.
In der Öffentlichkeit hat sich die Bundesregierung allerdings zurückgehalten.
Dafür bitte ich um Verständnis - Frankreich ist schließlich unser engster Partner und Freund.
Das deutsch-französische Verhältnis trägt die europäische Einigung.
Es darf nicht beschädigt werden!
Außerdem hat uns Frankreich in schwierigsten Zeiten der Teilung unseres Landes und Berlins mit den anderen Alliierten Sicherheit gewährt.

Inzwischen haben sich alle 5 Nuklearmächte für ein umfassendes Verbot aller nuklearen Testexplosionen ausgesprochen.
Frankreich wird auch dem Abkommen über eine nuklearfreie Zone im Südpazifik beitreten.
Jetzt müssen wir nach vorne schauen und alles tun, damit spätestens im Herbst 1996 in Genf Atomtests ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Meine Damen und Herren,
nicht nur der Fall des Eisernen Vorhangs und das Ende der ideologischen Auseinandersetzung haben die Welt revolutioniert.
Die Revolution in den Labors, in den Fabriken und Finanzinstitutionen war nicht weniger entscheidend.
Nirgendwo manifestiert sich das deutlicher als hier in Asien, wo die Wirtschafts-Kolumnen auf der Titelseite der Zeitungen und nicht wie bei uns in Europa auf Seite 8 stehen.
Wirtschaft und Technologie sind heute die treibenden Kräfte in den internationalen Beziehungen.
Japan war einer der zentralen Auslöser hierfür.

Heute kämpft Japan aber mit ähnlichen Problemen wie wir in Europa: mit hohen Löhnen, einer Überalterung der Bevölkerung, der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer und einer neuen Konkurrenz bei anspruchsvollen Dienstleistungen.
Jeder Politiker kennt den gefährlichen innenpolitischen Sprengstoff dieser Veränderungen.
Deutschland und Japan kommt hier eine besonders wichtige Funktion zu:
Wir müssen dafür sorgen, daß der interne Druck zur Strukturanpassung nicht zu Lasten unserer Außenbeziehungen, nicht zu Lasten des freien Welthandels gelöst wird.
Gerade Deutschland und Japan haben dem freien Wettbewerb und offenen Weltmärkten viel zu verdanken.
Marktwirtschaft im Inneren und freier Welthandel nach außen - das sind weltweit die Voraussetzungen für Wachstum und Wohlstand.
Es gibt hierzu keine Alternative - es sei denn, wir wollten zusammen immer ärmer werden.

Der freie Welthandel kann jedoch nur überleben, wenn alle Partner ihre Märkte fair und kooperativ öffnen und nicht nur die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung nutzen.
Bilaterale Konflikte müssen im Rahmen des Streitschlichtungsmechanismus der WTO gelöst werden.
Andererseits werden wir Europäer keine bilateralen Absprachen zu unseren Lasten hinnehmen.
Umweltschutz und soziale Anliegen dürfen nicht zu einem neuen Protektionismus führen.
Durch Zollbarrieren wird die Welt weder grüner noch sozial gerechter!

Die jüngsten Gespräche von Sir Leon Brittan in Japan haben gezeigt, daß der kooperative europäische Ansatz, Japan zu mehr Marktöffnung zu veranlassen, erfolgreich ist.
Wir sollten nie vergessen:
Die Weltwirtschaft ist kein merkantilistisches Nullsummenspiel.
Auch im Handel gilt: Die Stabilität meines Partners ist auch meine Stabilität.

Meine Damen und Herren,
ich habe die deutsch-japanische Partnerschaft bewußt in den europäischen Rahmen gestellt.
Die Europäische Union wird mehr und mehr zu unserem Handlungsrahmen.
Wir sehen dies nicht als Beschneidung von Souveränität, sondern als Zugewinn von Handlungskraft auf höherer Ebene.
Unser Ziel ist:
Eine gemeinsame europäische Währung, die so stabil ist wie die D-Mark und eine Gemeinsame Außen-und Sicherheitspolitik, die das hält, was ihr Name verspricht.
Wir fahren diesen Kurs nicht unseren Nachbarn und Freunden zuliebe, sondern weil er in unserem vitalen Interesse liegt.

Daß Deutschland europäisch denkt, heißt jedoch nicht, daß wir nur bis zum europäischen Tellerrand sehen oder die Pflege der für uns lebenswichtigen bilateralen Verbindungen vernachlässigen.
Das neue Asien-Konzept der Bundesregierung zeigt, daß wir sehr wohl wissen, wo unsere Interessen liegen.
Japan kommt dabei eine Sonderstellung zu.
Die traditionelle und tief verwurzelte Sympathie und Freundschaft zwischen uns und dem japanischen Volk ist für uns Deutsche eine Sache des Herzens wie des Verstandes.
Faszination, Respekt und Gleichklang kommen hier zusammen.
Mein Wunsch hier in Tokio war, dieses Band zwischen uns noch enger zu schnüren.
Ich habe für dieses Ziel in all meinen Gesprächen eine große Bereitschaft gefunden.
Das ist ein sehr befriedigendes Fazit!

Wir haben uns in den mehr als hundert Jahren unserer Beziehung viel gegeben, so sollte es auch in der Zukunft sein.
Unsere Konkurrenz auf den Weltmärkten sollte uns nicht davon abhalten, uns noch mehr auszutauschen und von einander zu lernen - in allen Fragen, die auf unsere Bürger zukommen.
Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen dafür sind gut.
Ein ausgezeichnetes Instrumentarium steht uns zur Verfügung.

Vor allem müssen wir unsere Jugend für diesen Austausch gewinnen.
Beide Regierungen haben beschlossen, diesem Aspekt verstärktes Augenmerk zu schenken.

Es gibt heute 77 deutsch-japanische Hochschulpartnerschaften und vielfältige Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Instituten.
Der kulturelle und akademische Austausch war immer eine der wichtigsten Grundlagen unserer Partnerschaft.
Dieser Austausch wird deshalb von den Regierungen beider Länder großzügig gefördert.
Unsere zahlreichen Städtepartnerschaften und deutsch-japanischen Gesellschaften zeigen, wie lebendig auch die Freundschaft zwischen unseren Bürgern ist.

Das deutsche Abitur und somit auch die an der deutschen Schule in Yokohama abgelegte Abschlußprüfung wird nun als Zulassung zur Aufnahmeprüfung an japanischen Universitäten anerkannt.
Ich bin der japanischen Regierung dankbar dafür, daß dieser besondere Wunsch von mir erfüllt wurde.

Der von den Regierungen beider Länder kürzlich eingerichtete deutsch-japanische Kooperationsrat für Hochtechnologie und Umwelttechnik ist die geeignete Plattform für eine verstärkte unternehmerische Kooperation in Forschung und Technologie.
Auch in der Forschung ist der Zug in Richtung Internationalisierung nicht mehr aufzuhalten.
Dies müssen wir als Chance wahrnehmen und diese Plattform intensiver nutzen.

Das von beiden Ländern paritätisch geführte Japanisch-Deutsche Zentrum in Berlin ist seit seiner Gründung im Jahre 1987 zu einem Kristallisationspunkt der Begegnung und der Zusammenarbeit geworden.
Die erste Sitzung des Deutsch-Japanischen Dialogforums konnte ich 1993 selbst eröffnen.
Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Eliten aus Politik und Wirtschaft, der Medien, der Wissenschaft und Kultur der für beide Länder zentralen Fragen annehmen und ihren Regierungen Empfehlungen geben können.

Deutsche und japanische Botschaften in über 70 Ländern stimmen sich regelmäßig ab.
Wir wollen gemeinsames Vorgehen besonders im Bereich der Entwicklungshilfe fördern.
Unsere Auslandsvertretungen werden entsprechend angewiesen.
Bereits jetzt hat sich der kontinuierliche Dialog deutscher und japanischer Botschaften bewährt.

Einer besonderen Freundin Japans bin ich gestern begegnet.
Eine meiner Mitarbeiterinnen ist zur Zeit Austauschbeamtin im Gaimusho und saß mir als Mitglied der japanischen Delegation gegenüber.
Sie sehen an diesem kleinen, persönlichen Beispiel, meine Damen und Herren, was möglich ist, wenn wir nur wollen!

Wir können auf die alte Freundschaft und die Kraft unserer beiden Völker vertrauen.
Bündeln wir das und gehen wir den vor uns liegenden Weg noch enger zusammen!
Dann braucht es uns um die Zukunft nicht bange sein.

Japan kann sich auf die deutsche Freundschaft verlassen.
Wir wissen, auch auf die japanische Freundschaft ist Verlaß.
Dieses gute Gefühl nehme ich mit zurück nach Bonn.

Ich danke Ihnen.