27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages - Ansprache des Überlebenden verschiedener Konzentrationslager und Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Frankfurt/Main, Prof. Dr. h.c. Arno Lustiger:

Herr Bundestagspräsident!
Herr Bundeskanzler!
Herr Bundesratspräsident!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!

Als ich Ihre Einladung erhielt, heute vor dem Deutschen Bundestag zu sprechen, war ich tief bewegt, auch weil mir bewusst wurde, welche Ehre und zugleich welche große Verpflichtung mir damit zugefallen ist.

Am 27. Januar 1945, heute vor 60 Jahren, war ich noch nicht befreit. Da hatte ich schon drei KZs hinter mir: Sosnowitz, Annaberg und Ottmuth. Als Häftling Nr. A-5592 des vierten KZs, Auschwitz-Blechhammer, wurde ich am 21. Januar 1945 mit 4.000 anderen Kameraden bei minus 20 Grad auf den Todesmarsch über Schlesiens verschneite Straßen geschickt. Es gab keine Verpflegung, dafür aber wegen jeder Kleinigkeit Schläge. Vielen Kameraden erfroren Hände, Ohren und Zehen. Wer nicht marschieren konnte, wurde erschossen. Nur die Hälfte von uns erreichte das KZ Groß-Rosen.

In den zehn Wochen zwischen Ende Januar und dem 8. Mai 1945 überlebte ich: den Todesmarsch von Auschwitz, die Hölle des KZs von Groß-Rosen, das KZ Buchenwald, die furchtbare Maloche im unterirdischen Stollen des KZs Langenstein im Südharz, wo die Lebenserwartung nur vier Wochen betrug, den Todesmarsch von Langenstein Mitte April, die Flucht, die Gefangennahme, die misslungene Erschießung durch Volkssturmmänner, schließlich die Rettung durch die amerikanische Armee. Am 8. Mai 1945 feierte ich, nun uniformierter und bewaffneter Dolmetscher der US-Army, mit meinen Rettern das Kriegsende und auch meinen 21. Geburtstag. Diese doppelte Feier werde ich nie im Leben vergessen.

Nun etwas Allgemeines zu den Todesmärschen: Zwischen November 1944 und Mai 1945 wurden etwa 700.000 Häftlinge, 200.000 von ihnen Juden, bei der Räumung und Liquidierung der KZs in Polen und Deutschland auf etwa hundert Todesmärschen durch ganz Deutschland getrieben. Es wird geschätzt, dass über die Hälfte von ihnen umkam. Sie wurden erschossen, in Scheunen verbrannt, verhungerten oder verstarben an Seuchen. Bis heute gibt es keine Gesamtdarstellung dieser tausendfachen Tragödien, die sich auf Deutschlands Straßen abspielten, dieser letzten Konvulsionen des untergehenden Dritten Reiches. Ich hoffe sehr, dass sich die Forschung dieses Themas jetzt annehmen wird.

Einiges zum jüdischen Widerstand, den Sie, Herr Bundestagspräsident, schon ausführlich beschrieben haben: Der weithin unbekannt gebliebene Widerstand der Juden Europas und die Beschuldigung, sich nicht gewehrt zu haben, waren die Motivation für meine Forschungen und Bücher. Diese tapferen Widerstandskämpfer wurden in der von mir konzipierten Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt im Mai 1995 vorgestellt. Meine Bücher sind deshalb auch Epitaphe auf den nicht vorhandenen Grabsteinen vieler jüdischer Widerstandskämpfer.

Ich nehme den Aufstand des Sonderkommandos in Auschwitz als ein Beispiel des jüdischen Widerstands: Die Häftlinge des Sonderkommandos in Auschwitz planten einen gleichzeitigen Aufstand und die Zerstörung aller Krematorien, wie Sie bereits erwähnt haben, Herr Bundestagspräsident. Als am 7. Oktober 1944 Sonderkommandohäftlinge des dritten und vierten Krematoriums vergast werden sollten, brach eine spontane Revolte aus. Die Häftlinge haben die SS mit Äxten und Steinen angriffen und setzten ein Krematorium in Brand. Eine sofort alarmierte Einheit der SS ermordete die Häftlinge gruppenweise durch Genickschuss.

Die Häftlinge des Sonderkommandos am Krematorium eins schlugen ebenfalls los. Viele Häftlinge flüchteten, töteten dabei einige SS-Männer. 451 von 661 Häftlingen der Sonderkommandos wurden noch an diesem Tag erschossen.

Am 6. Januar 1945 wurden vier Heldinnen des Aufstandes von Auschwitz gehängt: die polnischen Jüdinnen Rózia Robota, Regina Safirsztajn, Ester Wajcblum und Ala Gertner, die monatelang Dynamit für die Sprengung der Krematorien entwendet hatten. Dies waren die letzten Exekutionen in Auschwitz.

Hier noch ein grausiges Postskriptum über die Massenmörder von Auschwitz: Himmler hat am 26. November 1944 befohlen, alle Gaskammern und Krematorien von Auschwitz zu vernichten, um die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Jedoch wurden die Vergasungs- und Verbrennungsinstallationen Ende November 1944 sorgfältig abmontiert und ins KZ Mauthausen transportiert. Danach wurde die Firma Topf in Erfurt aufgefordert, Pläne für den Bau neuer Krematorien mit zehn Einäscherungsöfen plus Anlagen aus Auschwitz zu erarbeiten. Nach den am 15. Februar 1945, das heißt zehn Wochen vor Kriegsende, eingereichten Plänen sollten die neuen Krematorien auf einer Bahnstrecke in der Nähe des KZs Mauthausen errichtet werden. Wer sollte in diesen Anlagen vergast und verbrannt werden? Etwa die überlebenden Häftlinge der Todesmärsche? Wollten die Massenmörder noch die letzten Gefangenen in den Untergang des Dritten Reiches mitreißen?

Zwei Beispiele für die Verleugnung des jüdischen Widerstandes:

Schon vor Jahren musste ich mich mit einigen Historikern streiten, die den fast aussichtslosen und heroischen Widerstand der Juden in Europa verleugneten. Ein Berliner Politologe gab den ermordeten deutschen Juden den postmortalen Ratschlag, sich einfach nicht bei den Sammelplätzen zur Deportation einzufinden:

"Sitzstreik nennen wir das heute. Die Deportationen wären faktisch zusammengebrochen, physisch undurchführbar geworden."

Ein Historiker, der den Holocaust im amerikanischen Exil überlebte, stellte die folgende These auf:

"Die jüdischen Opfer stürzten sich - gefangen in der Zwangsjacke ihrer Geschichte - physisch und psychisch in die Katastrophe. Die Vernichtung der Juden war somit kein Zufall."

Ein jüdischer Widerstandskämpfer schrieb in sein Tagebuch:

"Ich kämpfe und sterbe für ein paar Zeilen in den Geschichtsbüchern."

Die Verleumder des Widerstandes wollten diese Zeilen ausradieren.

Nun zur Auschwitz-Lüge: Der Deutsche Bundestag hat mit Wirkung vom 1. Dezember 1994 mehrere Paragraphen des Strafgesetzbuches novelliert, darunter Paragraph 130 Absatz zwei Ziffer drei betreffend Volksverhetzung, wo es heißt:

"Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren ... wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung ... billigt, leugnet oder verharmlost."

Wegen dieses Gesetzes müssen Verbreiter der so genannten Auschwitz-Lüge wie Irving, Faurisson, Garaudy, Zündel und Leuchter einen weiten Bogen um Deutschland machen. Manche einheimischen Volksverhetzer wie der RAF-Terrorist und neonazistische Antisemit Mahler sowie der NPD-Führer Deckert landeten im Gefängnis. Es tut mir Leid, dass es dieses Gesetz geben muss; ich bin jedoch froh, dass es existiert.

Ich komme jetzt auf die Metapher Auschwitz zu sprechen. Der fabrikmäßige Massenmord von Juden wird unter der Metapher Auschwitz zu vielen Zwecken missbraucht. Das Postulat "Nie wieder Auschwitz" wird damit ausgehöhlt. Im Folgenden gebe ich dafür einige Beispiele:

In dem Stück "Die Ermittlung" von Peter Weiss mit Texten aus dem Auschwitz-Prozess wird die Identität der jüdischen Opfer beschwiegen; sie fallen ins schwarze Loch der Anonymität. Der Historiker James Young schrieb dazu:

"Das Stück von Weiss ist so judenrein wie der größte Teil Europas nach dem Holocaust."

Am 13. Februar 1990, nur neun Wochen nach dem Fall der Mauer, sprach sich der Nobelpreisträger Grass gegen die Wiedervereinigung Deutschlands aus. In einer Vorlesung in der Frankfurter Universität hat er den Zivilisationsbruch Auschwitz mit dem deutschen Verlangen nach Wiedervereinigung konfrontiert. Er sagte am Schluss:

"...auch gegen ein Selbstbestimmungsrecht, das anderen Völkern ungeteilt zusteht, gegen all das spricht Auschwitz, weil eine der Voraussetzungen für das Ungeheure, neben den älteren Triebkräften, ein starkes, das geeinte Deutschland gewesen ist."

Mein Einspruch gegen diese falsche Einschätzung ging im Beifall für Günter Grass unter.

Der Schweizer Schwindler Doessekker alias Wilkomirski hat in seinem Buch von 1995, das in zwölf Sprachen übersetzt wurde, vorgegeben, als Säugling Auschwitz überlebt zu haben. Erst 1998 platzte dieser Betrug, den man als ein Produkt des Shoah-Business bezeichnen kann.

Die militärische Intervention in Bosnien und im Kosovo ist von mehreren Politikern mit der Metapher vom drohenden Auschwitz begründet worden.

Anlässlich eines Besuches bei Arafat im März 2002 sagte der portugiesische Nobelpreisträger Saramago, dass der "Geist von Auschwitz" über Ramallah schwebe. Auf die Frage eines Journalisten, wo sich die Gaskammern befänden, antwortete er, dass in Ramallah das Gleiche wie in Auschwitz geschehe.

Ich werde jetzt ein Kapitel der deutschen Geschichte ansprechen, das wenig bekannt ist: deutsche Juden in der Illegalität und deren Rettung. Der Begriff "Widerstand" wird meist auf Aktionen beschränkt, die auf die Beseitigung des Naziregimes gerichtet waren. Aber auch die Rettung der Juden war aktiver und dazu oft erfolgreicher Widerstand. Deshalb ist es wichtig, über die fast unbekannten, unbesungenen Helden des deutschen Rettungswiderstandes zu forschen und zu berichten.

Im September 1944 lebten in ganz Deutschland von ehemals 550.000 nur noch etwa 14.000 Juden. Etwa 10.000 von ihnen haben sich zum Untertauchen entschlossen. Sie haben sich selbst "U-Boote" genannt. 1.400 Juden überlebten im Untergrund.

Die eine Woche dauernde Demonstration der mutigen christlichen Ehefrauen im Februar 1943 in der Rosenstraße in Berlin führte zur wundersamen Rettung ihrer jüdischen Ehemänner.

Vom Ende der 50er Jahre bis 1963 wurden auf Initiative des Berliner Innensenators Joachim Lipschitz 738 Personen als "Unbesungene Helden" geehrt. Diesen Begriff prägte Kurt R. Grossmann in seinem 1957 in Berlin erschienenen gleichnamigen Buch. Als Lipschitz im Dezember 1961, erst 43 Jahre alt, starb, wurde es still um diese Helden des deutschen Rettungswiderstandes.

Der 1923 in Berlin geborene US-Leutnant und Soziologe Manfred Wolfson versuchte 1965, von Frankfurt aus eine umfangreiche Studie zur Retterforschung zu organisieren, die jedoch wenig Interesse und keine akademischen oder sonstige Sponsoren fand. Er kehrte 1968 enttäuscht in die USA zurück, wo er 1987 starb.

Im Auftrage des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin wurde im Rahmen des Projekts „Solidarität und Hilfe“ unter Leitung von Dr. Beate Kosmala eine Datenbank geschaffen. Die teils umfangreichen Datensätze - manche weisen über 100 Einzelinformationen auf - enthalten Namen von circa 3.000 Frauen und Männern, die an der Rettung von Juden in Deutschland, hauptsächlich in Berlin, beteiligt waren. Viele Retter sind längst verstorben und bis heute unbekannt geblieben. Unbekannt sind auch viele der nicht geglückten Rettungsversuche.

Eine andere Art des Rettungswiderstandes leisteten einige zivile und uniformierte Retter: Etwa 30 Militärhistoriker unter Leitung von Professor Dr. Wolfram Wette sind in den letzten Jahren der Frage nachgegangen, ob es auch Soldaten gab, die sich an Rettungsakten für Juden beteiligten. Die Ergebnisse der Recherchen sind in den Büchern "Retter in Uniform" und "Zivilcourage" enthalten. Einen von ihnen stelle ich Ihnen vor: Oberleutnant Heinz Drossel rettete während eines kurzen Fronturlaubs in Berlin Günter und Margot Fontheim sowie ihre Eltern, die als "U-Boote" in Berlin vegetierten. Nach dem Krieg sorgte Fontheim, nun Physiker der NASA, dafür, dass Dr. Heinz Drossel in Jerusalem und in den USA geehrt wurde.

Der Frankfurter Arzt Dr. Fritz Kahl hatte sich spontan entschlossen, seine früheren Patientinnen, die Schwestern Eva und Tuschi Müller, zu verbergen. Auch der 23-jährige Verlobte von Eva, Robert Eisenstädt aus Frankfurt, dem die abenteuerliche Flucht aus dem KZ Majdanek in Polen gelungen war, wurde versteckt. Die Ehefrau Margarete Kahl begleitete ihre Schützlinge auf der Bahnfahrt ins Schweizer Grenzgebiet. Zu Fuß erreichten die Flüchtigen im Februar 1943 die Schweiz.

Ich werfe nun eine Frage auf, die ich mir oft gestellt habe und auf die ich keine Antwort weiß: Werden die deutschen Retter angemessen geehrt? Leider hatten die deutschen Judenretter keine Fürsprecher, auch nicht in Jerusalem. Nur 400 Deutsche von insgesamt 20.000 wurden als "Gerechte" von Yad Vashem geehrt. Wenn man bedenkt, dass Tausende Deutsche zwischen 1941 und 1945 vielen Juden geholfen und sie gerettet haben, so muss man sich über diese Unterlassung wundern. Ich schlage vor, dass in Jerusalem noch drei Bäume gepflanzt werden, je ein Baum kollektiv: für die deutschen Judenretter, für die tapferen Frauen von der Rosenstraße und für die Retter in Uniform.

Ich freue mich sehr, dass meine Freunde Dr. Beate Kosmala, Professor Dr. Wolfram Wette, Dr. Eugen Kahl, Sohn der Retterfamilie, und Dr. Heinz Drossel heute unter uns sind.

Nun zu einem Thema, das mich als Juden ein wenig schmerzt: Antisemitismus und Antizionismus. Seit meinem achten Lebensjahr, schon als zionistischer Pfadfinder, war der Zionismus, der ein Traum von einem eigenen Judenstaat war, eine Konstante meines Lebens. Für diese Idee habe ich viele Jahre auch als Bundesvorsitzender der Zionistischen Organisation in Deutschland gewirkt. Der Hass auf Israel und seine Menschen, die Verweigerung des Lebensrechtes des Judenstaates durch die arabisch-muslimische Welt, die Gewalt gegen Juden und ihre Institutionen, erfüllt mich mit Schmerz und Zorn.

Demgegenüber gehören die Existenz Israels in sicheren Grenzen und die Unterstützung des Judenstaates zu den Konstanten der bundesrepublikanischen Politik. Deutschland ist nach den USA der wichtigste Verbündete und Partner Israels. Das war und ist hier immer Konsens gewesen. Dafür sind wir Juden in Deutschland sehr dankbar.

Die deutschen Linken haben oft an diesem politischen Konsens gerüttelt. Deshalb schrieb 1975 der bekannte Literaturhistoriker und engagierte Linke Hans Mayer:

"Wer den 'Zionismus' angreift, aber beileibe nichts gegen die 'Juden' sagen möchte, macht sich und anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhass von einst und von jeher."

Im selben Jahr verurteilte die UNO auf Betreiben des Ostblocks und der arabischen Staaten den Zionismus als Rassismus. Erst im Dezember 1991 hat die UNO diese ihre Schande beendet, indem dieser Beschluss annulliert wurde.

Der Antisemitismus und besonders dessen islamische Prägung sollten nicht alleine die Sorge der Juden sein, denn in Europa wirken Kräfte, die unsere gemeinsame Zivilisation ins Mittelalter zurückbomben wollen. Der Islamwissenschaftler Professor Bassam Tibi hat darüber geschrieben:

"Erst dann, wenn die deutsche Öffentlichkeit dieser Bedrohung in angemessener Weise entgegentritt, wird man davon sprechen können, dass sie die Lehren der deutschen Vergangenheit wirklich verstanden hat."

Einen großen Beitrag zur Desinformation über Israel und deren Folgen für die Juden leisten leider auch einige Medien mit ihrer einseitigen und überzogenen Kritik an Israel, wo sich über 800 Auslandskorrespondenten gegenseitig auf die Füße treten. Sie darf ich mit dem Spruch des Propheten Jesaja, Kapitel 40, Vers zwei, um Folgendes sehr herzlich bitten: Dabru el lew Jeruschalaim - Redet freundlich über Jerusalem.

Ende April 2004 fand in Berlin eine Antisemitismuskonferenz der 55 OSZE-Staaten statt. In seiner Eröffnungsansprache sagte Herr Außenminister Fischer, der wie Wolf Biermann und ich Träger des Heinz-Galinski-Preises ist:

"Solange sich jüdische Menschen in unseren Ländern nicht sicher, nicht wirklich zu Hause fühlen, solange Synagogen, jüdische Schulen und Kindergärten von der Polizei geschützt werden müssen, solange Politiker mit antisemitischen Ressentiments auf Stimmenfang gehen - solange müssen wir uns der Bedrohung durch den Antisemitismus gemeinsam stellen."

Ich danke Ihnen herzlich, Herr Minister Fischer.

Hier eine persönliche Reflexion: Als ich vor über 50 Jahren die Jüdische Gemeinde in Frankfurt mit gründete, wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass unsere Synagogen und Gemeindehäuser noch heute, 50 Jahre später, polizeilich bewacht werden müssen. Gott, Jesus und Mohammed sei Dank, dass Moscheen und Kirchen dieses Schutzes nicht bedürfen.

Die Vorgänge im sächsischen Landtag, die Sie, Herr Bundestagspräsident, schon erwähnt haben, bestätigen leider die Sorgen vieler Demokraten in Deutschland. Ist es nicht an der Zeit, dass deutsche Verfassungsrichter ihre Samthandschuhe ausziehen, wenn es sich um Feinde unserer Verfassung und unserer Demokratie handelt?

Vor fünf Jahren stellte Bundespräsident Roman Herzog, der diesen Gedenktag im Bundestag initiierte, die besorgte Frage: Hat die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis in Deutschland eine Zukunft? Ich beantworte die Frage mit einem kräftigen Ja und liefere hier auch gleich den Beweis. In Deutschland gibt es rund 180 Gedenkstätten in ehemaligen KZs, Zuchthäusern, Synagogen und so weiter - 98 von ihnen sind große Gedenkstätten an Orten des Geschehens, die ständig geöffnet sind und pädagogische Programme durchführen. Sie werden von über 3,5 Millionen Menschen jährlich besucht. Das zweibändige, über 1.800-seitige Nachschlagewerk "Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus" enthält Beschreibungen von sage und schreibe 6.100 Mahnmalen, Grabstätten, Gedenktafeln und so weiter in Ost- und Westdeutschland. Das alles bildet ein wahres, imposantes Netzwerk des Gedenkens.

In diesem Jahr feiern die Leo Baeck Institutes zur Erforschung der Geschichte der deutschen Juden in New York, London und Jerusalem ihr 50-jähriges Bestehen. In jedem der bisher erschienenen 49 "Year Books" des LBI wird neben mehreren Essays eine fortlaufend nummerierte Bibliographie abgedruckt, die heute - Sie werden es nicht glauben - mit 43.678 Titeln endet. Die deutschen Juden sind somit die am umfangreichsten dokumentierte Gemeinschaft der Welt. All dies geschieht auch mit Unterstützung der jeweiligen Bundesregierung. Dafür danke ich sehr.

Das Jüdische Museum in Berlin wurde seit seiner Eröffnung im Jahre 2001 von über 2,3 Millionen Menschen besucht. 2.000 Mikrofilme - dies entspricht einer Regallänge von 100.000 Metern - sind in diesem Museum, einer Dependance des LBI-Archivs in New York, gespeichert. Sie bilden die Datenbasis des Museums. Neben dem Museum in Berlin ist das Jüdische Museum in Frankfurt das wichtigste. Außerdem gibt es zehn weitere jüdische Museen in Deutschland.

28.000 Menschen sind in 83 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit dem Gedanken der Toleranz und Freundschaft unter den Konfessionen verbunden. 48 Deutsch-Israelische Gesellschaften mit über 5.000 Mitgliedern bilden ein menschliches Bindeglied zwischen beiden Ländern. In der Bibliothek "Germania Judaica" in Köln sind Hunderte von Bänden zur Lokalgeschichte der Juden in Deutschland archiviert, von Aachen bis Zittau. Nach 1945 haben viele Lokalhistoriker Geschichten der jeweiligen jüdischen Gemeinden erforscht und veröffentlicht.

Im Rahmen der seit 1958 bestehenden christlichen "Aktion Sühnezeichen" arbeiten Zehntausende junge Deutsche bei 120 Projekten in 13 Ländern und leisten freiwillige Dienste in KZs, Gedenkstätten und bei der Betreuung von Holocaust-Überlebenden. Ferner gibt es jedes Jahr 20 internationale Sommerlager. Die katholische Organisation "Pax Christi" verfolgt ähnliche Ziele.

Es gibt 100 deutsch-israelische Städtepartnerschaften. Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen haben Israel bereist; manche von ihnen - darüber freue ich mich sehr - wurden sogar christliche Zionisten.

Die Organisation "Schule ohne Rassismus" in Berlin vergab bisher gleich lautende Auszeichnungen an 200 Schulen, die jeweils einen Erwachsenen als Paten haben. Ich bin einer von ihnen und Ihnen, Herr Bundestagspräsident, sehr dankbar, dass einige meiner Patenkinder zu dieser Feier eingeladen wurden. Seid hier herzlich gegrüßt, liebe junge Freunde aus dem Saarland!

Ein kleines Resümee: In Deutschland wirken in den beschriebenen Institutionen Abertausende von Menschen, die die Last der Vergangenheit auf sich genommen haben und sie an ihre Kinder, Enkel und Mitbürger weitergeben. Mit vielen von ihnen bin ich seit Jahren in der gemeinsamen Arbeit gegen das Vergessen tief verbunden. Sie sind meine Brüder und Schwestern im Geiste; Ihnen allen gelten heute meine allerherzlichsten Grüße und Wünsche.

Jetzt einige Worte zum Holocaust-Denkmal in Berlin: Im biblischen Buch Exodus, Kapitel 33,Vers zwölf, heißt es: Weata amarta jedaticha bashem - Ich habe dich beim Namen gekannt. Schon immer war ich der Meinung, dass das Gedenken ohne Namensnennung unvollständig bleibt. Ein Freund hat nachgerechnet, dass die Personenregister meiner Bücher etwa 5.000 Namen enthalten.

Nachdem 1995 die zwei preisgekrönten Entwürfe für das Holocaust-Denkmal nicht verwirklicht wurden, erschien im September 1995 der Sammelband "Der Wettbewerb um das Holocaust-Denkmal" mit Texten von über 30 Autoren. In meinem Beitrag hatte ich einen Vorschlag für die Gestaltung der Gedenkstätte am Mahnmal gemacht, den ich in der "Berliner Zeitung" vom 19. November 1997 wiederholte. Unter Punkt zwei schrieb ich:

"In einer großen Computerdatenbank sollen die bisher bekannten Namen der Opfer mit weiteren biographischen Daten gespeichert, abgerufen und ausgedruckt werden können."

Als Urheber dieser Idee freut es mich natürlich sehr, dass im "Ort der Information" des Holocaust-Denkmals eine Datenbank des Yad Vashem mit 3,5 Millionen Opfernamen installiert wird. Es ist mein Wunsch, dass dort auch die Datei der Judenretter eingerichtet wird. Die zwölf Computer im "Ort der Information" wiegen für mich schwerer als die 15.000 Tonnen Beton der rund 4.000 Stelen.

Übrigens bin ich der Meinung, dass auch das geplante Mahnmal für die Sinti und Roma bald gebaut werden sollte. Die Differenzen über den Text der Inschrift sollten bald gelöst werden. Das Gleiche gilt für das Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen.

Zum Schluss meiner Ausführungen gedenke ich mit großem Schmerz meines Vaters David, meines Bruders Samuel, meiner frommen Großmutter Lea Wellner, vieler Cousins, Onkel und Tanten.

Mein Cousin Jean-Marie Kardinal Lustiger wurde von Papst Johannes Paul II. beauftragt, ihn bei den heutigen Feierlichkeiten in Auschwitz zu vertreten. In einem langen Telefonat hat mir Jean-Marie vorgestern unter anderem erklärt, der Papst habe ihn erwählt, auch um die Shoah-Opfer und das jüdische Volk zu ehren. Er wird in wenigen Stunden in Auschwitz sprechen und dabei seiner Mutter, meiner Tante Gisèle Lustiger, unserer gemeinsamen frommen Großmutter Mindel Lustiger und anderer Opfer unserer Familie gedenken, die in Auschwitz umgebracht wurden. Ihje schmam baruch - Ihr Andenken sei gesegnet!

Die Wege der Erinnerung sind schwierig, aber solange wir leben, sollten wir sie alle in unserem Gedächtnis behalten: die sechs Millionen unserer jüdischen Brüder und Schwestern, davon eine Million in Auschwitz, die ermordet worden sind, die anderen Opfer der Nazis ohne Unterschied ihrer Herkunft, Religion oder des Grundes ihrer Verfolgung, die Retter und die Widerstandskämpfer aller Nationen, die Soldaten der 100. Division, die heute vor 60 Jahren Auschwitz befreiten und dabei fielen, unter ihnen der sowjetische Moslem Leutnant Gilmudin Baschirow. Wir gedenken mit Dankbarkeit der Soldaten der alliierten Armeen, die bei unserer Befreiung fielen. Ihre Namen und ihr Gedenken seien gesegnet und unvergessen.

Es war mir eine Ehre, am 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz vor Ihnen zu sprechen und meine Erinnerungen, Gedanken und Gefühle mit Ihnen zu teilen. Ich danke für Ihre Anteilnahme und Aufmerksamkeit.

Ich habe schon mit ein wenig Beifall gerechnet; aber Standing Ovations habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft. Dafür danke ich Ihnen sehr.

Nun darf ich meinen besten Freund, Wolf Biermann, ankündigen. Sein Vater Dagobert Biermann, Widerstandskämpfer und jüdischer Komponist, war im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg, über den ich geforscht habe, zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden, die er in Bremen abgesessen hat. Anschließend ist er nach Auschwitz gebracht und dort ermordet worden. Zur gleichen Zeit ist mir als Arbeitskraft die Auschwitz-Nummer eintätowiert worden.

Wolf hat das bedeutendste poetische Werk über die Shoah aus dem jiddischen Original ins Deutsche übertragen; dabei habe ich etwas geholfen. Deswegen bin ich sehr froh, dass mein Freund Wolf Biermann Ihnen jetzt daraus vortragen wird.