27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 29. Januar 2007 - Lesung von Imre Kertész, Literatur-Nobelpreisträger, aus "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind":

Ja, und gerade jetzt, in meiner tiefen, dunklen Nacht, jetzt sehe ich eher als hörte ich diese Konversation der Gesellschaft, ich sehe die melancholischen Gesichter um mich herum, aber nur als Theatermasken mit ihren jeweiligen Rollen, die des Lachenden und des Weinenden, des Wolfes und des Lammes, des Affen, des Bären, des Krokodils, und dieses Gezücht rumorte leise, wie in einem letzten großen Sumpf, wo die Protagonisten, wie in einer Äsopschen Horrorgeschichte, noch die letzte Konsequenz aus der Geschichte ziehen, und jemand kam auf den melancholischen Einfall, jeder möge sagen, wo er war, worauf die Namen, wie kraftlose, vereinzelte Tropfen aus einer vorübergezogenen Wolke, zu fallen begannen: Mauthausen, Donbogen, Recsk, Sibirien, das Sammelgefängnis, Ravensbrück, die Fö utca, Andrássy út 60, die Namen der Deportationsdörfer, die Gefängnisse nach 1956, Buchenwald, Kistarcsa, und schon fürchtete ich, an die Reihe zu kommen, als mir zum Glück jemand zuvorkam: «Auschwitz», sagte jemand im bescheidenen, aber selbstsicheren Tonfall des Siegers, und die Gesellschaft nickte: «Unschlagbar», so quittierte auch der Hausherr mit einem halb neidischen, halb übelnehmenden, aber zu guter Letzt doch anerkennenden Lächeln. Dann tauchte ein damaliger Bestsellertitel auf und ein Beststellersatz aus dem Buch, Beststeller damals wie heute und wie sicher immer und ewig, der Autor sprach ihn nach dem gebührenden, aber natürlich vergeblichen Räuspern, heiser und von Ergriffenheit bewegt aus: «Für Auschwitz gibt es keine Erklärung», so, kurz und bewegt, leise und mit versagender Stimme, und ich erinnere mich an mein Erstaunen, wie diese Gesellschaft, die meisten doch recht gewieft, diesen einfältigen Satz aufgenommen, analysiert, diskutiert hat, wobei sie hinter ihren Masken mit einem pfiffigen oder unentschlossenen oder unverständigen Blinzeln hin und her lugten, als sage dieser alle Aussagen im Keime erstickende Aussagesatz irgend etwas aus, obwohl man nicht gerade ein Wittgenstein zu sein braucht, um zu erkennen, daß der Satz schon in puncto sprachlicher Logik falsch ist, daß sich in ihm höchstens Wünsche, verlogene oder ehrliche kindliche Moralität und verschiedene verdrängte Komplexe spiegeln, davon abgesehen aber besitzt der Satz keinen Aussagewert. Ich glaube, das habe ich auch gesagt, dann habe ich aber nur mehr geredet, geredet, unaufhaltsam, wie von Logorrhöe befallen, [...] so könnte ich gesagt haben, daß dieser Satz schon der Form nach falsch ist, der Satz nämlich, daß es «für Auschwitz keine Erklärung gibt», denn für das, was ist, gibt es immer eine Erklärung, [...] dieser unglückliche Satz: «Für Auschwitz gibt es keine Erklärung» ist auch eine Erklärung, der unglückliche Autor erklärt damit, daß wir über Auschwitz besser schweigen sollen, daß Auschwitz nicht existent ist, vielmehr gewesen sei, denn es gibt nur für das keine Erklärung, nicht wahr, was nicht ist oder was nicht gewesen ist. Auschwitz jedoch, könnte ich wahrscheinlich gesagt haben, war, vielmehr, Auschwitz ist existent, also gibt es auch eine Erklärung für Auschwitz, hingegen gibt es gerade keine Erklärung dafür, daß Auschwitz nicht gewesen sei, das heißt, es kann keine Erklärung dafür gefunden werden, daß Auschwitz nicht gewesen sei, daß Auschwitz nicht geworden wäre, daß sich in der Tatsache namens «Auschwitz» nicht der Weltgeist realisiert hätte, [...] ja, es gibt gerade für die Nicht-Existenz von Auschwitz keine Erklärung, folglich hängt Auschwitz da seit undenklichen Zeiten in der Luft, wer weiß, vielleicht schon seit Jahrhunderten, gleich einer dunklen, von den Strahlen zahlloser Schandtaten reifenden Frucht, die darauf wartet, den Menschen auf den Kopf zu fallen, letzten Endes ist, was ist, und daß es ist, ist nun einmal unumgänglich, denn es ist ja da: Die Weltgeschichte ist das Bild und die Tat der Vernunft (Zitat von H.), denn wollte ich die Welt als eine Aneinanderreihung willkürlicher Zufälle betrachten, so wäre das doch eine, nun, recht unwürdige Betrachtungsweise der Welt (Zitat von mir), wir dürfen nicht vergessen: wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch die Welt vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung - sagt wiederum H., nicht H., der Führer und Reichskanzler, sondern H., der gewaltige Seher, Philosoph, Hofnarr und auserwählte Leckerbissen aufwartende Mundschenk aller Führer, Reichskanzler und sonstigen Titularusurpatoren, der, wie ich fürchte, noch dazu vollkommen recht hat, wir müssen nur die Detailfrage intensiv studieren, was für eine Vernunft das ist, deren Bild und Tat die Weltgeschichte ist, und außerdem, wessen Vernunft auch die Welt vernünftig ansieht, auf daß sie einander dann wechselseitig bestimmen - wie sie es ja leider auch tun -, könnte ich gesagt haben, was Auschwitz angeht, könnte ich gesagt haben, da es meine Meinung war und auch noch heute meine Meinung ist, steckt die Erklärung meiner Meinung nach in den einzelnen Leben, ausschließlich in den einzelnen Leben und nirgend anders. Auschwitz ist meiner Meinung nach Bild und Tat der einzelnen Leben, betrachtet im Zeichen einer gewissen Organisiertheit. [...] Ja, die einzelnen Leben als Ganzes und dazu wohl noch die Technik, wie das Ganze abgewickelt wird: nur soviel ist die Erklärung, nicht mehr, nichts anderes, alles, das möglich ist, geschieht, möglich ist nur das, was geschieht, sagt der große, der traurige, der weise Schriftsteller Kafka, der schon aus den einzelnen Leben heraus wußte, wie es sein wird, wenn kriminelle Irre die Welt vernünftig ansehen und auch die Welt sie vernünftig ansieht, das heißt ihnen gehorchen wird. Und sagt nicht, könnte ich gesagt haben, daß diese Erklärung lediglich eine tautologische Erklärung der Tatsachen durch diese Tatsachen selbst sei, denn dies ist die Erklärung sehr wohl, wenn ich auch weiß, daß ihr es schwer akzeptieren könnt, daß ihr von gemeinen Kriminellen beherrscht werdet, schwer auch dann, wenn ihr sie sonst als gemeine Kriminelle kennt und auch so nennt, und doch beginnt ihr in dem gemeinen Kriminellen, sobald er nicht in ein Irrenhaus oder ein Gefängnis, sondern in eine Reichskanzlei oder in sonstige Führerquartiere gelangt, das Interessante, das Originelle, das Außerordentliche zu suchen, sogar das wagt ihr nicht auszusprechen, aber so ist es: die Größe, damit ihr euch selbst nicht als so zwergenhaft und eure Weltgeschichte nicht als so unmöglich anzusehen braucht, könnte ich gesagt haben, ja, damit ihr die Welt weiterhin vernünftig ansehen könnt und auch die Welt euch vernünftig ansehen möge. Und das ist ganz verständlich, mehr noch, recht und billig, wenn euer Verfahren auch nicht «wissenschaftlich» und «objektiv» ist, wie ihr gern glauben möchtet, nein, es ist reinstes Dichten und Moralisieren, insofern es wieder eine rationale, das heißt lebbare Weltordnung herstellen will, und die aus der Welt Vertriebenen stehlen sich dann durch diese Tore und Hintertürchen wieder in die Welt zurück, zumindest die, die dazu Lust verspüren und die glauben, daß die Welt in Zukunft ein Ort für Menschen sein wird, doch das ist eine andere Frage, könnte ich gesagt haben, schlimm ist nur, daß solcherart Legenden geboren werden, wir erfahren aus diesen wissenschaftlichen Horrorromanen, daß der große Mann zum Beispiel über einen ausgezeichneten taktischen Sinn verfügte, nicht wahr, als ob nicht jeder Paranoiker und manisch Irre seine Ärzte und seine Umgebung mit seinem ausgezeichneten taktischen Sinn irreführte und zur Verzweiflung triebe, dann, daß die soziale Situation gerade so und so war, daß die internationale Politik noch viel mehr so und so war, daß die Philosophie, die Musik und der sonstige Kunst-Hokuspokus die Denkweise der Leute verdorben hatten, doch hauptsächlich erfahren wir, daß der große Mann letzten Endes, ehrlich gesagt, ein großer Mann war, er hatte etwas Verführerisches, etwas Faszinierendes, kurz und bündig: etwas Dämonisches, so ist es, er hatte einen dämonischen Zug, dem man ganz einfach nicht widerstehen konnte, zumal dann, wenn man gar nicht gewillt ist, ihm zu widerstehen, da man gerade auf Dämonensuche unterwegs ist, wir brauchen schon längst nur noch einen Dämon, um unsere widerlichen Wünsche auszuleben, natürlich einen Dämon, den wir glauben machen können, daß er der Dämon ist, der all unser Dämonisches auf seine Schultern lädt, wie ein Antichrist das Eiserne Kreuz [...]. Ja, jene, die ihr als gemeine Kriminelle erkennt und auch so nennt, beginnt ihr doch von dem Augenblick an, da sie Zepter und Reichsapfel zu fassen bekommen, sofort zu vergöttern, selbst sie schmähend noch zu vergöttern, ihr zählt die Sachzwänge auf, ihr sagt, wo sie objektiv recht hatten, hingegen subjektiv nicht, was man objektiv verstehen kann und subjektiv nicht, welche Intrigen im Hintergrund abliefen und welche Interessen hineinspielten, und ihr werdet der Erklärungen nicht müde, nur um eure Seelen und was noch zu retten ist, zu retten, nur um den gemeinen Raub, den Mord und die Seelenkrämerei, an denen wir alle so oder so irgendwie beteiligt sind oder waren, wir alle, die wir hier sitzen, im großartigen Opernhausglanz der Weltgeschehnisse zu sehen, könnte ich gesagt haben, ja, damit ihr Teilwahrheiten aus dem großen Schiffbruch fischen könnt, bei dem alles Ganze zerbrochen ist, ja, damit ihr nur nicht die vor euch, hinter euch, unter euch und überall sich auftuenden Abgründe zu sehen braucht, das Nichts, die Leere, das heißt unsere wirkliche Lage, nicht zu sehen braucht, wem ihr dient, nicht die jeweilige Natur der jeweiligen Herrschaft, von Herrschaft, von jener Herrschaft, die weder notwendig noch nicht notwendig ist, bloß eine Entscheidung, eine Frage der in den einzelnen Leben gefällten oder nicht gefällten Entscheidungen ist, die Herrschaft ist weder teuflisch noch undurchschaubar und faszinierend subtil noch ungeheuer mitreißend, nein, sie ist lediglich gemein, mörderisch, stupid und heuchlerisch, selbst zu den Zeiten ihrer größten Leistungen ist sie allenfalls gut organisiert, könnte ich gesagt haben, ja, sie ist vor allem unernst, denn seitdem die Maschinenhallen des Mordes hier und da und an noch so vielen Orten sich öffneten, seitdem ist es zu Ende, für eine geraume Weile ist es zu Ende mit jeglichem ernstzunehmenden Ernst, zumindest mit dem, der an die Vorstellung von Herrschaft, jeglicher Herrschaft, geknüpft ist. Und hört doch endlich auf damit, könnte ich gesagt haben, daß es für Auschwitz keine Erklärung gibt, daß Auschwitz eine Ausgeburt der irrationalen, der mit Vernunft nicht faßbaren Kräfte sei, denn für das Böse gibt es immer eine vernünftige Erklärung, mag sein, daß der Satan selbst, wie Jago, irrational ist, seine Geschöpfe aber sind sehr wohl rationale Wesen, alle ihre Taten lassen sich ableiten wie eine mathematische Formel; ableiten aus irgendeinem Interesse, aus der Gewinnsucht, aus der Trägheit, aus Macht- und Lustgier, aus Feigheit, aus der Befriedigung des einen oder anderen Triebes, und wenn schon aus nichts anderem, so letzten Endes aus irgendeinem Wahn, aus der Paranoia, aus der manisch-depressiven Krankheit, der Pyromanie, dem Sadismus, dem Lustmord, dem Masochismus, aus der demiurgischen oder einer anderen Megalomanie, der Nekrophilie, aus irgendeiner der was weiß ich wie vielen Perversitäten unter den vielen, und vielleicht aus allen zugleich, jedoch, könnte ich gesagt haben, gebt jetzt gut acht, denn das wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute. Gerade deshalb interessieren mich schon lange nicht die Führer, Reichskanzler und sonstigen Titularusurpatoren, wieviel Interessantes ihr auch über ihr Seelenleben erzählen könnt, nein, statt des Lebens von Diktatoren interessiert mich schon lange einzig noch das Leben der Heiligen, denn das finde ich interessant und unfaßbar, dafür finde ich keine bloß rationale Erklärung; und Auschwitz hat sich, wie sehr das auch nach einem traurigen Witz klingt, unter diesem Gesichtspunkt geradezu als lohnendes Unternehmen erwiesen, und so werde ich euch, auch wenn ihr dessen noch so überdrüssig seid, eine Geschichte erzählen, die ihr mir dann erklärt, wenn ihr es könnt. Ich will mich kurz fassen, da ich ja lauter alten Füchsen gegenübersitze, und sage nur soviel wie: Lager und Winter und Krankentransport und Viehwaggons und nur eine einzige kalte Verpflegungsration, obwohl die Fahrt wer weiß wieviel Tage dauern wird, und die Rationen in Zehnereinheiten zugemessen, und ich, auf einem zur Tragbahre ernannten Holzgerüst liegend, wende meine Hundeaugen nicht von einem Mann, besser gesagt, einem Gerippe, der, keine Ahnung, warum, nur «Herr Lehrer» genannt wurde, an den meine Ration geraten war, und dann das Verladenwerden in die Waggons, und der Abzählstand stimmt natürlich wieder und wieder nicht, und Gebrüll und Durcheinander und ein Tritt, dann spüre ich, wie man mich hochreißt und vor dem nächsten Waggon abstellt, und ich sehe den «Herrn Lehrer» und meine Ration schon lange nicht mehr, das reicht, damit ihr euch die Situation genau vorstellen könnt. Und auch das, was ich fühlte: erstens konnte ich meinem ewigen Peiniger, dem Hunger, diesem mir schon lange fremden, wütend fordernden wilden Tier nichts zu fressen geben, und nun röhrte auch noch das andere wilde Tier, die Hoffnung, los, die bisher nur verhalten und dumpf, aber unausgesetzt geschnurrt hatte: es gibt immer eine Chance, am Leben zu bleiben. Das schien jetzt, ohne meine Ration, auf einmal überaus fraglich geworden zu sein, andererseits wurden die Überlebenschancen des «Herrn Lehrers», und das klärte ich kühl mit mir, durch meine Ration genau verdoppelt - damit hat sich’s mit meiner Ration, dachte ich, wie soll ich sagen, nicht gerade mit allzu großer Freude, dafür aber um so rationaler. Wen aber sehe ich wenige Minuten später? Rufend und mit seinem Blick rastlos suchend, schwankt der «Herr Lehrer» auf mich zu, in seiner Hand hält er meine kalte Verpflegungsration, und als er mich auf der Tragbahre erblickt, legt er sie mir rasch auf den Bauch; ich will etwas sagen, und es scheint, die Überraschung steht mir unverhüllt ins Gesicht geschrieben, weil er, obwohl er bereits dabei ist zurückzujagen - wird er nicht an seinem Platz angetroffen, schlägt man ihn einfach tot -, weil er mit einer auf seinem kleinen, sich schon auf den Tod vorbereitenden Gesicht klar zu erkennenden Entrüstung sagt: «Was hast du denn gedacht?! ...» Soweit die Geschichte, und wenn es auch wahr ist, daß ich mein Leben nicht nur als eine auf den willkürlichen Zufall meiner Geburt folgende Aneinanderreihung weiterer willkürlicher Zufälle sehen möchte, weil das wirklich eine ziemlich unwürdige Betrachtungsweise des Lebens wäre, so möchte ich es aber noch weniger so sehen, als sei alles nur geschehen, damit ich am Leben bleibe, denn dies wäre eine noch unwürdigere Betrachtungsweise des Lebens, obwohl es völlig richtig ist, daß der «Herr Lehrer» zum Beispiel tat, was er tat, damit ich am Leben bleibe, jedoch ausschließlich aus meinem Blickwinkel betrachtet, denn er wurde offensichtlich von etwas anderem geleitet, er tat es offensichtlich vor allem, um selbst am Leben zu bleiben, was er nebenbei auch für mein Überleben tat. Und das ist hier die Frage, und dafür gebt mir eine Erklärung, wenn ihr könnt, warum er es getan hat. Versucht es aber nicht mit Worten, denn ihr wißt selbst, daß Worte unter bestimmten Umständen bei einer gewissen Temperatur, bildlich gesprochen, ihre Substanz verlieren, ihren Inhalt, ihre Bedeutung, sie lösen sich einfach in nichts auf, in einem derartigen gasförmigen Aggregatzustand zeigen allein die Taten, die bloßen Taten eine gewisse Neigung zur Festigkeit, allein die Taten können wir gleichsam in unsere Hand nehmen und untersuchen wie ein stummes Mineral, wie einen Kristall. Und so wir davon ausgehen, und das ist hier ja klar, nicht wahr, daß wir von nichts anderem ausgehen können, daß sich bei einer Endlösung, in einem Konzentrationslager, und bedenken wir dabei vor allem die völlige körperliche und geistige Auszehrung und die fast schon pathologische Verkümmerung des Urteilsvermögens in der Folge dessen im allgemeinen sich jeder nur vom eigenen Überleben leiten läßt, und so wir weiter bedenken, daß der «Herr Lehrer» eine zweifache Chance erhalten hatte, am Leben zu bleiben, und daß er diese verdoppelte Chance, das heißt exakt diese zusätzlich zu seiner Chance sich bietende Chance, die eigentlich die Chance eines anderen wäre, verwarf, so zeigt das, daß die, wie soll ich sagen, die Annahme dieser zweiten Chance gerade seine einzige Chance vernichtet hätte, die es ihm noch ermöglichte, zu leben und zu überleben; daß es also demzufolge doch etwas gibt, und ich bitte euch wiederum, versucht es nicht mit Namen, es existiert ein reiner, von keinem fremden Stoff: weder von unserem Körper noch von unserer Seele, noch von den in uns jagenden wilden Tieren infizierter Begriff, ein Gedanke, der in unser aller Geist gleichermaßen als Vorstellung lebt, ja eine Idee, deren, wie soll ich sagen, Unverletzbarkeit, deren Wahrung, oder wie ihr wollt, seine, des «Herrn Lehrers», einzige wirkliche Chance zu überleben bedeutet, daß die Chance, am Leben zu bleiben, für ihn ohne sie überhaupt keine Chance ist, einfach darum, weil er, ohne diesen Begriff unversehrt erhalten und ihn als rein und unbeeinträchtigt erachten zu können, nicht leben will, wahrscheinlich sogar nicht leben kann. Ja, und meiner Meinung nach gibt es dafür keine Erklärung, da es auch nicht vernünftig ist, verglichen mit der klar auf der Hand liegenden Vernünftigkeit einer Verpflegungsration, die in einer Konzentrationslager genannten Endlösung dazu dienen kann, das Ende zu vermeiden; könnte sie dazu dienen, stieße dieser Dienst nicht auf den selbst die Lebensinteressen dahinfegenden Widerstand eines stofflosen Begriffes, und das ist, nach meiner Meinung, ein sehr wichtiges Zeugnis in jenem großen Stoffwechsel der Schicksale, der im Grunde genommen das Leben ist, um vieles, um sehr vieles wichtiger als alle Gemeinplätze und vernünftigen Greueltaten, mit denen irgendeiner der Führer, Reichskanzler und sonstigen Titularusurpatoren dienen konnte und könnte, kann ich wahrscheinlich gesagt haben ... Aber ich bin meiner Geschichten bereits überdrüssig, obzwar ich sie nicht verleugne und sie auch nicht verschweigen kann, denn ich bin da, um sie zu erzählen, es ist meine Arbeit, sie zu erzählen, ich weiß zwar nicht, warum es meine Arbeit ist, genauer, warum ich dies für meine Arbeit erachte, da ich doch weit und breit für nichts da bin, seitdem ich hier auf Erden ans Ende meines Daseins gekommen bin und nur noch eine Arbeit vor mir habe, wir wissen alle, welche, und es wird nicht an mir scheitern, nein, wirklich nicht [...].