27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 27. Januar 2014 - Ansprache des russischen Schriftstellers Daniil Granin:

Bitte gestatten Sie, dass ich mich zuallererst beim Präsidenten des Deutschen Bundestages, dem Präsidium des Bundestages und den Abgeordneten für die liebenswürdige Einladung bedanke, an diesem zumindest für mich so bedeutsamen Tag heute zu Ihnen zu sprechen.

In Petersburg gehen die Menschen heute auf den Piskarjowskoje-Friedhof. Das ist einer der Gedenkfriedhöfe. Die Menschen gehen hin, um der Verstorbenen zu gedenken und ihnen ihre Ehre zu erweisen. Sie legen Zwieback auf die Gräber, oder Bonbons, selbstgebackene Kekse, einfach um ihrer Liebe und ihrem Gedenken für die Menschen Ausdruck zu geben, für die die Geschichte tragisch und grausam war.

Sie war auch für mich sehr tragisch und grausam. Ich habe seit den ersten Kriegstagen mitgekämpft, bin als Freiwilliger in die Narodnoje Opolotschenije, die Volkswehr, eingetreten. Warum? Heute kann ich selbst nicht mehr sagen, warum. Wahrscheinlich war es der jugendliche Drang nach Romantik.

Es ist Krieg und ich bin nicht dabei? Ich muss dabei sein!

Aber gleich die ersten Tage des Krieges waren für mich und viele meiner Kameraden sehr ernüchternd. Grausam ernüchternd. Schon beim Eintreffen an der Frontlinie wurde unser Militärtransport zerbombt. Danach folgte eine Niederlage nach der anderen, wir flohen, wichen zurück, flohen wieder, bis dann irgendwann Mitte September mein Regiment die Stadt Puschkin aufgab. Wir waren schon hinter der Stadtgrenze, die Front brach zusammen. Die Front brach zusammen und die Blockade begann. Alle Verbindungen der Stadt, dieser riesigen Stadt, dieser Metropole, zum nicht belagerten Hinterland waren gekappt. Es begann eine Blockade, die 900 Tage andauern sollte. Diese Blockade kam plötzlich und unerwartet, wie übrigens insgesamt der Krieg unerwartet für unser Land kam, und es gab keinerlei Vorräte. Weder Benzin noch Lebensmittel und schon bald, irgendwann im Oktober, wurden Lebensmittelrationen eingeführt. Brot bekam man nur noch auf Karten. Und dann folgte eine Katastrophe nach der anderen: Die Stromversorgung wurde unterbrochen, die Wasserversorgung wurde eingestellt, die Kanalisation und die Heizung funktionierten nicht mehr, und es begann das Elend der Blockade.

Was bedeutet Lebensmittelrationierung? Das Kartensystem sah folgendermaßen aus: Ab dem 1. Oktober bekamen Arbeiter 400 Gramm Brot, Angestellte 200 Gramm. Schon im November wurden die Rationen katastrophal verringert: Arbeiter bekamen 250 Gramm, Angestellte und Kinder 125 Gramm. Das ist ein Stückchen Brot, und dann auch noch schlechtes Brot, zur Hälfte mit Zellulose und anderen abwegigen Beimischungen versetzt. Die Stadt war von sämtlicher Lebensmittelzufuhr abgeschnitten.

Der Winter kam, und wie zum Hohn auch noch ein bitterkalter Winter mit Temperaturen von minus 30 bis minus 35 Grad. Die Stadt hatte keinerlei Versorgung mehr. Tagtäglich wurde sie erbarmungslos bombardiert und aus der Luft beschossen. Unsere Einheit war in der Nähe der Stadt stationiert, man konnte zu Fuß in die Stadt laufen… Wir haben in den Schützengräben gesessen und die Explosionen der Fliegerbomben gehört, sogar die Bodenerschütterungen waren bis zu uns zu spüren.

Tagtäglich fielen Bomben. Es gab Brände. Die Häuser standen in Flammen. Aber es gab nichts zum Löschen – es gab kein Wasser. Die Wasserversorgung funktionierte nicht und die Häuser brannten tagelang. Wir haben von der Frontlinie aus auf die Stadt zurückgesehen, haben die schwarzen Rauchsäulen gesehen und gerätselt, was da wohl brennt. Im Dezember schneiten die Straßen und Plätze der Stadt dick zu, es gab nur wenige Durchfahrten für Militärfahrzeuge. Die Denkmäler wurden mit Sandsäcken eingepackt. Die Schaufenster wurden zugenagelt, die Stadt veränderte sich. Nachts gab es keine Beleuchtung. Patrouillen und die wenigen Passanten waren mit kleinen Lämpchen, sogenannten „Glühwürmchen“, unterwegs. Der Hunger schwächte die Menschen, aber sie haben weiter gearbeitet. Sie sind weiter in die Betriebe gegangen, insbesondere in die Rüstungsbetriebe, wo Panzer repariert und Granaten und Minen hergestellt wurden.

Und dann geschah Folgendes – ich habe auch erst nach dem Krieg die Einzelheiten erfahren. Hitler gab den Befehl, nicht in die Stadt vorzurücken, um Verluste bei Straßenkämpfen zu vermeiden, bei denen Panzer nicht einsetzbar waren.

Von Leebs 18. Armee vereitelte alle unsere Versuche, die Blockade zu durchbrechen. Die deutschen Truppen haben eigentlich recht bequem und ohne besondere Anstrengungen ausgeharrt und darauf gewartet, dass der grassierende Hunger und der Frost die Stadt zur Kapitulation zwingen. Eigentlich war der Krieg gar kein richtiger Krieg mehr. Der Krieg wurde für den Gegner zum Warten, zum relativ unproblematischen Warten auf die Kapitulation.

Ich erzähle von meinen persönlichen Erfahrungen als Soldat. Ich spreche hier nicht als Schriftsteller oder als Augenzeuge. Ich spreche eher als Soldat, als jemand, der die damaligen Ereignisse, die nicht vielen bekannt sind, miterlebt hat. Ich erzähle aus den Erfahrungen eines jungen Offiziers im Schützengraben, und das sind Erfahrungen, die in ihren eindringlichen Einzelheiten typisch sind für den Alltag eines jeden anderen Menschen, eines jeden Einwohners der Stadt und letztlich auch eines jeden Soldaten an der Leningrader Front.

Schon im Oktober begann die Zahl der Sterbefälle unter der Bevölkerung zu steigen, da die Menschen bei derart katastrophal kleinen Lebensmittelrationen schnell abmagerten und an Unterernährung starben. In den ersten 25 Dezembertagen starben 40.000 Menschen.

Bereits im Februar starben täglich dreieinhalb Tausend Menschen am Hunger. Schon im Dezember schrieben die Menschen in ihre Tagebücher: „Lieber Gott, lass uns durchhalten, bis wieder Gras wächst“ – sie haben auf das neue Gras gewartet. Insgesamt starben in der Stadt ungefähr 1 Million Menschen. Schukow schreibt in seinen Erinnerungen sogar von 1,2 Millionen Menschen. Still und leise hatte der Tod begonnen, an diesem Krieg teilzunehmen, um die Stadt zur Aufgabe zu zwingen.

Immer wieder hört man, dass der Hunger die größte Rolle gespielt habe. Das ist nicht ganz richtig. Die Menschen, ihr Zustand, ihre Psyche, ihre Gesundheit und ihr Selbstbefinden wurden auch durch die Kälte beeinflusst. Eine Heizung gab es nicht mehr. Es war bitterkalt, es gab kein Wasser. Ich möchte jetzt einige Einzelheiten aus dem Leben berichten, die man so kaum aus Büchern und Beschreibungen über die Zeit der Blockade und das Leben der Menschen kennt. Der Teufel der Blockade steckt oft in diesen Einzelheiten. Woher Wasser nehmen? Woher? Diejenigen, die näher an Kanälen wohnten, oder an der Newa, an Uferstraßen, gingen dorthin, hackten Löcher ins Eis, schöpften mit Eimern Wasser aus den Löchern und schleppten die Eimer dann nach Hause. Sie schleppten sie. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, mit diesen Eimern in den vierten, fünften oder sechsten Stock zu steigen? Diejenigen, die weiter entfernt lebten, sammelten Schnee und tauten ihn auf.

Was bedeutet das, sie tauten ihn auf? Wie sollte man ihn auftauen? Es gab kleine Kanonenöfen, die „Burschuika“ genannt wurden. Aber womit konnte man sie beheizen? Woher Holz nehmen? Die Menschen verheizten ihre Möbel, rissen das Parkett aus dem Boden, nahmen die Holzhäuser in der Stadt auseinander.

35 Jahre nach dem Krieg habe ich mit dem belarussischen Schriftsteller Adamowitsch Überlebende der Blockade befragt, wie sie überlebt haben, was während der Blockade mit ihnen geschehen ist. Das waren teilweise erstaunliche und schonungslose Offenbarungen.

Eine Mutter verliert ihr Kind. Es war drei Jahre alt. Sie legt den Leichnam zwischen die Fenster, es ist Winter, und schneidet täglich ein Stückchen ab, um ihrer Tochter zu essen zu geben, um zumindest sie zu retten. Die Tochter wusste nichts davon. Sie war 12 Jahre alt. Die Mutter wusste alles, sie erlaubte sich aber nicht zu sterben, sie erlaubte sich nicht, den Verstand zu verlieren.

Die Tochter hat überlebt. Ich habe mit ihr gesprochen. Damals hat sie nicht gewusst, was man ihr zu essen gegeben hat. Sie hat es nach dem Krieg erfahren, Jahre später. Und solche Beispiele gibt es viele – können Sie sich vorstellen, was für ein Leben die Menschen während der Blockade führten?

In den Wohnungen war es dunkel. Die Fenster wurden mit allem Möglichen verhangen, um die Wärme in den Wohnungen zu halten. Die Zimmer wurden mit kleinen Funzellampen beleuchtet. Das war eine Dose, in die man – es gab ja kein Petroleum – Transformatorenöl oder Maschinenöl oder ähnliches gegossen hatte.

Diese winzige Flamme brannte tagein tagaus, wochenlang, monatelang. Das war die einzige Beleuchtung in den Häusern. Schwarzmärkte entstanden, wo man ein Stück Brot kaufen konnte, oder ein Säckchen Gerste, irgendein Stück Fisch, eine Konservendose… Alles wurde getauscht, es ging nicht so sehr um Geld. Man tauschte gegen Pelzmäntel, Filzstiefel, die Menschen brachten alles aus ihren Häusern, was einen Wert hatte: Bilder, Silberlöffel.

Auf den Straßen und in den Hauseingängen lagen Tote, in Laken eingewickelt.

Als das Eis im Winter fester wurde, wurde die „Straße des Lebens“ über den Ladoga-See errichtet. Über diese Straße fuhren Fahrzeuge, um Kinder, Frauen und Verwundete aus der Stadt zu evakuieren, aber auch, um Lebensmittel in die Stadt zu bringen.

Die Straße wurde gnadenlos beschossen, Granaten zersprengten das Eis. Die Fahrzeuge brachen ein und gingen im Wasser unter, aber einen anderen Weg gab es nicht.

Einige Male wurde ich von der Front zum Stab geschickt und war in der Stadt. Da konnte ich sehen, wie die Blockade das Wesen der Menschen verändert hatte. „Jemand“ oder der „namenlose Passant“ – das waren die Helden der Stadt. Menschen, die versuchten, einem gestürzten, geschwächten, an Unterernährung leidenden Menschen wieder aufzuhelfen und ihn zu einem dieser Punkte zu bringen, die es gab. Da gab es heißes Wasser, nur heißes Wasser, man gab ihm einen Becher, und das half oft, den Menschen zu retten.

Dieser „Jemand“ – das war das in den Menschen erwachte Mitgefühl. Das war einer der wichtigsten, vielleicht sogar der wichtigste Held des Lebens während der Blockade.

Dann, im Mai 1942, als es wärmer wurde, als es überall taute und wegen der großen Zahl von Leichen in der Stadt die Gefahr von Infektionen stieg, hat man uns – Soldaten und Offiziere – in die Stadt geschickt, um zu helfen, die Leichen auf die Friedhöfe zu bringen. Viele Leichen lagen übrigens neben den Friedhöfen aufgehäuft. Verwandte und Freunde haben versucht, sie auf Friedhöfe zu bringen und Gräber in der gefrorenen Erde auszuheben, aber sie hatten natürlich nicht mehr die nötige Kraft dafür. Wir haben die Leichen auf Fahrzeuge aufgeladen – wir haben sie hinaufgeworfen, wie Holz, so trocken und leicht waren sie. Unser Regimentsarzt sagte, das käme davon, dass sie sich von innen selbst aufgezehrt hätten. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich eine derart grausige Situation erleben musste, als wir Leiche um Leiche auf die Fahrzeuge warfen.

Auch die Evakuierung brachte ihre eigenen Probleme mit sich. Eine Frau erzählte uns, wie sie mit ihren Kindern zum Finnländischen Bahnhof ging. Ihr Sohn, ca. 14 Jahre alt, lief hinter ihr, die kleine Tochter hat sie auf einem Schlitten gezogen. Sie kam mit der Tochter am Bahnhof an, der Sohn war zurückgeblieben. Er war kraftlos, ausgehungert – sie weiß nicht, was aus ihm wurde. Sie hat diesen grausamen Verlust nie vergessen, und auch, als sie uns davon berichtete, gab sie sich die Schuld.

Es gab auch andere Probleme. Alexei Kossygin, der stellvertretende Ministerpräsident Russlands – nicht Russlands, der Sowjetunion – wurde als Bevollmächtigter des staatlichen Verteidigungskomitees nach Leningrad entsandt. Er hat mir berichtet, mit welchem Problem er sich täglich auseinandersetzen musste: Wen sollte er auf die Straße des Lebens ins nicht belagerte Hinterland, die sogenannte Bolschaja semlja, schicken? Kinder, Frauen, Verwundete oder doch Materialien, Werkbänke, Buntmetalle und Geräte für die Rüstungsbetriebe im Ural? Diese Wahl treffen zu müssen zwischen Menschen einerseits oder Gütern, die für die Rüstungsindustrie unentbehrlich waren, andererseits, stellte für ihn ein qualvolles und auswegloses Dilemma dar.

In der ganzen Stadt hingen typische Anschlagzettel. Sie waren überall angeklebt: „Erledige Beerdigungen“, „Hebe Gräber aus“, „Bringe Verstorbene zum Friedhof“. Das alles für ein Stück Brot, für eine Konservendose…

Im Frühling wurden auf der Newa massenweise Leichen von Rotarmisten angeschwemmt. Trotzdem hat man weiterhin Wasser aus der Newa genommen, hat die Leichen weggestoßen. Was hätte man auch tun sollen? Man musste dieses Wasser sogar trinken.

Ab Juli 1942 haben wir an der Front versucht, den Ring der Blockade zu durchbrechen. Ohne Erfolg. Angriff um Angriff wurde zurückgeschlagen. Bei dem Versuch, die Befestigungen am anderen Ufer der Newa zu durchbrechen, verloren wir, verlor unsere Armee innerhalb weniger Monate 130.000 Mann.

Eines Tages bekam ich das Tagebuch eines Jungen, der die Blockade miterlebt hat. Ja überhaupt, Tagebücher – viele Menschen haben damals Tagebuch geführt. Sie waren später das glaubwürdigste Material. Als wir Jahrzehnte später Menschen befragten, die die Blockade miterlebt hatten, stellte sich heraus, dass ihre Erinnerungen an das tatsächlich Erlebte oft schon von all dem überlagert waren, was sie in Kinofilmen oder im Theater gesehen oder in den Zeitungen gelesen hatten. Ein Tagebuch dagegen ist authentisch, glaubhaft, im Jetzt geschrieben, am gleichen Tag oder auch am Tag danach. Ich möchte Ihnen jetzt die Geschichte eines Jungen erzählen, der über die Blockade berichtet. Er war 14 Jahre alt und lebte mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen. Sein Tagebuch hat mich sehr bewegt. Und nicht nur mich, auch Adamowitsch. Wir haben uns ja gemeinsam damit beschäftigt. Das Tagebuch erzählt die Geschichte eines Gewissens. In den Brotläden hat man damals versucht, die Rationen auf das Gramm genau abzuwiegen, denn die Rationen waren ja auch so schon verschwindend klein. Deswegen hat man sehr genau abgewogen und, um das Gewicht auch genau zu treffen, noch kleine Brotstückchen als Zuwaage ergänzt. Der Junge wurde von seiner Mutter und seiner Schwester beauftragt, die Brotrationen zu holen. Auf dem Heimweg quält er sich und kämpft gegen die Versuchung an, diese kleine Zuwaage aufzuessen, und zwar ungestraft. Denn es wusste ja niemand in der Familie, ob er eine Zuwaage bekommen hatte oder nicht. Aber er selbst wusste es natürlich. Und so schreibt er in seinem geheimen Tagebuch: „Ich habe das Stückchen aufgegessen, habe es nicht ausgehalten.“ Und er macht sich Vorwürfe, tadelt sich, schwört, dass er es nie wieder tun wird, weil dieses Stück, diese Zuwaage, ja für sie alle drei gedacht war.

In der Wohnung hatten sie auch Nachbarn. Der Mann hatte einen verantwortungsvollen Posten und bekam deswegen Zusatzrationen, die scheinbar wohl ganz ordentlich waren. Seine Frau kochte in der gemeinsamen Küche Brei oder Suppe. Der Junge riecht das duftende Essen, ist wie auf die Folter gespannt, wünscht sich, dass die Frau die Küche verlässt, damit er kurz in den Topf hineinlangen kann, und sei es auch nur schnell mit der bloßen Hand. Er kämpft mit sich, will sich zurückhalten, und schafft es. Das ist die Geschichte eines Gewissens, des Wunsches, anständig zu bleiben – eine Eigenschaft, die für die Mehrheit der Menschen im belagerten Leningrad charakteristisch war.

Als Adamowitsch und ich das Buch über die Blockade schrieben, habe ich immer wieder die Frage gestellt: Wie haben Sie überlebt? Wie war das möglich? Aus vielen Erzählungen der Menschen ging hervor, dass überwiegend diejenigen überlebten – nicht alle natürlich, aber doch ein großer Teil von denen, die andere gerettet haben, die sich in den Schlangen angestellt haben, Wasser geschleppt haben, heizten, Kranke versorgt haben. Es haben sich diejenigen gerettet, die andere gerettet haben.

Dieses große Maß an Mitgefühl und Barmherzigkeit war typisch für das Leben während der Blockade, und es hat den Menschen geholfen durchzuhalten. Die Aufgabe derjenigen, die in der Stadt geblieben waren, die nicht an Kampfhandlungen beteiligt waren, bestand letzten Endes darin, ihre Menschlichkeit nicht zu verlieren.

An der Front war die Lebensmittelration auch sehr knapp, wir haben auch gehungert, haben auch Gras und Brennnesseln gekocht. Aber das war trotzdem nicht vergleichbar mit dem, was in der Stadt geschah. Verstehen Sie?

Als wir dieses Buch schrieben, haben wir uns immer wieder die Frage gestellt: Wie konnte das sein? Was ging da vor sich? An der Front wusste man genau Bescheid, wie es in der Stadt aussah. Von Überläufern und Aufklärern. Man kannte nicht nur die Schrecken des Hungers, sondern auch die insgesamt furchtbaren Bedingungen, unter denen die Menschen lebten. Und man hat gewartet. Nun gut – man kann einen Monat warten, zwei, auch drei. Aber man wartete 900 Tage! Das verstehe ich nicht. Soldaten sollten gegen Soldaten kämpfen. Der Krieg ist Sache von Soldaten. Aber hier wurde der Hunger vorgeschickt, um anstelle von Soldaten zu kämpfen.

Ich war an vorderster Front und konnte den Deutschen dieses Warten auf die Kapitulation, das Warten auf den Hungertod lange nicht verzeihen.

Mit den Jahren verblasst natürlich die Erinnerung, und ich verstehe auch, dass der Krieg, den ich miterlebt habe, Schmutz und Blut bedeutete. Wie jeder Krieg.

Die Verluste auf beiden Seiten waren riesig. Unsere Armeen, unsere Divisionen. Schon nach den ersten Monaten hatte nur ein Drittel der Soldaten überlebt.

Ich konnte mich lange nicht entschließen, über meinen Krieg zu schreiben. Aber schließlich habe ich es dann doch getan, es ist noch nicht lange her. Ich habe einen Roman über meinen persönlichen Krieg geschrieben, wie ich in all diesen Jahren gekämpft habe. Warum ich darüber geschrieben habe? Auf diese Frage kann ich Ihnen keine erschöpfende Antwort geben. Wahrscheinlich habe ich unterschwellig den merkwürdigen Wunsch verspürt, meinen gefallenen Regimentskameraden zu berichten, die gestorben sind, ohne zu wissen, dass wir siegen, die in dem Bewusstsein der vollständigen Niederlage gestorben sind, die überzeugt waren, dass wir Leningrad aufgeben müssten, dass die Stadt nicht durchhalten würde… Ich wollte ihnen sagen, dass wir doch gewonnen haben, dass sie nicht umsonst ihr Leben verloren haben, dass wir den gerechten Sieg errungen haben.

Wissen Sie, es gibt wahrscheinlich einen sakralen Raum, wo dem Menschen Mitgefühl und Spiritualität zurückgegeben werden, ebenso wie das Wunder des Sieges, und wo Gerechtigkeit, die Liebe zum Leben und auch zum Menschen höchste Bedeutung haben.

Ich danke Ihnen.