Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten

Die Bundesregierung stellt sich der aus der deutschen Kolonialgeschichte resultierenden historischen Verantwortung. Ein zentrales kulturpolitisches Handlungsfeld ist dabei der angemessene Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in öffentlichen Museen und Sammlungen sowie Bibliotheken und Archiven in Deutschland.

Vorstellung des Leitfadens des Deutschen Museumsbundes.

Der Leitfaden dient Museen und ihren Trägern als Impulsgeber und Arbeitshilfe.

Foto: Deutscher Museumsbund

In Deutschland gibt es viele Objekte in Museen und Sammlungen, deren Erwerb im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus stehen. Diese Objekte stammen nicht nur aus ehemaligen deutschen Kolonien, sondern kamen durch Handel oder Schenkungen auch aus anderen kolonialen Kontexten.

Fast alle Museumssparten sind hiervon betroffen, also nicht nur ethnologische Sammlungen, sondern beispielsweise auch naturkundliche und historische Sammlungen sowie Heimatmuseen.

Das Deutsche Reich besaß gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Kolonien. Den Schwerpunkt bildeten die vier afrikanischen Kolonien (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Togo und Kamerun). Hinzu kamen Kolonien in Nordostchina und der Südsee. Die deutschen Kolonien waren 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen Kolonialreich. Nach dem Ersten Weltkrieg hat Deutschland seine Kolonien gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 abgetreten.

Dialog in Respekt und Würde

Es gehört zur historischen Verantwortung Deutschlands zu erforschen, wem die Objekte aus diesen Sammlungen ursprünglich gehörten und auf welchem Weg sie hierher gekommen sind. Ziel ist es, in einem partnerschaftlichen Dialog mit den Herkunftsgesellschaften und den Herkunftsstaaten einen angemessenen Umgang mit diesen Objekten sowie mit möglichen Rückgabeverlangen zu finden.

Was getan werden muss

Aufgrund der Komplexität der anstehenden Herausforderungen haben Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände im März 2019 "Erste Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" beschlossen. Zu den zentralen Handlungsfeldern zählt demnach die Digitalisierung der fraglichen Bestände, um sie der breiten Öffentlichkeit und auch möglichen Anspruchstellern aus den Herkunftsländern zugänglich zu machen.

Zudem ist für die erste Jahreshälfte 2020 die Einrichtung einer zentralen Kontaktstelle geplant. Dies eröffnet Personen oder Institutionen aus den Herkunftsstaaten und den betroffenen Herkunftsgesellschaften die Möglichkeit, sich über Bestände von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland zu informieren. Darüber hinaus wird die Kontaktstelle auch hinsichtlich möglicher Rückführungen und Kooperationen konkrete Beratung bieten.

Provenienzforschung ausbauen

Aufgabe der Provenienzforschung ist es, die Herkunft, die Erwerbsumstände und den Weg, auf dem ein Kulturgut in eine Sammlung geraten ist, wissenschaftlich fundiert nachzuvollziehen. Die Erforschung der Provenienz von Beständen mit kolonialen Kontexten ist ein notwendiger Schritt, um einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Objekten zu finden. Dies geschieht idealerweise in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Herkunftsstaaten sowie den betroffenen Herkunftsgesellschaften.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert seit 2019 Projekte zur Provenienzforschung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Aufgabe des Zentrums ist es zum einen, die systematische Aufarbeitung der Provenienzen von Sammlungsbeständen und die damit verbundene Grundlagenforschung zu unterstützen. Zum anderen macht es die Forschungsergebnisse für die Öffentlichkeit zugänglich und trägt zur Vernetzung der internationalen Forschungsgemeinschaft bei.

Rückführung menschlicher Überreste

Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände vertreten gemeinsam die Überzeugung, dass menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten nicht in unsere Museen und Sammlungen gehören, sondern an die Herkunftsgesellschaften zurückzuführen sind. Deshalb hat der angemessene Umgang mit menschlichen Überresten höchste Priorität bei der Aufarbeitung des Sammlungsgutes.

Leitfäden des Deutschen Museumbundes

Eine weitere Hilfestellung für die praktische museale Arbeit sowie für den Umgang mit möglichen Rückgabeforderungen bietet der von der Kulturstaatsministerin geförderte "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten", den der Deutsche Museumsbund im Mai 2018 herausgegeben hat. Der Leitfaden wurde mit dem Ziel erarbeitet, die Verantwortlichen in den Museen für das Thema zu sensibilisieren sowie praktische Handlungsempfehlungen für deren Arbeit zu geben.

Im Juli 2019 hat der Deutsche Museumsbund eine zweite Auflage des Leitfadens veröffentlicht, die unter Beteiligung von Experten aus verschiedenen Herkunftsstaaten entstanden ist. Dabei wurde vor allem die internationale Perspektive auf das Thema stärker in den Blick genommen. Der Leitfaden steht auf der Webseite des Deutschen Museumsbundes zum Herunterladen bereit. Eine dritte Fassung des Leitfadens ist derzeit in Vorbereitung.

Darüber hinaus hat der Deutsche Museumsbund im Jahr 2013 den von der Kulturstaatsministerin geförderten Leitfaden "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen" herausgegeben. Derzeit wird eine zweite Fassung erarbeitet, die ebenfalls von der Kulturstaatsministerin gefördert wird. Die Neufassung greift die wichtige internationale Perspektive auf das Thema auf. Zugleich zeigt sie den angemessenen Umgang mit menschlichen Überresten als Teil einer Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit.

Rückgaben setzen deutliches Signal

Deutschlands Bereitschaft zur Verständigung mit den Herkunftsländern und Herkunftsgesellschaften zeigt sich auch im Umgang mit offiziellen Rückgabeersuchen. Dies gilt zum Beispiel für die Rückgabe der symbolträchtigen Wappensäule von Cape Cross an die Republik Namibia. Sie war Teil der Sammlung des Deutschen Historischen Museums (DHM) und wurde dort seit 2006 in der Dauerausstellung präsentiert.

Im Mai 2019 gaben Kulturstaatsministerin Grütters, der DHM-Präsident Raphael Gross und der Botschafter der Republik Namibia, Andreas Guibeb, die Rückgabeentscheidung des Kuratoriums des DHM bekannt.

Auch die bereits erfolgte Rückgabe der Familienbibel und Peitsche von Hendrik Witbooi, die 1902 durch eine Schenkung ins Linden-Museum Stuttgart gekommen waren, sind ein beispielgebendes Signal sowohl an die Herkunftsstaaten, als auch an die deutsche Museumslandschaft.