Tanz ins Rampenlicht

Im Wortlaut: Grütters Tanz ins Rampenlicht

Der Bund fördert den Tanz durch die Unterstützung von Projekten und einzelnen Einrichtungen von nationaler Bedeutung - und stößt an strukturelle Grenzen des Föderalismus. "Für diese Sparte muss man äußerst hartnäckig werben", stellt Kulturstaatsministerin Grütters im Interview in der Fachzeitschrift tanz fest.

  • Interview mit Monika Grütters
Tänzerinnen und Tänzer des Derevo-Tanztheaters Dresden-St.Petersburg.

"Die Sparte Tanz verdient mehr Beachtung", findet Kulturstaatsministerin Grütters.

Foto: picture alliance / dpa / Burgi

Das Interview im Wortlaut:

tanz: Monika Grütters, eine Initiative unter Federführung des Dachverbands Tanz hat ein Papier erarbeitet, das mit dem Städtetag, der Kultusministerkonferenz und Vertretern Ihres Hauses diskutiert wird, weil es auch dem Bund einiges abverlangt – nämlich eine Erhöhung seiner Tanzförderung von vier auf 20 Millionen Euro. Sagen Sie da: Träumt mal schön weiter?

Monika Grütters: Es gibt aus meiner Sicht zwei Sparten in Deutschland, die eher stiefmütterlich gefördert werden: die Literatur und der Tanz. Bei der Literatur liegt es daran, dass es relativ kräftige Akteure jenseits des Staates gibt, etwa die Verlage, die Buchhandlungen, die Literaturhäuser, die wir zudem immer wieder stärken. Über ein derartiges Umfeld verfügt der Tanz nicht. Die Sparte Tanz hätte daher sicherlich mehr Beachtung verdient, wenn man bedenkt, was für ein unglaublich breites Angebot sie uns allen macht. Das ist aber nicht allein und ausschließlich eine Frage des Geldes. Dennoch hat mich das Positionspapier insofern sehr beeindruckt, als die Verfasser etwas tun, was noch keine Branche bisher geleistet hat: Sie denken von vornherein Bund, Land und Kommune zusammen, wollen eine Vernetzung dieser drei Ebenen. Das hat mir das Herz geöffnet, denn genau dieser Ansatz ist prinzipiell richtig.

tanz: Also: mehr Geld für den Tanz aus Ihrem Haus?

Grütters: Der Bund ist keine Reparaturwerkstatt, wenn Kommunen oder Bundesländer als Förderer ausfallen, weil sie Chancen nicht erkennen oder zu wenig oder gar kein Geld bereitstellen. Laut Verfassung sind sie für die Kultur hoheitlich zuständig, und die Länder haben im Rahmen der Föderalismusreform diese Zuständigkeit sogar massiv verteidigt. Ihren Ehrgeiz, sich diese Themen nicht aus der Hand nehmen zu lassen, finde ich übrigens gut. Das heißt dann aber auch, dass der Bund hier an strukturelle Grenzen stößt: Wir können begleitend und ergänzend fördern, nicht aber kompensieren. Wir können kooperativ und über den Weg der Projektförderung helfen, aber nicht institutionell absichern. Dennoch: Wir haben schon eine Menge auf den Weg gebracht.

tanz: Trotzdem fließen in andere Kunstsparten Fördersummen, die aus Sicht des Tanzes geradezu astronomisch wirken: 100 Millionen Euro für den Film, 45 Millionen Euro für die Musik. Und der Tanz soll nicht die Hälfte davon wert sein?

Grütters: Meine Erfahrung als Parlamentarierin ist: Nie den Eindruck erwecken, wir würden Akteure gegeneinander ausspielen! Das tun auch die Verfasser des Papiers nicht, aber um die geforderten 20 Millionen Euro zu realisieren, bräuchte ich von Finanzminister Wolfgang Schäuble 16 Millionen Euro mehr. Von dort werde ich allerdings stets daran erinnert, dass die Verfassung eine andere Rollenverteilung vorsieht, weil Kultur nun mal Sache der Länder und der Kommunen ist. Was in Zahlen bedeutet: 44 Prozent der Kulturausgaben bestreiten die Kommunen, 42 Prozent die Länder, auf den Bund entfällt der Rest. Ich verschiebe ja schon die Gewichte etwas mehr hin zu Literatur und Tanz, aber ich kann im Moment nur sehr behutsam und moderat die Förderwege umbauen.

tanz: Nach wie vor fördern Sie im Filmbereich auch eindeutig auf Kassenerfolg getrimmte Projekte.

Grütters: Als es bei der Filmförderung um die Frage nach der Wirtschafts- versus Kulturkomponente ging und damit nach der verfassungsmäßigen Förderkompetenz des Bundes, hat uns das Bundesverfassungsgericht gestärkt, weil es gesagt hat: Film ist zwar im Prinzip ein Wirtschaftsprodukt, aber wenn es um kulturelle Aspekte geht, darf der Bund eben auch hier fördern. Die Auseinandersetzung um die Strukturbeschaffenheit des Films hat übrigens gerade auch dem Tanz genutzt, weil allen Beteiligten klar ist, dass es hier einen solchen Wirtschaftsaspekt nicht gibt, dass dieser Konflikt also völlig entfällt, der Bund also fördern kann und darf. Genauso klar ist aber auch, dass Film, Musik, Museen viel teurer sind als der Tanz – und populärer. Kino und Musik gehören für viele zum Alltag, Lesen ist eine Kulturtechnik, mit der wir aufwachsen, und in die Museen gehen pro Jahr weit über 100 Millionen Menschen – das sind zehnmal so viele wie in alle Bundesligaspiele einer Saison. Museen sind ein niederschwelliges Angebot, das auch Lehrer mit ihren Schulklassen nutzen, während man sich für den Tanz explizit entscheiden muss. Insofern reden wir von einer kleineren Zielgruppe in einem tanzaffinen Milieu. Das heißt nicht, dass ich mich dieser Proporz-Lesart anschließe – es gibt einfach keinen allgemeingültigen Verteilungsschlüssel, und die Reichweite allein ist nicht das entscheidende Kriterium.

tanz: Was sind denn die Förderkriterien des Bundes?

Grütters: Ausschlaggebend ist die Frage der nationalen Bedeutsamkeit, in der Regel binden wir unsere Zusagen auch an Alleinstellungsmerkmale und die Erwartung, dass Länder und Kommunen komplementär mitfinanzieren.

tanz: Dann nehmen wir doch das Beispiel von Sasha Waltz: Sie wird mit 875.000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds des Bundes gefördert, trotzdem musste sie ihre Tänzer entlassen – weil Berlin seine Zuschüsse nicht erhöht. Zugleich gilt sie als internationales Aushängeschild. Kann der Bund also nicht mehr drauflegen?

Grütters: Die 875.000 Euro sind eine regelmäßige Projektförderung – und das verteidige ich auch, obwohl dieses Geld im HKF dann für Einzelprojekte eben nicht mehr zur Verfügung steht. Aber Sasha Waltz ist eine bedeutende Künstlerin, eine der bekanntesten Choreografinnen der Welt und eine überzeugende, spartenübergreifend Kreative, die sich nicht auf ihr Milieu beschränkt, sondern in die Gesellschaft hineinwirkt. Aber genau hier am Beispiel Sasha Waltz muss ich den Ball auch wieder an das Land Berlin zurückspielen, denn der Bund kann nicht kompensatorisch eingreifen, wenn ein Land seine Verpflichtung schuldig bleibt – selbst wenn sich das auf dem Rücken der Szene abspielt und so leid es auch mir im Einzelfall tut.

tanz: Selbst wenn jemand international so hoch gehandelt wird wie Sasha Waltz?

Grütters: Internationale Strahlkraft ist nicht das Hauptkriterium und auch nicht allein das Ziel unserer Förderung, kann wohl aber eine Folge guten Engagements sein. Wenn der Bund fördert, tut er das nicht utilitaristisch, als Wohltat oder in Erwartung eines bestimmten Effekts, sondern aus Überzeugung für die Sache, in diesem Fall eben aus Begeisterung für eine einzigartige Künstlerin und ihre Leistung. Sasha Waltz gehört zu den zwei, drei Stars im zeitgenössischen Tanz, die keine Barriere zwischen sich und dem ganz großen, allgemeinen Publikum aufbauen, sondern eher normal daherkommen …

tanz: Hilft das dem Tanz weiter?

Grütters: Die Tanzszene ist ein eher in sich geschlossenes, recht homogenes Milieu, die Selbstdarstellung nach meiner Einschätzung zumindest verbesserungswürdig. Ich erlebe, dass sie sehr mit sich beschäftigt ist und eine entsprechend selbstbezügliche Kommunikation betreibt. Während Bildende Künstler Galerien haben, Autoren mit Agenten arbeiten, Theaterleute durch ihre Intendanten geschützt und befördert werden, ist die freie Szene im Tanz überhaupt erst seit Kurzem verbandsmäßig organisiert. Das hat natürlich auch etwas mit dem Charakter dieser Welt zu tun, deren Selbstverständnis individuell, unabhängig, im besten Sinne zeitgenössisch ist. Für mich ist umgekehrt maßgeblich, dass geldgebende Institutionen – also auch wir, der Bund – Gegenwartskunst ermöglichen und dafür 20 bis 30 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel aufwenden. Wenn man das erfolgreich umsetzt, wachsen einerseits die Ansprüche, weil es zunehmend mehr Anspruchsberechtigte gibt – andererseits wachsen dann auch die Verpflichtungen des Staates.

tanz: Der Bund hat sich per Koalitionsvertrag einer nachhaltigen und zeitgemäßen Förderung des Tanzes verschrieben. Was verstehen Sie darunter?

Grütters: Der Bund hat sich ja bereits davor mit dem Tanzplan Deutschland strukturell engagiert. Für dieses Programm hat die Kulturstiftung des Bundes 12,5 Millionen Euro bereitgestellt – und zwar nicht, um einzelne Kompanien mit Projekten zu beglücken, sondern um den Ländern klarzumachen, was sie verpassen, wenn sie nicht mehr Energie und Geld in ihre jeweiligen Tanzpotenziale investieren.

tanz: Das haben aber längst nicht alle Länder kapiert, die Hälfte der seinerzeit geförderten Projekte schwächelt oder ist bereits eingegangen.

Grütters: Ich kann die Länder nicht zu ihrem Glück zwingen, aber der Tanzplan hat auch beim Bund eine Menge bewegt. Wir finanzieren die Geschäftsstelle des Dachverbands Tanz und Workshops, das Nationale Performance Netzwerk, das Deutsche Tanzfilminstitut in Bremen, die Tanzplattform, den Tanzkongress, es gibt die Koproduktionsförderung, die wir zunächst einmalig aufgelegt haben und nun zu verstetigen versuchen, dann das Bundesjugendballett, die Initiative «Dance On» und das Pina Bausch Archiv. Im Koalitionsvertrag haben wir ja auch festgehalten, dass der Bund sich an der Einrichtung eines geplanten «Internationalen Tanzzentrums Pina Bausch» in Wuppertal beteiligen wird. Da muss aber eben auch Nordrhein-Westfalen seinen Teil noch beisteuern.

tanz: Sie haben das Bundesjugendballett von John Neumeier und «Dance On» erwähnt, sozusagen das Gegenstück zur Juniorentruppe. In beiden Fällen hat Ihr Parlaments- und Parteikollege aus dem Haushaltsausschuss, Rüdiger Kruse, die Fäden gezogen – welche Rolle spielt er?

Grütters: Als Hamburger kannte er John Neumeiers Aktivitäten und Wünsche, er hat als Stichwortgeber mitgeholfen, das Bundesjugendballett zu etablieren. Es ist für uns ein echter Glücksfall, dass Rüdiger Kruse und die drei anderen Berichterstatter im Haushaltsausschuss so kulturaffin sind – davon profitiert auch der Tanz. Denn für diese Sparte muss man ansonsten äußerst hartnäckig werben, weil die Nähe zum Tanz im Kollegenkreis nicht besonders groß ist.

tanz: Woher kommt das?

Grütters: Die Frage kann man sich mit Fug und Recht stellen. Was wir aus der Literatur, aus dem Theater kennen – die ganz großen Geschichten des Lebens –, sie alle werden ja auch getanzt. Aber der zeitgenössische Tanz ist derart anspruchsvoll, dass sich das kaum in die Breite vermitteln lässt. Damit steht er ja nicht allein, wir haben ein vergleichbares Phänomen auch im Bereich der zeitgenössischen Musik: Wir bilden Komponisten an Musikhochschulen aus, aber längst nicht alle Orchester spielen Uraufführungen. Die Leute hören eben lieber die Klassiker. Trotzdem lohnt das Zeitgenössische natürlich jede Anstrengung, und wir haben etwa mit den Education- Projekten der Berliner Philharmoniker erfolgreich einen entsprechenden Weg beschritten. Dabei sah es erst mal nach Sackgasse aus, als Royston Maldoom 2003 «Sacre du printemps» mit sozial schwierigen Jugendlichen erarbeitet hat, die vom zeitgenössischen Tanzen so weit weg sind, dass eine größere Spreizung zwischen Angebot und Nachfrage kaum denkbar war. Ich habe mehrere Trainings bei Maldoom miterlebt und finde die Idee sensationell: mit migrantischen, vernachlässigten, aus problematischen Verhältnissen stammenden Jugendlichen zu arbeiten, mit denen man fast alles machen kann – nur nicht tanzen! Aber Profis wie Maldoom sozialisieren diese Jugendlichen über das Instrument des Körpers und die Sprache des Tanzes. Und zwar auf so unglaublich eindrucksvolle Weise, dass man sich fragt, warum wir den Tanz nicht viel stärker für diese Anliegen zu Hilfe nehmen.

tanz: Das hat aber eine Kehrseite: Als Royston Maldoom auftauchte, ging ein Schreck durch die Reihen der Tanzkünstler. Für viele war er die aus Großbritannien importierte Verkörperung des Thatcher-Modells: Die Kunst soll reparieren, wo soziale Einrichtungen, Kommunen, das Bildungswesen versagen – und Künstler kriegen nur noch Geld, wenn sie partizipative Formate anbieten.

Grütters: Nein, das ginge zu weit. Es ist ganz im Gegenteil fast so etwas wie eine Ehrensache! Und ich bin die Letzte, die einer utilitaristischen Vereinnahmung der Kunst das Wort redete. Künstler und Kreative sollen von ihrer originären Leistung leben können und nicht nur knapp überleben. Deshalb haben wir zum Beispiel ein umgekehrtes Reparaturmodell wie die Künstlersozialkasse entwickelt und reformiert, als Anerkennung einer mit anderen Branchen nicht vergleichbaren Leistung. Genauso habe ich mich für das Transition Zentrum Tanz eingesetzt, als Würdigung eines Ausnahmeberufs, einer Lebensform und einer Kunst, die sich nicht ein Berufsleben lang ausüben lässt. Man muss jedoch akzeptieren, dass man den Tanz, der in uns allen angelegt ist – schon Kinder tänzeln ja rhythmisch oder nach einer bestimmten Idee und nicht nur zufällig –, durchaus als «Reparaturmodell» – wenn Sie so wollen – in Anspruch nehmen kann. Darin drücken sich doch Anerkennung und Respekt vor den Möglichkeiten und der Leistung des Tanzes selbst aus! Ich finde, das ist kein Missbrauch von Kunst und auch nicht elitär, sondern endlich kommt das, was wir Kulturpolitiker als partikular beschreiben, in der Gesamtheit an – und zwar an der Basis.

tanz: Treten Kinder, die an solchen partizipativen Programmen teilnehmen, auch der Kunst an sich wirklich näher, gehen sie zum Beispiel eher ins Tanztheater?

Grütters: Das ist die Frage, aber nicht die grundsätzliche Absicht. Es geht darum, dass die Kinder in der Gruppe Selbstvertrauen gewinnen, dass sie sich ein gemeinsames Ziel setzen und bis dahin durchhalten. Wenn dabei herauskommt, dass die «Verhaltensform Tanz» ihnen Appetit macht auf die «Kunstform Tanz», ist das vermutlich eher ein beiläufiger Effekt – und nicht zu unterschätzen.

tanz: Der Kulturbegriff, der dem zugrunde liegt, scheint zu sagen: Kunst ist nur eine Möglichkeit, aber Bildung ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür. Wird deshalb generell mehr in die Bildung als in die Kunst investiert?

Grütters: Es mag Künstler, Tänzer, Choreografen geben, die Kunst als pädagogische Instanz, als Reparaturmodell – wie Sie es bezeichnen – ablehnen. Aber was könnten Tanzkünstler denn an dieser Stelle lernen? Tanz als l’art pour l’art? Oder, dass ihre Ausdrucksform sehr anspruchsvoll und nicht von sich aus breitenwirksam ist, dass sie vom Publikum viel Einfühlung und Bereitschaft verlangt, sich auf diese Sonderform des Ausdrucks einzulassen. Wer Education macht, befördert diese Bereitschaft in jedem Fall.

tanz: Wenn man das Tanzportfolio des Bundes sichtet, fällt auf, dass vielfach museale Akzente das Zeitgenössische überlagern. Da ist das Pina Bausch Archiv, das geplante Zentrum in ihrem Namen, und dazu unterhält die Kulturstiftung des Bundes den «Tanzfonds Erbe».

Grütters: Ich kann verstehen, dass das etwas restaurativ aussieht, so wie man in Berlin das Schloss wieder aufbaut, um das Humboldt-Forum hineinzusetzen – das sagt symbolisch schon eine Menge. Zuweilen wirkt es so, als gäbe es mehr Lust, und zwar spartenübergreifend, sich eher die Vergangenheit wieder anzueignen, als Zuversicht für und Vertrauen in zeitgenössische Ausdrucksformen zu entwickeln, Neugier und Offenheit für etwas zu zeigen, das uns vielleicht nicht auf Anhieb behagt, sondern eher verunsichert. Ich halte als Kulturpolitikerin immer ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Zeitgenössische. Nationale Identität erwächst zuerst aus dem Kulturleben eines Landes, dazu zählt natürlich auch das Erbe vergangener Zeiten. Genauso wichtig ist es aber, eine Avantgarde zu ermöglichen. Weil Künstler, wie Jürgen Habermas einmal gesagt hat, einen regelrechten «Spürsinn für das Relevante» haben und Vordenker der Gesellschaft sind. Ihre Fantasie und ihr Mut zum Experiment – was immer auch das Risiko des Scheiterns einschließt – bahnen den Weg und setzen die Fortschrittsimpulse, denen irgendwann auch die Wirtschaft folgt und die unsere Demokratie lebendig halten.

tanz: Wo bildet sich Avantgarde im Tanzportfolio der Bundesregierung ab?

Grütters: Die Tanzplattform und der Tanzkongress sind einschlägige Formate, auch viele Einzelprojekte der Kulturstiftung des Bundes wie des Hauptstadtkulturfonds zählen dazu.

tanz: Und sonst?

Grütters: Denken wir darüber nach, wie und wo wir nachhaltig, allerdings in kleinerem Umfang, unser Engagement für den Tanz erhöhen können – das sich bei mir übrigens aus einer ganz persönlichen Nähe und Erfahrung speist.

tanz: Inwiefern?

Grütters: Ich komme aus einer Familie mit fünf Geschwistern, eine meiner Schwestern hat seit ihrem dritten Lebensjahr getanzt. Jeden Nachmittag, immerzu. Wir anderen haben Germanistik, Architektur, Medizin studiert – Ute hat getanzt und darin ihre Lebensform gefunden. Mit dieser Leidenschaft hat sie uns ein Stück weit angesteckt, auch mit dem Milieu sind wir alle schon früh in Berührung gekommen – das ist es wirklich: ein ganz eigenes Milieu. Ihren Berufsweg habe ich aus nächster Nähe verfolgt, sie war auf der Folkwang-Hochschule in Essen, hat später professionell auf der Bühne gestanden. Mit Mitte 30 wurde das Transition-Thema spruchreif, meine Schwester hat sich vier Jahre lang zur Tanztherapeutin weitergebildet und arbeitet jetzt mit psychisch Kranken. Ich weiß also sehr genau, mit welchen Herausforderungen, Verwerfungen, Schwierigkeiten und Belohnungen so eine Karriere einhergeht. Ich habe das alles miterlebt.

tanz: Was ist Ihnen als Zuschauerin am stärksten in Erinnerung geblieben?

Grütters: Ich habe viel von John Neumeier gesehen, ich finde Musicals wie «Cats» toll, weil es perfekte, großartige Tänzer darin gibt. Aber das letzte große Ereignis war für mich William Forsythes «Sider» bei der Tanzplattform in Hamburg, vergangenes Jahr. Ich saß da mit der Kultursenatorin Barbara Kisseler ganz vorne, da kommen plötzlich die Tänzer wie ein Keil auf uns zu und an uns heran, hautnah! Das war eine fantastische Interaktion mit dem Publikum, ein Moment, den ich nicht vergessen werde. Abgesehen von allem anderen hat der Tanz auf einem Feld wirklich die Nase vorn: Seine Internationalität ist vorbildlich, ist zeitgemäß. Dass Körpererfahrungen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt in einer modernen Kompanie zusammenfließen, das finde ich schlicht spektakulär und beglückend.