Nachgefragt

Staatsministerin Grütters über die Zukunft der Berlinale

Im Interview mit der B.Z. hat Kulturstaatsministerin Grütters eine mögliche Verlegung des Festivaltermins angeregt und sich für den traditionellen Standort am Potsdamer Platz ausgesprochen. Weitere Themen des Interviews waren Angriffe der AfD gegen das Kulturleben sowie der Umgang mit Kulturgut aus der Kolonialzeit.

  • Interview mit Monika Grütters

B.Z.: Frau Grütters, 2020 findet erstmals während der Berlinale die Oscar-Verleihung statt. Das erschwert die Suche nach Filmen für das Festival immens. Ist es Zeit für eine Verlegung der Berlinale?

Grütters: Schon während der Auswahlgespräche für die neue Berlinale-Leitung kam dies regelmäßig zur Sprache. Und ich denke, es ist Aufgabe der neuen Leitung, sich über den Termin Gedanken zu machen. Allerdings gibt es wenig Bewegungsspielraum, die Berlinale im Februar hat sich ja bewährt.

B.Z.: Über welchen Termin wird denn nachgedacht?

Grütters: Wir reden über eine Verlegung nach hinten, also Ende Februar, Anfang März. Der Dezember ist wegen Weihnachten keine Alternative, der März auch nicht, weil man dann eine Kollision mit anderen wichtigen Festivalterminen hätte.

B.Z.: Das Festival in Venedig hat mit „Roma“ erstmals einen Netflix-Film im Wettbewerb gezeigt, der keine reguläre Kinoauswertung hatte. Wie stehen Sie dazu?

Grütters: Mit der Teilnahme eines Netflix-Films ohne reguläre Kinoauswertung kann ich mich nicht anfreunden. Kinos sind bedeutende Kulturorte, die auf die Auswertung angewiesen sind. Nur sie machen das einzigartige „Erlebnis Film“ möglich, dort finden Verhandlungen über gesellschaftliche Themen statt. Unsere Anstrengung muss es sein, das Kino als Kulturort zu erhalten.

B.Z.: Haben Sie das als Richtlinie an das neue Leitungsteam so weitergegeben?

Grütters: Nach den Berlinale-Richtlinien können nur Filme, für die eine Kinoauswertung vorgesehen ist, für den Wettbewerb eingereicht werden. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass die Produzenten und Schauspieler ihre Filme auch über Netflix verbreiten wollen, aber dass ein Netflix-Film ganz ohne Kinoauswertung auf einem originären Kino-Festival läuft, das geht zu weit.

B.Z.: Die Kinozuschauerzahlen sind im letzten Jahr wohl auf unter 100 Millionen gefallen (2017: 122 Millionen). Deutschland produzierte aber 181 Filme 2018. Wie schaffen wir es in Deutschland, gute Filme zu produzieren, die auch ein Publikum finden?

Grütters: Die richtige Antwort, um zu spannenden Filmen zu kommen, ist insbesondere unsere Förderung des kulturellen Films. So sind Filme entstanden, die in den Wettbewerb nach Cannes eingeladen wurden und für große internationale Resonanz gesorgt haben. Aber zur Wahrheit gehört: Neben diesen Arthouse-Filmen brauchen wir natürlich auch die Filme, die Besucher-Millionäre werden.

B.Z.: In drei Jahren läuft der Mietvertrag der Berlinale mit dem Theater am Potsdamer Platz aus. Gibt es Gespräche zwischen Bund, Berlin und den Vermietern über die Zukunft?

Grütters: Ja. Wir gehen im Moment davon aus, dass die Berlinale auch über 2022 hinaus am Potsdamer Platz bleiben kann. Allerdings werden die Konditionen sich sicher ändern. Der Standort ist das Beste, was der Berlinale passieren konnte, auch wegen der räumlichen Nähe zu verschiedenen Kinos und vor allem zum European Film Market im Gropius-Bau.

B.Z.: Zur Lola: Wie jedes Jahr gab es auch in diesem Jahr wieder Kritik, als die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis bekanntgegeben wurde. Wird es eine Reform bei der Vergabe geben?

Grütters: Diese Diskussion ist so alt wie das jetzige Verfahren. Sie kommt jedes Jahr wieder. Ich würde eine Reform gerne mit den Filmschaffenden anstoßen. Meine Vorstelllungen über mögliche Veränderungen des Auswahlverfahrens habe ich bereits mit Vertretern des Vorstands der Deutschen Filmakademie erörtert. Aus meiner Sicht sind weder das derzeitige Verfahren noch die Kategorien oder Dotierungen in Stein gemeißelt.

B.Z.: Ein anderes Thema: Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, beklagte die Angriffe der AfD gegen das Kulturleben und Kulturinstitutionen. Ist unser Kulturleben bedroht?

Grütters: Nein, weil die Freiheit der Kunst ein eherner Grundsatz und geradezu lebenswichtig für unsere vitale Demokratie ist. Die Politik und die Szene reagieren gelassen auf die ideologischen Einlassungen der AfD. Die Haltung der AfD ist so rabiat, dass sie in intellektuellen Milieus nicht verfängt. Aber man muss aufpassen, dass sich die Kultur nicht durch Bedrohungen einschüchtern lässt. Naturgemäß gehört das Provozieren zur Kunst und also auch zu Kultureinrichtungen, das lässt sie natürlich leichter zu Zielscheiben werden. Da muss man die Leiter dieser Einrichtungen ertüchtigen, nicht vor Druck durch die rechte und linke extreme Szene einzuknicken. Kulturelle Vielfalt ist jedenfalls besser als populistische Einfalt. Aber dann muss man auch den Mut haben, zu dem zu stehen, was man anbietet.

B.Z.: Wie erleben Sie in Ihrer Arbeit den Umgang mit der AfD?

Grütters: Herausfordernd. Aber den Meinungsstreit gewinnen wir, wenn wir gelassen bleiben und zu unseren Überzeugungen stehen. „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“, hat Friedrich Schiller gesagt. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn es auch Widerspruch gibt.

B.Z.: Gelingt es Ihnen, gelassen zu bleiben?

Grütters: In der Auseinandersetzung mit der AfD ja. Anders ist es, wenn man das Verhalten der AfD von der Regierungsbank aus physisch nah stundenlang miterlebt. Die Aggression, die Lautstärke, die Wortwahl – all dem über mehrere Debatten in der Plenarsitzung ausgesetzt zu sein, ist manchmal körperlich kaum zu ertragen.

B.Z.: Zum Humboldt Forum und dem kolonialen Raubgut: Bénédicte Savoy sagt, dass es über eine Million außereuropäische Objekte in den deutschen Museen gibt. Bisher sind nicht mal alle Objekte digital erfasst. Wie sollen Herkunftsgesellschaften wissen, was sie zurückfordern könnten?

Grütters: Das stimmt, es sollten nicht nur die Museums-Chefs wissen, was in ihren Häusern ist. Diese Debatte, die in Frankreich jetzt für viel Aufsehen sorgt, führen wir hier aber schon seit vielen Jahren. Sonst gäbe es ja den „Leitfaden des Museumsbundes zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ gar nicht. Das Problembewusstsein ist in den Museen auf jeden Fall vorhanden. In die breite Öffentlichkeit kam es vor allem durch die Flüchtlingsbewegungen. Erst dadurch hat man sich dafür interessiert, wer denn unsere Nachbarn sind, die nur drei oder vier Flugstunden von hier entfernt leben. Und natürlich hat auch das Humboldt Forum die Debatte belebt – eine Debatte, die ich sehr begrüße – denn die koloniale Vergangenheit ist noch immer ein blinder Flecken unserer Erinnerungskultur.

B.Z.: Ihr Bruder arbeitet als Entwicklungshelfer in Afrika, Sie haben ihn dort im Süd-Sudan besucht. Haben diese Aufenthalte Ihren Blick verändert?

Grütters: Ja, total. Mein Bruder ist seit sehr vielen Jahrzehnten Entwicklungshelfer, und ich war mehrfach an seinen Einsatzorten. Mein Blick auf manche afrikanische Lebenssituation ist nicht nur erweitert worden, ich konnte mir manches vorher gar nicht vorstellen. Der Sudan liegt im Norden Afrikas, er ist also nah dran an Europa. Dort gibt es vielerorts nach wie vor weder Strom noch fließendes Wasser. Die Menschen haben dort aber eine große Zugewandtheit und kulturellen Reichtum, obwohl sie täglich um ihre Existenz und die ihrer Kinder kämpfen. Man wird da sehr demütig.

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