Ungewohnt lebensnah 

„Spätgotik“ in Berliner Gemäldegalerie Ungewohnt lebensnah 

Das Mittelalter hat den Ruf einer düsteren Zeit. Doch an seinem Ende standen zahlreiche wegweisende künstlerische und mediale Innovationen, die unsere Kultur bis heute prägen. Die Ausstellung „Spätgotik“ in der Berliner Gemäldegalerie erzählt davon anhand von 131 Werken aus Malerei, Skulptur, Druckgraphik und Kunsthandwerk.

Ausstellung „Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit“ in der Berliner Gemäldegalerie

Einblick in die Ausstellung „Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit“ in der Berliner Gemäldegalerie

Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Ein Dorfareal am Fluss vor einer sommerlichen Hügellandschaft: Mit hoher Detailgenauigkeit widmet sich Albrecht Dürer in seinem um 1490 entstandenen Aquarell „Die Drahtziehmühle“ ganz der ländlichen Szenerie. Wenige Jahrzehnte zuvor wäre ein solches Bildmotiv noch undenkbar gewesen. 

Das zunehmende Interesse an weltlichen Bildthemen, wie es auf Dürers Aquarell dargestellt ist, war nur eine der großen kulturhistorischen Veränderungen, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen und unsere Wahrnehmung von Kunst bis heute prägen. Wie bahnbrechend die künstlerischen und kulturellen Neuerungen in der Zeit von 1430 bis 1500 im deutschsprachigen Raum waren, zeigt nun erstmals eine umfassende Schau in Berlin. Mit ihr nimmt die Gemäldegalerie ihren Wechselausstellungsbetrieb wieder auf. 

Fünf Häuser der Staatlichen Museen zu Berlin haben sich für die Ausstellung zusammengetan. Neben der Gemäldegalerie sind die Skulpturensammlung, das Kupferstichkabinett, das Kunstgewerbemuseum und die Nationalgalerie sowie die Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek beteiligt. Der Großteil der 131 Exponate stammt aus ihren Sammlungen. Hinzu kommen herausragende Leihgaben etwa der National Gallery in London und des Rijksmuseums in Amsterdam.

Detailfreudiger Realismus

Zwar war die Kunst in dieser letzten Phase des Mittelalters noch immer primär religiös motiviert: Sie zeigte meist biblische Szenen und Symbole. Ihr Ziel war es, die christliche Lehre bildlich zu vermitteln – doch mit ganz neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln und Techniken. 

Marienbild

Lebhafte Gesichter und leuchtende Farben: Die „Thronende Muttergottes mit dem Kind“ des Meisters der Darmstädter Passion schmückte den linken Flügel eines Kreuzaltars

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

An die Stelle schematischer Darstellungsformen traten nun plastisch wirkende Körper, die ungewohnt realistisch und lebensnah erschienen. Entscheidend dafür war der neuartige Einsatz von Licht und Schatten, der den heiligen Figuren räumliche Tiefe verlieh sowie die eindrückliche Darstellung von Emotionen. Ob Angst, Schmerz oder Freude: Gefühle zeichneten sich nun ungeschönt an Gesichtern und Körperhaltung ab und ließen die Porträtierten lebendiger und emotional nah erscheinen. 

Auch die Natur und die Räume, in denen sich die Heiligen bewegen, wurden zunehmend wirklichkeitsnah dargestellt: Interieurs wurden mit Details der bürgerlichen Lebenswelt versehen, heimische Landschaften im Bildhintergrund schufen Vertrautheit. Intensiv leuchtende Farben belebten die Szenerie. 

„Die Drahtziehmühle“ von Albrecht Dürer

Auf dem Weg zur reinen Landschaftsdarstellung: „Die Drahtziehmühle“ von Albrecht Dürer von 1489 oder 1494

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Im Zeitalter der Reproduzierbarkeit – die Erfindung des Bild- und Buchdrucks

Neu entstandene Drucktechniken – wie Holzschnitt und Kupferstich – halfen dabei, dass sich die neuen künstlerischen Ideen schnell auch über Landesgrenzen hinweg verbreiteten. Sie fanden so rasch Aufnahme in ganz unterschiedlichen Kunstgattungen. Die Druckgrafiken des oberrheinischen Kupferstechers Martin Schongauer etwa lieferten international Vorlagen für hunderte Skulpturen, Gemälde und Grafiken.

Von herausragender kultur- und mediengeschichtlicher Bedeutung war die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg 1454/55. Eines der 30 Exemplare seiner Gutenberg-Bibel auf Pergament wird daher auch in der Ausstellung präsentiert. Dass sich das Buch zum Massenmedium entwickeln konnte, hatte aber noch eine zentrale Voraussetzung: die Entwicklung von Papier als günstigem Bild- und Schriftträger.

Die Ausstellung „  Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit“ ist noch bis zum 5. September in der Gemäldegalerie zu sehen. Auf einer eigenen Webseite zur Ausstellung werden die verschiedenen Innovationen des 15. Jahrhunderts eindrücklich in Bild und Text dargestellt. In einem vierteiligen Podcast diskutieren die Kuratoren über Themen der Schau. Workshops im Videoformat laden zudem dazu ein, zuhause selbst kreativ zu werden.

Die Berliner Gemäldegalerie gehört zu den Staatlichen Museen zu Berlin. Als Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) wird sie gemeinsam von Bund und Ländern getragen. 

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