Nachkriegskarrieren der „Gottbegnadeten“

Ausstellung im DHM Nachkriegskarrieren der „Gottbegnadeten“

Lange ging man davon aus, dass es nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland einen konsequenten kunstpolitischen Neuanfang gab. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt nun, dass viele vom NS-Regime protegierte Künstler ihre Karrieren auch nach Kriegsende erfolgreich fortsetzen konnten. Bis heute sind ihre Arbeiten im öffentlichen Raum präsent.

Blick in die Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“

Blick in die Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘“ in Berlin

Foto: Deutsches Historisches Museum

Im Spätsommer 1944 ließen Adolf Hitler und Joseph Goebbels die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ erstellen. Darauf wurden 378 – vorwiegend männliche – Künstler verzeichnet, die ihnen als „unabkömmlich“ galten und infolgedessen vom Front- und Arbeitsdienst befreit wurden. Unter ihnen waren 114 Maler und Bildhauer. Ihre Karrieren in der Bundesrepublik und in Österreich nach 1945 stehen im Fokus der Ausstellung, die ab heute in Berlin zu sehen ist.

Denn zahlreiche dieser Künstler nahmen bis in die 1970er Jahre an Wettbewerben teil, erhielten große öffentliche, private und kirchliche Aufträge sowie Auszeichnungen. Sie waren in Ausstellungen vertreten und nahmen als Lehrer an Kunstakademien Einfluss auf die nachkommenden Generationen. Das legt die Schau anhand ausgewählter Biografien, Werke, Film- und Tondokumente sowie Originalpublikationen dar. Bis heute prägen die Arbeiten dieser Künstler Foyers, Fassaden und öffentliche Plätze deutscher Städte. 

Grütters: „1945 gab es keine ‚Stunde Null‘“

Damit stellt die Ausstellung auch die Idee eines radikalen Neubeginns im deutschen Kunstbetrieb nach Kriegsende infrage, wie sie in der Bundesrepublik lange vorherrschend war: „1945 war eben keine ‚Stunde Null‘. Den von Politik und Kultur öffentlich proklamierten ästhetischen Neuanfang gab es nicht", konstatierte auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung im Deutschen Historischen Museum.

Vielmehr zeigt die Ausstellung, wie die in ihr vertretenen Maler und Bildhauer nach 1945 auf ihre Netzwerke aus der NS-Zeit zurückgreifen konnten, wie sie sich in ihren Arbeiten inhaltlich und ästhetisch dem neuen politischen System anpassten – und wie wenig kritisch die Öffentlichkeit ihrer Kunst begegnete. Denn während die zeitgenössische Kunst oftmals heftigen Protest auslöste, rief die Wiederkehr der Werke jener Künstler, die von den Nationalsozialisten hofiert wurden, nur selten Widerspruch hervor. 

Die Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ läuft bis zum 5. Dezember 2021 im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums. Dazu ist ein Begleitprogramm mit Diskussionen, Filmvorführungen, einer Tagung sowie Stadtführungen durch Berlin, München, Düsseldorf und Wien geplant. Auf einer interaktiven, digitalen Karte, die eigens für die Ausstellung angelegt wurde und stetig erweitert werden soll, finden sich Informationen zu 300 Nachkriegswerken der gelisteten Künstler in Deutschland und Österreich. 

Das Deutsche Historische Museum wird vollständig aus dem Haushalt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert – 2021 mit rund 62,6 Millionen Euro.

Aufarbeitung von NS-Belastungen im deutschen Kunstbetrieb notwendig

Die Schau „gibt einen weiteren wichtigen Anstoß für Kultureinrichtungen, sich noch intensiver als bisher mit der Frage nach dem eigenen dunklen Erbe aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen“, betonte die Kulturstaatsministerin. Nachdem im Behördenbereich seit zehn Jahren systematisch zu Fragen der personellen und inhaltlichen Kontinuitäten nach 1945 geforscht werde, sei dies nun auch im Kulturbetrieb „überfällig“, so Grütters. 

Auf Initiative der Kulturstaatsministerin startete in diesem Jahr beim Deutschen Historischen Museum eine umfassende Studie. Sie widmet sich Stand und Perspektiven der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und ihrer Nachwirkungen bei Kultureinrichtungen, die institutionell und dauerhaft aus dem Bundeskulturhaushalt gefördert werden. Ihre Ergebnisse sollen bis Ende 2022 vorliegen. 

Seit 2017 werden im Rahmen eines Forschungsprogramms zudem zehn Projekte zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zentraler deutscher Behörden aus dem Etat der BKM gefördert.