Letzte Bilder aus dem Ghetto

Topographie des Terrrors Letzte Bilder aus dem Ghetto

Eine Dokumentation mit Porträtaufnahmen von mehr als 100 jüdischen Familien ist Grundlage der Ausstellung "Der kalte Blick" in der Berliner Topographie des Terrors. Die Fotos entstanden 1942 während der deutschen Besatzung in der südpolnischen Stadt Tarnów – unter Zwang und im Zeichen des Todes.

Raum in der Ausstellung "Der kalte Blick" in der Berliner Topographie des Terrors

Fotos stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Der kalte Blick"

Foto: Topographie des Terrors

Es sind die Gesichter Hunderter Männer, Frauen und Kinder aus 106 jüdischen Familien, die den Besucherinnen und Besuchern in der Ausstellung begegnen. Fotografiert wurden sie im Auftrag von zwei Wiener Wissenschaftlerinnen 1942 in der polnischen Stadt Tarnów. Im Rahmen rassebiologischer Untersuchungen hatten sie sich die "Erforschung typischer Ostjuden" zur Aufgabe gemacht.

Fotodokumentation als Basis der Ausstellung

Nur 26 der insgesamt 565 Menschen überlebten den Holocaust. Die Fotodokumentation mit den Bildern der Ermordeten wie der Überlebenden wurde über Jahrzehnte weitgehend unentdeckt im Naturhistorischen Museum in Wien aufbewahrt. Sie zeugt noch heute vom "kalten Blick“ ehrgeiziger Wissenschaftlerinnen, die jüdische Menschen vor dem Hintergrund der NS-Rassenideologie als reine Forschungsobjekte betrachteten.

Zusammen mit Kurzbiographien der Ermordeten und Zeugnissen der wenigen Überlebenden ist die Fotodokumentation jetzt Basis der Ausstellung "Der kalte Blick" in der Berliner Topographie des Terrors. Sie offenbare dadurch auf erschütternde Weise die Effizienz, mit der die Nationalsozialisten ihre antisemitische Ideologie umsetzten, erklärte Kulturstaatsministerin Grütters zu ihrer Eröffnung.

Die Ausstellung Der kalte Blick. Letzter Blick jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów entstand in Zusammenarbeit der Stiftung Topographie des Terrors mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Naturhistorischen Museum Wien. Sie ist bis zum 11. April in der Stiftung Topographie des Terrors zu sehen. Die Ausstellung wurde aus dem Hauptstadtkulturfonds gefördert. Weitere Informationen finden Sie hier.

In der Ausstellung werde deutlich, dass es auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren, „die mit der angeblich wissenschaftlichen „Sachlichkeit“ einer Untersuchung – mit einem grausam kalten Blick auf ihre Mitmenschen – ihren Beitrag zur Legitimierung des Völkermords leisteten“, sagte Grütters weiter.

Grütters: Ausstellungen wie diese schärfen die Urteilskraft

Gleichzeitig stellt die Ausstellung eine Verbindung her zwischen den skizzierten Lebenswegen und den Gesichtern der jüdischen Opfer. Auf diese Weise erzählt sie auch vom Leben der Juden in Tarnów und damit exemplarisch von so vielen jüdischen Gemeinden in Polen, die von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurden.

Ausstellungen wie diese hätten die Kraft, Menschen zum Hinschauen und Zuhören zu bewegen und im Angesicht erdrückender Schuld und präzedenzlosen Leids ihre Urteilskraft zu schärfen, so Grütters weiter. "Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Keime menschenverachtender, totalitärer Ideologien keinen Nährboden finden."