Laudatio für die Produktion "Smiling Doors" des Jugendclubs der Jungen Oper Stuttgart

Juliane Votteler, Intendantin des Theaters Augsburg, hielt die Laudatio auf die Produktion "Smiling Doors" bei der Verleihung des BKM-Preises Kulturelle Bildung am 17. September 2013 in der Stiftung Genshagen.

Die Junge Oper Stuttgart hat sich seit ihrer Gründung im Jahre 1996 zum Ziel gesetzt, junge Menschen an das Thema Theater und Neue Musik heranzuführen. In ihren Produktionen machen junge Künstler für junge Menschen Theater. Und die Zuschauer sind nicht in der Rolle, passiv zuzusehen, sondern sie sind auf vielfältige Art und Weise in die Inszenierungen eingebunden. Sie besuchen Workshops und Führungen, erarbeiten in den Schulen selbst anhand der Vorlagen eigene Versionen und Interpretationen des Stoffes, den sie dann umgesetzt auf der Bühne des Stuttgarter Kammertheaters erleben.

Doch die Entwicklung dieser Form ging mit der Übernahme der Institution durch Barbara Tacchini weiter. Die Ideen des Kinder-und Jugendtheaters hatten zu vielen Gründungen von Clubs oder Gruppen geführt, in denen jugendliche Laien sich selbst im Theaterspielen erproben konnten. Es sollte nicht mehr nur Theater für Kinder und Jugendliche geben, sondern die Kinder sollten selber mitmachen. Vielfach wählten sie zunächst klassische Stoffe. Doch dann entstand mehr und mehr der Wunsch, eigene Geschichten zu entwickeln. Jugendliche wollten sich zur politischen Realität äußern, in der sie sich befanden, ,sie wollten Geschichten erzählen, wie sie ihnen selbst zugestoßen waren oder Erfahrungen verarbeiten, die sie verunsicherten oder beängstigten.

Mit dieser Entwicklung wurde immer deutlicher, welche besondere Funktion das Theater im Bereich der kulturellen Bildung einnimmt.. Nicht nur, dass das Spielen eine gemeinsame Erfahrung vermittelt, dass der Einzelne sich selbst in ganz anderen Zusammenhängen erfährt und man durch das Schlüpfen in die Rolle eines Anderen plötzlich auch neue Perspektiven auf seine eigene Identität entwickelt. Ganz besonders wichtig ist die Erfahrung, im Kollektiv gemeinsam etwas zu schaffen, miteinander auf eine Reise zu gehen und auf ein Ergebnis hin zu arbeiten.
Und, vielleicht am Wichtigsten: Unverzichtbar zu sein. Wenn man eine Aufgabe im Theater hat, muss man präsent sein, man ist unersetzlich, man ist wichtig, man wird gebraucht.

Barbara Tacchini hat so zur Jungen Oper noch einen Jugendclub gegründet, in welchem, wie im Schauspiel, Jugendliche selbst Stücke entwickeln und auch ihre Musik selbst konzipieren. Unterstützt von Regie, Pädagogik und musikalischer Anleitung entstehen hier ganz eigene Projekte.

Die Produktion "Smiling Doors", die im Jahr 2011 herauskam, ist das sicherlich bemerkenswerteste Projekt, das in diesem Kontext zu finden ist. Es basiert auf der Idee, ein Musiktheater mit krebskranken Kindern und Gesunden zu entwickeln. Zusammen mit dem Kinderhospital des Karl-Olga-Krankenhauses wurde diese Idee angegangen. Die Zusammenarbeit mit Element 3, einer Initiative, die bereits in Freiburg und Tübingen Theater-Projekte mit krebskranken Kindern realisiert hatte, und die sich für eine Intensivierung des Bereichs Musik interessierte, erwies sich als außerordentlich erfolgreich.

Frau Margarethe Mehring-Fuchs, als Mitarbeiterin der Regie und zuständig für die psychologische und sozialpädagogische Betreuung und Rom Kujipers als musikalischer Leiter, bestritten die Erarbeitung zusammen mit Barbara Tacchini, die für die Regie, und mit Koen Bollen, der für die Dramaturgie verantwortlich war.

Dieses Team nahm sich zusammen mit den Kindern und Jugendlichen den Roman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller zum Ausgangspunkt ihrer Inszenierung. In dieser Beschreibung einer Sicht auf die Welt ex negativo, in der quasi nichts mehr Bedeutung hat, sahen die Beteiligten eine Herausforderung, sich dazu mit einer positiven Lesart zu verhalten.

Es entstand die Geschichte zweier Schwestern. Eine stirbt. Die Geschichte der Veränderung des Lebens der zurückgebliebenen Schwester, ihre Trauerarbeit, ihr Verlust an Realität und schließlich die Bewältigung der Trauerarbeit erzählen die Mitwirkenden in kleinen Szenen. Die Musik, die ebenfalls von den Jugendlichen entwickelt, komponiert und vorgetragen wurde, entstand aus Improvisationen auf der Probe und in eignen Workshops. Dabei entschieden sich die Mitwirkenden ganz bewusst für Spielregeln ihres künstlerischen Produkts und des Prozesses. Es gab neben dem Roman bestimmte Vorgaben: das Instrumentarium, Materialien für den Raum, formale Strukturen. Daran arbeiten sich die Mitwirkenden im wahrsten Sinne des Wortes ab. Diesen Prozess beschreibt Barbara Tacchini so: Dass man sich als Künstler selbst "einschränkt", seinen eigenen Gesetzen und Spielregeln folgt, Prozesse einer „Verschlüsselung“ und gleichzeitig Befreiung erlebt, ist für die meisten eine ganz neue, zentrale Erfahrung. Die Emotionen und Erlebnisse werden umgeformt, und ihre Form enthält Interpretationsfreiraum für die Zuschauer. Gleichzeitig sind die jungen Künstler auch geschützt. Bei smiling doors war das für mich ganz besonders wichtig. Wir haben uns nach vielen Überlegungen deshalb dazu entschieden, smiling doors durchzuführen, weil wir hofften (und diese Hoffnung hat sich erfüllt), dass junge Menschen, die so nahe am Tod waren oder bereit sind, sich mit dem Thema Krankheit und Tod auseinanderzusetzen, den anderen etwas Wichtiges zu sagen haben, dies aber in Form einer eigenen Geschichte und eigener Szenen und Musik.

Die Erarbeitung fand in intensiven Probenphasen statt. In den Schulferien und in Blöcken am Wochenende trafen sich die Beteiligten und wuchsen zu einem Team. In der geschützten Atmosphäre des Kammertheaters entstand so eine Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein Umgang mit den Profis: den Technikern, den Garderobieren, dem Schließ-und Einlasspersonal. Das Geheimnis des Theaters besteht ja genau darin, das so viele scheinbar profane, sachliche Aktionen letztlich eine kreative Idee zum blühen bringen. Diese Sachlichkeit bietet Sicherheit und Kraft, sie ist es auch, die Vertrauen schafft und die den Mitwirkenden die Achtung und die Bedeutung ihres eigenen Tuns veranschaulicht. Wie wichtig ist dies, neben der natürlich ebenso wunderbaren Erfahrung, sowohl für die kranken, wie für die gesunden Kinder und Jugendlichen einen Teil ihres Lebensweges in dieser Intensität gemeinsam gegangen zu sein.
Das Spielen auf dem Theater hat sehr viel mit Kindheit und Erinnerung zu tun. Im Grunde macht uns Theater immer wieder bewusst, wie wir uns als Kinder die Welt erobert haben: Im Spielen, im Nachstellen, im mimetischen Vollzug. Auf dieser Grundlage den Kindern deutlich zu machen, welche Bedeutung ihr Tun hat, welche Wichtigkeit ihre Erfahrungen besitzen und wie sie eine Spur für andere hinterlassen, ist sicherlich ein ganz besonderer Verdienst dieser Produktion.

Als Theaterschaffende kann ich nur meine größte Bewunderung ausdrücken für den Mut, den Willen und die Phantasie, die alle Beteiligten entwickelt haben, und ich wünsche Ihnen allen einen wunderbaren weiteren Weg auf diesem Pfad.

Neben den Veranstaltern und Ermöglichern möchte ich Ihnen die Mitwirkenden namentlich nennen, sie werden uns in Erinnerung bleiben und wir alle wünschen Ihnen viel Kraft und Zuversicht: Lucas Frey, Simon Frey, Lisanna Grau, Melina Heimann, Ann-Catrin Köder, Marianne Leineweber, Kasper Leisner, Norton Maluzeyi, Nele Offergeld, Julia Plattner, Verena Silcher, Lou Strenger, Marina Wahl und Sheelah Walter.

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