Laudatio für das Projekt "Theater im Fußballverein – Die Reise nach Kalavrita und Distomo" des Sport- und Jugendclubs Hövelriege e.V.

Laudatio für das Projekt "Theater im Fußballverein – Die Reise nach Kalavrita und Distomo" des Sport- und Jugendclubs Hövelriege e.V.

Norbert Radermacher, Präsident Bund Deutscher Amateurtheater e.V., hielt die Laudatio auf das Projekt "Theater im Fußballverein" bei der Verleihung des BKM-Preises Kulturelle Bildung am 17. September 2013 in der Stiftung Genshagen.

Sehr geehrter Herr Staatsminister,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
sehr verehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr und bin geradezu dankbar, dass ich die Laudatio zu dem Projekt "Theater im Fußballverein – die Reise nach Kalavrita und Distomo" heute hier halten darf, denn Theater und Fußball sind auch meine Leidenschaften.

Der Aufbau eines guten Teams sowohl im Fußball als auch im Theater ist ein mühsamer Prozess. Ein überzeugendes Match oder eine gute Aufführung sind das Ergebnis eines langen Weges! Damit sage ich gleichzeitig, dass sich nachhaltige Kulturelle Bildung nicht nur im ästhetischen Endprodukt ausdrückt, sondern in der Art und Weise, wie es zu diesem Ergebnis kommt.

Vergessen Sie alles, was Sie zu wissen glauben über einen Fußballverein. Der Sport- und Jugendclub Hövelriege ist mehr als ein Sportverein! Auf dem Gelände des Clubs befinden sich zwischen den Sportplätzen kreative Erlebnisräume im Wald, es gibt Ateliers für künstlerische Arbeiten, Kleinkunstabende und eine Holzwerkstatt sowie Gästehäuser auf dem Sportgelände und in Griechenland .

Im Juli 2012 reisten 40 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren sowie 15 Erwachsene des Sport- und Jugendclubs Hövelriege aus Ostwestfalen zu Gedenkstätten über die Massaker der deutschen Wehrmacht und der SS in Griechenland. Sommerfahrten mit Jugendlichen haben im Sportverein Hövelriege nicht nur eine lange Tradition, sondern sie sind Bestandteil eines umfassenden Bildungskonzepts auf der Basis eines humanistischen Gesellschaftsmodells. Zitat: "Mit dem Verhältnis oder Verhalten zum anderen Menschen fängt jede Menschlichkeit an." So definiert es der Vereinsgründer Willy Bretschneider in seinem Buch „Sein und Lernen oder Zeit und Lernen“, das sich mit den praktischen Versuchen und Lehrinhalten seines Vereins beschäftigt.

Die Griechenlandreise des Vereins vom 7. bis 28. Juli 2012 war anders als die Reisen zuvor. Auf dem Höhepunkt der Debatte in Deutschland über die Milliardenhilfe für Griechenland und den damit einhergehenden täglichen Vorhaltungen und Beleidigungen auf beiden Seiten, die sich in der griechischen Boulevardpresse bildlich in Hakenkreuzschmierereien und Karikaturen ausdrückten, versuchten die jungen Leute aus Hövelriege, den Ursachen dieser Ressentiments mit theatralen Mitteln auf die Spur zu kommen.

In der aktuellen Debatte um die finanzielle Hilfe für Griechenland werden die historischen Ereignisse vor 70 Jahren fast völlig ausgeblendet. Die jungen Sportlerinnen und Sportler – oder darf ich sagen: Schauspielerinnen und Schauspieler? – setzten sich auf dieser Reise mit dem wohl traurigsten Kapitel der deutsch-griechischen Geschichte auseinander. Von 1941 - 1944 hielten die Nazis Griechenland besetzt. Während der Okkupation sind 1.600 Ortschaften zerstört und ausgeplündert worden. 800.000 Griechen wurden getötet, Bodenschätze wurden ausgebeutet und viele antike Kunstschätze geraubt.

In der Vorbereitung der Reise zu den Gedenkstätten in Kalavrita und Distomo beschäftigten sich die Jugendlichen nicht nur mit den historischen Ereignissen während des NS-Regimes, sondern sie versuchten, auf der Basis der Schriften von Harald Welzer und Theodor Adorno Antworten auf die Fragen zu finden, „wie es dazu kommen konnte und welche Möglichkeiten heute bestehen, faschistoiden Tendenzen zu begegnen“. Geradezu programmatisch klingen in diesem Kontext die eingeführten Bezeichnungen der Arbeitsgruppen. Mit Gruppennamen wie "Verantwortung, "Toleranz, Verständigung" wird ein Konzept sichtbar, das den anderen – mir fremden – Menschen im Blick hat. Sie sind Ausdruck für ein kulturelles Bildungskonzept, das weit über rein ästhetische Ansätze hinausgeht, weil es Kulturelle Bildung im Kontext gesellschaftlicher Verantwortung begreift und erprobt.

Im Mittelpunkt der Reise standen Besuche der Gedenkstätten und Gespräche mit Zeitzeugen, aber auch Freundschaftsspiele gegen griechische Fußballmannschaften. Die intensiven Erlebnisse und Erfahrungen der Gruppe wurden noch am Abschlussabend in Griechenland in kurzen theatralen Szenen verarbeitet und im Rahmen eines Festes mit griechischen Freunden und Nachbarn vorgestellt. Dabei standen der Versöhnungsgedanke und die gemeinsame Zukunft im Mittelpunkt des Abends.

Eine weitere künstlerisch-theatrale Auseinandersetzung mit dem Thema und dem Erlebten fand im Anschluss an die Reise in Hövelriege statt. Das Theaterstück „Du sollst nicht töten“, das Martin Bretschneider gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeitet hat, die an der Reise nach Kalavrita und Distomo teilgenommen haben, feierte am 31. März 2013 im Vereinshaus des Fußballclubs Premiere.

Das Stück setzt sich einerseits mit den Ereignissen am 13. Dezember 1943 und der Ermordung griechischer Familien durch deutsche Soldaten auseinander, andererseits versucht es auch, die Lebensfragen und persönlichen Probleme der jungen Menschen heute zu thematisieren. Diese Mischung aus nachwirkender Zeitgeschichte und zeitnahen Alltagsschwierigkeiten von jungen Menschen wird in eindrucksvollen Bildern, szenischen Collagen, dokumentarischen Fakten und biographischen Ausschnitten zusammengefügt und von den Spielerinnen und Spielern eindrucksvoll umgesetzt. Das Theaterstück berührte die Zuschauer so sehr, dass sie erst lange nach der letzten Szene in der Lage waren, lautstark zu applaudieren.

Die außerordentlich gute künstlerische Leistung ist ohne die vorbereitende Reise nicht denkbar. Das Thema löste nach innen und nach außen nachhaltige Prozesse aus. Es hat die Akteure und die Zuschauer informiert, aufgeklärt und ergriffen. Und es führt junge Menschen zum Theater, für die ansonsten die enormen Potentiale von Kunst und Kultur schwer zugänglich sind. In dieser Wirkung ist das Projekt im besten Sinne umfassende Kulturelle Bildung, denn:

Kulturelle Bildung ist ästhetische Bildung!
Kulturelle Bildung ist politische Bildung!
Kulturelle Bildung ist gesellschaftliche Bildung!
Kulturelle Bildung ist soziale Bildung!
Kulturelle Bildung ist Menschenbildung!

Das alles trifft für das Projekt des SJC Hövelriege "Theater im Fußballverein – die Reise nach Kalavrita und Distomo" zu. Deshalb hat der Sport- und Jugendclub Hövelriege den BKM-Preis Kulturelle Bildung 2013 verdient. Der Bund Deutscher Amateurtheater freut sich mit Euch über "Das Wunder von Genshagen" – in Anlehnung an den Film von Sönke Wortmann "Das Wunder von Bern", in dem der Schauspieler und Spielleiter der Theatergruppe, Martin Bretschneider, mitgewirkt hat.

Unseren allerherzlichsten Glückwunsch!