Laudatio auf das Projekt "Die jungen Pächter - Internationales JugendKunst - und Kulturhaus Schlesische27"

Laudatio auf das Projekt "Die jungen Pächter - Internationales JugendKunst - und Kulturhaus Schlesische27"

Hortensia Völckers, künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, hielt die Laudatio auf das Projekt "Die jungen Pächter" bei der Verleihung des BKM-Preises Kulturelle Bildung am 17. September 2013 in der Stiftung Genshagen.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Sehr geehrter Herr Staatsminister,
Sehr geehrte Frau Hartmann-Fritsch,
meine Damen und Herren,

es ist eine große Ehre für mich, die Laudatio auf das Projekt "Die jungen Pächter" halten zu dürfen. Ich freue mich sehr, dass ich die Erfinder und Macher dieser Initiative in Genshagen begrüßen kann: Barbara Meyer, Niels Steinkrauss und Stefanie Steinkopf von der Schlesischen27.

Am Anfang dieses Sieger-Projekts stand eine Meinungsumfrage. Die Schlesische27 wollte erfahren, wie Jugendliche zu den Angeboten der Berliner Kunst- und Kultureinrichtungen stehen. Die Antworten waren ernüchternd:

"Was sollen wir in staubigen Museen?" So hieß es.
"Wieso darf ich nichts selber machen?"
"Wieso sind Lesungen und Theaterstücke so langweilig?"
"Warum sprechen mich Erwachsene in dieser Pseudo-Jugendsprache an?"

Mit einem Satz: Was geht mich das an, was in Euren Museen, Theatern und Konzerthallen läuft? An all diesen Orten, an denen Erwachsene Angebote angeblich für Kinder und Jugendliche machen – auch wenn sie vom Programmheft bis zur Hausordnung am Ende alles selbst entscheiden.

Das Projekt "Die jungen Pächter" hat eine lange Geschichte. An ihr schreiben beide Seiten mit: die Macher in der Schlesischen27 und unzählige Jugendliche in Berlin. Diese Meinungsumfrage hat die Schlesische27 bereits im Jahr 2008 durchgeführt.

Und zwar nicht mit professionellen Meinungsforschern, sondern mit 25 freiwilligen Jugendlichen, die in einem Interview-Seminar erst einmal gelernt haben, wie man die richtigen Fragen stellt – und die dann auf die Straße zogen, um ihre Altersgenossen zu befragen.

Auch danach gaben die Jugendlichen die Richtung des Projekts vor: Sie gründeten einen "Jungen Rat"; und führten im Jahr 2010 eine "Jugendkonferenz" durch, um zwischen Jugendlichen, Kulturinstitutionen und der Politik zu vermitteln.

"Was geht mich das an?" – "Das geht! mich was an!"
Das war die neue Haltung!

Es ist eben nicht egal, dass es einerseits haufenweise Angebote der Kulturellen Bildung gibt und andererseits aber keine Räume existieren, in denen Jugendliche aus eigener Kraft eigene Projekte auf die Beine stellen können.
Mit dieser Erkenntnis schlug im Sommer 2011 die Geburtsstunde der „jungen Pächter“. Es war der Beginn eines berlinweiten Großexperiments zur Entfaltung jugendlichen Eigensinns – ein Experiment, das auf Seiten der Jugendlichen Gestaltungskräfte, Durchhaltevermögen und ein starkes Verantwortungsgefühl freisetzte.

Und so funktioniert‘s:
Aus verschiedenen Stadtbezirken von Berlin kommen bei der Schlesischen27 Jugendliche zusammen, die in ihrer Nachbarschaft einen ungenutzten Raum gefunden und eine Idee mitgebracht haben, die sie gemeinsam in diesem Raum umsetzen wollen.

In Neukölln ist es der Keller einer ehemaligen Brauerei.
Im Wedding ein Ladenlokal.
In Spandau eine heruntergekommene Kneipe.
In Pankow ein altes Kutscherhaus ohne Heizung.
In Marzahn ein Skater-Parcours.

All diese Orte nehmen die jungen Pächter in Beschlag. Sie eröffnen Schreib-Werkstätten, gründen Siebdruck-Ateliers, spielen Theater, fotografieren, machen Musik, drehen Filme.

Der Grundplan, das Grundkonzept des Projekts mag bekannt erscheinen: Der urbane Leerstand eröffnet Handlungsspielräume – bespielt werden diese Räume von den Jugendlichen.

Aber die Art und Weise, wie die Schlesische27 diesen Gestaltungsprozessen einerseits Struktur gibt und andererseits Qualität verleiht – die ist einzigartig und in jeder Hinsicht preiswürdig.
Denn die Schlesische27 hat mit ihren jungen Pächtern die perfekte Balance zwischen vertrauensvoller Zurückhaltung und kluger Intervention gefunden. Ob in Kreuzberg, Spandau oder Köpenick – die Jugendlichen erhalten carte blanche für ihre Ideen.

Aber wenn das wilde Denken konkret wird, wenn aus Ideen Projekte geschmiedet werden, wenn die Fragen auftauchen, wie man Werbung macht für ein Nachbarschaftskonzert, wie Budgets entworfen, wie öffentliche Gelder abgerechnet werden, wie man Konflikte austrägt mit Nachbarn, die Lärm nicht ertragen oder mit Vermietern, die Schmutz monieren, dann sind die Projektverantwortlichen von der Schlesischen27 zur Stelle. Sie fragen behutsam nach. Und wenn es passt, entwickeln sie in Workshops oder Einzelgesprächen Angebote, damit die Jugendlichen den Herausforderungen aus eigener Kraft begegnen können.

Bei all dem geht es um gemeinsame Handlungsfähigkeit – nicht als instrumentelles Management-Wissen, sondern im Sinne einer kollektiven Erprobung von Lebenskunst.
Daneben gibt es einen Bereich der künstlerischen Qualität – auch hier versucht die Schlesische27 nichts zu vermitteln, was Erwachsene als Inhalt und Maßstab voraussetzen.

Stattdessen entsteht ein Mentoring-Programm für die jungen Pächter. Es gilt, zahlreiche Berliner Akteure zu treffen – zum Beispiel die Architekten aus dem Raumlabor oder die Utopisten aus den Prinzessinengärten – sie alle werden zu den jungen Pächtern eingeladen, um ihren Erfahrungsschatz zu teilen und Anstöße für die Entwicklung der Pächter-Projekte zu geben.

Kehren wir die Perspektive einmal um und fragen:
"Was geht uns das an?"

Wenn ich das richtig sehe, bietet unser Siegerprojekt hier einigen Sprengstoff.
Wir sind es gewohnt, über kulturelle Bildung als eine institutionelle Aufgabe nachzudenken. Als etwas, das wir mit Rahmenlehrplänen und formalisierten Lernprozessen in den Griff bekommen. Wir glauben dabei, als Erwachsene am besten zu wissen, was gelernt, wo gelernt und wie gelernt werden soll.

Wenn wir heute Abend den BKM-Preis an die „Jungen Pächter“ überreichen, zeigen wir, dass wir bereit sind, manche dieser Gewissheiten über Kulturelle Bildung auf die Probe zu stellen.
Der Raum, den die Projekte der "jungen Pächter" eröffnen, bezieht seine Energie nicht aus Bildungsfahrplänen, dem kulturellen Erbe oder der Dignität unserer Kultureinrichtungen.
Dieser Raum ist gefüllt mit der Energie aller Jugendlichen, die von Marzahn und Kreuzberg bis Spandau und Pankow ihr eigenes Ding drehen und dabei ziemlich präzise einschätzen können, was gut ist und was nicht.

Vor ein paar Wochen, an einem Sonntag im August, hatten die jungen Pächter in Köpenick zu einem Musikfestival geladen. Es war gut besucht. Wie immer beim Köpenicker Pächter-Projekt, zogen alle Gäste ihre Schuhe aus, bevor sie das Ladenlokal eroberten, um sich zu unterhalten oder den Bands aus ihrer Nachbarschaft zuzuhören.

Wer zwischendurch hinaus auf die Straße trat, konnte auf dem Bürgersteig einen Satz lesen, den einer der Jugendlichen mit Kreide auf das Pflaster geschrieben hat. und gehört genau dorthin – auf die Straße.

Erlauben Sie mir, dass ich diesen Satz hierher nach Genshagen transponiere.

"Es ist wie zitternde Luft, eine unsichtbare Kraft lässt Deine Brust vibrieren wie die Wände einer Diskothek und Du schüttelst den Staub aus deinem Denken."

Meine Damen und Herren. Nehmen wir das mit – als eine Aufgabe an uns alle, Jugendliche und Erwachsene: Es gibt einiges zu tun. Schütteln wir gemeinsam den "Staub aus unserem Denken".

Ich gratuliere der Schlesischen27 und allen Mitwirkenden Jugendlichen dafür, dass sie dieses wunderbare Projekt "Die jungen Pächter" auf den Weg gebracht haben.