Freiheit der Kunst

Kunst im Exil

Die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Wortes sind Gradmesser für eine Demokratie. In einigen Teilen der Welt wird Künstlerinnen und Künstlern diese Freiheit jedoch verwehrt - heute wie damals. Deshalb unterstützt die Bundesregierung ins Exil gezwungene Kunstschaffende in verschiedenen Stipendienprogrammen. Zudem fördert der Bund zahlreiche Exilarchive sowie Ausstellungen und Sonderprojekte zum Thema Kunst und Presse im Exil.

Während der NS-Diktatur suchten Hunderttausende Menschen aus Deutschland Schutz in anderen Ländern - unter ihnen etwa 10.000 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Künstlerinnen und Künstler sowie Intellektuelle, die vielfach ihr Wirken im erzwungenen Exil fortsetzten. Auch heute werden in vielen Ländern unbequeme Kunst- und Schriftschaffende durch Verfolgung ins Exil getrieben. Um den Stellenwert der Kunst- und Pressefreiheit für eine demokratische Gesellschaft zu unterstreichen, fördert die Kulturstaatsministerin verschiedene Initiativen und Projekte, die sich mit historischen sowie aktuellen Exilschicksalen auseinandersetzen.

Deutsches Exilarchiv

Das 'Deutsche Exilarchiv 1933-1945' der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main wurde in der frühen Nachkriegszeit von exilierten deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Publizistinnen und Publizisten mitbegründet.

Kulturstaatsministerin Grütters beim Rundgang durch das Exilarchiv.

Grütters: "Das Exilarchiv holt konservierte Vergangenheit ins kulturelle Gedächtnis zurück."

Foto: Deutsche Nationalbibliothek / Stephan Jockel

Das Archiv verfügt über eine umfangreiche Sammlung an ungedruckten Zeugnissen der deutschsprachigen Emigration aus der Zeit zwischen 1933 und 1945: Sie besteht aus mehr als 300 Vor- und Nachlässen sowie Archiven von Exilorganisationen und über 1.000 kleinere Sammlungen. Zusammen mit der 'Sammlung Exil-Literatur 1933-1945' im Leipziger Haus der Deutschen Nationalbibliothek bietet das Archiv insgesamt fast 70.000 Exilpublikationen auf. Dazu zählen beispielsweise die Archive der American Guild for German Cultural Freedom, des Emergency Rescue Committee und des Deutschen PEN-Club im Exil. Hinzu kommen neben persönlichen Nachlässen umfangreiche Briefkonvolute sowie Einzelbriefe, Manuskripte, Flugblätter und Tarnschriften.

Das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek vom 22. Juni 2006 schreibt die Arbeit des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 als Aufgabe der Nationalbibliothek fest.

Die Sammlungen geben eindrucksvoll die Schicksale von Menschen wieder, die aus Deutschland fliehen mussten und ihr Leben in der Fremde weiterführten. In regelmäßigen Veranstaltungen, Ausstellungen, Vorträgen und Publikationen macht die Deutsche Nationalbibliothek die Vergangenheit erfahrbar, holt das durch Exil und Emigration Vergessene wieder ins kulturelle Gedächtnis zurück und verbindet es mit aktuellen Themen. Die Sammlungen stehen außerdem für die Forschung zur Verfügung.

Zahlreiche Exilmonografien sowie die für das Projekt 'Exilpresse Digital' ausgewählten Periodika sind online bei der Deutschen Nationalbibliothek verfügbar. In Leipzig stellt das Exilarchiv mit der Anne-Frank-Shoah-Bibliothek eine Spezialbibliothek zu den Themengebieten Holocaust und Shoah, Antisemitismus und Rassismus zur Verfügung. Zur kulturellen Vermittlungsarbeit gehören auch zielgruppenspezifische und museumspädagogische Angebote.

Angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Situation, die mehr Menschen denn je aus ihrer Heimat fliehen lässt, zeigt das Archiv seit 2018 erstmals auch eine Dauerausstellung mit dem Titel "Exil. Erfahrung und Zeugnis". Anhand individueller Einzelschicksale rückt sie das Thema Exil als eines der aktuellen Herausforderungen unserer Zeit in den Fokus - auch online.  

Virtuelles Museum "Künste im Exil"

Die virtuelle Ausstellung "Künste im Exil" ist ein Netzwerkprojekt unter Federführung des Deutschen Exilarchivs. Die Ausstellung ist seit Herbst 2013 online und wird seitdem weiter ausgebaut, um das Wirken exilierter Künstlerinnen und Künstler sowie Intellektueller einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Mehr als 30 Forschungseinrichtungen, Archive, Ausstellungshäuser und Initiativen im In- und Ausland unterstützen die virtuelle Ausstellung mit Texten, Audio- und Bilddateien, Abbildungen und Dokumenten. Neben der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des erzwungenen Exils dient die Ausstellung auch als Informationsportal über Künstlerinnen und Künstler, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschalnd flüchteten.

Screenshot des Internetportals 'Künste im Exil'.

Das Internetportal 'Künste im Exil' stellt historische und aktuelle Fälle von Exil gegenüber.

Foto: www.kuenste-im-exil.de

Ein weiterer Teil des Projekts ist das "Junge Museum", in dem Kinder und Jugendliche in verschiedenen Projekten selbst in Exilsammlungen - vor Ort oder online - recherchiert und ihre eigene virtuelle Ausstellung gestaltet haben. Die Ergebnisse finden Eingang in diesen Teil der virtuellen Ausstellung.

Finanziert wurde der Aufbau der virtuellen Ausstellung aus dem Haushalt der Kulturstaatsministerin. Zu den Projektpartnern gehören unter anderem die Deutsche Nationalbibliothek, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Jüdische Museum Frankfurt, die Deutsche Kinemathek, das Bundesarchiv, die Akademie der Künste Berlin, die Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur sowie die Gesellschaft für Exilforschung, die Österreichische Exilbibliothek in Wien sowie das Schweizerische Literaturarchiv und die National Library of Israel.

Kurt-Wolff-Archiv des Literaturarchivs Marbach

Eines der wichtigsten Archive der deutschen Exilliteratur ist das 'Helen und Kurt Wolff-Archiv' des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Es umfasst unter anderem die Vor- und Nachlässe sowie Teilnachlässe von Hannah Arendt, Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Kurt Wolff und Stefan Zweig.

Die Marbacher Bestände zum Exil werden regelmäßig ergänzt. Dabei umfasst die Sammeltätigkeit neben der Exilgeschichte der Jahre 1933 bis 1945 inzwischen auch andere Exile wie etwa aus den sozialistischen Diktaturen in Deutschland oder Rumänien.

Benannt wurde das Marbacher Exilarchiv 2012 nach Helen und Kurt Wolff, die - selbst ins Exil gezwungen - als Verleger vielen Exilautorinnen und -autoren in den USA die Veröffentlichung ihrer Werke ermöglichten. Zahlreiche Briefe, Manuskripte, Verträge und andere Dokumente werden das Leben und Wirken des Verlegerehepaares in den Exilbeständen des DLA zugänglich gemacht.

Exilarchiv der Akademie der Künste

Mit über 300 Nachlässen und Sammlungen führt die Akademie der Künste eines der umfangreichsten Exil-Archive zu Kunst und Literatur im deutschsprachigen Raum. In Ausstellungen, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogrammen, Kooperationsprojekten sowie Publikationen geht die Akademie auf das Thema Exilkunst ein. Zurückgreifen kann sie dabei auf die Nachlässe exilierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Carl Einstein, Georg Kaiser, Heinrich Mann, Anna Seghers und Arnold Zweig.

In Ausstellungen, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogrammen, Kooperationsprojekten und Publikationen setzt die Akademie regelmäßig das Thema Exil auf die Agenda, etwa mit dem Projekt "Our Stories – Rewrite the Future". Hierin hat die AdK Jugendliche und junge Erwachsene, die nach Deutschland geflohen sind, mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren in Erzählpartnerschaften zusammengebracht. Aus den persönlichen Erfahrungsberichten über Aufbruch, Verlust, Neuanfang, Ängste und Hoffnungen entstanden 17 literarische Erzählungen. Im Februar 2019 wurden sie unter dem Titel "Baba, wie lange fahren wir noch?" veröffentlicht.

PEN-Zentrum Deutschland - "Writers in Exile"

In ihren Heimatländern werden sie systematisch verfolgt und unterdrückt, teilweise sogar ermordet: unbequeme Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Intellektuelle, die mit ihrer kritischen Haltung gegenüber Politik, Gesellschaft und Religion den Finger in die Wunde legen. Um sie - und damit die Freiheit der Kunst und Presse - zu schützen, hat die Bundesregierung 1999 gemeinsam mit dem deutschen PEN das Stipendiaten-Programm "Writers in Exile" ins Leben gerufen.

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, unterhält sich mit der aus Aserbaidschan stammenden Autorin Shahla Sultanova.

Kulturstaatsministerin Grütters und die aus Aserbaidschan stammende Autorin Shahla Sultanova.

Foto: Bundesregierung/Bilan

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen unter dem Dach des PEN International. P.E.N. steht für Poets, Essayists, Novelists. PEN setzt sich weltweit für den Schutz und die Freiheit der Kultur ein. Das PEN-Zentrum Deutschland ist seit Beginn an Träger des Projektes "Writers in Exile", das vollständig vom Bund finanziert wird - 2017 mit rund 380.000 Euro.

Es bietet bis zu sieben Exilautorinnen und –autoren sowie Exiljournalistinnen und -journalisten, die in ihren Heimatländern verfolgt und unterdrückt werden, bis zu drei Jahre lang eine sichere Bleibe und Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland. Ausgewählt werden die Stipendiatinnen und Stipendiaten vom deutschen PEN-Zentrum, der zudem die Betreuung der Exilanten übernimmt und Kontakte zu anderen Autorinnen und Autoren herstellt.

Kulturstiftung des Bundes

Die Kulturstiftung des Bundes (KSB) fördert seit Beginn ihrer Arbeit regelmäßig Projekte zu den Themen Exil in Form von Ausstellungen, Konzerten oder Lesungen. Eines davon ist das "Exil Ensemble" des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Im Fokus des zweijährigen Modellprojektes stand die Integration von Exilkünstlerinnen und -künstlern in den Arbeitsmarkt.

Ein weiteres KSB-gefördertes Projekt ist das "Archiv der Flucht". Hier lässt das Haus der Kulturen der Welt in Berlin einen digitalen Gedächtnisort entstehen, der an Flucht und Migration nach Deutschland im 20. und 21. Jahrhundert erinnert. Er dokumentiert die Erfahrungen betroffener Menschen mit Flucht und Vertreibung, Heimat und Exil, Zugehörigkeit und Neuanfang. Bei Aufzeichnungen in der Originalsprache werden die Interviews ins Deutsche übersetzt und indexiert, um dann in beiden Sprachen online verfügbar zu sein. Die Plattform ermöglicht eine gezielte Suche nach Regionen, Themen, Orten oder themenspezifischen Fragestellungen und steht damit auch als Recherchequelle für die wissenschaftliche oder journalistische Forschung zur Verfügung.

Buddenbrookhaus

Berühmt wurde es als Schauplatz von Thomas Manns 1901 erschienenen Familienroman "Buddenbrooks": Das Buddenbrookhaus in Lübeck. Herzstück des Literaturhauses mit der weißen Barockfassade sind heute die zwei Dauerausstellungen "Die 'Buddenbrooks' – ein Jahrhundertroman" und "Die Manns – Eine Schriftstellerfamilie". Letztere nimmt die Gäste mit auf eine Reise zu den wichtigsten Werk- und Lebensstationen der Familie Mann. In sechs Kapiteln werden anhand von Bild- und Filmaufnahmen sowie Lesepulten und Hörinseln, aus denen die Stimmen der Manns tönen, die Lebenswege der Familie von den Lübecker Anfängen über ihre Flucht ins Ausland bis hin zu ihren in die heutige Zeit reichenden Spuren nachgezeichnet.

Besucher in der Dauerausstellung des Buddenbrookhauses in Lübeck.

Das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum im Buddenbrookhaus in Lübeck.

Foto: Gordon Welters/laif

Aufgrund des Exilschicksals der Familie Mann unter den Nationalsozialisten wird dem Thema Exil breiten Raum gegeben. Auch in verschiedenen Sonderausstellungen wie zum Beispiel "Fremde Heimat", "Flucht und Exil der Familie Mann" und "What a Family" steht es regelmäßig im Fokus.

Wegen der nationalen und internationalen Bedeutung sieht der Bund seine besondere Verantwortung darin, das Erbe des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann zu pflegen. Daher fördert die Kulturstaatsministerin seit Jahren Ausstellungsprojekte des Buddenbrookhauses. Für die Neugestaltung seiner beiden Ausstellungen wurde das Buddenbrookhaus 2002 mit dem Museumspreis des Europarates ausgezeichnet. Im Zuge der Umgestaltung richtete das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum die Samuel-Fischer-Bibliothek ein, die als Archiv und wissenschaftliche Forschungsstelle dient.

Villa Aurora

Mit der Villa Aurora in Los Angeles unterhält der Bund seit 1995 einen wichtigen Ort des Kulturaustauschs zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika und erinnert an zur NS-Zeit ins Exil geflohene Künstlerinnen, Künstler und Intellektuelle.

Wegen der zahlreichen deutschsprachigen Exilanten wurde der Ort Pacific Palisades in Los Angeles auch "Weimar on the beach" genannt.

In der ehemaligen Villa des deutschen Exil-Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta treffen sich europäische Künstlerinnen und Künstler zu Lesungen, Filmprojekten, Konzerten sowie Ausstellungen und zum kulturellen Austausch mit ihren amerikanischen Kollegen.

Gäste bei einem Empfang im Garten der Villa Aurtora.

In der Villa Aurora bieten verschiedene Stipendienprogramme Raum für den kulturellen Austausch auf beiden Seiten des Atlantiks.

Foto: picture alliance / dpa

In Zusammenarbeit mit Reporter ohne Grenzen Deutschland und der Feuchtwanger Memorial Library an der University of Southern California (USC) vergibt die Villa Aurora jährlich das Feuchtwanger Fellowship an Schriftstellerinnen und Schriftsteller oder Journalisten und Journalistinnen, die sich für die Wahrung der Menschenrechte engagieren oder in ihrer freien Meinungsäußerung beeinträchtigt sind. Mit dem Stipendium erinnert der Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. an die Geschichte des Exils während des zweiten Weltkrieges und macht gleichzeitig auf die in vielen Teilen der Welt anhaltende Unterdrückung freier Meinungsäußerung aufmerksam.

Neben der Künstlerresidenz in Los Angeles unterhält die Villa Aurora einen zweiten Standort, das Villa-Aurora-Forum in Berlin.

Thomas Mann House

Im November 2016 hat die Bundesrepublik Deutschland das ehemalige Wohnhaus von Thomas Mann erworben. Der Literaturnobelpreisträger ließ es 1942 während seines Exils in Kalifornien errichten. Bis 1952 war es ein bedeutender Ort des künstlerischen Schaffens und des intellektuellen Austauschs unter renommierten Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen. Von hier aus führte Thomas Mann seinen Kampf gegen die ideologischen Verteidiger Hitlers und für das Modell einer demokratisch-offenen Gesellschaft in Schriften und politischen Essays, mit Vortragsreisen und Radioansprachen.

Thomas Mann mit Ehefrau Katja und den Enkelkindern im Garten der Villa in Kalifornien.

Thomas Mann mit Ehefrau Katja und den Enkelkindern im Garten der Villa in Kalifornien.

Foto: picture alliance/AP

Diesen authentischen Erinnerungsort an die vielfältigen Aspekte des Exils möchte die Bundesregierung erhalten und ihn wie einst zu einem Ort der Diskussion über gemeinsame aktuelle Herausforderungen wiederbeleben. In Verantwortung des Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. wurde im Thomas Mann House ein Residenzprogramm in Form von Fellowships ins Leben gerufen. Es bietet Intellektuellen aus allen Bereichen der deutschen Gesellschaft - insbesondere aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien - Gelegenheit zum Austausch über die großen Fragen unserer Zeit sowie zur Vernetzung mit Persönlichkeiten und Institutionen in den USA. Das Residenzprogramm wird vom Auswärtigen Amt und von der Staatsministerin für Kultur und Medien sowie der Berthold Leibinger Stiftung, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 29.3.2019.