„Virtuell im Kontakt mit dem Publikum“

Musiker im Interview „Virtuell im Kontakt mit dem Publikum“

Martin Hennecke ist Musiker im Saarländischen Staatsorchester. Mit Beginn der Corona-Pandemie änderte sich auch für seine Berufsgruppe viel: keine Konzerte mehr, kein Publikum. Im Interview zeigt Hennecke die Perspektive der Kulturschaffenden auf – darüber will er auch mit Bundeskanzlerin Merkel im digitalen Bürgerdialog sprechen.

Musiker Martin Hennecke vom Saarländischen Staatsorchester

Martin Hennecke ist Pauker und Schlagzeuger: „Die Scheinwerfer leuchten auf, das Orchester fängt an zu spielen – dieses Live-Erlebnis lässt sich nicht ersetzen.“

Foto: Martin Hennecke

Was erwarten Sie vom Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel?

Martin Hennecke: Ich freue mich über das Interesse der Bundeskanzlerin an den Themen der Kulturschaffenden, viele von uns können seit nun 13 Monaten ihren Beruf nicht oder nur sehr eingeschränkt ausüben. Ich möchte versuchen, die Perspektive der Künstlerinnen und Künstler ins Gespräch einzubringen.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihr Berufsleben ausgewirkt?

Hennecke: Mitte März 2020 mussten alle kulturellen Einrichtungen geschlossen werden. Für mich bedeutete dies: Plötzlich keine Vorstellungen und Konzerte, keine Proben mit dem Staatsorchester, alle Veranstaltungen mit „Percussion Under Construction“ abgesagt, und überhaupt war Musizieren mit anderen Musikerinnen und Musikern nicht mehr möglich. Livemusik lebt ja gerade von dieser magischen Verbindung des Zusammenspielens von Menschen. Und auch die Wechselwirkung mit dem Publikum war plötzlich weg.

Dank Hygienekonzepten konnten wir am Saarländischen Staatstheater ab August immer mal ein paar Wochen in kleineren Besetzungen proben, aber oft ohne zu wissen, wann wir das Erarbeitete einem Publikum präsentieren können. Im November kam dann der zweite Lockdown. Im April 2021 haben wir mit einem gestreamten Konzert ohne Publikum wieder in sehr begrenztem Umfang angefangen zu arbeiten.

Konnten Sie vom Maßnahmenpaket des Bundes oder Ihres Bundeslandes profitieren?

Hennecke: Das Saarländische Staatsorchester ist quasi seit einem Jahr in Kurzarbeit. Durch die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes und mit dem Aufstockungsbetrag, den die Deutsche Orchestervereinigung und der Deutsche Bühnenverein tariflich vereinbart haben, ist eine finanzielle Belastung für mich zwar spür-, aber aushaltbar. Die freischaffenden Musikerinnen und Musiker haben es nach wie vor sehr schwer. Viele freie Kulturschaffende laufen gerade Gefahr, aus der Künstlersozialkasse zu fliegen, weil sie branchenfremd dazuverdienen müssen. Dadurch verlieren sie aber den Versicherungsanspruch.

Es gibt aber auch noch andere Faktoren als nur das Geld: Wir konnten in den vergangenen zwei Wochen dank des Saarland-Modells im Saarländischen Staatstheater seit langer Zeit vor immerhin 230 echten Menschen spielen. Das hat vielen von uns sehr gutgetan.

Martin Hennecke ist seit 2009 Pauker und Schlagzeuger im Saarländischen Staatsorchester. Daneben ist er Co-Leiter des Ensembles „Percussion Under Construction“. Als direkt von der Corona-Pandemie betroffener Kulturschaffender nimmt er am digitalen Bürgerdialog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel teil.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Arbeit?

Hennecke: Kulturelle Veranstaltungen werden auch künftig eine große Bedeutung für die Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft haben.  Wir bemerken auch, wie viele Menschen unter dem Kulturentzug leiden. Für die nahe Zukunft haben wir gut durchdachte Hygienekonzepte: Wann können wir wieder vor zumindest halbvollen Häusern spielen? Wie sieht der Post-Corona-Konzertbetrieb aus? Könnte man nicht jetzt zumindest Open-Air-Konzerte möglich machen? Wie können wir in der aktuellen Situation die Teile unseres Publikums erreichen, welches nicht so internetaffin ist?

Für die mittlere Zukunft: Wird bei Haushaltsverhandlungen als erstes bei Kunst und Kultur gespart? Geht dann eine Legitimationsdebatte los, obwohl wir alles Mögliche versucht und getan haben, um im Rahmen der Gesetze und Verordnungen Kultur möglich zu machen? Stehen den Theatern und Orchestern die schwierigsten Zeiten erst noch bevor?

Wie viel Digitalisierung verträgt die Kulturbranche?

Hennecke: Ich finde Digitalität im Kulturbereich immer dann spannend, wenn sich daraus künstlerisch neue Perspektiven ergeben, oder wenn sie hilft, den Arbeitsalltag zu verbessern. Auch hat das letzte Jahr interessante digitale Formate hervorgebracht, und wir konnten durch Streaming zumindest virtuell mit einem Teil unseres Publikums in Kontakt bleiben.

Was sich aber nicht ersetzten lässt, ist dieses Live-Erlebnis, wenn 875 Menschen gemeinsam im Theater eine Opernaufführung erleben. Stellen Sie sich vor: Sie sitzen im Zuschauerraum, reden mit ihrem Nachbarn, das Licht geht aus, das Orchester stimmt, es wird still. Dann geht der Vorhang auf, die Scheinwerfer leuchten auf, die Sängerin und das Orchester fängt an zu spielen… Dieses auditive, visuelle, haptische, ja eigentlich alle Sinne ansprechende Erlebnis kann man mit nichts vergleichen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft in der virtuellen Dialogreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ am Dienstag, 27. April, Kunst- und Kulturschaffende. Dabei soll es auch um deren Erfahrungen aus der Corona-Pandemie und Erwartungen an die nächsten Monate gehen.