Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Deutsches Historisches Museum Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Mit einer Ausstellung zu Hannah Arendt öffnet das Deutsche Historische Museum nach Corona bedingter Schließung wieder seine Pforten. Im Spiegel von Leben und Werk der großen Philosophin zeigt sie zentrale Ereignisse und Debatten des 20. Jahrhunderts. Kulturstaatsministerin Grütters hat sie besucht.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Direktor des Deutschen Historischen Museums in der Hannah-Arendt-Ausstellung. Das DHM ist nach Corona bedingter Schließung wieder geöffnet.

Ausstellungsbesuche wieder möglich: Kulturstaatsministerin Grütters in der Hannah-Arendt-Ausstellung des DHM

Foto: Thomas Köhler/photothek

"Sie denkt so intensiv darüber nach, wie wir als Gesellschaft aber auch als Individuum in einer Gesellschaft im politischen Raum handeln können", begründete die Philosophin Catherine Newmark die ungebrochene Faszination für Hannah Arendt 2019 im Deutschlandradio.

Die Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ folgt der Entwicklung dieser einflussreichen Denkerin. Mit Dokumenten und Exponaten erschließt sie Arendts Leben und ihre Urteile für die heutige Zeit.

Als Jüdin erlitt Hannah Arendt Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Dass selbst Freunde und große Denker wie ihr Lehrer Martin Heidegger das menschenverachtende System mittrugen, erschütterte sie zutiefst. Arendt emigrierte zunächst nach Paris und später in die USA, wo sie für verschiedene jüdische Zeitschriften schrieb und als Professorin lehrte.

"Denken ohne Geländer"

Es waren nicht zuletzt die existenziellen Erfahrungen, die ihr Nachdenken über das Zeitgeschehen und ihre Fragestellungen als politische Theoretikerin prägten. Schonungslos und unerschrocken setzte sie sich mit den Ursprüngen totaler Herrschaft auseinander. Ihre These von der "Banalität des Bösen", mit der sie anlässlich des 1961 in Jerusalem geführten Prozesses gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann die Durchschnittlichkeit des Naziverbrechers beschrieb, sorgte für heftigen Widerspruch und eine breite Kontroverse.

Als kämpferische Intellektuelle mischte sich Hannah Arendt immer wieder in die politischen Geschehnisse und Debatten der Nachkriegszeit ein. Die Ausstellung nimmt die großen Themen im Spiegel von Arendts Urteilen in den Blick: den Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, die Erblasten der Nachkriegszeit, die Atombombe, den Eichmann-Prozess, die Rassentrennung in den USA außerdem Zionismus, Feminismus und Studentenbewegung. Hannah Arendt beschwor die Bedeutung eines eigenständigen Urteilsvermögens. Sie forderte ein "Denken ohne Geländer", um gegen Wiederholungen der Geschichte gewappnet zu sein. Ihre scharfsinnigen Einsichten und selbst ihre Irrtürmer ermutigen auch heute, neue Perspektiven einzunehmen.

Exponate und Filmdokumente entwerfen ein Zeitpanorama

Die Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" folgt entlang 16 zeithistorischer Themenpunkte Arendts kritischem Blick, lässt aber auch vielfältige andere Sichtweisen zu Wort kommen. Toncollagen und Filmaufnahmen, darunter ein bewegendes Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964, sowie Interviews etwa mit der ungarischen Philosophin Agnes Heller oder dem Politiker Daniel Cohn-Bendit, geben Einblicke in die Gedankenwelt der streitbaren Denkerin.

Blick auf persönliche Gegenstände der Philosophin Hannah Arendt in der ihr gewidmeten Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

Leben und Werk einer streitbaren Denkerin: Blick in die Hannah-Arendt-Ausstellung.

Foto: DHM/Thomas Bruns

300 Objekte - Briefe, Fotografien und persönliche Gegenstände wie beispielsweise eine Aktentasche, ein Pelzponcho oder ihre Minox-Kamera – zeigen, wie sie dachte, lebte und die Welt sah. Sie zeichnen das Portrait einer beeindruckenden Persönlichkeit und entfalten ein lebendiges Panorama einer bewegten Zeit.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters war eine der ersten, die die Ausstellung nach der Wiedereröffnung des Deutschen Historischen Museums am 11. Mai besuchten. "Mit Hannah Arendts dialektischen Fragen lädt die Ausstellung dazu ein, über aktuelle Themen wie Rassismus, Flucht und Entrechtung neu nachzudenken und Denkmuster in Frage zu stellen“, so die Kulturstaatsministerin.

Follow online, follow live - Wiedereröffnung des Museums

Die Ausstellung sollte bereits am 26. März 2020 eröffnen. Im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus musste das Museum aber am 14. März schließen. Wie auch viele andere Kultureinrichtungen hat das DHM mit viel Expertise und Engagement ein digitales Konzept entwickelt, um Besucherinnen und Besuchern auch in Zeiten notwendiger Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen Kulturerlebnisse im öffentlichen Raum zu ermöglichen.

Seit dem geplanten Eröffnungstermin ist die Ausstellung mit einer kommentierten Bildergalerie in deutscher und englischer Sprache auf der Website des DHM präsent. Als "follow online"-Angebot geben ausgewählte Hörcollagen mit Stimmen von Hannah Arendt und Zeitgenossen spannende Einblicke in immer noch aktuelle Debatten.

Bedeutung der Kultur und historischer Museen in Corona-Zeiten

Monika Grütters: "Ich bin froh und dankbar, dass Museen ihre Pforten unter Auflagen wieder für Besucherinnen und Besucher öffnen können. Wir brauchen unsere Kultureinrichtungen und insbesondere auch die historischen Museen, weil sie, ganz im Sinne Hannah Arendts, neue Perspektiven auf die Geschichte und damit Denkräume für gegenwärtige Probleme eröffnen".

Die Ausstellung zeige eine unbequeme Frau, die sich nie auf ihren Erfahrungen und Erfolgen ausruhte, sondern immer wieder aufs Neue um Positionen und Lösungen rang. Das "Wagnis der Öffentlichkeit", die kontroversen Debatten, die Hannah Arendt einforderte und vorantrieb, bildeten das Fundament der Demokratie, so Monika Grütters. Daran zu erinnern, sei auch und gerade in Zeiten der Coronakrise wichtig.