Brückepreis 2018 für Daniel Libeskind

Aus dem Erinnern eine Botschaft entwickeln

Der Internationale Brückepreis geht in diesem Jahr an den amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind. In ihrer Laudatio bei der Preisverleihung im Theater Görlitz dankte ihm Kulturstaatsministerin Grütters für seine "Unermüdlichkeit als grandioser Brückenbauer".

Architekt Daniel Libeskind (Mitte) bei der Verleihung des Internationalen Brückepreis 2018 im Theater Görlitz.

(v.l.n.r.) Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Preisträger Daniel Libeskind und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

Foto: Jacqueline Gitschmann/SMNG

Mit Daniel Libeskind hat heute erstmals ein Architekt den Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec 2018 erhalten. Libeskind habe immer wieder Themen aufgegriffen, die "die Abgründe der Weltgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert aufzeigen und den Betrachter zu der Einsicht führten, dass so etwas nie wieder passieren darf", hieß es in der Jurybegründung.

Seit 1993 würdigt die Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises mit der Auszeichnung Persönlichkeiten, die im besonderem Maße der Idee eines friedlichen, freiheitlichen und ganzheitlichen Europas verbunden sind und sich mit ihrem Lebenswerk um die Völkerverständigung in Europa verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und der Boxer Vitali Klitschko. Der Preis wird jährlich verliehen und ist mit 2.500 Euro dotiert.

Brücken jenseits von Stein und Stahl

Libeskind war extra aus New York eingeflogen, um den Preis persönlich im Görlitzer Theater entgegen zu nehmen. Kulturstaatsministerin Grütters würdigte den 71-Jährigen Professor in ihrer Laudatio als Architekt, der sich vortrefflich auf das "Bauen von Brücken im übertragenen Sinne" verstehe. Vor allem mit dem Jüdischen Museum in Berlin sei es ihm gelungen, "eine Brücke über den furchtbaren Abgrund der Menschheitsgeschichte zu bauen, den die Shoah gerissen hat. Wir erhalten einen erschütternden Einblick in die Dimension und die Folgen der grausamen Verbrechen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft von Deutschland ausgingen", erklärte Grütters.

Der Museumsentwurf sei zudem eine Brücke in das vielfältige jüdische Leben in Deutschland vor der Katastrophe, fuhr die Staatsministerin fort. "Sie schufen aber auch schmale Fenster - mal senkrecht, mal waagerecht, mal schräg -, die Ausblicke auf die Welt ringsherum ermöglichen, deren Zukunft wir selbst bestimmen. Dies ist wahre Brückenbaukunst, mit der Sie auch persönlich in Ihrem Leben eine Brücke nach Berlin und in ein neues Kapitel Ihrer beeindruckenden Karriere schlugen."

"Auf Dich kommt es an"

Neben dem Jüdischen Museum, das als Durchbruch in seiner Karriere gilt, zeichnet Libeskind auch für das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück und das Militärhistorische Museum in Dresden verantwortlich. Hier zeige sich ebenfalls sein "feines Gespür dafür, wie sich die Abgründe der Menschheitsgeschichte durch Architektur vermitteln lassen", betonte Grütters. "Der Keil mitten durch das klassizistische Gebäude wirkt geradezu brutal und lässt sich als Symbol für die Brutalität lesen, mit der Krieg und Gewalt ins Leben der Menschen einschlagen. Ihr unbändiger Wille, aus dem Erinnern eine Botschaft zu entwickeln - die Botschaft, Trennendes zu überwinden, ohne geschehenes Unrecht zu überdecken - dies macht Ihre große Kunst aus, für die Sie weltweit enorm viel Anerkennung genießen."

In all seinen Entwürfen finden sich Hinweise auf Schlüsselwörter oder -ereignisse, die Libeskind mit dem geplanten Bauwerk verbinden, so die Staatsministerin. "Zugleich lassen Sie grundlegende Überlegungen zu nachhaltiger Lebensgestaltung, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Bürgerbeteiligung einfließen. Sie wurden daher schon als 'Alchemist unter den Architekten' oder 'Philosoph der Baukunst' bezeichnet. Ich nehme Sie aber auch als politischen Architekten wahr: Sie vermitteln den Betrachtern und Nutzern Ihrer Gebäude eine Botschaft, die da lautet: Auf Dich kommt es an, wann immer Menschlichkeit gefährdet ist."

Demokratie als ständiges Experiment

Vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalistischen Bewegungen in Europa verwies Grütters auf ein Zitat des Preisträgers, in dem es heißt: "Die Demokratie selbst stellt eines der größten Risiken dar - als ständiges Experiment, bei dem viel von der Mitwirkung des Einzelnen abhängt."

Eben weil es falsch sei anzunehmen, dass "das Beharren auf den eigenen Standpunkt erfolgreicher ist als das zähe Ringen nach gemeinsamen Lösungen" dankte Grütters all denjenigen, "die gegen Pegida auf die Straße gegangen sind; die sich Zeit nehmen, um Hasskommentaren im Internet etwas entgegenzusetzen, vor allem Fakten und Argumente sowie denjenigen, die in engagierten Projekten, Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Positionen dazu bringen, miteinander zu reden."

Europastadt Görlitz-Zgorzelec

Wie es gelingen kann, dass Verbindende über das Trennende zu stellen, zeige auch Görlitz selbst, erklärte Grütters mit Blick auf die Europastadt. Nach dem Ende des Kommunismus, "der selbst zwischen so genannten Bruderländern schwer überwindbare Grenzen hervorbrachte", hätten sich Görlitz auf deutscher Seite und Zgorzelec auf der polnischen wieder einander angenähert.

1998 hatten die Bürgermeister beider Städte eine Proklamation der Zusammengehörigkeit unterzeichnet. Darin heißt es: "Mit ihrer gelebten Partnerschaft wollen beide Städte ein Zeichen für die zunehmende Bedeutung eines vereinigten Europas der Regionen setzen." Dies war 1998, also vor Polens EU-Beitritt und damit ein "Versprechen der gemeinsamen europäischen Zukunft", erklärte die Kulturstaatsministerin weiter.

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