Neue Ausstellung der Topographie des Terrors

Antijüdischer Terror vor aller Augen

80 Jahre nach den Novemberpogromen zeigt das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in seiner neuen Ausstellung "Kristallnacht - antijüdischer Terror 1938. Ereignisse und Erinnerung" wie sich der systematische Terror der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen in Deutschland Bahn brach. Die Ausstellung "schärft das Bewusstsein für die Rolle der schweigenden Mehrheit", erklärte Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung in Berlin.

Kulturstaatsministerin Grütters bei ihrem Rundgang durch die Ausstellung.

Kulturstaatsministerin Grütters bei der Eröffnung der Ausstellung "Kristallnacht. Antijüdischer Terror 1938" im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin.

Foto: Jürgen Sendel/Stiftung Topographie des Terrors.

400 Menschen: ermordet oder in den Suizid getrieben! Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume: zerstört! Ebenso Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe. Das Ausmaß der Gewalt gegen jüdische Menschen in Deutschland während der Nazi-Diktatur nahm mit der staatlich organisierten Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 völlig neue Dimensionen an.

Den Weg von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 hin zu ihrer systematischen Verfolgung, der in den Holocaust führte, zeichnet die Ausstellung "Kristallnacht - Antijüdischer Terror 1938" des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors in Berlin nach. Bis zum 3. März 2019 gibt die Schau anhand von sechs bislang wenig bekannten Fotoserien Aufschluss über die gezielte Vernichtung jüdischen Lebens - und verdeutlicht eindringlich, dass diese Gewalt "vor aller Augen" stattfand, wie es im Begleitmaterial zur Ausstellung heißt.

Antisemitismus gepaart mit Gleichgültigkeit

Die Sonderausstellung wurde gemeinsam von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors entwickelt. Finanziert wurde sie unter anderem mit Unterstützung von Kulturstaatsministerin Grütters, die rund 80.000 Euro aus ihrem Etat zur Verfügung stellte.

In ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung unterstrich Grütters die besondere Bedeutung der Erinnerung an den 9. November, gerade "in der heutigen Zeit, in der rechtsgesinnte Politiker rassistische Äußerungen als salonfähige Ausdrücke etablieren wollen." Die Folgen von Antisemitismus gepaart mit Gleichgültigkeit werde den Besucherinnen und Besucher durch diese Ausstellung aufgezeigt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hält die Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Kristallnacht. Antijüdischer Terror 1938".

Grütters: "Das stille Einverständnis all derer, die gleichgültig blieben, feige wegsahen oder gar wohlwollend zusahen und sich beteiligten, verschob die Grenzen des Sagbaren und des Machbaren - mit allen schrecklichen Konsequenzen."

Foto: Jürgen Sendel/Stiftung Topographie des Terrors.

Gedenkstätten ermöglichen einprägsame Lernerfahrungen

Deutschland dürfe nie wieder ein Land sein, "in dem Hass und Hetze gegen Minderheiten auf eine schweigende Mehrheit treffen", so Grütters. Genauso dürfe es nicht sein, "dass die Gesellschaft einen Nährboden für antisemitische und rassistische Ressentiments darstellt."

Gedenkstätten und Erinnerungsorte dienen deswegen vor allem dazu - dies betonte die Staatsministerin - junge Menschen zu erreichen, um ihnen „einprägsame und damit dauerhaft wirksame Lernerfahrungen zu ermöglichen.“ Dafür habe die Koalition das Programm "Jugend erinnert" vereinbart. Hierfür soll in der Anlaufphase im kommenden Jahr ein Budget von zwei Millionen Euro aus dem Kulturhaushalt bereitstehen, kündigte Grütters an.

Wandel in der Erinnerungspolitik

Die Ausstellung widmet sich erstmals auch dem Wandel in der Erinnerungspolitik an die Reichspogromnacht zunächst in der Bundesrepublik Deutschland sowie in der DDR, später im wiedervereinigten Deutschland und legt dar wie der Novemberterror im geteilten Deutschland nach 1945 politisch instrumentalisiert wurde.

Ein wichtiger Aspekt ist hierbei auch der Umgang mit den Begrifflichkeiten: Denn genauso wie das Wort "Reichskristallnacht" die Ereignisse verharmlost, wird ihnen auch die Bezeichnung "Pogrome" nicht gerecht, weil es eigentlich spontane Gewaltausbrüche meint und somit für den staatlich organisierten antijüdischen Terror zu kurz greift. Daher sprechen die Ausstellungsmacher auch vom Novemberterror.

Über die Ausstellung hinaus können sich Besucherinnen und Besucher in einem Begleitprogramm bis Februar 2019 mit verschiedenen Vorträgen eingehend über die Massendeportationen im Zuge des Novemberterrors oder die Reaktion der Kirche informieren.

Die Topographie des Terrors ist einer der wichtigsten Erinnerungsorte an die NS-Diktatur in Berlin. Auf dem Gelände befanden sich von 1933 bis 1945 die wichtigsten Zentralen des nationalsozialistischen Terrors: das Geheime Staatspolizeiamt mit eigenem "Hausgefängnis", die Reichsführung-SS, der Sicherheitsdienst (SD) der SS und während des Zweiten Weltkriegs auch das Reichssicherheitshauptamt. Finanziert wird die Stiftung Topographie des Terrors durch das Land Berlin und den Bund, der 2018 rund zwei Millionen Euro zur Verfügung stellt.

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