Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim Bundeskongress UTOPIA.JETZT des Bundesverbands Freie darstellende Künste

Im Wortlaut Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim Bundeskongress UTOPIA.JETZT des Bundesverbands Freie darstellende Künste

In ihrer Rede würdigte die Staatsministerin das Engagement des Bundesverbands Freie darstellende Künste in den vergangenen 30 Jahren "als starke Stimme der freien darstellenden Künste auf der politischen Bühne und als beherzter Streiter für bessere Rahmenbedingungen".


Donnerstag, 16. Januar 2020 in Berlin

UTOPIA.JETZT also: Unter diesem Motto will es der Bundesverband Freie darstellende Künste (BFDK) zum 30. Jubiläum offensichtlich krachen lassen. Jedenfalls tritt man dem Verband gewiss nicht zu nahe, wenn man ihm mit Blick auf dieses Motto ein lustvolles Verhältnis zur Kontroverse unterstellt. Denn eins ist klar: Wer „Utopia jetzt!“ fordert, verlässt die Weltferne des Fiktionalen und betritt die politische Bühne und damit den harten Boden der Realität. Hier stößt Utopie auf Sachzwang. Hier trifft Weltverbesserungsanspruch auf Wirklichkeit. Hier konkurrieren unterschiedliche Visionen, Ideale, Weltanschauungen und ja: auch Interessen.

All das ist der Harmonie nicht gerade zuträglich – inspiriert aber zweifellos zu Diskussionen über Möglichkeiten, die Welt zu verändern, und zum Nachdenken über das Verhältnis der Kunst zur Politik, des gesellschaftlich Wünschenswerten zum politisch Machbaren, der Utopie zur Demokratie.

Mit seinem vielversprechenden Tagungsprogramm schafft der BFDK darüber hinaus einmal mehr Aufmerksamkeit für die politische und gesellschaftliche Wirkmacht der freien darstellenden Künste und für die dafür notwendigen Voraussetzungen. Auch das ist Engagement für eine bessere Welt - nämlich für eine lebendige Demokratie! Nicht zuletzt deshalb habe ich die freundliche Einladung gerne angenommen, zu diesem „Utopischen Eröffnungsakt“ mein kulturpolitisches UTOPIA unter besonderer Berücksichtigung der freien darstellenden Künste beizusteuern.

Um deren Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft zu unterstreichen, könnte man, beginnend mit Aristoteles und Bertolt Brecht ein ganzes ABC einschlägiger Kronzeugen Revue passieren lassen, die das Theater als Ort der Läuterung, als Schule der Empathie, als Instrument der Aufklärung, als Seismograph für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen beschrieben haben. Ich will nur einen dieser prominenten Kronzeugen ins Rampenlicht holen: einen, der miterlebt hat, wie eine Utopie - die hehren Ideale nämlich, die die Französische Revolution entfacht hatten - in Willkür und Tyrannei zu Grabe getragen wurden und der daraus seine Lehren gezogen hat: für sich persönlich und für die ästhetische Erziehung des Menschen durch das Theater. Friedrich Schiller - zunächst ein radikaler Stürmer und Dränger und ästhetischen Provokateur, dessen Drama Die Räuber als Revolte gegen das feudale System eine ganze Generation mit dem Virus der Freiheitssehnsucht infizierte – Friedrich Schiller entwickelte sich vom Rebell zum staatsbürgerlich denkenden, lebensklugen Visionär, dessen Idealismus nicht dem „Großen“, sondern dem „Menschlichen“ galt, um den berühmten Satz Max Piccolominis aus der Wallenstein-Trilogie aufzugreifen: „Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe!“

Das Große - Friedrich Schiller hat es als Bürger erlebt - trägt häufig den Keim des Totalitären in sich. Anders ausgedrückt: Utopie ohne Demokratie birgt die Gefahr, das Menschliche – insbesondere die Freiheit Andersdenkender - im Namen einer höheren Idee zu missachten. Demokratie ohne Utopien wiederum – ohne Idealismus und Fantasie, ohne Perspektiven auf eine menschlichere Gesellschaft – droht an Selbstzufriedenheit und Resignation, an Bequemlichkeit und Lethargie zu ersticken. „Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar“. So hat es Jean Paul vor 200 Jahren (1817) in seinen „Politischen Fastenpredigten“ formuliert. Utopien lenken den Blick auf das Mögliche; sie stören die Routinen des Wirklichen. Sie erschweren es, sich in einer Welt einzurichten, in der nicht alle Menschen menschenwürdig behandelt werden. Gerade Deutschland, das sich Menschlichkeit und moralische Integrität nach 1945 mühsam wieder erarbeiten musste, sollte seine „Widersprechkünstler“ deshalb schätzen und hat die Freiheit der Kunst ja auch aus gutem Grund in einen noblen Verfassungsrang (Artikel 5 des Grundgesetzes) erhoben.

Das Menschliche geschehe: Dazu braucht es ein demokratisches Korrektiv. Dieses Potential entfaltet die Kunst allein in Freiheit: wenn sie weder dienen noch gefallen muss - wenn sie sich weder der Logik des Marktes beugen, noch in den Dienst eines politischen Anliegens, einer Weltanschauung oder Ideologie stellen muss. Wo Künstlerinnen und Künstler irritieren, provozieren und den Widerspruch kultivieren dürfen, beleben Utopien die Demokratie. Deshalb bin ich dankbar, dass Kulturschaffende, darunter auch viele aus dem Theaterbereich, sich im Verein DIE VIELEN zusammengeschlossen haben, um die Kunstfreiheit – wo immer notwendig– zu verteidigen. Doch die Freiheit der Kunst, kritisch und unbequem sein zu dürfen, erfordert auch die Bereitschaft einer Gesellschaft, die damit bisweilen verbundenen Zumutungen auszuhalten. Diese Bereitschaft schwindet im Moment leider – und zwar nicht nur in Ländern, in denen missliebige Künstlerinnen und Künstler verfolgt, unterdrückt oder hinter Gitter gebracht werden. Auch hierzulande werden Künstlerinnen und Künstler in Verlautbarungen einschlägiger Parteien aufgefordert, „einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern“ oder „zur Identifikation mit unserem Land an(zu)regen“. Auch hierzulande gab es vor nicht allzu langer Zeit parteipolitisch motivierte Forderungen, die Mittel dreier Berliner Theater erheblich zu kürzen.  

Kritisch mit Blick auf die Freiheit der Kunst sehe ich aber auch Forderungen, Kunstwerke zugunsten vermeintlicher politischer Korrektheit von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Natürlich kann und soll - ja muss! - über Kunst auch gestritten werden. Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die den Absolutheitsanspruch einer Ideologie oder Weltanschauung respektierte, die gar einer bestimmten Moral oder Politik diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben.

Respekt und Rückhalt braucht und verdient aber nicht nur die Kunstfreiheit, sondern auch die Demokratie. Bei aller Begeisterung für Utopien: Wo politische Kompromisse als Niederlagen, wo das Bemühen um Verständigung als „Fehlen von Visionen“ schlechtgeredet wird (ein Vorwurf, der uns Politikern auf Schritt und Tritt begegnet), nimmt die Demokratie Schaden. Künstlerinnen und Künstler, die ihre vielfach berechtigte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen mit antidemokratischen Ressentiments unterlegen, spielen unbeabsichtigt möglicherweise gar populistischen Demokratieverächtern in die Hände.

Anders als die Kunst muss Politik, um das Mögliche anzustreben, vom Wirklichen ausgehen. Zusammenhalt in Vielfalt erfordert es, im Pluralismus der Werte und Weltanschauungen, der Lebens- und Gesellschaftsentwürfe, der Visionen und Utopien nach einem „übergreifenden Konsens“ zu suchen –  um den einschlägigen Begriff des großen Philosophen des politischen Liberalismus, John Rawls, zu gebrauchen. Die vermeintliche Schwäche demokratischer Politik - ihre Distanz zu Utopien – macht deshalb bei Licht betrachtet ihre Stärke aus: weil sie so Kompromisse ermöglicht, weil sie uns damit vor Willkür im Namen großer Ideen schützt, weil sie damit unser aller Freiheit sichert. Deshalb sollten wir einerseits die Freiheit und den Enthusiasmus der Kunst, andererseits aber auch - um unser aller Freiheit willen! – die Nüchternheit und Utopieferne demokratischer Politik verteidigen. Eine humane Gesellschaft lebt von Utopie und Demokratie: vom Utopischen, weil darin das Mögliche sichtbar wird; von der Demokratie, weil Kompromissbereitschaft und Verständigung Freiheit und Frieden in Vielfalt garantieren.

In diesem Sinne hat der BFDK sich in den vergangenen 30 Jahren engagiert: als starke Stimme der freien darstellenden Künste auf der politischen Bühne und als beherzter Streiter für bessere Rahmenbedingungen. Davon haben nicht nur Künstlerinnen und Künstler profitiert; es ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft insgesamt. Denn gerade die freien darstellenden Künste haben durch die flexible und unabhängige Arbeitsweise besondere Wirkmacht: Sie erreichen Menschen, die nicht in die etablierten Theater kommen - sei es, weil die Wege zu weit, sei es, weil Hemmschwellen welcher Art auch immer zu groß sind. Deshalb freue ich mich, das sechs der insgesamt elf Preise, die im vergangenen Jahr beim Theaterpreis des Bundes verliehen wurden, an Freie Theater und Produktionshäuser gingen, und dass in meinem Etat künftig erhebliche Mittel (nämlich knapp 16 Millionen Euro verteilt über 5 Jahre) zur Verfügung stehen, die mittelbar den freien darstellenden Künsten zu Gute kommen. Sie dienen dem Aufbau einer tragfähigen bundesweiten Infrastruktur, bestehend aus überregionalen Netzwerken, Bündnissen und Zusammenschlüssen, an denen alle partizipieren können: kleine und mittlere Produktionshäuser ebenso wie kleinere Festivals und natürlich freie Theater und Theatergruppen selbst. Nicht zuletzt dank erheblicher finanzieller Unterstützung des Bundes – unter anderem wird der Fonds Darstellende Künste seit 2016 mit Mitteln aus meinem Etat gefördert – haben sich die freien darstellenden Künste mehr Sichtbarkeit und Gehör verschaffen können. Dazu einen kleinen Beitrag leisten zu können, macht mich stolz. Denn Sie alle, die Sie hier sitzen, stehen für Experimentierfreude und schöpferische Kraft, für Fantasie und Utopien – und damit auch für eine vitale Demokratie.

Bleibt die Frage nach meinem (kulturpolitischen) UTOPIA, auf die der BFDK sich zum 30. Geburtstag eine Antwort gewünscht hat. Lassen Sie es mich mit einem kleinen Exkurs auf das Vermächtnis eines großen Visionärs erklären, dessen 250. Geburtstag wir 2020 gleich mit einem ganzen Jubiläumsjahr feiern (eine Ehre, die dem BFDK noch nicht vergönnt ist …). Als sich 2017 in Hamburg die Staats- und Regierungschefs des G20-Gipfels nach getaner Arbeit in der Elbphilharmonie zum Kunstgenuss versammelten, stand unter anderem Beethovens Neunte auf dem Programm – was den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux, aus nachvollziehbaren Gründen empörte. Ein „obszöner, ja pornografischer Missbrauch von Kunst“ sei das – angesichts „zahlreicher Staatschefs, die politisch offensiv das Gegenteil der auf der Bühne erklingenden ,Europa-Hymne‘ vertreten.“

Ja, der Gegensatz zwischen „Alle Menschen werden Brüder“ und „America First“ ist nicht zu leugnen. Doch sollte Beethoven mit seinem utopischen Humanisierungsanspruch musikalisch nicht gerade auch jenen im wahrsten Sinne des Wortes in den Ohren liegen, die sich im Politischen als taub für Argumente und Appelle erweisen? Ja, ist nicht eben dies das politische Potential der Kunst: Scheinbar lebensferne, weltfremde Utopien und Ideale ins Hier und Heute zu bringen, ihnen Gehör und Resonanz zu verschaffen – ganz nach dem Motto: UTOPIA.JETZT? Sind es nicht die von der Kunst angestoßenen, kleinen Revolutionen im Denken, im Wahrnehmen, im Empfinden, im Bewusstsein, die jeder großen gesellschaftlichen Veränderung vorausgehen?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Utopie und Demokratie wo immer möglich aufeinandertreffen, in der Kunst die Selbstreflexion und die Streitkultur befeuert und damit der Erstarrung in verhärteten Fronten entgegenwirkt.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren: Lassen Sie es krachen – nicht nur, aber ganz besonders heute zum Jubiläum des Bundesverbands Freie darstellende Künste! Herzlichen Glückwunsch zum 30jährigen Bestehen!

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