Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Ein Denkmal aus Papier: Die Geschichte der Arolsen Archives

Anlässlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung der Arolsen Archives - International Center on Nazi Persecution in Bad Arolsen, sagte Kulturstaatsminsterin Grütters: "Die Aufarbeitung des Holocaust ist Teil unseres Selbstverständnisses. Sie ist nicht verhandelbar. Das müssen wir allen vermitteln, die in Deutschland heimisch sind und die in Deutschland heimisch werden wollen." Deshalb erfülle der ITS seit 70 Jahren eine wahrhaft staatstragende Aufgabe, indem er Menschen, die von den Nationalsozialisten in den Tod getrieben, beraubt, enteignet und verfolgt wurden, vor dem Vergessenwerden bewahre.

Dienstag, 18. Juni 2019 in Bad Arolsen

Es muss ein bewegender Moment gewesen, als Etienne Scharf im Jahr 2017 erfuhr, wer sein Großvater ist. Seit den 1970er Jahren hatte Etiennes Vater Emmanuel Scharf vergeblich versucht, seinen Vater zu finden - von dem er nicht viel mehr wusste, als dass er ein polnischer Holocaust-Überlebender war. Emmanuel Scharf starb 1995, ohne seinen Vater je kennen gelernt zu haben. Anders Etienne Scharf, der Enkel: Dank einer glücklichen Fügung wurde der Fall im Jahr 2017 durch die Arolsen Archives endlich gelöst. Emmanuel Scharfs Sohn Etienne reiste in die USA; um dort seinen Großvater zu besuchen.

Es sind solche Geschichten, meine Damen und Herren, die von der Bedeutung der Arolsen Archives erzählen, die bis heute einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen leisten.

Ja, in unzähligen Familiengeschichten kam es zu solch bewegenden Momenten des Wiederfindens, des Wiederzusammenfindens gar - dank der Arbeit des International Tracing Service.

So hat der ITS in seiner Geschichte nicht nur zahlreiche „Denkmale aus Papier“ gesetzt, wie der Titel der neuen Dauerausstellung heißt, sondern zahlreichen Geschichten eine lang ersehnte Wendung gegeben - sei es durch Informationen, die Familien zusammenführten, sei es durch Übergabe persönlicher Gegenstände an die Angehörigen.

Eindringlich veranschaulicht diese großen Verdienste die neue Dauerausstellung: Sie dokumentiert sowohl das Ausmaß und die Systematik der NS-Verbrechen und ermöglicht zugleich einen Blick auf die Einzelschicksale hinter den abstrakten Opferzahlen. Mit den ausgestellten Dokumenten bewahrt sie ein Stück Identität der Menschen, denen die Nationalsozialisten alles genommen haben: das Eigentum, die Namen, die Würde und zuletzt oft auch das Leben.

Akribisch haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ITS diese Dokumente in den vergangenen Jahrzehnten ausfindig gemacht, gesammelt, sortiert und bearbeitet. Und noch viel mehr als das: In den Nachkriegsjahren ermittelten sie selbständig. Um etwa Opfer der Todesmärsche zu identifizieren, befragten sie ehemalige Häftlinge, rekonstruierten Todesorte und führten Exhumierungen durch. Es ist kaum vorstellbar, mit welch entsetzlichem Leid und erschütternden Verbrechen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei konfrontiert wurden - und sie werden es bei der Bearbeitung der Anfragen auch heute noch.

Unvorstellbare 17,5 Millionen Menschen sind es, zu denen es heute Hinweise im Archiv des ITS gibt. Teile dessen, insbesondere die Originaldokumente, gehören zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Darunter sind KZ-Unterlagen, Transportlisten oder Zwangsarbeiterlisten, zu denen mit einer Zentralen Namenkartei ein Schlüssel für die Suche erstellt wurde.

Die Ausstellung dokumentiert dies, zeigt aber auch, wie sich die Aufgaben des ITS im Laufe der Zeit gewandelt haben: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Suche nach Vermissten eine Aufgabe von herausragender humanitärer Bedeutung. Heute stammt die Mehrzahl der Anfragen - insgesamt etwa 16.000 pro Jahr - von den Nachkommen ehemaliger NS-Verfolgter, die mehr über das Schicksal ihrer Verwandten erfahren wollen. Dass seit 2007 die Archive für jedermann zugänglich sind, ist ein wesentlicher Beitrag zur demokratischen Erinnerungskultur und zur Aufarbeitung der NS-Zeit.

Dafür danke ich Ihnen, liebe Frau Azoulay, und Ihrem kompetenten Team! Mit hohem persönlichen Einsatz, mit Pragmatismus, Hartnäckigkeit, diplomatischem Geschick und beeindruckender Expertise haben Sie sich seit Ihrem Amtsantritt unermüdlich für den Erfolg des ITS engagiert. Und auch Ihrer Vorgängerin - Ihnen, liebe Frau Professor Boehling -, danke ich sehr für Ihr großes Engagement.

Mein herzlicher Dank gilt auch Ihnen, verehrter Lord Pickles, stellvertretend für den gesamten Internationalen Ausschuss, der als wohlwollender und kritischer Begleiter die Arbeit des ITS entscheidend mitprägt und mit seiner internationalen Expertise nicht zuletzt auch die erfolgreiche Neuausrichtung der Einrichtung maßgeblich vorangebracht hat.

Meine Damen und Herren, auch die deutsche Bundesregierung steht an der Seite des ITS, und sie steht zu ihren Verpflichtungen aus dem internationalen Vertrag zum Status des ITS. Das schließt ausdrücklich das Bekenntnis zum Standort in Bad Arolsen ein. Nicht nur, weil das der Vertrag so vorsieht und Bad Arolsen in mehr als 70 Jahren zu einem Synonym für Aufarbeitung geworden ist, sondern auch, weil wir uns dafür einsetzen, dass bedeutende Institutionen wie der ITS eben nicht nur in einschlägigen Großstädten präsent sind. Ich bin mir sicher, dass nicht zuletzt die beeindruckende neue Dauerausstellung wie auch der Archivbau, dessen Planung trotz einiger Verzögerungen voranschreitet, zur Attraktivität des Standortes beitragen werden. Und ich verspreche Ihnen, dass wir den ITS weiterhin bestmöglich unterstützen, etwa bei der internationalen Vernetzung oder bei Ausstellungsvorhaben andernorts.

Denn auch wenn es zweifellos ein großer Fortschritt ist, dass die Archive über das Internet heute weltweit zugänglich sind: Wir müssen uns weiterhin auch dafür einsetzen, dass noch mehr Menschen von der großartigen Arbeit, die der ITS darüber hinaus leistet, erfahren. Dafür sorgt nicht nur die neue Dauerausstellung, sondern beispielsweise auch die Wanderausstellung und Kampagne „Stolen Memory“: Sie hat ermöglicht, dass bislang schon über 300 persönliche Gegenstände wie Eheringe, Ausweispapiere, Uhren und Fotos, die den Häftlingen in Konzentrationslagern abgenommen wurden, sogenannte „Effekten“, an Angehörige der Opfer zurückgegeben werden konnten. Es hat mich bei meinem letzten Besuch des ITS sehr bewegt zu hören, dass sich tatsächlich noch Enkel oder andere Angehörige gemeldet haben, die dank des Einsatzes der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ITS und zahlreicher Freiwilliger ausfindig gemacht werden konnten oder die die Habseligkeiten dank der Fotos im Internet erkannt haben und sie hier in Bad Arolsen in Empfang nehmen konnten.

Das Projekt „Stolen Memory“ zeigt: Hinter jedem Dokument, hinter jedem Objekt stehen menschliche Schicksale. Dokumente und Objekte sind nicht „stumm“, sie erzählen uns Geschichten. Sie sind Zeugen vergangenen menschlichen Lebens - und zugleich Zeugnisse einer unmenschlichen Diktatur und barbarischer Verbrechen in deutschem Namen. Sie sind Teil unserer gemeinsamen Erinnerungskultur und ein Appell gegen das Vergessen.

Mit uns hier sind heute auch Nachfahren von Opfern – Sie alle begrüße ich sehr herzlich und danke Ihnen von ganzem Herzen. Sie tragen dazu bei, über das Erinnern an den Zivilisationsbruch des Holocaust hinaus auch die Erinnerung an den einzelnen Menschen lebendig zu halten und individuelle Gesichter und Geschichten sichtbar zu machen. Das ist wichtig, nicht zuletzt um ein Erstarken jener unmenschlichen Ideologie zu verhindern, die mit der Abwertung des Anderen Diskriminierung und Rassismus, Gewalt und Unterdrückung nährt.

Deutschland darf nie wieder ein Land sein, in dem Hass und Hetze gegen Minderheiten auf eine schweigende Mehrheit treffen – weder auf Schulhöfen noch auf öffentlichen Plätzen, weder auf Demonstrationen noch in Moscheen oder Parteien. Auch daran erinnert uns, was hier in Bad Arolsen dokumentiert und verwahrt ist. Die Aufarbeitung des Holocaust ist Teil unseres Selbstverständnisses. Sie ist nicht verhandelbar. Das müssen wir allen vermitteln, die in Deutschland heimisch sind und die in Deutschland heimisch werden wollen. So ist es eine wahrhaft staatstragende Aufgabe, die der ITS seit 70 Jahren erfüllt, indem er Menschen, die von den Nationalsozialisten beraubt, enteignet und verfolgt wurden, zu quälender Arbeit gezwungen, in Konzentrationslagern ermordet, in den Tod getrieben oder – mittellos – zur Emigration gezwungen wurden, vor dem Vergessenwerden bewahrt.

Damit setzt der ITS nicht nur ein Denkmal, sondern auch ein Mahnmal: Wir alle tragen Verantwortung dafür, die Erinnerung wach zu halten - und zu widersprechen, wenn neue politische Kräfte in unserem Land diese Verantwortung mit Füßen treten. Der neuen Dauerausstellung wünsche ich zahlreiche, auch und vor allem junge Besucherinnen und Besucher, die diese Botschaft verstehen und verinnerlichen. Ihnen allen, die Sie dafür in Bad Arolsen Ihr Bestes geben, danke ich herzlich für Ihr Engagement!

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