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Zeitzeugenberichte zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa – Ein Dokumentationsprojekt zum Erinnerungstransfer

An eigene Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg oder sogar an ihre Kindheit und Jugend in Schlesien, Hinterpommern oder Ostpreußen erinnern sich immer weniger Menschen. Nach mehr als sechzig Jahren erlischt die Erlebnisgeneration, die Zahl der Zeitzeugen nimmt ab.

Damit die Zeitzeugen auch in Zukunft „sprechen“ können, hat das Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) ein Projekt initiiert, das Sammlungen von Zeitzeugenberichten erfasst und der Forschung zugänglich macht. Das bisher gelebte Erfahrungswissen muss in neue und dauerhafte Formen der kollektiven gesellschaftlichen Erinnerung überführt werden. Dieser Erinnerungstransfer soll heute und in Zukunft verstärkt durch das Dokumentationsprojekt vorangebracht werden.

Geplant ist ein Internetportal zur Geschichte in den Berichten von Zeitzeugen, damit „erlebte Geschichte“ auf Dauer verfügbar bleibt. Die Aufbewahrungsorte vieler Erinnerungen und Zeitzeugenberichte sind noch unbekannt. Deshalb benötigt das Projekt die Unterstützung aller, die Informationen über und Hinweise auf entsprechende Sammlungen geben können. Das Projekt läuft seit dem Spätsommer 2009 und wird vom Bundesinstitut im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durchgeführt.

Zeitzeugen der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa

Im Fokus stehen die Erinnerungen von Menschen, die in Schlesien oder Ostpreußen, in Böhmen oder im Baltikum, in Siebenbürgen oder in Russland gelebt haben – Berichte von Emigranten, Flüchtlingen, Vertriebenen und Aussiedlern sowie von in ihrer Heimat Verbliebenen.

Viele Menschen haben ihre Lebensgeschichte oder einzelne Erlebnisse aus ihrem Leben aufgeschrieben. In autobiographischen Erzählungen und Berichten sind Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Arbeit und Freizeit oder Schilderungen des Alltagslebens ebenso enthalten wie an herausgehobene freudige Ereignisse oder traumatische Erfahrungen. Thematisiert werden oft auch die deutsch-jüdischen Lebenswelten vor 1933, die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft, der Holocaust, der Zweite Weltkrieg und seine Folgen sowie die Umsiedlungen während des Krieges, die Flucht und Vertreibung am Ende und nach dem Krieg, schließlich Ankunft und Integration in der neuen Heimat.

1989 und die Folgen: Neue Perspektiven auf die Geschichte

Der Wandel Europas nach 1989 hat nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nachhaltig verändert, sondern auch den Umgang mit der Geschichte. Auch deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa werden unter erweitertem Blickwinkel neu betrachtet. Fragen des kulturellen Austausches oder der Mentalitäts- und Erfahrungsgeschichte stehen im Mittelpunkt. Interesse besteht nicht nur an den geschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, vielmehr findet auch das subjektive Erleben und die individuelle Bewertung des Geschehenen in den Erinnerungen der Betroffenen verstärkte Aufmerksamkeit.

Zeitzeugen in der Forschung

Die Zeithistoriker des 20. Jahrhunderts, aber auch Ethnologen, Soziologen und andere Wissenschaftler haben die Bedeutung von Zeitzeugenberichten längst erkannt, da sie eine Geschichtsquelle von großem Wert sind und gleichzeitig einen sehr persönlichen Zugang zur Vergangenheit frei legen. Die Forscher haben dabei Wege und Verfahren entwickelt, die einen korrekten Zugang zu diesen Quellen ebenso ermöglichen wie deren wissenschaftliche Auswertung. Stichworte wie Oral history oder Biographieforschung zeigen Wege und Verfahren, diese Quellen einzuordnen und sie zum Sprechen zu bringen.

Zeitzeugenberichte liegen zum Teil als selbst verfasste schriftliche Zeugnisse vor, aber auch als Ton- oder Filmaufnahmen; einige wurden inzwischen transkribiert oder digital aufgearbeitet. Die Anlässe für ihre Aufzeichnung waren ganz unterschiedlich: Ausschlaggebend für die Bereitschaft, über das eigene Leben und Erleben zu berichten, waren der Wunsch nach Selbstvergewisserung und Weitergabe von Erfahrungen, aber auch die Fragen von Angehörigen und nicht zuletzt von Wissenschaftlern. Hinzu traten Schreibaufrufe von Heimatvereinigungen oder Landsmannschaften, nicht zuletzt die Aktivitäten von Geschichtswerkstätten und Gedenkstätteninitiativen.

Bekannte Quellenbestände und Neuentdeckungen

Sammlungen von Zeitzeugenberichten sind ebenso weit verbreitet wie verstreut und finden sich in Staats-, Regional-, Stadt- oder Rundfunkarchiven, in Landes- oder Heimatmuseen, in Forschungsinstituten oder in Einrichtungen der Vertriebenen, Flüchtlinge und Aussiedler. Die „Ost-Dokumentation“ des Bundesarchivs, die beginnend mit den 1950-erJahren entstanden ist, gilt als der bekannteste Bestand dieser Art. Die Existenz der meisten anderen Sammlungen hingegen ist  nur wenigen Betroffenen und einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt. Derartige größere oder kleinere Sammlungen gibt es in ganz Deutschland, von Flensburg bis Freiburg und von Düsseldorf bis Görlitz; sie enthalten oftmals mehrere hundert, in einigen Fällen sogar über tausend Berichte. Zu nennen wären unter vielen anderen: die Sammlungen des „Sudetendeutschen Archivs“, die heute im Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt werden; die Bestände des Johannes-Künzig-Instituts für ostdeutsche Volkskunde in Freiburg; die Stadtarchive oder städtischen Museen von Geretsried, Neugablonz, Münster oder Waldkraiburg. Dem Oldenburger Bundesinstitut sind bereits eine große Anzahl derartiger Sammlungen bekannt. Laufend werden neue „entdeckt“.

Das Oldenburger Projekt

Die in Deutschland (und darüber hinaus) verstreut vorhandenen Sammlungen von Zeitzeugenberichten zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa sollen erstmals erfasst, beschrieben und damit für die folgenden Generationen besser nutzbar gemacht werden. Die Ergebnisse sollen in einem „Wegweiser“ auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Ein Internetportal zur „Geschichte in den Berichten von Zeitzeugen“ soll mit ausgewählten Zeitzeugenberichten zu unterschiedlichen Regionen und Themen veröffentlicht werden.

Hinweise auf weitere Aufbewahrungsorte von Zeitzeugenberichten und entsprechende Sammlungen nimmt das Bundesinstitut gerne entgegen.

Kontakt:

Bundesinstitut für Kultur und Geschichte

der Deutschen im östlichen Europa

Johann-Justus-Weg 147a

26127 Oldenburg

Tel. +49 (0)441 96195-0

Weitere Informationen über das Bundesinstitut und das hier zusammenfassend beschriebene Vorhaben finden Sie unter: www.bkge.de/zeitzeugenrepertorium