Aktuelles

Im Wortlaut: Grütters

Was hätte uns Luther heute zu sagen?

Kulturstaatsministerin Grütters hat beim Empfang der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover die Bezugspunkte der Reformation zur Gegenwart hervorgehoben. "Wenn man die Entwicklung unserer bürgerliche Ideale und demokratischen Werte verstehen will, kommt man nicht an ihm vorbei", so Grütters.

Mittwoch, 21. Juni 2017 in Hannover

Was würde Martin Luther wohl dazu sagen …? Eine katholische Kulturfrau als Hauptrednerin zur Zukunft der Reformation - eingeladen von einer evangelischen Kirchenfrau mit Führungsverantwortung für 550.000 Gläubige in 222 Gemeinden mit 444 Pastoren …

Schwer zu sagen, was ihn, einen Mann des 16. Jahrhunderts, als zeit-gereisten Ehrengast des heutigen Sommerempfangs mehr überraschen, ja vielleicht sogar schockieren würde: die geballte Frauenpower am Rednerpult, der damit einmal mehr dokumentierte Schulterschluss zwischen Katholiken und Protestanten zum 500. Reformationsjubiläum, oder ganz allgemein: die Konfrontation mit den politischen und gesellschaftlichen Folgen seines Vermächtnisses, die er sich ja in seinem Ringen um Gott und in seiner Hoffnung auf die Erneuerung der Kirche nicht im Entferntesten hätte träumen lassen. Fest steht, dass ihn - wie die meisten Männer - zumindest die Aussicht auf ein kühles Bier in gute Stimmung versetzt hätte. So schrieb er 1534 in einem Brief an seine Frau: "Gestern musste ich daran denken, dass ich ein sehr gutes Bier daheim habe und dazu eine schöne Frau … ." (Man beachte die Reihenfolge!)

Seine Ehe mit der nicht nur schönen, sondern ebenso eigenwilligen wie gebildeten Katharina von Bora lässt darüber hinaus auch darauf schließen, liebe Petra, dass er einer streitbaren "Theologin aus Leidenschaft", wie Du es bist, einer Theologin mit einer ausgewiesenen Vorliebe für "spitze Sätze, scharfe Argumente und gute Wortwechsel" - und dazu noch einem Faible für Kultur - ganz bestimmt nicht nur auf Twitter gefolgt wäre. Der Glaube an Gott, der Glaube an die Wirkmacht der Worte und der Glaube an die Kraft der Kultur sind auch Überzeugungen, die uns beide verbinden - und die nicht nur zu einer guten Freundschaft, sondern auch zu interessanten Parallelen in unser beider Lebensläufen geführt haben. Beide wurden wir in gewisser Weise Mittlerinnen und Grenzgängerinnen zwischen Kultur und Kirche: Du als erste und langjährige [2006-2014] Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche, ich als Kulturpolitikerin im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. In der Überzeugung, dass der Glaube, ebenso wie die Kunst, den Keim im besten Sinne Revolutionären in sich trägt, sind wir - um es mit Luther, dem Sprachschöpfer, zu sagen - "ein Herz und eine Seele".

Dass Du die Größe hast, das Rednerpult und die Auseinandersetzung mit dem revolutionären Vermächtnis Martin Luthers bei Deinem ersten Sommer-empfang im neuen Amt der Landessuperintendentin ausgerechnet Deiner katholischen Freundin zu überlassen, empfinde ich gleichwohl ganz und gar nicht als selbstverständlich. Ich freue mich sehr über dieses wunderbare Beispiel für gelebte Ökumene. Herzlichen Dank für die Einladung, zur Auseinandersetzung mit den reformatorischen Herausforderungen unserer Zeit einige Gedanken beizusteuern – ohne Anspruch auf Vollständigkeit freilich, ohne Anspruch, dem Lutherschen Vermächtnis umfassend gerecht zu werden, denn zeitlos gültig (und erst recht bei bestem Sommerwetter unbedingt zu beherzigen!) ist zweifellos die Luther zugeschriebene Empfehlung "Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf".

Was also hätte Martin Luther uns heute zu sagen? Welche Glaubensfragen würden sein Gewissen herausfordern? Wogegen würde er wortgewaltig zu Felde ziehen? Würde er uns als gefürchteter Debattenredner, als gefeierter Autor, als gern gesehener Gast in Talkshows begegnen? Wie viele Follower hätte er mit seinen deftigen Formulierungen bei Twitter? Fest steht: Martin Luther irritiert, provoziert und fordert uns heraus - bis heute. Man kann ihn bewundern als Wegbereiter einer einheitlichen und einigenden deutschen Schriftsprache, als - wenn auch unfreiwilligen - Geburtshelfer des mündigen Bürgers und der pluralistischen Gesellschaft. Man kann ihn verachten wegen seiner Tiraden gegen Andersdenkende und Andersglaubende und wegen seiner abstoßenden antijüdischen Äußerungen. Ignorieren jedoch kann man ihn nicht. Man kann nicht bestreiten, dass seine 95 Thesen vom kleinen Wittenberg aus im wahrsten Sinne des Wortes welt-bewegende Kraft weit über Kirche und Religion hinaus entfaltet haben. Und deshalb kommt man nicht an ihm vorbei, wenn man die Entwicklung unserer bürgerlichen Ideale und demokratischen Werte verstehen will. Mit seinem streitbaren Vermächtnis widersetzt er sich der Musealisierung ebenso wie der politischen Vereinnahmung. Er nötigt uns, Licht wie auch Schatten der Reformationsgeschichte zu erkunden und dem reformatorischen Geist der Veränderung durch die Jahrhunderte nachzuspüren.

Um die Reformation als Teil eines gewaltigen gesellschaftlichen Umbruchs und Lernprozesses zu würdigen, hat auch der Bund sich bei den Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum– finanziell wie organisatorisch – in besonderem Maße engagiert. Dass es dabei nicht darum gehen kann, Luther gewissermaßen einzugemeinden ins 21. Jahrhundert und ihn zum Kronzeugen und Vorkämpfer einer freiheitlichen Verfassung und demokratischer Grundrechte zu machen, wie wir sie heute kennen, versteht sich von selbst. Ebenso wenig aber kann man die Reformation - angesichts der Erfahrungen aus 500 Jahren Reformationsgeschichte und angesichts der reformatorischen Herausforderungen unserer Zeit - als etwas Abgeschlossenes betrachten.

Relevant bleibt zum Beispiel die Frage des Umgangs mit religiöser Vielfalt, der  Martin Luther den Weg geebnet hat, auch wenn er selbst Toleranz und Religionsfreiheit - im heutigen, pluralistisch verstandenen Sinne - weder predigte noch praktizierte. Die von ihm ausgelöste protestantische Bewegung erlaubte es den Landesfürsten und den freien Reichsstädten, sich von der katholischen Zentralmacht Roms und der Habsburger Kaiser abzugrenzen und eine größere Eigenständigkeit zu entwickeln. Der Grundsatz „cuius regio, eius religio“ im Augsburger Religionsfrieden von 1555 markierte einen historischen Wendepunkt: weg von der Idee eines universalen christlichen Kaisertums, hin zu einzelnen Landesherrschaften mit jeweils unterschiedlichen Kirchen-ordnungen. Das führte unter anderem zu religiös begründeten Migrations-bewegungen. Nicht mehr allein wirtschaftliche und soziale Überlegungen waren entscheidend für die Wahl des Wohnortes, sondern auch Glaubensüberzeugungen. Der damit verbundene Gewinn an Freiheit für den einzelnen gab der Entwicklung religiöser und kultureller Vielfalt Raum – einer Vielfalt, die sich bis heute immer wieder als ebenso inspirierend und bereichernd wie manchmal auch als beängstigend und verstörend erweist.

Einerseits ist es faszinierend zu sehen, wie viele unterschiedliche Kulturen und Religionen, Traditionen und Träume, Lebensentwürfe und Weltanschauungen in Deutschland eine Heimat gefunden haben - und wie sehr unser Land davon profitiert hat, weil mit Menschen, die auf unterschiedliche Weise ihr Glück suchten und ihre Träume verwirklichen wollten, auch Ehrgeiz, Pioniergeist, Experimentierfreude und Innovationskraft Einzug hielten. Andererseits erhitzen öffentliche Debatten über Symbole und Rituale religiöser Minderheiten die Gemüter - und religiöse Konflikte wie auch religiöser Fundamentalismus verbreiten weltweit Angst und Schrecken.

Ein Gewinn ist der Blick zurück auf die Entwicklung des Zusammenlebens unterschiedlicher Konfessionen in den vergangenen 500 Jahren deshalb nicht nur für das Verständnis der Reformation und ihrer Folgen. Aufschlussreich ist die Auseinandersetzung mit der Reformationsgeschichte, weil sie uns mit Erfahrungen konfrontiert, aus denen wir Lehren für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen können. Zu diesen Lehren gehört die Einsicht, dass Religionsfreiheit und Toleranz für den sozialen Frieden in einer pluralistischen Gesellschaft unverzichtbar sind. Im kommenden Jahr, das wir als Europäisches Kulturerbe-Jahr feiern, jährt sich der Beginn des 30-jährigen Krieges zum 400. Mal und das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Es erinnert uns daran, dass es eine der wichtigsten demokratischen, ja geradezu eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften überhaupt ist, das Gemeinsame über das Trennende stellen zu können - das Menschliche über die Unterscheidung zwischen gläubig und ungläubig, zwischen deutsch und nicht-deutsch, zwischen muslimisch und christlich. Gerade jetzt, da so viele Menschen anderer kultureller Herkunft Zuflucht in Deutschland suchen, gerade mit Blick auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte, in denen zusammenwachsen soll, was bisher nicht zusammen gehört - wie Bundespräsident Gauck es am 25. Jahrestag der Deutschen Einheit so treffend formuliert hat -, gerade in diesen Zeiten muss sich demokratische Kultur in Deutschland und Europa in diesem Sinne neu bewähren.

Die christliche Religion und der christliche Glaube sollten, ja müssen dabei weiterhin ihren Platz im öffentlichen Leben haben. Denn Kirche schafft kulturelle Identität weit über den Kreis ihrer Mitgliedschaft hinaus - mit einer Prägekraft wie keine zweite Institution sie je entwickelt hat. Und nur eine Gesellschaft, die mit ihren Werten und Wurzeln ihre eigene Identität pflegt, kann auch dem Anderen, dem Fremden Raum geben, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen.

Ein weiterer Punkt ist mir wichtig: Gerade weil uns die Reformationsgeschichte vor Augen führt, wie schwer wir uns in Deutschland und Europa über Jahrhunderte mit religiöser Vielfalt getan haben, gerade weil wir uns erinnern, wie hart errungen - mit viel Krieg, Leid und Gewalt bezahlt - Demokratie, Säkularismus und Religionsfreiheit doch sind, gerade weil wir wissen, dass unsere demokratischen Werte geronnene Lernerfahrungen sind, sollten wir uns in aktuellen Diskussionen über Integration nicht auf die ebenso überhebliche wie demotivierende Behauptung zurück ziehen, Islam und Demokratie passten nicht zusammen. Wenn das Reformationsgedenken uns für die Zukunft eines lehrt, dann die Bereitschaft, auch anderen Religionen eine gewisse Beweglichkeit und Lernfähigkeit zuzugestehen - und unseren Teil dazu beizutragen, dass dieser Lernprozess diesmal nicht jahrhundertelang dauert. In Berlin beispielsweise hat die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ates zusammen mit anderen liberalen Muslimen gerade eine Moschee gegründet, in der Frauen predigen dürfen und Homosexuelle ebenso willkommen sind wie Andersgläubige und Atheisten – gedacht als religiöse Heimat für jene Frauen und Männer, die sich einen Islam wünschen, der Demokratie, Toleranz, Gewaltfreiheit und Geschlechter-gerechtigkeit bejaht. So kann reformatorischer Aufbruch im 21. Jahrhundert aussehen – und Reformatoren wie Seyran Ates, die wie einst Martin Luther den eigenen Glauben kritisch reflektieren, die wie einst Martin Luther zu ihren Zweifeln stehen, die wie einst Martin Luther unbequem sind, die wie einst Martin Luther dem religiösen Dogmatismus mutig den Kampf ansagen und Wege der Erneuerung suchen, -... sie verdienen unsere Unterstützung! Ja, ich glaube sogar, meine Damen und Herren, dass gerade dies – die Aufforderung, das Suchen und Zweifeln, das Infragestellen von Wahrheiten und Autoritäten zu kultivieren - die vielleicht wichtigste persönliche Botschaft ist, die Martin Luther, dieser sperrige, störrische, streitbare Charakter, uns mitzuteilen hat: als Zweifelnder und Suchender, als Erneuerer, aber auch als Irrender.

Martin Luther steht für Gewissensfreiheit, Urteilskraft und Zivilcourage. Als er sich auf dem Wormser Reichstag 1521 dem Diktat von Kaiser und Papst widersetztem, berief er sich auf die Heilige Schrift und sein Gewissen und setzte damit der weltlichen wie auch der geistlichen Macht Grenzen – was ihn und seine Mitstreiter und Erben allerdings vielfach nicht davor bewahrte, die eigenen Überzeugungen dogmatisch und mit bisweilen fundamentalistischem Wahrheitsfuror zu verteidigen. Martin Luther steht – ein weiteres Beispiel - für die ambivalente Kraft klarer Worte und starker Bilder. Seine Bibelübersetzung eröffnete allen Menschen Zugang zum Wort Gottes. Seine lebensnahe Sprache wurde stilbildend und förderte maßgeblich die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schrift-sprache - Kern gemeinsamer Identität, Grundlage demokratischer Verständigung und gemeinschaftsstiftend bis heute. Seine ebenso sprach-gewaltigen Hetzschriften allerdings schürten Hass und Vorurteile und trugen zur Spaltung der Gesellschaft, zu Ausgrenzung und verhärteten Fronten bei. So blieb Luther, auch wenn er seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus war, seiner Zeit verhaftet – wie übrigens auch andere Größen der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte. Doch gerade, weil er als Suchender auch auf Irrwege geraten ist, gerade weil er uns die Möglichkeit der Fehlbarkeit tiefster Überzeugungen erkennen lässt, lehrt er uns Misstrauen gegenüber jenen, die behaupten, die Wahrheit gefunden zu haben – und dazu Demut statt Hybris, Zweifel statt Gewissheit auch in der Bewertung unserer eigenen Überzeugungen. Er lehrt uns, Suchende, Fragende zu bleiben und das Ringen um Antworten auf letzte Fragen apodiktischen Wahrheitsansprüchen vorzuziehen. Er lehrt uns, nicht nur den Glauben, sondern auch den Zweifel zu kultivieren.

Den Zweifel kultivieren: Das ist auch eine Lehre aus der Geschichte des 20 Jahrhunderts. Deutschland musste sich die Demokratie in einem von der nationalsozialistischen Barbarei geistig und moralisch verwüsteten Land mühsam erarbeiten und hat die Kunstfreiheit und damit die Kultivierung des Zweifels dabei aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben. Die Kunstfreiheit - das ist die Lehre, die wir aus zwei Diktaturen gezogen haben – ist konstitutiv für eine Demokratie. Künstler und Kreative gehören zum Korrektiv einer Gesellschaft. Mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihren Provokationen beleben sie den demokratischen Diskurs und sind so imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Sie verhindern, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Die Freiheit der Kunst zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht der Kulturpolitik. Dabei lässt sich natürlich nicht leugnen, dass eben diese Freiheit es Menschen ermöglicht, andere zu verletzen und zu kränken. Als religiöser Mensch fühle ich mich beispielsweise tief getroffen, wenn - legitimiert durch die Kunstfreiheit - mein Glaube verhöhnt wird. Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschens-werten, eine Kunst, die den Anspruch religiöser Wahrheiten respektierte, die das überall lauernde Risiko verletzter Gefühle scheute, die gar einer bestimmten Moral oder Weltanschauung diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben. Deshalb müssen wir die Spannungen aushalten zwischen der Freiheit der Kunst und verletzten (religiösen) Gefühlen.

Wenn uns das gelingt, dann können beide Milieus – Kultur und Religion, Künstler und Gläubige – dazu beitragen, das Zweifeln zu kultivieren. Diese beiden Milieus jedenfalls sind es, die um Antworten auf letzte Fragen ringen und den Blick über Vordergründiges hinaus lenken und die damit gerade auch den Suchenden und Zweifelnden eine geistige und spirituelle Heimat bieten. Und gerade die Zweifler sind es wiederum, die die Kirche davor bewahren, sich allzu behaglich einzurichten unter dem Dach religiöser Wahrheiten. Die Kirche dürfe nicht nur bei sich selber bleiben, so hast Du es einmal formuliert, liebe Petra, und Dir deshalb für Dein neues Amt insbesondere den Dialog mit den Zweifelnden auf die Fahnen geschrieben. Denn - ich darf Dich zitieren: „Wer die Kirche im Dorf lassen will, ohne sie in ein Museum zu verwandeln, sollte ihre Türen weit öffnen.“ Kirche muss sich – das ist auch meine persönliche Auffassung als gläubige Christin - immer auch in der Begegnung mit der Lebenswirklichkeit bewähren und die Sorgen und Nöte derer ernst nehmen, die ihr begegnen. Dann findet sie über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus auch Gehör in gesellschaftlichen Debatten. Eine solche Kirche brauchen wir heute als starke Stimme in der demokratischen Öffentlichkeit mehr denn je.

Als gesellschaftliches Großereignis kann und soll das Reformationsjubiläum für möglichst viele Menschen gleich welchen Glaubens Anlass sein, die reformatorischen Herausforderungen unserer Zeit öffentlich zu reflektieren: beispielsweise die Verteidigung der hohen moralischen Standards, der Werte eines geeinten Europas im Angesicht des Leids so vieler Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen, oder auch die Notwendigkeit, zu einer gemeinsamen Sprache zurück zu finden, wo die Fronten zwischen gesellschaftlichen Gruppen verhärtet sind. Es macht jedenfalls Hoffnung, dass das 500. Reformations-jubiläum Verständigung und Versöhnung in den Mittelpunkt stellt und die beiden christlichen Kirchen im Sinne der Ökumene für ein Miteinander in der Vielfalt einstehen.

Wer darüber hinaus ein Stück religiöse Vielfalt im ganz alltäglichen Miteinander erleben will, dem rate ich zu geschärfter Aufmerksamkeit in der bald zu Ende gehenden Spargelsaison. Denn angeblich lässt sich ja beim Verzehr von Spargel erkennen, ob jemand katholisch oder protestantisch ist: Katholiken essen die Spargelspitzen zuerst; Protestanten heben sie sich bis zum Schluss auf…

Wie auch immer Sie Ihren Spargel essen, meine Damen und Herren: Hauptsache, gegessen wird gemeinsam an einem großen Tisch! In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass das Reformationsjubiläum zum Volksfest der Verständigung über unsere Wurzeln und Werte wird und dass wir dabei, ganz im Sinne Martin Luthers, auch etwas lernen über die revolutionäre Kraft des Glaubens und des Zweifelns und ihre Bedeutung für eine Demokratie, für unsere Demokratie.