„Sexualisierte Gewalt geschieht nicht aus Versehen“

Unabhängige Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus „Sexualisierte Gewalt geschieht nicht aus Versehen“

Die neue Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus stellte in ihrer Auftakt-Pressekonferenz ihre Themenschwerpunkte für die kommenden Jahre vor. Neben einer im Herbst beginnenden Sensibilisierungskampagne will sie Betroffene stärker einbinden und alle Akteure besser vernetzen. Zudem fordert sie mehr Forschung zur Erhellung des Dunkelfeldes.

Diese Themen möchte die neue Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus 2022 und 2023 angehen. (Weitere Beschreibung unterhalb des Bildes ausklappbar als "ausführliche Beschreibung")

Diese Themen möchte Kerstin Claus 2022 und 2023 angehen: Ausbau von Netzwerken vor Ort, Verbesserung der Datenlage und Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

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Foto: Bundesregierung mit Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs/Barbara Dietl/www.dietlb.de

„Sexualisierte Gewalt geschieht nicht spontan oder aus Versehen. Sie findet auch nicht irgendwo, sondern mitten unter uns statt. Es ist mein Ziel, dieses Bewusstsein gesamtgesellschaftlich zu stärken, damit Kinder und Jugendliche künftig effektiver vor sexualisierter Gewalt geschützt und Taten schneller aufgedeckt werden.“ Das hat die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, anlässlich ihrer Antritts- Pressekonferenz am Dienstag in Berlin betont.

Die Journalistin Kerstin Claus engagiert sich seit Jahren haupt- und ehrenamtlich gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Das Kabinett berief sie Ende März für eine Amtszeit von fünf Jahren zur Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie folgte damit auf Johannes-Wilhelm Rörig, der das Amt seit 2011 innehatte.

Aufklärungskampagne soll im Herbst starten

Sie kämpfe dafür, sichtbar zu machen, dass sexueller Kindesmissbrauch jede und jeden angehe, sagte Claus. Dafür wolle sie im Herbst eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne starten. Es gehe zunächst darum anzuerkennen, „dass sexualisierte Gewalt in unserer Umgebung stattfindet bzw. stattfinden kann“. In einem zweiten Schritt will die Kampagne deutlich machen, wie jede und jeder sexualisierte Gewalt erkennen könne und welche Handlungsoptionen man habe, erläuterte Claus.

Die Aufklärungskampagne sei auf mehrere Jahre angelegt, da sich ein Bewusstseinswandel nicht mit wenigen Plakaten erreichen ließe. Trotz früherer Zusagen fehle es aber an einer Finanzierungszusage über das Jahr 2022 hinaus, bemängelte Claus. Hier sei man derzeit in Gesprächen.

Vernetzung aller Akteure vorantreiben

Um den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, sei es wichtig, die Vernetzung aller Akteure zu verbessern. Der Bund alleine könne dies nicht stemmen, er brauche die Länder und Kommunen und es brauche „gut abgestimmte Netzwerke, die ineinandergreifen, damit Ziele erreicht werden“, so Claus.

Neben starken Netzwerken brauche es auch Schutzkonzepte und verlässliche Hilfen vor Ort, die Betroffenen über die gesamte Lebensspanne zur Verfügung stünden. Claus nannte hier explizit Beratungsstellen, die Kinder- und Jugendhilfe und die Ermittlungsbehörden. Da diese Strukturen in Länderverantwortung lägen, wolle sie verstärkt den Dialog vor Ort mit Ländern, Kommunen und Gemeinden suchen.

Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, gibt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ihre Antritts-Pressekonferenz.

Kerstin Claus, die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, gab am Dienstag im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ihre Antritts-Pressekonferenz.

Foto: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Betroffene stärker einbinden

Als weiteren wichtigen Punkt für ihre Arbeit nannte Claus die stärkere Einbindung von Betroffenen. Sie wüssten am besten, was geholfen hätte, um Taten zu verhindern oder zumindest die Folgen zu minimieren. Sie kennen die Täterstrategien. Deshalb sei die Beteiligung von Betroffenen „absolut relevant und ich plädiere dafür, dass auch auf Ebene der Bundesländer Betroffenenräte geschaffen werden“, sagte Claus.

Regelmäßige Forschung verankern

Besonders wichtig ist der Missbrauchsbeauftragten eine bessere Datenlage zur Erhellung des Dunkelfeldes: Es sei ein „Skandal“, dass es im Jahr 2022 noch immer keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gebe. „Wir müssen Zahlen dauerhaft und regelmäßig erheben“, forderte Claus. Nur so lasse sich erkennen, ob Politik wirke, sich die Zahl der Taten reduziere oder Taten schneller aufgedeckt würden.

Es gehe nicht um eine einmalige Stichprobe, sondern um die regelmäßige Darstellung eines Lagebildes. Claus schlug dafür ein Kompetenzzentrum Forschung vor, dass diese Erhebungen fortlaufend und systematisch umsetze. Die Politik brauche diese Zahlen, damit Ressourcen für notwendige Maßnahmen auch zur Verfügung gestellt würden, erläuterte Claus.

Positiv äußerte sich Claus zu dem im Koalitionsvertrag enthaltenen Ziel, das Amt der Missbrauchsbeauftragten auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen. Da gehe es auch um eine Berichtspflicht an den Bundestag. Diese müsse eine Bestandsaufnahme zu den verschiedenen Facetten des Themenfeldes – zur Prävention, Intervention und Aufarbeitung – sein. Mit dieser Berichtspflicht gelänge es, die Debatte mitten ins Parlament zu tragen – und das sei wichtig, so Claus.               

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