Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" im Deutschen Historischen Museum

Im Wortlaut Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" im Deutschen Historischen Museum

"Geschichte vergeht nicht einfach - die Art und Weise, wie wir sie erzählend vergegenwärtigen, prägt unsere Sicht auf die Gegenwart und damit auch unser Bild von uns selbst und unsere Zukunft. Deshalb kommt der Erinnerungskultur innerhalb der Kulturpolitik eine Sonderrolle zu", betonte die Staatsministerin in ihrer Rede.

Dienstag, 26. Mai 2015 in Berlin

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

"Eine kleine Familie, bei der die Historie wie ein unangemeldeter Gast hereinplatzt" - so hat der Drehbuchautor Bernd Lichtenberg die Protagonisten seines großen Filmerfolgs beschrieben. Good Bye Lenin ist eine wunderbare Tragikkomödie über den irrwitzigen Versuch eines jungen Mannes, für seine stramm sozialistische, im Sommer 1990 aus dem Koma erwachte Mutter die Lebenswelt der DDR aufrecht zu erhalten.

Sie erzählt von kleinen und großen Täuschungsmanövern: von holländischen Essiggurken, die in Spreewaldgurkengläser umgefüllt werden, von 79 Quadratmetern Plattenbau, auf denen der Geist der DDR wiederbelebt wird, von fingierten Nachrichtenbeiträgen der Sendung "Die aktuelle Kamera", in denen Coca Cola kurzerhand zur sozialistischen Erfindung erklärt wird - und die gesamtdeutsche Wirklichkeit auf der Straße zur Folge einer Massenflucht von Bürgern der Bundesrepublik in die DDR.

Ein Vierteljahrhundert, nachdem die Historie wie ein unangemeldeter Gast in die Filmfamilie Kerner und in unzählige, real existierende DDR-Familien platzte, ist etwas gelungen, was damals vielen undenkbar schien: Der unangemeldete Gast ist mittlerweile nicht nur weitestgehend akzeptiert. Man hat ihn sogar ins Herz geschlossen! Und das, obwohl er Ruhe und Ordnung gestört und nebenbei auch noch höchste Ansprüche gestellt hat!

Wie es dazu kam und wie es heute auf der "Baustelle Deutsche Einheit" aussieht, zeigt die Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft". Sie macht den historisch einmaligen Wandel des gesamten gesellschaftlichen Gefüges in Ostdeutschland und die damit verbundenen Veränderungen auch in der alten Bundesrepublik an konkreten Beispielen erfahrbar. Auf diese Weise offenbart sie, was "Wiedervereinigung" wirklich bedeutet. Die Bilder jubelnder Menschen am 9. November 1989, die Fotos der Spitzenpolitiker, die im Sommer 1990 die für die Einheit notwendigen Verträge unterzeichneten, sind ja nur Momentaufnahmen in Monaten der Euphorie - am Anfang eines langen Weges, den wir heute "Wiedervereinigung" nennen. Wie die Einheit in den Alltag einzog und wie die äußerst robuste und vielfach beklagte "Mauer in den Köpfen" allmählich anfing, porös zu werden und zu zerbröseln, das veranschaulicht die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und des Zentrums für Zeithistorische Forschung.

Es ist nicht nur die Fülle an Informationen, die mich bei meinem Rundgang durch die acht Themenräume eben beeindruckt hat. Es sind die anhand von Alltagsbeispielen und individuellen Biographien vermittelten Erfahrungen, die unter die Haut gehen - das Gefühl, ein klein wenig nachempfinden zu können, wie andere Menschen den nicht selten steilen und steinigen Weg der Wiedervereinigung erlebt haben.

Vielen Dank für diese Eindrücke vor allem an das Kuratorenteam, Herrn Danyel (ZZF) und Frau Müller-Toovey (DHM), aber auch an alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit viel Liebe zum Detail Bilder der deutsch-deutschen Übergangsgesellschaft gezeichnet haben!

Diese Bilder ergeben zusammen einen wichtigen Mosaikstein im Rückblick auf 25 Jahre Deutsche Einheit im Jubiläumsjahr 2015. Sie tragen aber auch zum besseren Verständnis der Verunsicherung, der Ängste und der Konflikte bei, die sich auf beiden Seiten - in Ost und West - einstellten, nachdem die erste Euphorie des Mauerfalls verflogen war. Sie laden ein zur Verständigung über unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Perspektiven auf die vergangenen 25 Jahre und fördern damit eine gesamtdeutsche Erinnerungskultur, die für unsere Zukunft unverzichtbar ist.

Geschichte vergeht ja nicht einfach - die Art und Weise, wie wir sie erzählend vergegenwärtigen, prägt unsere Sicht auf die Gegenwart und damit auch unser Bild von uns selbst und unsere Zukunft. Deshalb kommt der Erinnerungskultur innerhalb der Kulturpolitik eine Sonderrolle zu, und zwar insofern, als die Politik sich hier nicht allein auf die Verantwortung nur für die Rahmenbedingungen zurückziehen darf, sondern den Gegenstand selbst prägt. Nationales Erinnern und Gedenken lassen sich nicht amtlich verordnen, sind aber auch nicht rein bürgerschaftlich zu bewältigen. Sie sind immer auch eine öffentliche Angelegenheit - und das heißt in staatlicher Gesamtverantwortung. Wir formulieren den Anspruch, auch moralisch angemessen mit der eigenen Geschichte umzugehen und nicht zuletzt dadurch ein Fundament für die Gegenwart und Zukunft zu legen. Dabei kann man die Reife einer Demokratie auch daran erkennen, wie weit sie die Entwicklung von Geschichtsbildern dem öffentlichen Diskurs anvertraut.

Unter anderem aus diesen Überlegungen heraus hat der Deutsche Bundestag vor 16 Jahren die Bundesstiftung Aufarbeitung ins Leben gerufen und mit der Aufgabe betraut, deutschlandweit die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und der deutschen und europäischen Teilung zu fördern. Außerdem ermöglichen wir mit dem 1991 verabschiedeten (und seither achtmal novellierten) Stasiunterlagengesetz (StUG) den Zugang zu Stasi-Unterlagen und damit Einblick in die zermürbenden Schikanen der SED-Diktatur. Die auf dieser gesetzlichen Grundlage entstandene Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR hat bis heute mehrere Millionen Anträge von Privatpersonen auf Einsicht in ihre Stasi-Unterlagen bearbeitet - jeder Antrag eine individuelle "Entscheidung gegen das Vergessen", wie Marianne Birthler es einmal formuliert hat. Daran musste ich denken, als ich eben beim Rundgang den riesigen Zettelkasten mit den von der Stasi angelegten Karteikarten gesehen habe.

Meine Damen und Herren, wenn wir im Oktober "25 Jahre Deutsche Einheit" feiern und dabei erneut den Mut derjenigen würdigen, die für die Freiheit auf die Straße gegangen sind und friedlichen Widerstand gegen das Unrechtsregime in der DDR geleistet haben, dann sollten wir auch diejenigen nicht vergessen, die in den letzten 25 Jahren still und leise im Alltag zum Zusammenwachsen der alten und neuen Länder und zur Entwicklung einer gemeinsamen Identität beigetragen haben: zum Beispiel, indem sie sich beherzt ein neues Leben aufgebaut und neue berufliche Perspektiven erarbeitet haben, indem sie den Solidaritätszuschlag mitgetragen haben oder auch indem sie Freud und Leid geteilt haben - ich denke da an den Jubel über die Erfolge der bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft einerseits und an das hohe Maß an Solidarität und Unterstützung in den "Hochwasser-Jahren" 1997, 2002 und 2013. Für solche Beiträge zum Zusammenwachsen Deutschlands schärft die neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum den Blick.

Die "Baustelle deutsche Einheit" ist eine Baustelle, auf die wir stolz sein können, meine Damen und Herren (was man ja nun gerade in der Bundeshauptstadt Berlin beileibe nicht von jeder Dauerbaustelle behaupten kann). Wir Deutschen wären aber natürlich nicht wir Deutschen, wenn wir einfach mal auf uns stolz sein könnten. Gönnen wir uns deshalb einen Blick aus der Perspektive unserer Nachbarn, ich zitiere: "Die deutsche Einheit ist weiter fortgeschritten als die italienische, hat ein Italiener bemerkt. Bloß die Deutschen glauben das nicht, weil sie an übertriebenen Maßstäben leiden und die schlechten Nachrichten besonders lieben. Im Ausland hält man die deutsche Einigung für gelungen." Das schrieb Professor Richard Schröder schon 2005 in einem Zeitungsbeitrag. Vielleicht kann die Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" dazu beitragen, dass wir 2015 erkennen, was man in Italien offenbar schon vor Jahren erkannt hat! Ich wünsche dem Deutschen Historischen Museum dafür jedenfalls viele interessierte Besucherinnen und Besucher und leidenschaftliche, durchaus auch kontroverse Debatten!