Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur deutschen Erinnerungskultur im Rahmen der "Plötzenseer Abende"

"Je weniger Holocaust-Überlebende es gibt, die uns ihre Geschichte erzählen können, desto schwieriger wird die Annäherung an das Unfassbare, und desto wichtiger werden die authentischen Gedenkorte, um deren Erhalt sich Bund und Länder in Deutschland gemeinsam kümmern" betonte Monika Grütters in ihrer Rede.

Donnerstag, 27. Oktober 2016 in Ökumenisches Gedenkzentrum Plötzensee

Vor einigen Monaten hat die dänische Schriftstellerin Janne Teller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen bemerkenswerten Essay mit dem Titel "Wie das deutsche Schuldgefühl die europäische Ehre rettet" veröffentlicht. Man könne, so beginnt sie ihre Überlegungen, man könne versucht sein, mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Frage zu stellen, wozu denn das fortgesetzte Bekenntnis zu Schuld, Sühne und Aufarbeitung gut sei. Die Antwort auf diese Frage habe die Flüchtlingskrise gegeben, schreibt Teller. Ich zitiere: "Die steigenden Zahlen der in den letzten Jahren nach Europa gekommenen Flüchtlinge haben schrittweise das wahre Maß an Menschlichkeit in Diskurs, Politik und Tun der verschiedenen europäischen Länder enthüllt." Deutschland liege hier - auch wenn nicht alles perfekt sei - weit an der Spitze.

Einen maßgeblichen Grund für die Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen und sich um eine gemeinsame europäische Lösung zu bemühen, vermutet Teller in den deutschen Lehren aus dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg. Ich zitiere noch einmal: "Die vielleicht wichtigste Lehre liegt im kostbaren Wissen um den Schaden, den man sich selbst und den eigenen Nachkommen zufügt (…), wenn man die Anderen missbraucht, erniedrigt, verletzt oder tötet - aktiv aus eigener Entscheidung oder indem man ihnen die Menschenrechte und die elementaren Mittel für ein würdiges Überleben verweigert. Die Lektion, welche die Deutschen gelernt haben, lautet: Darüber kommt man nicht hinweg. Darüber kommt man niemals hinweg."

Ja, meine Damen und Herren, darüber können und dürfen wir niemals hinweg kommen. Die Erinnerung an den systematischen Völkermord an den europäischen Juden als Menschheitsverbrechen bisher nicht gekannten Ausmaßes, an die Schrecken und Gräuel, die unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in deutschem Namen geschehen sind - diese Erinnerung bleibt für uns Deutsche eine immerwährende Verantwortung und Verpflichtung.

In den vergangenen sieben Jahrzehnten, die seit der Befreiung von Auschwitz vergangen sind, haben Holocaust-Überlebende um Worte gerungen und Worte gefunden für Erfahrungen, die alle normalen Maßstäbe des Denk- und Vorstellbaren sprengen - so wie beispielsweise der in diesem Jahr verstorbene Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz. Ihre Worte haben dazu beigetragen, hinter der schrecklich nüchternen Bilanz des millionenfachen Mordes den einzelnen Menschen sichtbar zu machen: Menschen, denen die Nationalsozialisten alles genommen haben bis auf ihr Leben; Menschen, die Eltern, Kinder und Geschwister verloren haben; Menschen, die ihrer Heimat, ihrer Zukunftsträume, ihrer Lebensfreude, ihrer Würde beraubt wurden; Menschen, die an dem Leid, das man ihnen zugefügt hat, seelisch zerbrochen sind.

Je weniger Holocaust-Überlebende es gibt, die uns ihre Geschichte erzählen können, desto schwieriger wird die Annäherung an das Unfassbare, und desto wichtiger werden die authentischen Gedenkorte, um deren Erhalt sich Bund und Länder in Deutschland gemeinsam kümmern. Dazu gehört das ehemalige Strafgefängnis - heute Gedenkstätte - Plötzensee, in dem zwischen 1933 und 1945 fast 3.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Innerhalb dieser Mauern, die zwölf Jahre lang stumme Zeugen des Leidens und des Mordens waren, ergreift, ja überwältigt einen förmlich der tiefe Respekt für den unbeugsamen Willen zum Widerstand, der vielfach am Galgen oder unter dem Fallbeil endete.

Auch die ehemaligen Konzentrationslager wollen wir als Lernorte erhalten. Wir wollen, dass künftige Generationen sich Konzentrationslager nicht als unwirkliche Hölle vorstellen, die mit dem Leben, das sie kennen, nichts zu tun hat. Wir wollen - was ja als Warnung noch viel eindringlicher ist! -, dass man die Konzentrationslager kennen lernt als Orte des Alltags, die sie eben auch waren: Orte, an denen Menschen, die zu unvorstellbarer Grausamkeit fähig waren, Mozart hörten, Briefe an ihre Familie schrieben und ihren Interessen nachgingen.

Wenn wir uns heute fragen, wie normale Menschen zu Handlangern eines unfassbar grausamen Terrorregimes werden konnten, dann sollten wir nicht vergessen, was der katholische Publizist Eugen Kogon über seine Jahre als Häftling in Buchenwald und über die Notwendigkeit des Erinnerns geschrieben hat, ich zitiere: "Aus den abgründigen Zonen, die ich in sieben Jahren, inmitten Geblendeter und Verdammter, die wie besessen gegen jede Spur von Menschenwürde anrasten, durchwandert habe, lässt sich nichts Gutes berichten. Da es aber ein Ecce Homo-Spiegel ist, der nicht irgendwelche Scheusale zeigt, sondern dich und mich, sobald wir nur dem gleichen Geiste verfallen, dem jene verfallen sind, die das System geschaffen haben, muss er uns vorgehalten werden."

Uns diesen Ecce Homo-Spiegel vorzuhalten, das bleibt auch in Zukunft Aufgabe der Gedenkstätten. Wenn Lern- und Erinnerungsorte dazu beitragen, dass wir alle darin ein erschreckendes, mögliches Spiegelbild sehen, dann ist eine Menge erreicht. Denn wer das Vergangene als das wieder Mögliche erkennt, der sieht auch die Gegenwart mit anderen Augen - der schaut nicht weg, wo Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus heute an die Anfänge eines Weges erinnern, der damals in Krieg und Vernichtung geführt hat.

Aus diesen Gründen, meine Damen und Herren, kommt der Erinnerungskultur innerhalb der deutschen Kulturpolitik eine Sonderrolle zu, und zwar insofern, als die Politik sich hier nicht auf die Verantwortung nur für die Rahmen-bedingungen - den Grundsatz unserer Kulturpolitik generell - zurückziehen darf. Erinnerungskultur ist immer auch eine öffentliche Angelegenheit - das heißt in staatlicher Gesamtverantwortung. Hier berühren wir Fragen des Selbstverständnisses unserer Nation. Wir formulieren den Anspruch, auch moralisch angemessen mit der eigenen Geschichte umzugehen und nicht zuletzt dadurch ein Fundament für die Gegenwart und Zukunft zu legen.

Um Ihnen einen Eindruck zu vermitteln, was das konkret bedeutet, will ich kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufzählen, was wir - über den Erhalt authentischer Erinnerungsorte hinaus - für die Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland und für die Aussöhnung mit Israel tun. 

Erstens: Wir bauen und finanzieren Mahnmale, die im Herzen der Hauptstadt Zeugnis ablegen von den Verbrechen der Nationalsozialisten; ich nenne hier nur das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma und für die Homosexuellen. 

Zweitens: Wir finanzieren Einrichtungen, die einer breiten Öffentlichkeit die jüdische Religion, Kultur und Geschichte nahe bringen, etwa die Stiftung Jüdisches Museum Berlin, außerdem Orte jüdischer Kultur wie Synagogen und jüdische Friedhöfe. Ich setze mich beispielsweise gerade für einen Förderantrag der Synagoge Augsburg ein, die ich im Juli besucht habe.

Drittens: Wir fördern die Provenienzforschung zur Aufarbeitung des NS-Kunstraubs. Auch hier geht es um die Anerkennung des Leids und des Unrechts, dem Verfolgte des NS-Regimes, insbesondere Menschen jüdischen Glaubens, unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ausgesetzt waren. Ich habe das für Provenienzforschung zur Verfügung stehende Budget deshalb mittlerweile gegenüber dem Haushaltsansatz bei meinem Amtsantritt verdreifacht -von zwei auf jetzt sechs Millionen Euro jährlich - und gemeinsam mit den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste ins Leben gerufen. Zu den Kernaufgaben des Zentrums gehören die Förderung der Suche nach NS-Raubkunst in Museen, Bibliotheken und Archiven sowie die Aufarbeitung des in seiner Systematik, in seinen Zielen und Auswirkungen einzigartigen NS-Kunstraubs.

Viertens: Wir finanzieren und fördern den kulturellen Brückenbau zwischen Deutschland und Israel, etwa den deutsch-hebräischen Übersetzerpreis, den ich gemeinsam mit meiner israelischen Amtskollegin ins Leben gerufen habe. Meine zwei Reisen nach Israel als Kulturstaatsministerin habe ich genutzt, um die Kulturfreundschaft zwischen Deutschland und Israel zu vertiefen und eine Vereinbarung zur Kooperation in der Provenienzforschung zu schließen.

Ganz persönlich am Herzen liegen mir - fünftens - auch die Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden: mit Margot Friedlander, mit der ich mittlerweile auch befreundet bin, mit Wladyslaw Bartoszewski, dessen Buch „Mein Auschwitz“ ich mit ihm zusammen vorgestellt habe - nur wenige Monate vor seinem Tod -, mit dem mittlerweile ebenfalls verstorbenen Uri Chanoch, den ich zu einem Zeitzeugengespräch in der Stiftung Neue Synogoge Berlin getroffen habe, oder zuletzt mit Shalom Eilati, dessen Buch über die Flucht aus dem Kownoer Ghetto ich vor einigen Monaten vorgestellt habe.

Zum Erbe des wiedervereinigten Deutschlands, meine Damen und Herren, zählt aber auch die SED-Diktatur in der ehemaligen DDR. Während im Westen Deutschlands nach 1945 der Aufbau eines demokratischen Rechtsstaats gelang, entstand in der Sowjetischen Besatzungszone eine kommunistische Diktatur. Für all jene, die wie ich in Freiheit aufgewachsen sind, ist es kaum vorstellbar, wie das allgegenwärtige, menschenverachtende System des Ministeriums für Staatssicherheit im Auftrag der Staatspartei mit seinen Spitzeln ins Leben jedes Einzelnen eindrang - in Betriebe, Universitäten, Sportvereine, Kirchen-gemeinden, ja selbst in den privatesten Kreis der Familie. Für uns ist es kaum vorstellbar, wie zermürbend die Bespitzelung und die Schikanen im Alltag waren, die Verunsicherung und die Angst - denn die Denunzianten im engmaschigen Überwachungsnetz der Staatssicherheit waren Bekannte, Nachbarn, manchmal engste Freunde und Vertraute. Es gab willkürliche und politisch motivierte Verhaftungen, Gerichtsverfahren ohne rechtsstaatliche Standards und oft langjährige Haftstrafen. An der Berliner Mauer und an der innerdeutschen Grenze bezahlten zahlreiche Flüchtlinge für ihre Hoffnung auf ein Leben in Freiheit mit ihrem Leben. Auch daran erinnern in Deutschland zahlreiche Gedenkstätten und Erinnerungsorte, Museen und Ausstellungen - beispielsweise die Gedenkstätte Berliner Mauer, das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen oder auch die Gedenkstätte "Point Alpha", einst Beobachtungsstation der amerikanischen Streitkräfte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen.

Sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs und gut ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung Deutschlands gehört die offene und schonungslose Auseinandersetzung mit den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten, mit den Erfahrungen zweier Diktaturen in einem Jahrhundert und mit der Verantwortung, die daraus erwächst, zu den hart erkämpften, moralischen Errungenschaften unseres Landes. Dennoch erleben wir nach wie vor, wie schwierig es ist, Vergangenheit aufzuarbeiten und dabei unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen, unterschiedlichen historischen Erzählungen wie auch unterschiedlichen persönlichen Geschichten gerecht zu werden. Geschichte vergeht ja nicht einfach. Die Art und Weise, wie wir sie erzählend vergegenwärtigen, prägt zum einen unsere Sicht auf die Gegenwart und damit auch unser Bild von uns selbst und unserer Zukunft. Der deutsche Soziologe Max Weber hat moderne Nationen deshalb einmal als "Erinnerungsgemeinschaften" bezeichnet, und wir sehen auf europäischer Ebene, wie schwer Verständnis und Verständigung zwischen unterschiedlichen „Erinnerungsgemeinschaften“ häufig sind.

Zum anderen sind historische Erzählungen immer auch Kristallisationspunkte sehr unterschiedlicher, vielfach leidvoller individueller Erfahrungen und Erinnerungen. Auch unter Deutschen hat es unzählige zivile Opfer gegeben, und auch sie beanspruchen Raum in unserer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung ist dafür ein gutes Beispiel. Seit 2008 gibt es die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" mit dem gesetzlichen Auftrag, - ich zitiere - "im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wachzuhalten." Das geht nicht ohne Irritationen und hier und da auch hitzige öffentliche Debatten.

Es ist Teil demokratischer Aufarbeitung der Vergangenheit, solche Konflikte zuzulassen und sichtbar zu machen, so schmerzhaft das auch ist. Vergangene Woche haben wir Richtfest für den Umbau und die Sanierung des Deutschlandhauses gefeiert, das künftig das Dokumentationszentrum der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" beherbergen wird. Damit entsteht nun auch physisch jenes "sichtbare Zeichen gegen Flucht und Vertreibung", das die Bundesregierung im März 2008 beschlossen hatte, um im Kontext der nationalistischen Expansions- und Vernichtungspolitik an die Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts und die millionenfach damit verbundenen, menschlichen Schicksale zu erinnern. Ich erhoffe mir davon - gerade auch mit Blick auf die Flüchtlingsströme weltweit und auf das gemeinsame Bemühen um eine europäische Flüchtlingspolitik -, dass die Erinnerung an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert unsere Gesellschaft und hoffentlich Besucher aus der ganzen Welt sensibilisiert für Ursachen und Folgen des Heimatverlusts. Und ich hoffe, dass gerade der Erfahrungsschatz der deutschen Vertriebenen uns auch in besonderer Weise fähig macht zur Empathie mit Menschen, die heute Zuflucht suchen in Deutschland. Auch wenn man die Flucht aus Syrien, Irak oder Afghanistan aus vielerlei Gründen nicht mit der Vertreibung aus Ostpreußen, Schlesien oder Pommern vergleichen kann, so sind die Erfahrungen entwurzelter und ihrer Heimat beraubter Menschen doch vielfach ähnlich, heute wie damals.

Geschichte in Bezug zu setzen zur Gegenwart, sie auf ihre Lehren hin zu befragen, eben das macht eine lebendige Erinnerungskultur aus. Dabei sollte das nationale Gedächtnis natürlich auf historischen Fakten beruhen, nicht auf Geschichtsklitterung, Legendenbildung, unzulässigen Vereinfachungen oder politischer Vereinnahmung. Unverzichtbar für das Offenlegen der Wahrheit ist deshalb neben wissenschaftlicher Expertise ein öffentlicher und kontroverser Diskurs, in dem unterschiedliche subjektive Wahrnehmungen von Betroffenen und Zeitzeugen genauso ihren Platz haben wie die ganze Bandbreite wissenschaftlicher Arbeiten und publizistischer Meinungsäußerungen. Es braucht einen "geschützter Raum für den Strom der Erzählungen", so hat es der deutsche Historiker Karl Schlögel einmal formuliert. Das bedeutet, ich zitiere weiter: eine "Sphäre von Öffentlichkeit, die den Pressionen von außen, von gleich wem standhält, und sich die Freiheit bewahrt und die Zumutungen aushält, die in den Erzählungen präzedenzlosen Unglücks im Europa des 20. Jahrhunderts enthalten sind." Diesen geschützten Raum für den Strom der Erzählungen zu schaffen und zu verteidigen, ist Teil einer lebendigen Erinnerungskultur. Dahinter steht die aus unseren Erfahrungen mit der Diktatur des Nationalsozialismus gewonnene Überzeugung, dass Meinungsvielfalt, eine kritische, informierte Öffentlichkeit und ein lebendiger Diskurs die stärksten Garanten sind für Demokratie und gegen staatliche Willkür. Und ich finde, man kann die Reife einer Demokratie gut daran erkennen, wie weit sie die Entwicklung von Geschichtsbildern dem öffentlichen Diskurs anvertraut.

Zu einer lebendigen Erinnerungskultur gehört nicht zuletzt aber auch, aufzustehen gegen Antisemitismus, Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenhass, wo immer wir ihn erleben. Erinnern heißt, nicht schweigen zu können, wenn Hass gegen Juden oder Moslems, gegen Flüchtlinge und Einwanderer geschürt wird. Erinnern heißt, sich niemals zurück zu ziehen auf die ebenso bequeme wie verantwortungslose Haltung, dass es auf die eigene Stimme, auf das eigene Handeln nicht ankommt. Das Gegenteil ist richtig: Auf jeden einzelnen kommt es an! Vergessen wir nicht: Erst das Schweigen der Mehrheit machte in Deutschland die so genannte "Endlösung der Judenfrage" möglich, die europaweite, systematische Organisation des Völkermords, die vor fast
75 Jahren (im Januar 1942) im Rahmen der "Wannsee-Konferenz" besprochen und organisiert wurde. Das mutige und beherzte Engagement einiger weniger dagegen hat im Dritten Reich Leben gerettet und in einem geistig und moralisch verwüsteten Land Inseln der Menschlichkeit bewahrt.

Die Männer und Frauen, die hier in Plötzensee ermordet wurden, folgten ihren Überzeugungen ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben. Sie wählten die Freiheit in einer von Zwang und Unterdrückung geprägten Zeit. Sie stellten sich ihrer moralischen Verantwortung, wo die schweigende Mehrheit die Augen verschloss. Da gab es die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 dem Terror und der Gewalt der Nationalsozialisten ein Ende setzen wollte. Es gab den „Kreisauer Kreis“, dessen Mitglieder Vorbereitungen für ein neues, ein freies und demokratisches Deutschland trafen. Es gab einfache Bürgerinnen und Bürger wie Otto und Elise Hampel, die am 8. April 1943 in Plötzensee ermordet wurden, weil sie auf Postkarten zum Sturz Hitlers und zum Widerstand aufriefen. Hans Fallada hat dem Ehepaar in seinem Roman „Jeder stirbt für sich allein“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Es gab einzelne Mitstreiter in öffentlichen Institutionen wie den Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der den zum Tode Verurteilten - unter anderem hier in Plötzensee - seelsorgerisch beistand, der aber darüber hinaus auch Nahrungsmittel und Briefe schmuggelte und mit seiner Frau Dorothee Hilfen für Verfolgte organisierte. Er begleitete rund 1.000 Häftlinge in den Tod und scheute trotzdem nicht davor zurück, unzählige Male sein Leben zu riskieren. Zum deutschen Widerstand gehörten aber auch zahlreiche „stille Helden“. So nennen wir die namentlich oft gar nicht bekannten Menschen, die vor allem Juden in aller Heimlichkeit helfend zur Seite standen. „Sie haben alles riskiert, um ein Bett oder ihr Essen mit mir zu teilen“ - mit diesen Worten erzählt die heute über 90-jährige KZ-Überlebende Margot Friedländer immer wieder von ihren Berliner Helfern, wenn sie als Zeitzeugin Schulen besucht, um der jungen Generation mit ihren Erfahrungen den Wert von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu vermitteln.

Nicht zuletzt auch in den beiden christlichen Kirchen, die zur Verfolgung der Juden viel zu lange geschwiegen hatten, gab es Menschen, die den Verfolgten zu helfen versuchten, und Priester, die zum Widerstand aufriefen - Clemens August von Galen beispielsweise, katholischer Bischof in meiner Heimatstadt Münster. Als wir in Berlin 2014 einen Gedenkort zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasiemorde feierlich der Öffentlichkeit übergeben haben, habe ich in meiner Rede an seinen Mut erinnert, mit dem er aus seinen christlichen Überzeugungen heraus gegen diese Euthanasie-Morde anpredigte. Seine eindringlichen Warnungen vor der Unterscheidung zwischen lebens-wertem und lebensunwertem Leben sind für mich auch heute noch Mahnung und Warnung: eine Warnung davor, Ausnahmen zuzulassen bei der fundamentalen staatlichen Pflicht, das Recht jedes Menschen auf Leben zu schützen; eine Warnung auch davor, angesichts des Leids Schwerstkranker das Tötungsverbot leichtfertig zur Disposition zu stellen. So verständlich das Motiv, einen kranken Menschen von seinen Qualen erlösen zu wollen, im Einzelfall auch sein mag, so unerträglich sind die Folgen für die Humanität einer Gesellschaft. Wo es die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe gibt, entsteht auch die Erwartung, sie in Anspruch zu nehmen, um anderen nicht durch die eigene Hilfsbedürftigkeit zur Last zu fallen. Das verändert familiäre Beziehungen, das hat Folgen für die Bereitschaft zur Solidarität mit den Schwachen und Kranken, das bleibt nicht ohne Wirkung auf das Wertegefüge, auf den Charakter einer Gesellschaft! Das ist meine persönliche Überzeugung als gläubige Katholikin - und die Lehre, die wir, davon bin ich als Politikerin überzeugt, aus unserer Vergangenheit ziehen müssen.

Im Sinne unserer christlichen Werte und unseren eigenen historischen Erfahrungen bin ich Angela Merkel auch sehr dankbar, dass sie den Gedanken der Barmherzigkeit angesichts einer drohenden humanitären Katastrophe im September 2015 zum Leitbild ihrer Flüchtlingspolitik gemacht hat - bei allen Risiken und Unwägbarkeiten, mit denen eine Entscheidung dieser Tragweite verbunden ist, und auch, wenn die Mühen der Integration unser aller Kraft und Engagement erfordern werden. Noch schlimmer als daran zu scheitern wäre, es nicht einmal versucht zu haben!

"Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ." Mit diesen Worten wirbt Papst Franziskus für einen Glauben, der die Welt verändert, und für eine Kirche, die sich einmischt. Die Kraft der Erinnerung, meine Damen und Herren, kann uns dabei unterstützen. Das erhoffe ich mir nicht zuletzt auch von der Feier des Reformationsjubiläums als gesellschaftliches Großereignis, dessen Beginn Sie heute Abend für die Evangelische Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord begehen. Es kann Anlass sein, den Zustand unserer Gesellschaft und die Rolle von Kultur und Kirche als gesellschaftliche Kräfte öffentlich zu reflektieren. Religion und Glaube sind - das zeigt der Blick auf die Reformation und ihre Folgen - Teil unserer kulturellen Identität; sie sollten allein schon deshalb weiterhin ihren Platz im öffentlichen Leben haben. Denn nur eine Gesellschaft, die mit ihren Werten und Wurzeln ihre eigene Identität pflegt, kann auch dem Anderen, dem Fremden Raum geben, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen.

Die Geschichte der Reformation zeigt darüber hinaus, dass es die kleinen Revolutionen im Denken und im Bewusstsein sind, die jeder großen gesellschaftlichen Veränderung vorausgehen. In diesem Sinne trägt der Glaube - ebenso wie Kunst und Kultur - tatsächlich den Keim des im besten Sinne Revolutionären in sich. Dass aus diesen Keimen etwas wachsen darf, dass es einen fruchtbaren Boden dafür gibt und ein wachstumsförderndes Klima - das macht eine vitale und humane Gesellschaft aus. Es wäre schön, wenn das Reformationsjubiläum in diesem Sinne nicht nur zur Erinnerungskultur, zur vertieften Auseinandersetzung mit unserer eigenen Identität und Geschichte beitragen, sondern auch das Interesse an Religion und Kirche fördern würde. Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ. Wagen wir also vor dem Spiegel unserer wechselvollen Geschichte immer wieder die kleinen Revolutionen!

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